Bernhard Malinkewitz:
Geschichte
Geschichte (von althochdeutsch gisciht oder gesciht, Zufall, Ereignis; frühneuhochdeutsch gisciht, Bericht von Geschehenem; lateinisch historia), im weiteren Sinne der Ablauf allen Geschehens in Raum und Zeit (Erdgeschichte, Naturgeschichte); im engeren Sinne bezeichnet der Begriff Geschichte alles in Hinblick auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft Geschehene. Der Begriff wird oft als Synonym für Geschichtswissenschaft verwendet.
Herodot, der „Vater der Geschichtsschreibung“, verstand im 5. Jahrhundert v. Chr. unter Geschichte das Sammeln von Wissen durch Befragen von Zeugen. Ebenfalls als Geschichte bezeichnete der Philosoph Aristoteles ein Jahrhundert später die Wiedergabe alles Geschehenen. Einfluss auf das gesamte Mittelalter hatte Isidor von Sevilla mit seiner Ansicht, Geschichte sei das selbst Erlebte in Verbindung mit der schriftlichen und mündlichen Überlieferung. Der mittelalterliche Geschichtsbegriff war zudem von der Auffassung geprägt, dass der Mensch abhängig vom Wirken Gottes ist („Heilsgeschichte“ oder historia divina). Im Zeitalter der Aufklärung wurde der Einfluss von beispielsweise der Theologie und der Moralphilosophie auf die Geschichte zurückgedrängt. Leopold von Ranke begründete im 19. Jahrhundert die historische Methode, die bis in unser Jahrhundert hineinwirkt und mit deren Hilfe versucht wird, der Struktur der Geschichte auf Grundlage gesicherter historischer Fakten auf die Spur zu kommen.
Man unterscheidet folgende wichtige, sich teilweise überschneidende Teilbereiche der Geschichte: politische Geschichte, Kulturgeschichte, Territorialgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Rechts- und Verfassungsgeschichte, Religionsgeschichte und Kirchengeschichte.
Siehe auch Geschichtsschreibung; Geschichtliche Hilfswissenschaften
Geschichtswissenschaft, nach Johan Huizinga die geistige Form, in der sich die Menschen über ihre Vergangenheit und die Bedingungen ihrer Entwicklung Rechenschaft geben. Was immer wir tun, geschieht vor dem Hintergrund der Erfahrungen, des Wissens und der Traditionen, die unser Dasein geprägt haben; wir sind geschichtliche Wesen. Die Kenntnis der Vergangenheit hilft uns, unser gegenwärtiges Handeln und seine Bedingtheit zu verstehen. Die Gegenwart ist ohne die prägende Vergangenheit gar nicht denkbar, woraus sich zwangsläufig das Bedürfnis des Menschen ergibt, sich ein Bild von der Geschichte zu machen.
Die Geschichtswissenschaft bzw. die Historiker haben die Aufgabe, die Vergangenheit mittels eines methodischen Instrumentariums zu erforschen und die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zugänglich zu machen. Es war üblich und ist es zum Teil noch heute, die Arbeit des Historikers mit Rekonstruktion des Geschehenen zu umschreiben, was jedoch nur zum Teil erreichbar und inzwischen auch nicht mehr das erklärte Ziel der Geschichtswissenschaft ist. Es geht heute vielmehr darum, ein wissenschaftlich fundiertes Geschichtsbild zu schaffen, das letztlich dazu bestimmt ist, den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erklären und den Gegenwärtigen die Vergangenheit bewusst zu machen.
Die Basis für die historische Forschung stellen die Quellen dar, die zunächst gefunden, dann aber vor allem auch kritisch interpretiert werden müssen. Quellen sind Zeugnisse jeder Art, aus denen Historiker Erkenntnisse über die Vergangenheit gewinnen können, also nicht nur schriftliche, sondern auch unschriftliche wie Bauwerke, Kunst, Gebrauchsgegenstände, Abfälle oder sogar Bodengegebenheiten, aus denen man Rückschlüsse auf Klimaveränderungen, Siedlungen oder Ackerbauformen ziehen kann. Quellen müssen zunächst auf ihre Echtheit geprüft und datiert werden, bevor man sich an ihre Interpretation wagen kann. Mit der Bereitstellung schriftlicher Quellen beschäftigen sich in erster Linie die historischen Hilfswissenschaften, in deren Rahmen diffizile, mittlerweile hochtechnisierte Methoden entwickelt wurden, um Echtheit und Alter von Schriftstücken (auch Münzen, Siegeln oder Inschriften) durch Schriftvergleich, Materialuntersuchungen oder Begutachtung formaler und inhaltlicher Kriterien festzustellen. Archäologie erforscht vor allem die Überbleibsel der Sachkultur, während die Kunst- und Musikwissenschaften die jeweiligen Quellen aus ihrem Fachbereich aufarbeiten. Auch die Produkte der Künste und Literatur stellen für den Historiker sehr brauchbare Quellen zur Schöpfung eines Geschichtsbildes dar.
Da nicht nur die Geschichte sondern auch die Geschichtswissenschaft vom Menschen gemacht wird, ist sie einem steten Wandel unterworfen. Historiographische Darstellung ist als Produkt menschlicher Kreativität stets in gewissem Maße subjektiv und von den soziokulturellen und politischen Vorstellungen der jeweiligen Historikergeneration oder gar des einzelnen Historikers geprägt – z. B. wurden geschichtliche Ereignisse oder Personen im Kaiserreich oder in nationalsozialistischer Zeit ganz anders beurteilt als heute, weil sich der politische Standpunkt der Historiker geändert hat. Beständige Methodendiskussion und das Bewusstwerden bzw. Bewusstmachen der gesellschaftlichen Bedingtheit der jeweiligen Geschichtsbilder tut Not.
