Bernhard Malinkewitz

Literaturgeschichte & Literaturwissenschaft



Literaturgeschichte, die Darstellung der historischen Entwicklung entweder der Nationalliteraturen bzw. der Weltliteratur oder aber einzelner Epochen, Gattungen, Stoffe und Motive. Dabei werden die untersuchten Autoren bzw. Werke perspektivisch in Entwicklungsrahmen eingeordnet, die je nach Blickwinkel des Literarhistorikers ideen- und geistesgeschichtlich, kulturgeschichtlich oder sozialgeschichtlich geprägt sein können. Neben der Dokumentation ergibt sich durch die geschichtliche Perspektivierung auch die Möglichkeit der Interpretation von Literatur, wobei der Literaturbegriff im Lauf der Zeit einem Wandel unterlag (Literaturwissenschaft).

Ein Beispiel für die geschichtliche Darstellung einer Epoche ist Friedrich Sengles Studie Biedermeierzeit (1971-1980), für die einer Gattung die Geschichte der deutschen Elegie (1941) von Friedrich Beißner. Hans W. Eppelsheimer untersuchte die Geschichte der europäischen Weltliteratur (1970 ff.)


Geschichte der Literaturschreibung

In der Antike bezeichnete Literatura alles mit Buchstaben Geschriebene und damit das gesamte Schrifttum der Zeit in Dichtung, Geschichtsschreibung, Philosophie, Rhetorik und Wissenschaft. In den ersten Literaturgeschichten wurden daher die als mustergültig geltenden Werke aus diesen Bereichen zusammengestellt, etwa bei Kallimachos (Alexandria, 3. Jahrhundert v. Chr.). Beispiele der Poetik und Rhetorik stellte Quintilian im Rom des 1. Jahrhunderts n. Chr. zusammen. Biographisch angelegt war Suetons De viris illustribus (110 n. Chr.), eine Abhandlung über das Leben von Dichtern, Rednern, Historikern, Philosophen und Grammatikern.

Im 4. Jahrhundert n. Chr. beschrieb der Kirchenvater Hieronymus in seinem gleichnamigen Werk das Leben von 135 Dichtern und Gelehrten. Er unterschied darin zwischen literatura (Schriften heidnischer Autoren) und scriptura (Schriften christlicher Autoren). Damit schrieb er die erste christliche Literaturgeschichte. Zur wichtigsten Schul-Literaturgeschichte des Mittelalters avancierte Hugo von Trimbergs Registrum multorum auctorum (1280).

In der Renaissance diente der Begriff Literatur vorrangig als Bezeichnung für Schriften der Gelehrsamkeit, schloss aber die Naturwissenschaften aus. Ein dezidiertes Interesse am Schrifttum des eigenen Volkes bekundeten in Deutschland Konrad Celtis und Flavius Illyricus, in Frankreich Joachim Du Belay, in Italien Pietro Bembo und in Spanien Juan Luis Vives. Zum „Vater der deutschen Literaturgeschichtsschreibung“ wurde in Deutschland Daniel Georg Morhof mit den Schriften Unterricht von der deutschen Sprache und Poesie (1682) und Polyhistor sive De notitia auctorum et nerum commentarii (1688), das die enzyklopädische Darstellung der allgemeinen Wissenschafts- und Literaturgeschichte versuchte. Im 18. Jahrhundert erfolgte in Deutschland die Trennung von Literatur und Poesie bzw. Dichtung, die – in Anlehnung an den in Frankreich im 17. Jahrhundert entstandenen Begriff belles-lettres – auch als „schöne“ oder „schöngeistige“ Literatur bezeichnet wurde (siehe Belletristik).

Die erste deutsche Literaturgeschichte im heutigen Sinn schrieb Georg Gottfried Gervinus: Seine Geschichte der poetischen National-Literatur der Deutschen (1835-1842) steht ganz unter der Idee eines strukturierten Zusammenhangs. Grundgedanke war, dass das Volk in seiner Literatur zu sprachlicher Identität und damit zu einem spezifischen Selbstbewusstsein komme. Für Gervenius erreichte die deutsche Literatur in Schiller und Goethe ihren im Gegensatz von Idealismus und Realismus markierten Gipfelpunkt. Das Konzept, Literatur an den Gedanken der Nation zu binden, wurde im Deutschland des 19. Jahrhunderts äußerst populär (bekannteste Beispiele: Hermann Hettners Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts, 1856-1870, und Wilhelm Scherers Geschichte der deutschen Literatur, 1880-1883). Adolf Bartels radikalisierte es in seiner präfaschistischen Geschichte der deutschen Literatur (1901/02), in Josef Nadlers Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften (1912-1918) kulminierte es endgültig zur Blut- und Boden-Ideologie.

