Cano, Alonso
* 19.3.1601 in Granada
† 5.10.1667 in Granada
Granadas größter Künstler im 17. Jahrhundert, Alonso Cano, wirkte gleichzeitig als Maler, als Bildhauer und als Architekt. Er war ein Sohn des Schreiners und Altarbauers Miguel Cano aus Almodovar del Campo, der ihn auch in das Kunsthandwerk einführte und ihm ersten Unterricht im Architekturzeichnen erteilte. Auf den Rat von Juan de Castillo, der später der Lehrer Murillos war und der die Begabung des jungen Cano erkannte, siedelte der Vater 1614 mit Alonso nach Sevilla über. Man gab den Knaben in die Lehre zu dem Bildhauer Juan Martinez Montanés und 1616 dann in die Obhut des Malers Francisco Pacheco, bei dem Velazquez sein Mitschüler war. Zehn Jahre arbeitete Cano als Maler und Bildhauer und machte sich damit in Sevilla einen Namen, der ihm 1626 den Meistertitel eintrug. Doch blieben seine bildhauerischen Arbeiten immer bedeutender als seine Gemälde. Damals hat er auch die Hl. Agnes (Berlin) gemalt. Da er das Bild nicht signiert hatte, wurde es auch seinem Rivalen in Sevilla, dem Maler Francisco Zurbarán, zugeschrieben.
Cano schuf danach zwei Altäre für das Kloster El Paular und weiterhin drei Altäre für das Colegio de S. Alberto. Diese Arbeiten verschafften ihm den Auftrag, den Kreuzgang des Mercedarierklosters auszumalen. Der Künstler lehnte jedoch dieses Angebot mit der Begründung ab, daß seine Fähigkeiten für eine so große Aufgabe nicht ausreichend seien. Wahrscheinlich nach dem Tod seines Vaters 1630 trat Cano in einen Vertrag ein, durch den sich der Vater zwei Jahre vorher verpflichtet hatte, die Aufbauten des Hauptaltars für die Kirche Sta. Maria de Oliva in Lebrija zu schaffen. Mit den Bildern für das Altarwerk war Pablo Legote beauftragt.
Schon in Alonso Canos Jugend trat sein heftiger, streitsüchtiger Charakter zutage, der ihm während seines ganzen Lebens zu schaffen machte. Nach einem Zweikampf auf Degen mit dem Maler Sebastian de Llano y Valdés, dem er eine Hand verstümmelte, mußte er 1637 nach Madrid flüchten. Dort erneuerte er seine Freundschaft mit Velazquez, auf dessen Fürsprache ihm der Herzog von Olivares 1639 die Oberaufsicht beim Bau des königlichen Palastes übertrug und ihn zum »Maler des Königs« ernannte. Cano wurde auch Zeichenlehrer des Prinzen Baltasar Carlos, der sich mehr als einmal über den schlechten Charakter seines Lehrers beschwert hat.
Am Hof restaurierte Cano unter anderem Gemälde von Tizian und Rubens, die beim Palastbrand 1640 beschädigt worden waren. Bei dieser Gelegenheit studierte er in den königlichen Sammlungen die italienischen und flämischen Meister. 1643 erhielt er den Auftrag, für den Palast in Madrid eine Anzahl Idealbildnisse der Gotenkönige zu malen. Einige sind erhalten und werden im Prado aufbewahrt. Sonst sind aus der Zeit seines Aufenthaltes in Madrid nur wenige Bilder von ihm bekannt. Als er sich dank der Gunst des Hofes und seines hervorragenden Könnens eine bevorzugte Stellung errungen und damit den Neid anderer Künstler erregt hatte, wurde er 1644 des geheimnisvollen Mordes an seiner Frau angeklagt. Wie einige seiner Biographen berichten, wurde er dafür vom Inquisitionsgericht zu Folter und Kerker verurteilt. Die Prozeßakten, die unveröffentlicht in den Archiven lagerten, sind erst vor einigen Jahren auf ungeklärte Weise abhanden gekommen. Cano verließ den Hof und floh nach Valencia, wo er ein paar Jahre blieb. 1647 war er aber bereits wieder in Madrid und arbeitete mit am Triumphbogen, der an der Puerta de Guadalajara zum Einzug der Königin Maria Anna von Österreich errichtet wurde. Etwa um 1650, als er sich bereits krank und müde fühlte und die Lust an der Arbeit verloren hatte, bemühte er sich um eine sichere Anstellung, die keine großen Anstrengungen verlangte. Dank der Unterstützung des Königs wurde ihm dieser Wunsch erfüllt: Man ernannte ihn zum Vorsteher der Kathedrale von Granada, noch bevor er die Priesterweihe empfangen hatte. Doch auch diese Stellung war nur von kurzer Dauer, teils wegen seines aufsässigen Charakters, teils auch, weil er sein theologisches Examen hinauszögerte. Man enthob ihn seines Postens, und immer wieder war er in Skandale verwickelt, die der König beilegen mußte. Auf Wunsch des Königs wurde er zehn Jahre darauf vom Domkapitel wieder in sein Amt eingesetzt und erhielt sein Gehalt mit allen Zinsen nachgezahlt. Cano war auch damit noch nicht zufrieden: Er verklagte das Domkapitel nochmals auf Rückzahlung seiner Reise- und Prozeßkosten und ging mit Hilfe des Königs auch aus diesem Streit als Sieger hervor. Sein bestes Gemälde Die Freuden Mariä schuf er für die Kathedrale von Granada. 1667 starb er in größter Armut.