Geschichte der Geschichtswissenschaft
Im 18. Jahrhundert begann an deutschen Universitäten, vor allem in Göttingen, im Fach Geschichte der Übergang von der bloßen Gelehrsamkeit zu einer neuen wissenschaftlichen Orientierung, die die erzählende Darstellung mit kritischer Beurteilung von Befunden verband, die zuvor eher zweitrangige Bedeutung hatte. Es ging den Historikern nicht mehr nur um das Wissen des Geschehenen als Selbstzweck, die Sammlung von Fakten sowie die Erkenntnis, ob einzelne Quellen nun echt oder gefälscht sind, sondern um die Erkenntnis von Zusammenhängen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Beschäftigung mit historischer Forschung institutionalisiert und zu einem Beruf. Ganz ähnlich verlief die Entwicklung in den anderen europäischen Ländern.
Die historische Methode ist zunächst ein Vermächtnis des Historismus; sie ging von einer übergeordneten geisteswissenschaftlichen Methode aus und hob diese von den naturwissenschaftlichen Methoden ab. Derartige Abgrenzungen sind strittig geworden. Die Grundfrage ist, ob Geschichtswissenschaft eine auf das Verstehen ausgerichtete oder eine empirische Wissenschaft und damit den exakten Wissenschaften ähnlich ist. Immer wieder bildeten sich, sobald es über das Erzählen von Geschichte hinausging und historische Zusammenhänge formuliert wurden, Traditionen von Betrachtungsweisen und Fragestellungen – so genannte „Schulen“ – heraus, z. B. im späten 18. Jahrhundert die Göttinger Schule (Historismus) oder im 20. Jahrhundert in Frankreich der sozialwissenschaftlich ausgerichtete Kreis um die Zeitschrift Annales. Dadurch entstand eine Vielfältigkeit der Forschungszweige mit eigenen Fragestellungen und Methoden, so etwa die Sozial- oder Wirtschaftsgeschichte, die bisweilen sogar als Zweig der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften angesehen wird. In diesen Fällen wurde die traditionell historische Forschungsmethode modifiziert, quantifizierende Methoden, Statistik und Hochrechnungen aus den „Mutterwissenschaften“ fanden Anwendung. Eine lange Tradition hat die Erforschung der Geistesgeschichte, wobei auch hier die Methoden einem beständigen Wandel unterliegen. Es geht heute nicht mehr darum, zu rekonstruieren, wie in bestimmten Epochen über das eine oder andere Problem gedacht wurde, welche Autoritäten zitiert wurden, welche in Vergessenheit gerieten, sondern um das Warum. Geistesgeschichtliche Aspekte werden auch nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als gesellschaftliche Phänomene. „Kinder“ der Sozial-, Wissenschafts- und Bildungsgeschichte sind z. B. die historische Verhaltensforschung und die Mentalitätsgeschichte, ein hochaktueller Wissenschaftszweig, den wir der französischen Geschichtsforschung verdanken.
Wirtschaftsgeschichte, Teilbereich der Geschichtswissenschaften, der beschreibt und untersucht, wie sich die Wirtschaft in einzelnen Regionen und in verschiedenen Wirtschaftsbereichen historisch entwickelt hat. Dabei zeichnet die Wirtschaftsgeschichte ihre Interdisziplinarität aus. Sie nimmt zwischen den Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften eine Grenzstellung ein, da die historische Entwicklung der Wirtschaft nicht isoliert von den jeweiligen historischen sozialen, geistigen und politischen Lebensumständen betrachtet werden kann. Zu Ihren Hilfswissenschaften gehören jedoch auch Disziplinen wie Mathematik, Statistik und Bevölkerungslehre. Die Wirtschaftsgeschichte hilft, ökonomische Theorien auf ihre praktische Anwendbarkeit hin zu überprüfen und ermöglicht damit die Entwicklung neuer und die Weiterentwicklung bestehender ökonomischer Theorien.
Streng genommen beginnt die Wirtschaftgeschichte mit der Geschichte der Menschheit, ihr Untersuchungsgegenstand setzt jedoch das Vorhandensein von bestimmten Zeugnissen voraus, die es ermöglichen, ein wirtschaftliches Handeln oder eine wirtschaftliche Entwicklung nachzuweisen und zu beschreiben. Untersuchungen zur Gestaltung des Handels im antiken Griechenland oder im römischen Reich, zur Bedeutung der Hanse für den Handel des Mittelalters oder zu den Folgen der technischen Revolution im England des 19. Jahrhunderts, können dabei Gegenstand der Forschung sein.
In Deutschland bildete sich erstmals im Zug des Historismus im 19. Jahrhundert eine historische Schule der Nationalökonomie heraus, mit der die Wirtschaftsgeschichte als Wissenschaft ihren Anfang nahm. Bruno Kuske (1876-1964) erhielt 1909 in Köln die erste Dozentur für Wirtschaftsgeschichte in Deutschland.
Geschichtsschreibung, die Darstellung von Ereignissen, Vorgängen und Personen aus der Vergangenheit, d. h. der Geschichte, und damit verbunden der Versuch, die Geschichte fassbar zu machen und nachfolgenden Generationen zu überliefern. Die Darstellung ist sowohl abhängig vom Wissen, vom Bewusstsein und von den Absichten des Geschichtsschreibers als auch von dessen Fähigkeit, seinen Stoff literarisch zu gestalten. Die Inhalte der Geschichtsschreibung reichen von kritikloser Herrschaftsakklamation bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit den politischen und sozialen Zuständen der beschriebenen Zeit. Die Geschichtsschreibung ist ein Teilbereich der Geschichtswissenschaft, die wiederum versucht, durch kritische Analyse der verfügbaren Quellen die Darstellung der Geschichte zu überprüfen und einzuordnen; und sie ist aufgrund ihrer mehr oder weniger literarischen Gestaltung ein Teilbereich der Literatur.
Geschichtsschreibung in der westlichen Welt
Die Ursprünge der westlichen Geschichtsschreibung liegen im Griechenland der Antike, und die Vorgaben der griechischen Historiographen haben die abendländische Geschichtsschreibung jahrhundertelang beeinflusst.