Einen anderen Weg hatte in Frankreich der für den Naturalismus wichtige Theoretiker Hippolyte Taine eingeschlagen, der sich an den Naturwissenschaften orientierte und in seiner Geschichte der englischen Literatur (Histoire de la litérature anglaise, 1877-1880) ein Zusammenwirken von Rasse, Milieu, Zeitgeist und individueller Genialität betonte. Auch Wilhelm Scherer nahm positivistische Ansätze auf. Zudem war im 19. Jahrhundert neben den Bereich der schöngeistigen Literatur der der „Humanitätsstudien“ getreten, der erweiterte Literaturbegriff, der sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchsetzte, war damit vorbereitet.

Die Forschergeneration nach Wilhelm Scherer erarbeitete zu Beginn des 20. Jahrhunderts große Epochendarstellungen oder großangelegte Handbücher zur Literaturgeschichte, positivistisch und zugleich von der geistesgeschichtlichen Ausrichtung Diltheys geprägt. Oskar Walzel etwa erweiterte die Literaturgeschichte Scherers um ein Kapitel Von Goethes Tod bis zur Gegenwart (1917) und gab das Handbuch der Literaturwissenschaft (1923 ff.) heraus. Weitere geistesgeschichtlich orientierte Epochendarstellungen waren Hermann August Korffs Geist der Goethezeit (1923/1953), Rudolf Ungers Hamann und die Aufklärung (1925) sowie Fritz Strichs Deutsche Klassik und Romantik oder Vollendung der Unendlichkeit (1922).

Die deutsche Literaturgeschichtsschreibung nach dem 2. Weltkrieg begann mit der von Helmut de Boor und Richard Newald herausgegebenen Geschichte der deutschen Literatur (1949 ff.) sowie den Annalen der deutschen Literatur (1952, Herausgeber: Hans Otto Burger). Einen Neuansatz gegenüber den geistesgeschichtlichen Konzepten der ersten Jahrhunderthälfte brachte aber erst Arnold Hausers Sozialgeschichte der Kunst und Literatur (1953), welche die Frage nach der sozialen Organisation von Literatur hinsichtlich ihrer Produktionsbedingungen, dem literarischen Markt und ihrer sozialen Funktion aufwarf. In Westdeutschland verfolgten Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart (1980 ff., Herausgeber: Rolf Grimminger) und Horst Albert Glasers Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte (1982 ff.) diesen Ansatz weiter. In der DDR war auf der Grundlage der marxistischen Basis-Überbau-Theorie (siehe Marxismus) die von Klaus Gysi, Kurt Böttcher, Günter Albrecht und Paul Günther Krohn herausgegebene Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart (1965 ff.) bedeutend.

Mit dem Poststrukturalismus wurde die Möglichkeit, eine historische Genese der Literatur zu behaupten, generell in Frage gestellt. Die Beziehungen von literarischen Werken ergibt sich hier nur aus ihrer Intertextualität (siehe Textlinguistik). Eine Darstellung dieser Evolutionsprozesse steht aber noch aus.



Literaturwissenschaft

Literaturwissenschaft, allgemein die Bezeichnung für alle Arten und Aspekte der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Literatur, im Besonderen für die an den Nationalsprachen ausgerichteten Philologien (Germanistik, Romanistik, Anglistik, Slawistik etc.). Die wichtigsten Bereiche sind die Beschreibungen der historischen Entwicklung von Literatur (siehe Literaturgeschichte) sowie die systematische Behandlung von literarischen Begriffen, Methoden und Forschungskonzepten (Literaturtheorie). Als philosophisch und wissenschaftlich begründete Form der Literaturbetrachtung trat die Literaturwissenschaft im 19. Jahrhundert an die Stelle der klassischen Philologie, die sich im Wesentlichen zur Textwissenschaft weiterentwickelte (Textphilologie). In der Nachfolge von Poetik, Rhetorik und Stilistik ist sie heute ein wesentlicher Teil der modernen Ästhetik.