Canos Biographen haben zahllose Anekdoten über den Meister gesammelt. Alle beleuchten seine aufrührerische, hochfahrende und widerspenstige Wesensart, die ihm das Leben erschwerte und vermutlich auch seine künstlerische Tätigkeit beeinträchtigte. Dennoch verrät seine Kunst nichts von solcher Charakterveranlagung; seine Malerei ist eher sanft, ebenso in der Wahl der Motive und Personen wie auch in der Komposition und sogar in der Farbe. In seltsamem Widerspruch zu seinem maßlosen Künstlerhochmut steht auch die Tatsache, daß er sehr viel von anderen Malern übernommen hat, die untereinander so grundverschieden waren wie Tintoretto, Ribera, Murillo, Zurbarán, Guido Reni, Dürer und schließlich Veronese, Correggio und Velazquez. Gelegentlich gingen seine Anleihen bei anderen Künstlern so weit, daß er seine persönliche Eigenart und seine großen Gaben darüber ganz vergaß. In seiner Farbgebung kehren die silbrigen und schwarzblauen Töne am häufigsten wieder. Seine Biographen haben ihn kunstgeschichtlich zwischen Reni und Murillo eingeordnet, und A. L. Mayer meinte: »Eine liebenswürdige Anmut ist der hervorstechendste Wesenszug in Canos Gemälden!«
Werkauswahl:
¤ Apostel Paulus, 1645-50, Leinwand, 212×111 cm.
Dresden, Gemäldegalerie.
¤ Büßender Hieronymus, Leinwand, 177×209 cm.
Madrid, Museo del Prado.
¤ Christus bricht unter dem Kreuz zusammen, 1635-37, Leinwand, 160×99 cm.
Worcester, City Museum and Art Gallery.
¤ Christus in der Vorhölle, 1646-52, Leinwand, 168×119 cm.
Los Angeles (California), County Museum of Art.
¤ Das Quellwunder, Leinwand, 216×149 cm.
Madrid, Museo del Prado.
¤ Der tote Christus wird von einem Engel gestützt, Leinwand, 178×121 cm.
Madrid, Museo del Prado.
¤ Ein spanischer König, um 1643, Leinwand, 165×125 cm.
Madrid, Museo del Prado.
¤ Hl. Agnes, Leinwand, 111×86 cm.
Ehemals: Berlin, Kaiser-Friedrich-Museum.
(1945 verbrannt)
¤ Maria, 1646-50, Leinwand, 49×43 cm.
Budapest, Magyar Szépmüvészeti Múzeum.
¤ Maria mit Kind, Leinwand, 162×107 cm.
Madrid, Museo del Prado.
¤ Maria mit Kind, um 1650, Leinwand, 91×74 cm.
Leningrad, Ermitage.
¤ Noli me tangere, 1646-52, Leinwand, 142×110 cm.
Budapest, Magyar Szépmüvészeti Múzeum.
¤ Porträt eines Geistlichen, 1625-30, Leinwand, 103×79 cm.
New York, Hispanic Society of America.
¤ Vision des Hl. Antonius von Padua, 1645-52, Leinwand, 161×111 cm.
München, Alte Pinakothek.
¤ Vision des Hl. Benedikt, Leinwand, 166×123 cm.
Madrid, Museo del Prado.
¤ Zwei spanische Könige, um 1643, Leinwand, 165×227 cm.
Madrid, Museo del Prado.
Literaturhinweis:
J. A. GAYA NUÑO »La pintura Española fuera de España«, Madrid 1958.
H. E. WETHEY »Alonso Cano's drawings« in »Art Bulletin« XXXIV, 1952.
M. MARTINEZ CHUMILLAS »Alonso Cano«, Madrid 1950.
M. E. GOMEZ MORENO »Pinturas ineditas de Alonso Cano« in »Archivo Español de Arte y Arqueologia« XXIV, 1948.
E. LAFUENTE »La pintura Española del siglo XVIII«, Barcelona 1935.
A. L. MAYER »Geschichte der spanischen Malerei«, Leipzig 1913;
– »Der Racionero Alonso Cano und die Kunst von Granada« in »Jahrbuch der preußischen Kunstsammlungen« XXX (Beiheft), 1910, S. 89 ff.
M. GOMEZ MORENO »Alonso Cano« in »Cosas Granadinas de Arte y Arqueologia.«, Granada 1888.
[Künstlerlexikon: Cano, Alonso. Kindlers Malereilexikon, S. 1484
(vgl. KML Bd. 1, S. 612 ff.)