Griechische Geschichtsschreibung
Im 5. Jahrhundert v. Chr. verfasste Herodot, den Cicero später den „Vater der Geschichtsschreibung“ genannt hat, seinen berühmten Bericht über die Perserkriege. Wenig später schrieb Thukydides die klassische Studie über den Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta. Diese beiden Historiker zeichneten Ereignisse ihrer Zeit bzw. der nahen Vergangenheit in eleganten Prosaerzählungen auf und beriefen sich dabei weitgehend auf Augenzeugenberichte und andere verlässliche Informationsquellen sowie auf die eigenen Erlebnisse. Ihr Hauptaugenmerk richteten sie auf die Darstellung von Kriegen, des Staatswesens und der politischen Persönlichkeiten; ihr Interesse galt der Beschreibung der Gesellschaft in Krisen- oder Wendezeiten und der historisch wirksamen Kräfte sowie der Deutung von Motiven und Zusammenhängen. Thukydides und Herodot, die bereits von ihren Zeitgenossen als vollendete und objektive Beobachter des Zeitgeschehens anerkannt wurden, beeinflussten mit ihren Werken die Historiographie bis in die Neuzeit.
Im 4. Jahrhundert v. Chr. setzten Xenophon, Theopompos von Chios, Ephoros und Kallisthenes die Traditionen der griechischen Historiographie fort; sie folgten bei der Darstellung von Ereignissen aus der griechischen Geschichte mehr und mehr rhetorischen Regeln. Der griechische Geschichtsschreiber Polybios erklärte im 2. Jahrhundert v. Chr. seinen Landsleuten den Aufstieg Roms durch die drei Punischen Kriege zur beherrschenden Macht im Mittelmeerraum und gab mit seinem Werk den Anstoß für eine eigenständige römische Geschichtsschreibung; der Geograph Strabo und der Historiker Dionysios von Halikarnassos befassten sich im folgenden Jahrhundert ebenfalls mit Rom und seiner Geschichte. Flavius Josephus, ein griechisch gebildeter jüdischer Aristokrat, schrieb im 1. Jahrhundert n. Chr. in griechischer Sprache mehrere Werke zur Geschichte der Juden, ihrer Religion und ihrer Bräuche. Ebenfalls im 1. Jahrhundert n. Chr. verfasste Plutarch seine sorgfältig recherchierten Parallelbiographien, wobei er je einen berühmten Griechen und Römer behandelte, um in der Gegenüberstellung die Vorbildlichkeit ihrer Lebensführung herauszuarbeiten.
Römische Geschichtsschreibung
Das Ansehen des Griechischen als Sprache der Kunst und Wissenschaft war so groß, dass sich die römische Geschichtsschreibung in ihren Anfängen noch der griechischen Sprache bediente. Cato der Ältere schrieb als Erster im 2. Jahrhundert v. Chr. eine Gründungsgeschichte Roms in lateinischer Sprache und regte mit seinem Vorbild auch andere römische Geschichtsschreiber an. Sallust, beeindruckt vom Werk des Thukydides, entwickelte im 1. Jahrhundert v. Chr. einen brillanten lateinischen Stil und knüpfte damit an die Tradition der griechischen Historiker an. Seine ethisch und psychologisch begründete Analyse der politischen Verhältnisse hatte nachhaltigen Einfluss auf die Historiographie. Zur gleichen Zeit definierte Cicero, obwohl selbst kein Historiker, die ideale Geschichtsschreibung im Hinblick auf Stil und moralische Maßstäbe, die bei der Darstellung von Ereignissen aus dem öffentlichen Leben angelegt werden sollten. Livius, Tacitus und Sueton setzten die lateinische Geschichtsschreibung in diesem Sinne fort.
Frühe christliche Geschichtsschreibung
Die griechische und die römische Geschichtsschreibung war, was Inhalte und Standpunkte anbelangte, rein weltlicher Prägung; besonders die römischen Geschichtsschreibung war in erster Linie die Darstellung der römische Machtgeschichte. Die Griechen und Römer hielten die Spekulation über Schicksal und Moral, die über das konkrete politische Leben hinausgingen, für die Aufgabe der Philosophen und nicht die der Historiker. Im 4. Jahrhundert n. Chr., mit der Konversion Kaiser Konstantins des Großen, erlangte das Christentum einen legalen Status und damit größeren Einfluss auf das Römische Reich; für die Geschichtsschreibung bedeutete dies die Einführung neuer Themen und Ansätze. Eusebios von Caesarea schrieb um 324 eine Geschichte der christlichen Kirche von ihren Anfängen, über die Zeit der Verfolgung und des Martyriums bis hin zu seiner Gegenwart und setzte sich mit seinem Werk über alle traditionellen Restriktionen in Bezug auf Thema, Inhalt und Stil hinweg. Eusebios beschrieb das religiöse Leben, gab christliches Gedankengut wieder und stellte Menschen ohne jede politische Bedeutung vor; er bezog zahlreiche dokumentarische Elemente mit ein und befasste sich mit den Grundfragen der menschlichen Existenz. Eine derartige Verknüpfung politischer und religiöser Geschichte mit moralischen Deutungen hatte es bislang nur im Alten Testament gegeben. Ausgehend vom Alten Testament entwickelte die christliche Geschichtsschreibung eine Sichtweise, mit der sie die weltliche Geschichte als eine von Gott bzw. durch die Wechselwirkung zwischen Gott und Mensch bestimmte interpretierte. Im 5. Jahrhundert deutete Paulus Orosius die römische Geschichte von einem christlichen Standpunkt aus polemisch neu; Augustinus dagegen arbeitete in seiner Schrift De Civitate Dei (413-426; Gottesstaat) eine wesentlich komplexere Verwebung der Beziehungen zwischen christlicher und weltlicher Geschichte heraus.
