Bernhard Malinkewitz
zeigt:
Literatur (lateinisch: Sprachkunst, Schrift), im Allgemeinen die Bezeichnung für jeden mit Hilfe eines sinnvoll geordneten Zeichen- bzw. Schriftsystems materiell festgehaltenen Text, im engeren Sinn der Bereich der Belletristik (schöngeistige Literatur) bzw. der - teils populärwissenschaftlichen - Fachpublikationen (Fach- bzw. Sachliteratur). Aber auch vermeintlich triviale Schriften werden dem Bereich zugerechnet (Unterhaltungs- und Trivialliteratur). Von Johann Wolfgang von Goethe stammt der durch Johann Peter Eckermann überlieferte Begriff der Weltliteratur, der die herausragenden Beispiele der verschiedenen Nationalliteraturen subsumiert („Nationalliteratur will jetzt nicht viel besagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit“). Mit dem Bereich belletristischer Werke beschäftigen sich die Literaturkritik und die Literaturwissenschaft. Die historische Einordnung von Literatur ist Gegenstand der Literaturgeschichte.
Siehe auch Fantasy-Literatur; Hermetische Literatur; Kinder- und Jugendliteratur; Kriminalliteratur; Literaturoper; phantastische Literatur; Reiseliteratur; Tagebuchliteratur sowie die Artikel zu den entsprechenden Nationalliteraturen
Zeichen (Sprachwissenschaft) (althochdeutsch zeihhan, verwandt mit zihan: zeigen; ursprünglich: anzeigen, kundtun), im allgemeinen Sprachgebrauch ein natürliches oder künstliches, sinnlich wahrnehmbares Phänomen, das für ein anderes (auch abstraktes) Phänomen steht, also Bedeutung erhält; grundsätzlich kann alles sinnlich Wahrnehmbare durch einen Interpreten zum Zeichen werden. Dementsprechend definierte Charles Sanders Peirce das Zeichen (oder Repräsentamen) als „etwas, das für jemanden in einer gewissen Hinsicht oder Fähigkeit für etwas steht“. In der kulturellen Semiotik Umberto Ecos, der sich in seinen Überlegungen auf Jan Mukarovský berufen kann, gerät jedes Phänomen, indem es nach erfolgter Entschlüsselung bzw. Denotation über seine Funktion Aufschluss gibt, auch zum Zeichen seiner selbst; so ist der Gegenstand „Löffel“ für den, der ihn als solchen zu erkennen weiß, automatisch mit seiner Aufgabe im kulturellen Kontext verbunden. Zeichen werden über (individuelle oder soziale) Konvention konstituiert: So kann, einem Beispiel Ecos zufolge, eine konkrete Höhle, die ihrem Benutzer Schutz vor Regen gewährte, in der Folge jederzeit die Bedeutung „Schutz“ konnotieren. Nach einem Abstraktionsprozess wird jede beliebige Höhle zum Zeichen mit der Bedeutung „Schutz“. Innerhalb der Zeichentheorie wirkten vor allem die Modelle von Ferdinand de Saussure, Charles Sanders Peirce und Charles William Morris.
Bei Saussure setzt sich das Zeichen aus dem Bedingungsgefüge eines Lautbildes, dem Bezeichnenden (Signifikant), und eines Vorstellungsinhalts, dem Bezeichneten (Signifikat), zusammen. Beide Momente sind untrennbar miteinander verbunden (Saussure verglich sie mit zwei Seiten eines Papierblattes); ihre Verbindung ist zunächst willkürlich (arbiträr). Dass ein bestimmter Signifikant – etwa das Lautbild hund, dog, chien etc. – ein bestimmtes Signifikat als etwas mit dem Lautbild an Bedeutung Verknüpftes provoziert– also die Vorstellung des „Hundes“ –, wird durch soziale Konvention bestimmt. Bei Saussure war das Zeichen rein linguistisch, und in diesem Rahmen rein lautlich, definiert: Zeichen sind hier sprachliche Zeichen; ihre schriftliche Fixierung spielte keine Rolle.
Anders als Saussure mit seinem dipolaren Zeichenmodell argumentierte Peirce triadisch, indem er dem Repräsentamen und dem Objekt, auf das es verweisen sollte, die Instanz des Interpretanten zwischenschaltete. Unter dem Interpretanten verstand Peirce ein weiteres Zeichen, das nötig sei, das erste wiederum auszudeuten: Das Repräsentamen „richtet sich an jemanden, d. h. es erzeugt im Bewusstsein jener Person ein äquivalentes oder vielleicht ein weiter entwickeltes Zeichen“. Die Wirkung des Repräsentamens auf den Interpreten, also den Akt der Bedeutungssuche, nannte Peirce Semiose (semiosis). Diese Semiose ist nahezu unendlich, da auch der Interpretant eines Zeichens wieder zum Zeichen eines Interpretanten wird, der es deuten muss. Durch die Einführung eines Interpretanten umging Peirce das Axiom einer rein sozial definierten Verknüpfung der Bereiche, entfernte sich von der rein linguistischen Idee des sprachlichen Zeichens und öffnete den Begriff bezüglich einer individuellen Setzung von Bedeutung (ein Aspekt, den Ecos kulturelle Semiotik wieder aufgriff). Allerdings barg sein Begriff des Objekts, der offenbar auf außersprachliche Phänomene zielte, die Gefahr, rein innersemantische Zeichen (wie etwa das des „Einhorns“, dem nichts in der Realität entspricht, oder abstrakte Begriffe wie „Freiheit“ etc.) zu missachten.