Der Literaturbegriff

Der Gegenstand der Literaturwissenschaft wird durch den jeweils akzeptierten Literaturbegriff definiert. Er hat sich seit der Antike immer wieder verändert. Nach der Aufhebung der Trennung zwischen „hoher“ Dichtung und Literatur etablierte sich schließlich ein erweiterter Literaturbegriff. Dem Kernbereich des Dichterischen (Epik, Dramatik, Lyrik) werden heute auch die wissenschaftliche, philosophische und politische Prosaliteratur sowie populäre Schriften (Unterhaltungs-, Dokumentar-, Trivialliteratur) zugeordnet. Eine zusätzliche Erweiterung fand in den letzten Jahren durch Einbeziehung soziologischer und linguistischer Aspekte statt (siehe Soziologie; Linguistik).

Denkrichtungen und Methoden

Regeln und Prinzipien zur Beschreibung literarischer Zeugnisse gab es schon im antiken Griechenland. Aristoteles untersuchte in seiner Poetik (335 v. Chr.) Elemente, Aufbau und Wirkungsweisen der Tragödie und des Epos. In Athen, Alexandria, Pergamon und (später) in Rom entstanden gelehrte Kommentare zu den klassischen Autoren und zu Werken der Zeit. Im Mittelalter wurden die antiken Schulautoren nach den Grundgedanken des Trivium (Rhetorik, Grammatik, Dialektik – siehe Artes liberales) ausgewertet. Eine neue Blütezeit begann mit der von Petrarca und Boccaccio angeregten Philologie der Renaissance, die sich dem Übersetzen und Bearbeiten der griechischen Klassiker widmete.

Zur Zeit des Humanismus waren Konrad Celtis (in Deutschland), Julius Caesar Scaliger (in Frankreich) sowie Hugo Grotius und Daniel Heinsius (in den Niederlanden) bedeutende Vertreter. Im 17. Jahrhundert begründete Richard Bently die klassische Philologie im modernen Sinn. Für die literarische Gelehrsamkeit der deutschen Klassik war Johann Joachim Winckelmann der entscheidende Anreger, dessen Griechenlandstudien zum Neuhumanismus führten. Die klassische Philologie, d. h. die Beschäftigung mit den Autoren der antiken Welt, fand im 18. Jahrhundert in Friedrich August Wolf ihren Hauptvertreter. Seine Schrift Prolegma ad Homerum (1795) über die Entstehung der homerischen Epen hatte Einfluss auch auf die Literaturgeschichtsschreibung (etwa bezüglich der Frage zur Entstehung des Nibelungenlieds). Von romantischen Gedanken ausgehend, befassten sich Jacob und Wilhelm Grimm umfassend mit Sprache und Literatur (von der Märchensammlung über Sprachforschung bis hin zum 1838 begonnenen Deutschen Wörterbuch).

1842 verwendete der Kritiker des Jungen Deutschland Theodor Mundt in seiner Geschichte der Literatur der Gegenwart erstmals den Begriff der Literaturwissenschaft. Wenig später entwickelte der Altphilologe Karl Lachmann eine Systematik der Textkritik (siehe unten). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden dann neben der klassischen Philologie die verschiedenen nationalen Philologien. Die Rolle einer grundlegenden und umfassenden Disziplin gab die Philologie an die Literaturwissenschaft ab.

Die positivistische Literaturwissenschaft des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts nahm sich die Naturwissenschaft zum Vorbild. Gegen deren kausalgenetische Erklärungsmuster setzte die geistesgeschichtliche Richtung einen Begriff des „Verstehens“, den Wilhelm Dilthey, orientiert an der Lebensphilosophie, 1905 in Das Erlebnis und die Dichtung darstellte. Im 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche, zueinander in Konkurrenz tretende Modelle, die im folgenden schematisch dargestellt werden sollen:


20. Jahrhundert: Pluralität der Methoden

1. Textphilologie: Mit dem Verfahren der Textkritik versucht die Textphilologie, etwa bei überlieferten mittelalterlichen Schriften, authentische Texte zu gewinnen, Verfälschungen zu beseitigen und die daran ersichtlichen unterschiedlichen Lesarten zu bewerten. Auch die Frage nach der ungesicherten Autorenschaft fällt in ihren Interessenbereich. Die Editionstechnik liefert die wissenschaftlichen Mittel, um zuverlässige Ausgaben der Werke herzustellen.