Mittelalterliche Geschichtsschreibung
Mit der Völkerwanderung und dem Ende des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert n. Chr. wurden die kulturellen Traditionen, zu denen auch die Geschichtsschreibung gehörte, unterbrochen. Des Schreibens kundig war fast ausschließlich nur noch der Klerus, der nun zum Kulturträger wurde und allmählich die römischen Traditionen wieder aufnahm, und mit ihnen die lateinische Sprache als Schriftsprache. Viele Klöster führten Chroniken oder Annalen, oftmals über Generationen hinweg, die lediglich Zeugnis ablegten davon, was der jeweilige schreibende Mönch Jahr für Jahr an Ereignissen aus der näheren oder weiteren Umgebung erfuhr, ohne jeglichen Versuch einer stilistischen oder intellektuellen Bearbeitung. Einige Werke der griechischen und römischen Historiker wurden in den Bibliotheken der Klöster aufbewahrt und behielten Vorbildcharakter für eine ambitioniertere Geschichtsschreibung, auf die frühe mittelalterliche Historiker wie z. B. Gregor von Tours mit seiner Historia Francorum (Geschichte der Franken) aus dem 6. Jahrhundert hinarbeiteten. In seiner Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum (731) gelang Beda, einem englischen Mönch, die Integration angelsächsisch-weltlicher und kirchlicher Geschichte in einer kraftvollen und intelligenten Erzählung. Weitere Volksgeschichten sind u. a. von Paulus Diaconus (über die Langobarden), von Widukind von Corvey (über die Sachsen) und von Thietmar von Merseburg (über die Slawen) überliefert. Bis ins Hochmittelalter galt die Aufmerksamkeit der Geschichtsschreiber vor allem ihrem eigenen Volk, d. h. der führenden Schicht des Volkes, und dessen Herkunfts- und Machtgeschichte; biographische Darstellungen wurden zumeist nur Heiligen gewidmet. Die erste große und für lange Zeit richtungweisende Herrscherbiographie war Einhards Vita Karoli Magni (Das Leben Karls des Großen) aus dem frühen 9. Jahrhundert.
Die Wiederbelebung der Ausdruckskraft im intellektuellen und literarischen Leben des hohen Mittelalters fand ihren Widerhall in den historischen Arbeiten des englischen Mönches William of Malmesbury, des Deutschen Otto von Freising und des normannischen Geschichtsschreibers Ordericus Vitalis. Im Spätmittelalter bekam die weltliche Geschichtsschreibung einen neuen Impuls durch Chronisten, die nicht mehr lateinisch schrieben, sondern sich der Volkssprachen bedienten und die vielfach aus eigener Anschauung schöpften: Der französische Ritter Jean de Joinville zeichnete die Taten seines Königs, Ludwigs IX. von Frankreich, während der Kreuzzüge auf; der französische, weit gereiste Kleriker Jean Froissart erstattete Bericht über die Heldentaten der französischen und englischen Ritterschaft während des Hundertjährigen Kriegs.
Die Renaissance
Die Rückbesinnung auf die griechische und die römische Kultur der Antike prägte das intellektuelle Leben im Italien des 15. Jahrhunderts und wirkte auch auf die Geschichtsschreibung, und zwar indem sie den weltlich-pragmatischen Ansatz in der politischen Geschichtsschreibung wieder belebte. Leonardo Bruni studierte die wieder entdeckten Schriften des Tacitus und versuchte auf diesem Hintergrund eine Neubetrachtung der Geschichte des republikanischen und des kaiserlichen Roms sowie seiner Geburtsstadt Florenz. Auch Niccolò Machiavelli und Francesco Guicciardini orientierten sich im 16. Jahrhundert bei ihrer Darstellung der politischen Geschichte der italienischen Stadtstaaten an der antiken Geschichtsschreibung. Diese rein auf die weltlich-politische Geschichte beschränkte Historiographie ist kennzeichnend für die Renaissance; Kirchen- bzw. kirchlich ausgerichtete Geschichtsschreibung trat erst wieder in der Zeit der Reformation und der Glaubenskämpfe in den Vordergrund.
Quellenforschung und Geschichtsschreibung in der Zeit der Aufklärung
Die klassischen Traditionen der Geschichtsschreibung hatten Stil und Interpretation betont und die Grundlagenforschung vernachlässigt. Ab dem 16. Jahrhundert, mehr noch nach dem Ende der Glaubenskämpfe im 17. Jahrhundert, widmeten sich die Historiker mehr und mehr der systematischen Quellensammlung und -forschung zur kritischen Untermauerung ihrer Kirchen- und politischen Geschichtswerke. Die französischen Benediktiner, insbesondere Jean Mabillon, der als der Begründer der wissenschaftlichen Urkundenlehre gilt, und Bernard de Montfaucon, initiierten umfassende Untersuchungen und Veröffentlichungen von Quellen zur Kirchengeschichte. Ludovico Muratori sammelte Quellen für die italienische Geschichte, Gottfried W. Leibniz veröffentlichte die Quellen zur Geschichte des Hauses Braunschweig, und Sir William Dugdale, Bischof Thomas Tanner und Thomas Hearne sammelten Dokumente und Inschriften zur englischen Geschichte und gaben mittelalterliche Annalen heraus. Diese und andere Wissenschaftler begründeten mit ihrer Arbeit an den historischen Quellen unterschiedlichster Art Zweige der Geschichtswissenschaft wie z. B. die Quellenkritik und die historischen Hilfswissenschaften.