2. Hermeneutik: Als Kunst der Auslegung oder Interpretation von Texten reicht die Hermeneutik zurück bis in die griechische Antike. Jedoch gilt der Theologe Friedrich Daniel Schleiermacher allgemein als Begründer der neuen Hermeneutik, die er als„Kunstlehre des Verstehens“ definierte. „Die Gesamtheit der Sprache“ und das „Denken ihres Urhebers“ waren ihm Gegenstände der Untersuchung. Dabei galt der Akt des Verstehens als „Nachkonstruktion“ der ursprünglichen Autorenintention. Wilhelm Dilthey entwickelte diese Ansätze weiter. 1960 erschien dann das durch Martin Heideggers Philosophie angeregte Hauptwerk der Hermeneutik: Wahrheit und Methode von Hans-Georg Gadamer. Gegen Gadamer gerichtet, forderte Jürgen Habermas eine Tiefenhermeneutik, die auch die vom Autoren nicht bewusst angelegten Spuren des Textes entziffern solle. Ebenfalls von Heidegger beeinflusst war Emil Staigers Kunst der Interpretation (1955), die von Diltheys Gedanken eines zeitlos-vollkommenen „Sprachdenkmals“ ausging.

3. Literatursoziologie: Sie erhielt Anregungen von der neomarxistischen Philosophie (Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Georg Lukács usw.) wie auch von der empirischen Sozialforschung. Sie untersucht umfassend die Beziehungen von Literatur und Gesellschaft: Die soziale Situation des Autors, die Interessen des Lesepublikums, die Bedingungen der Buchproduktion und des Buchmarktes sind ihr Gegenstandsbereich. In Adornos Noten zur Literatur (1958 ff.) etwa wird gezeigt, wie gesellschaftliche Strukturen die Ästhetik einzelner Werke bestimmen können.

4. Psychoanalytische Literaturwissenschaft: Sie definiert Literatur als bewussten und – vor allem – unbewussten Ausdruck der Psyche ihres Verfassers. Sigmund Freuds Traumdeutung (1900) dient dabei als zentrales Orientierungsmodell zur Deutung literarischer Phantasie.

5. Werkimmanente Interpretation und New Criticism: Als Reaktion auf soziologische, psychologische bzw. historistische Betrachtungsweisen entstanden nach 1945 in Europa und den USA Interpretationsmethoden, die sich ausschließlich auf den literarischen Text konzentrierten („close reading“).

6. Formalismus: Wie die werkimmanenten Interpretationsweisen lehnt der (russische) Formalismus die biographischen, soziologischen oder psychologischen Methoden ab und sieht das literarische Werk als „Summe aller darin angewandten stilistischen Mittel“ (Wiktor Schklowskij). Die Formanalyse konzentriert sich auf Laut, Klang, Rhythmus, Stil usw. der Sprache. Der Formalismus, der in Moskau und Petersburg um 1915 entstand, beeinflusste sowohl den amerikanischen New Criticism wie auch die Prager Schule des Strukturalismus.

7. Strukturalismus, Poststrukturalismus und Dekonstruktion: Die Theorie des Strukturalismus hat ihren Ursprung in den sprachwissenschaftlichen Arbeiten Ferdinand de Saussures. Sie wurde in den zwanziger Jahren in der Linguistik weiterentwickelt und in den sechziger Jahren vor allem in Frankreich zu einer weit reichenden Philosophie ausgebaut. In der strukturalistischen Literaturwissenschaft wird der Begriff der Struktur als Anordnung sprachlicher Elemente zu einem System auf die Analyse von Gattungen, Epochen und Einzelwerken genutzt. In der aktuellen, vom Poststrukturalismus geprägten Diskussion sind die Untersuchungen des Literaturwissenschaftlers Roland Barthes, des Psychoanalytikers Jacques Lacan und des Philosophen Jacques Derrida einflussreich, der in seiner Grammatologie (1967) den Begriff der Dekonstruktion entwickelte: Texte werden nicht länger als einheitlich verstanden. Von Widersprüchen und Bruchstellen aus sollen sie folglich„gegen sich selbst“ gelesen werden. Der Begriff Dekonstruktion ist in den letzten Jahren ins Zentrum der auf die Mikrostrukturen der Texte gerichteten Diskurstheorie gerückt.

8. Rezeptionsästhetik: Als Weiterentwicklung der Hermeneutik Gadamers entwickelten der Romanist Hans Robert Jauß und der Anglist Wolfgang Iser das Konzept einer Literaturgeschichte des Lesers. Untersucht wird die Appellstruktur der Texte, und zwar im Kontext eines „Erwartungshorizonts“ des Rezipienten.

9. Komparatistik: Die vergleichende Literaturwissenschaft sucht durch den Vergleich der Nationalliteraturen, Einsichten in die Stoff- und Motivgeschichte, die Form- und Gattungsentwicklung sowie in die internationalen Stilströmungen zu gewinnen. Ein Ausgangspunkt dieser Forschung war Goethes Begriff der Weltliteratur.

Bernhard Malinkewitz

1