Die Aufklärung unterzog die Geschichtsschreibung einer grundlegenden, kritischen, an dem Rationalismus der Aufklärung orientierten Revision. Die Historiographie wandte sich nun von der reinen Herrschaftsgeschichte ab und zumindest ansatzweise der Sozialgeschichte zu, d. h., sie bezog nicht mehr nur die Regierenden, sondern auch die Untertanen in ihre Darstellung ein. Außerdem verzichtete sie jetzt völlig auf die Einbettung der weltlichen Geschichte in die christliche Heilsgeschichte. Ein prominenter Vertreter dieser neuen Art der Geschichtsschreibung war Voltaire, der die literarischen Traditionen der Geschichtsschreibung durch seinen provokativen Rationalismus mit neuer Energie auflud. Er bezog alle Facetten der Zivilisation in seine kritische, beeindruckend breit gefächerte und intellektuell fundierte Geschichtsschreibung ein, verzichtete jedoch oftmals auf wissenschaftliche Faktentreue. Die Aufklärer Montesquieu, David Hume, William Robertson und der Marquis de Condorcet übernahmen dieses kühnere, philosophische Geschichtskonzept. Edward Gibbon verband sorgfältige Quellenforschung mit dem Elan der Aufklärung und schriftstellerischem Talent und setzte mit seiner History of the Decline and Fall of the Roman Empire (6 Bde. 1776-1788; Geschichte des Verfalls und Untergangs des Römischen Reichs) Maßstäbe für die Geschichtsschreibung. Im deutschsprachigen Raum wirkten der Völkerrechtler Samuel von Pufendorf und der Historiker August Ludwig von Schlözer im Sinne der aufgeklärten Historiographie und Staatsphilosophie.
Das 19. und 20. Jahrhundert
Leopold von Ranke und andere, vor allem deutsche Historiker etablierten zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit der „historischen Methode“ die Geschichtswissenschaft als eigenständige akademische Disziplin und begründeten die moderne, quellenkritische Geschichtswissenschaft. Ranke hielt die leidenschaftslose Objektivität für den korrekten Standpunkt des Historikers und die kritische Auseinandersetzung mit den Quellen für die Grundlage der Geschichtsschreibung. In seiner Quellenkritik maß er der Rücksicht auf das historische Umfeld, in dem eine Quelle entstand, große Bedeutung für die Bewertung der Quelle bei. Diese Kombination von neutraler Herangehensweise und der Einsicht, dass alle Beobachter Produkte ihrer Zeit und ihres Umfelds sind und daher notwendigerweise als subjektive Informanten betrachtet werden müssen, bedeutete einen Bruch mit der traditionellen Geschichtsschreibung und verwies auf die moderne Geschichtswissenschaft.
Leopold von Rankes Beobachtung, dass die Geschichtsschreibung von den jeweiligen politischen Tendenzen ihrer Zeit beeinflusst wird, bestätigte sich im Deutschland des 19. Jahrhunderts: In der Zeit des Vormärz dominierte die liberale Historiographie z. B. eines Georg Gottfried Gervinus und eines Friedrich Christoph Dahlmann; in der Auseinandersetzung um die deutsche Einigung nahmen u. a. Heinrich von Treitschke, Johann Gustav Droysen und Heinrich von Sybel in ihrer Geschichtsdarstellung Partei für die preußisch-kleindeutsche Variante und gegen die Anhänger der großdeutschen Lösung wie etwa Julius von Ficker. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 trat die extrem nationalistisch und auch antisemitisch ausgerichtete und in dieser Hinsicht einflussreiche Geschichtsschreibung unter ihrem Vorkämpfer Treitschke in den Vordergrund; Theodor Mommsen repräsentierte dagegen die liberal geprägte Historiographie. Daneben wurde aber auch eine von den politischen Tendenzen der Zeit losgelöste, die Kultur- und Ideengeschichte aufarbeitende Geschichtsschreibung gepflegt, z. B. von Jacob Burckhardt und Gustav Freytag.
Dem Interesse an der Zivilisationsgeschichte wurde auf französischer Seite von François Guizot Rechnung getragen, und Fustel de Coulanges wandte die neuen wissenschaftlichen Methoden auf die Geschichte des Mittelalters an. Thomas Macaulay setzte mit seinem brillanten Stil die subjektive, essayistische Geschichtsschreibung der Aufklärung in England fort, aber die Universitäten arbeiteten doch bereits mit den exakteren Methoden. William Stubbs führte in England die gründliche Quellenforschung ein, Samuel R. Gardiner und Frederick W. Maitland folgten seiner Methodik. Der erste bedeutende Historiograph der USA war George Bancroft, zu dessen Lebzeiten an den amerikanischen Universitäten mehr und mehr die deutsche historische Methode eingeführt wurde.
Die „Krise des Historismus“ Ende des 19. Jahrhunderts führte innerhalb der Geschichtsschreibung zu einer Verlagerung des Schwerpunktes auf die kulturhistorische, geschichtsphilosophische, ideengeschichtliche und schließlich sozialgeschichtliche Aufarbeitung der Geschichte. Oswald Spengler in Deutschland und Arnold Toynbee in England waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die herausragenden Vertreter der kulturhistorisch-geschichtsphilosophischen Richtung; der Niederländer Johan Huizinga legte mit dem Herbst des Mittelalters eine wegweisende kulturhistorische Studie vor. Orientiert an Karl Marx und Friedrich Engels, beeinflusst von dem Sozialwissenschaftler Max Weber und vor dem Hintergrund sozialer Krisen nahm die Geschichtsschreibung seit etwa den dreißiger Jahren eine zunehmend sozialwissenschaftlich-strukturgeschichtliche Ausrichtung; prominenteste und einflussreichste Vertreter dieser Linie waren die Historiker um die 1929 gegründete französische Zeitschrift Annales, wie etwa Fernand Braudel, Marc Bloch und Georges Duby. Diese als universale Sozialgeschichte konzipierte Histoire synthétique wurde vom angelsächsischen Raum als New History übernommen.
Keine Epoche der deutschen Geschichte wurde so umfassend, alle Aspekte beleuchtend, aber auch kontrovers von in- und ausländischen Historikern erforscht und beschrieben wie die Zeit des Nationalsozialismus. In Deutschland selbst brach in den achtziger Jahren eine öffentliche Kontroverse über die historische Einordnung und die Beurteilung des Nationalsozialismus aus, der so genannte Historikerstreit, in dessen Verlauf u. a. auch diskutiert wurde, ob der Nationalsozialismus überhaupt historisiert werden dürfe und ob es Aufgabe der Geschichtswissenschaft bzw. -schreibung sei, eine identitätsstiftende Funktion zu übernehmen.
Die Geschichtsschreibung in anderen Kulturkreisen
Außerhalb Europas entwickelte sich eine bedeutende und umfassende Geschichtsschreibung nur in der islamischen Welt und in China.
Islamische Geschichtsschreibung
Das Interesse der Muslime an der Geschichtsschreibung war, wie das der Juden, religiös motiviert. Der Religionsstifter und Prophet Mohammed prägte dem Islam ein deutliches Geschichtsbewusstsein auf. Die Kompilierung und Verifizierung des Hadith, jener Aussprüche Mohammeds, die den Koran bilden, bedurfte einer frühen Entwicklung historischer Methoden. Im 8. und 9. Jahrhundert begannen Theologen und Historiker, sich der Aufzeichnung einer allein maßgeblichen Darstellung von Mohammeds Leben und Lehren zu widmen und zuweilen darüber zu streiten. Al-Tabari schrieb um 915 Ta’rikh ar-Rusul wa al-Muluk (Geschichte der Propheten und Könige), die zur allgemein gültigen Quelle für die frühe islamische Geschichte wurde. Muslimische Historiker verfassten bezeichnenderweise bevorzugt Biographien frommer Männer und Gelehrter, da man das Leben der Gläubigen für einen besseren Maßstab des geistigen Fortschritts der Gesellschaft hielt als etwa das Leben von weltlichen Herrschern und Feldherren (vergleichbar den mittelalterlichen christlichen Heiligenviten). Biographische Werke haben daher eine lange Tradition im Islam, angefangen bei jenen, die über das Leben der Menschen im Umkreis von Mohammed berichten.
Ibn Chaldun verfasste im 14. Jahrhundert eine Universalgeschichte, die sowohl von seinem außergewöhnlich breiten Wissen zeugt als auch von seiner Fähigkeit, Jahrhunderte sozialer und politischer Entwicklung in allgemeinen Theorien zusammenzufassen. Er war der einzige muslimische Historiker, der in sozialen und ökonomischen Faktoren den Grund für geschichtlichen Wandel sah; seine Arbeit fand in der islamischen Welt allerdings, obwohl weit verbreitet, lange Zeit kaum Resonanz.
China
China hat die am weitesten, etwa 3 000 Jahre zurückreichende Tradition der Geschichtsschreibung. Sie gehörte in China schon sehr früh zu denjenigen Wissenschaften, die praktische Anweisungen für die Lebensführung liefern sollten. Die Lehren aus der Geschichte waren ein integraler Bestandteil aller Wissenschaften, und Konfuzius betonte die Wichtigkeit exemplarischer Geschichtsbetrachtungen und der Aufbewahrung authentischer Berichte. Das Shujing (Buch der Geschichte), das Dokumente aus der frühen und mittleren Zhou-Dynastie (um 1122 bis 256 v. Chr.) versammelt, und das Chunqiu (Frühlings- und Herbstannalen), eine Chronik der Heimatprovinz des Konfuzius von 722 bis 481 v. Chr., waren zwei der fünf Klassiker des Konfuzianismus. Die gewissenhafte Aufzeichnung und Aufbewahrung von Informationen wurden eine zentrale Aufgabe der konfuzianischen Gelehrten, die dem chinesischen Staat nach dem 3. Jahrhundert v. Chr. als Verwaltungsbeamte dienten. Die meisten chinesischen Geschichtswerke sind offizielle Berichte gelehrter Bürokraten, äußerst detailliert und akribisch, allein auf den Herrscher bezogen, kritiklos und ohne jede Analyse und Interpretation. Die Aussprüche und Taten eines jeden Kaisers wurden Tag für Tag niedergeschrieben und später zu einem Überblickswerk zu seiner Regierungszeit kompiliert. Ebenso ließ jede Dynastie ihr offizielles Geschichtswerk erstellen (insgesamt existieren davon 25), die nach einem vorgegebenen Muster aufgebaut waren, das keinen Raum ließ für Informationen aus „irrelevanten“ Bereichen wie Gesellschaft oder Kunst, für Meinungen oder Analysen.
Der Erste, der eine ausführliche Geschichte Chinas von den Anfängen an vorlegte, war Sima Quian zur Zeit der Han-Dynastie. Sein Werk folgte dem Vorbild des Chunqiu, beinhaltete jedoch auch tabellarische Daten, eigenständige Essays zu verschiedenen Themen sowie die Biographien wichtiger Persönlichkeiten. Der Nachfolger Sima Quians, Ban Gu, beschrieb im Hanshu (Geschichte der Han) seine eigene Zeit und fügte seinem Werk ebenfalls Essays sowie eine Auflistung aller verwendeten Quellen hinzu.
Ihr Beispiel war maßgebend für die nächste große Epoche chinesischer Geschichtsschreibung. Unter Taizong (Regierungszeit 626-649), dem ersten Kaiser der Tang-Dynastie, wurde 629 erstmals ein eigenes Amt eingerichtet, das die Dokumente für die offiziellen dynastischen Annalen zusammentrug, und im Jahr 636 waren fünf offizielle Geschichtswerke der vorangegangenen interdynastischen Periode einschließlich exakter Bibliographien entstanden. Simi Guang, ein Beamter aus der Zeit der Sung-Dynastie, verfasste als Privatmann eine weitere Universalgeschichte Chinas bis zum Jahr 959, deren Titel Zizhi tongjian (Umfassender Spiegel für die Mitarbeit in der Regierung) auf das Geschichtsverständnis der führenden Schicht in der konfuzianisch strukturierten Gesellschaft verweist. Guang wertete seine 322 Quellen gewissenhaft aus und gab über seine Methode und seine Meinungen in zahlreichen Fußnoten Auskunft. Im 17. Jahrhundert bildete sich eine höchst verfeinerte Quellenkritik heraus, die durch linguistische Textanalysen zielgerichtet Fälschungen aufzudecken vermochte. Ein Teilverzeichnis der kaiserlichen Bibliothek der Ch’ing-Dynastie, 1782 zusammengestellt, führt 2 316 historische Werke auf.
Hilfswissenschaften, geschichtliche, Bezeichnung für einen bestimmten Bereich innerhalb der Geschichtswissenschaften, der sich mit der Auswertung, Beurteilung und Herausgabe originaler historischer Quellen befasst. Die Funktion der historischen Hilfswissenschaften ist ambivalent: Einerseits stellen sie das unerlässliche „Handwerkszeug“ des Historikers dar, andererseits sind sie als in sich geschlossene Wissenschaften – jede für sich – selbst Gegenstand der Forschung. Zu den „klassischen“ Hilfswissenschaften, also denjenigen, deren Entwicklung im 19. Jahrhundert ihren ersten Höhepunkt erreichte, gehören: Paläographie, Diplomatik, Chronologie, Sphragistik, Heraldik, Genealogie und Numismatik. Die Entwicklung der historischen Hilfswissenschaften ist noch nicht abgeschlossen. In den letzten Jahrzehnten haben sich neue Disziplinen von großer Bedeutung für die Geschichtswissenschaft herausgebildet und verfestigt, so z. B. mittelalterliche und neuzeitliche Realienkunde (Sachkulturfoschung), historische Kartographie, Epigraphik (Inschriftenkunde) des Mittelalters und der Neuzeit und dem Einsatz moderner EDV-Technologien entsprechend die historische Fachinformatik.
Historische Entwicklung
Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts waren einige der oben genannten Teilgebiete Hilfswissenschaften der Rechtswissenschaft (z. B. in Fragen der Echtheit von Urkunden oder zum Nachweis adeliger Abstammung); seit Ende des 17. Jahrhunderts wurden sie infolge einer ersten wissenschaftlichen Aufbereitung der Diplomatik durch Jean Mabillion (mit seinem Werk De re diplomatica libri VI, Paris, 1681) an den juristischen Fakultäten der Universitäten gelehrt. Umwälzende politische, territoriale und soziale Veränderungen infolge der Französischen Revolution 1789 und des Endes des alten Reiches 1806, das neu erwachende Interesse an der Erforschung des Mittelalters sowie die Öffnung der Archive und Bibliotheken für die Forscher führten zur Verbesserung der Methodik und zur Konstituierung der historischen Hilfswissenschaften als eigenständigen Forschungsbereichen. Die große Beachtung, die den historischen Hilfswissenschaften im 19. Jahrhundert zuteil wurde, spiegelt sich in der Errichtung zweier heute noch existierender Ausbildungs- und Forschungsinstitutionen wieder: der Ecole des chartes in Paris (gegründet 1821) und dem Institut für österreichische Geschichtsforschung in Wien (gegründet 1854). Die historischen Hilfswissenschaften werden an den Universitäten in der Regel in Verbindung mit der mittelalterlichen Geschichte gelehrt; Gegenstand der Lehre sind vor allem die „klassischen“ Hilfswissenschaften.
Paläographie
Lehre von der Entwicklung der lateinischen Schrift seit der römischen Antike bis zum Ausgang des Mittelalters. Die Paläographie vermittelt die Kenntnis der Schriftformen, der antiken und mittelalterlichen Abkürzungen, vor allem aber lehrt sie das korrekte Lesen der Handschriften. Durch die Methode des Handschriftenvergleichs ermöglicht sie die räumliche und zeitliche Einordnung von undatierten Handschriften. Eng verbunden mit der Paläographie ist die Kodikologie (Handschriftenkunde, von lateinisch codex: im modernen wissenschaftlichen Sprachgebrauch die Bezeichnung für das mittelalterliche Buch), die Wissenschaft von den materiellen Grundlagen des Schreibens: den Beschreibstoffen (Papyrus, Wachstäfelchen, Pergament und Papier), Tinten, Schreibinstrumenten und Buchformen.
Diplomatik
Lehre von den Urkunden und anderen Schriftstücken, die Auskunft geben über Vorgänge rechtlicher Natur (z. B. Schenkungen, Rechtsverleihungen, Besitzbestätigungen, Verträge, Quittungen). In der Diplomatik werden die Urkunden nach ihren Ausstellern (derjenige, der ein Rechtsgeschäft vornimmt bzw. die Ausstellung einer Urkunde anordnet) in drei Gruppen unterteilt: Kaiser- und Königsurkunden, Papsturkunden und „Privaturkunden“, zu denen z. B. die Urkunden der Bischöfe, Fürsten, Klöster, Städte und Bürger gehören. Die Klärung der Echtheit von Urkunden und die kritische Herausgabe von Urkunden ist eines der wesentlichen Betätigungsfelder der Diplomatik. Zur Klärung der Echtheitsfrage werden die äußeren (Schrift, Beschreibstoff, Format, Besiegelung usw.) und inneren (textlich-stilistische Gestaltung, Inhalt usw.) Merkmale der Urkunden erforscht, um so über die Arbeitsweise der Beurkundungsstelle („Kanzlei“, d. h. das Schreibbüro eines Ausstellers) Aussagen treffen zu können.
Chronologie
Lehre von der Messung und Einteilung der Zeit. Basis für die Zeitrechnung war und ist die Beobachtung der Himmelskörper (Erde, Sonne und Mond) und der Naturerscheinungen. Da die Berechnungsansätze (z. B. Mond- oder Sonnenumlauf) im Laufe der Jahrtausende bei den verschiedenen Völkern variierten, entstanden unterschiedliche Kalendersysteme. Die historische (oder technische) Chronologie lehrt die Umrechnung dieser unterschiedlichen Kalender auf unsere heute gebräuchliche Zeiteinteilung (während im naturwissenschaftlichen Bereich die astronomische oder mathematische Chronologie die exakte Berechnung der Zeit mittels modernster Messinstrumente zum Ziel hat).
Sphragistik
Lehre von der Anfertigung, dem Gebrauch und der Rechtsstellung der Siegel. Unter dem Begriff Siegel ist der Abdruck zu verstehen, den ein Siegelstempel (Typar) in einer weichen, meist wiedererhärtenden Masse (Wachs, Blei, Gold oder Silber, seit dem 16. Jahrhundert Siegellack) zurücklässt und welcher mit einer den Besitzer (Siegelführer) kennzeichnenden Abbildung und Inschrift versehen ist. Das Siegel entwickelte sich von einem reinen Verschlussmittel zur Besitzsicherung (Antike) hin zu einem Beglaubigungsmittel für die Echtheit von Schriftstücken (Mittelalter und Neuzeit).
Heraldik
Lehre vom Wappenrecht, von den Wappendarstellungen und dem Wappenwesen. Wappen sind farbige, bleibende Abzeichen von Personen oder Institutionen. Das Aufkommen der ersten Wappen stand in Zusammenhang mit den großen, aus verschiedenartigen Gruppen zusammengesetzten Kreuzfahrerheeren, die zur besseren Unterscheidung zunächst willkürlich gewählte Zeichen an ihren Defensivwaffen (Schild, Helm) anbrachten. Aus diesen Zeichen bildeten sich allmählich individuelle, innerhalb der Familien vererbbare Wappen heraus. Zur Beschreibung der Wappen entstand eine spezielle heraldische Kunstsprache („Blasonierung“; das Wappen wird dabei aus der Sicht des Wappenträgers beschrieben, beginnend rechts oben am Schild – dies entspricht aus der Sicht des Betrachters der linken Seite).
Genealogie
Lehre von der Erforschung der Verwandtschafts- und Abstammungsverhältnisse einzelner Personen und Geschlechter und den daraus resultierenden historischen und rechtlichen Fragestellungen (z. B. Besitz- und Herrschaftsverhältnisse). Die genaue Bestimmung von Abstammungs- und Verwandtschaftsverhältnissen – die Hauptaufgabe der Genealogie – findet in verschiedenen Formen von genealogischen Tafeln ihren Ausdruck (Aszendententafel oder Ahnentafel: Bestimmung der Vorfahren einer Person; Deszendententafel oder Nachfahrentafel: Bestimmung der Nachfahren einer Person).
Numismatik
Lehre von den Münzen und der Geldgeschichte seit dem Aufkommen der Münzen (7. Jahrhundert v. Chr.) bis heute. Ausgehend von der grundlegenden Bestimmung der Münzen (woher stammt eine Münze, wann wurde sie geprägt?) führt im Rahmen der Numismatik die Katalogisierung der Münzen eines Gebiets zu den geldgeschichtlichen Fragestellungen (z. B. Stellung der Münze im Währungssystem, Kaufkraft usw.).
Historismus (Geschichte), geschichtsbezogene Denk- und Betrachtungsweise, die die Geschichte vor allem unter dem Aspekt der historischen Entwicklung betrachtet und die Einmaligkeit der historischen Erscheinungen betont. Der Historismus versucht, den Platz des Menschen in der Welt durch die Analyse der Geschichte zu erkennen. Dies soll durch die historische, also quellenkritische, Methode bewirkt werden, entwickelt u. a. von Leopold von Ranke, um Objektives über die Vergangenheit aussagen zu können. Diese historische Methode wurde von allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen übernommen. Friedrich Nietzsche kritisierte den Historismus als Erster 1874 in seinem Werk Unzeitgemäße Betrachtungen. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben: Der Historismus kümmere sich nur um die Geschichte und mache unfähig, die Probleme des Lebens der Gegenwart zu lösen. Max Weber löste in seinen wissenschaftstheoretischen Arbeiten das Problem, indem er wissenschaftliche Tatsachenerkenntnis trennte von normativer Werteerkenntnis. In neuerer Zeit wurde der Historismus überwunden durch die Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Methoden, in der DDR durch die Übernahme der marxistischen Geschichtswissenschaft. Der von Karl R. Popper kritisch verwendete Begriff Historizismus bezeichnet eine historische Denkweise (besonders den Marxismus), die durch das Erkennen eines gesetzmäßigen Ablaufs der Geschichte Voraussagen für die Zukunft zu machen versucht.
Zarathustra, Zoroaster (um 630 bis 550 v. Chr.), persischer Prophet und Begründer des Parsismus. Zarathustra wurde als Sohn der Ritterfamilie Spitama im ostpersischen Land Airyana Vaejah geboren. Zarathustra wurde zum Priester (zaotar) ausgebildet, stand aber schon bald dem altiranischen Mithra-Kult mit seinen Stieropfern kritisch gegenüber. Seine Lehre lässt sich in zwei grundlegenden Glaubensaussagen zusammenfassen: die monotheistische Verehrung des Ahura Mazda („Gott Weisheit“) und den ethischen Dualismus, in dem Wahrheit und Lüge, die einander gegenüberstehen, das gesamte Universum durchdringen. Diese Lehren wurden in den Gathas, einem Teil der heiligen Schrift des Parsismus, dem Avesta, überliefert.
Als Zarathustra nach jahrelangem Kampf gegen die Priester der etablierten Religion in Vishtaspa, dem König von Choresmien (heute im russischen Turkmenien), einen Fürsprecher seiner Lehre fand, verbreitete sich die von ihm gepredigte Religion. Er verbot die orgiastischen Riten, von denen die traditionellen persischen Opferzeremonien an die Götter begleitet wurden und untersagte das Opfern an Ahriman und andere Götter, die er zum bösen Prinzip seines neuen Glaubens erklärte.
Zarathustra wirkte auf Platon, Aristoteles und andere griechische Denker sowie auf die jüdisch-christliche Dämonologie und Eschatologie. Die Hauptleistung des persischen Religionsstifters lag in der Entwicklung eines monotheistischen Glaubens und eines ethischen Dualismus.