Auf Peirce sich berufend, definierte Morris als Semiose jenen„Prozess, in dem etwas als ein Zeichen fungiert“ und unterschied zwischen dem Zeichenträger oder sign vehicle, dem Interpretanten – der „Wirkung auf einen bestimmten Interpreten“ – und dem Designat(um) bzw. dem Denotat(um) als dem, was (in erster Linie) bezeichnet werde. Anhand des triadischen Systems verknüpfte er das Zeichenmodell von Peirce mit drei Ebenen der Semiose, die er den semiotischen Teildisziplinen der Syntaktik, der Semantik und der Pragmatik zuzuordnen suchte: Während sich die Syntaktik mit der Relationsstruktur der Zeichen untereinander (der Syntax) beschäftige, so Morris, sei es die Aufgabe der Semantik, das Verhältnis von Zeichenträger und Designatum aufzuzeigen, also den Aspekt der Bedeutung zu betrachten; der Pragmatik bleibe vorbehalten, das Bedingungsgefüge zwischen Zeichen und Benutzern näher zu beleuchten.
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Schrift, Zeichensystem zur zwischenmenschlichen Kommunikation mit Hilfe optisch wahrnehmbarer, systematisch organisierter, willkürlicher (arbiträrer) Zeichen. Schrift besteht entweder aus einem eingeschränkten oder aus einem vollständig entwickelten System. In einem vollständig entwickelten Schriftsystem lassen sich alle Vorstellungen unzweideutig darstellen, die sich mit gesprochener Sprache ausdrücken lassen.
Eingeschränkte Schriftsysteme
Eingeschränkte Schriftsysteme werden im Allgemeinen in der Buchführung benutzt oder dienen als Hilfsmittel mit mnemotechnischer Funktion (als Lernhilfe zur leichteren Einprägung schwieriger Sachverhalte, z. B. Eselsbrücke). Zu diesen eingeschränkten Schriftsystemen gehören Bilderschrift (oder: Piktographie), Ideographie und die Verwendung von markierten oder unmarkierten Objekten als mnemotechnische Hilfsmittel. Charakteristisch für derartige Systeme ist ein hohes Maß an Mehrdeutigkeit, da es keine festgelegte Entsprechung zwischen den Zeichen des Schriftsystems und der dadurch dargestellten Sprache gibt. Aus diesem Grund ist die Auslegung eines eingeschränkten Schriftsystems in der Regel sprachabhängig. Piktogramme, Ideogramme oder Objekte haben die Aufgabe, Vorstellungen oder Eindrücke in Erinnerung zu bringen, die anschließend durch die Sprache ausgedrückt werden. Dieses Verfahren wurde auch in der altamerikanischen Bilderschrift angewandt. Auch ohne Kenntnisse der altamerikanischen Indianersprachen kann im Prinzip jeder diese Bilder „lesen“. Die Assoziationen, die von solchen Bildern hervorgerufen werden, sind jedoch bedeutungslos oder missverständlich, wenn man den kulturellen Hintergrund des Schreibers nicht kennt. Piktographie ist das älteste Schriftsystem.
Vollständige Schriftsysteme
Ein vollständig entwickeltes Schriftsystem kann jeden mündlich formulierten Gedanken darstellen. Es zeichnet sich durch eine mehr oder weniger festgelegte Entsprechung zwischen den Zeichen des Schriftsystems und den Elementen der damit dargestellten Sprache aus. Die dargestellten Sprachelemente können Wörter, Silben oder Phoneme (die kleinsten sprachlichen Einheiten, die zwischen zwei verschiedenen Äußerungen in einer Sprache unterscheiden) sein. Schriftsysteme lassen sich daher in Wortschriften (oder Logographien), Silbenschriften oder Alphabetschriften einteilen. Da ein vollständig entwickeltes Schriftsystem die Elemente einer Sprache darstellt, muss man eine Sprache kennen, um die von einem Schreiber beabsichtigte Bedeutung verstehen zu können. Das bedeutet nicht, dass ein Schriftsystem an eine bestimmte Sprache gebunden ist. Schriftsysteme lassen sich vielmehr verhältnismäßig leicht von einer Sprache auf die andere übertragen. Es bedeutet nur, dass ein vollständig entwickeltes Schriftsystem anders als ein piktographisches System einem Leser ohne Kenntnis der zugrunde liegenden Sprache keine Bedeutung vermittelt.
Wortschrift (Logographie)
Kennzeichen der Wortschrift sind zahlreiche, Logogramme genannte graphische Zeichen, die ganze Wörter darstellen. Häufig stellen solche Zeichen eine Reihe verwandter Wörter dar. In einigen Fällen steht ein Zeichen für mehrere nicht aufeinander bezogene unterschiedliche Wörter. In einer rein logographischen Schrift werden solche Unterscheidungen meist nicht aufgelöst, weshalb das Geschriebene mehrdeutig ist. Mit speziellen Zeichen lässt sich diese Mehrdeutigkeit auflösen, das Logogramm kann somit richtig gedeutet werden. Diese Zeichen zeigen semantische und phonetische Eigenschaften an und werden oft Determinative und phonetische Ergänzungen genannt. Determinative sind Zeichen, die die Klasse oder Kategorie des vom Logogramm dargestellten Wortes anzeigen. Sie haben keinen Lautwert, sondern dienen ausschließlich der semantischen Differenzierung. Die phonetische Ergänzung (phonetisches Komplement) wird in ähnlicher Weise verwendet. Sie hat aber eine spezifischere Funktion, da sie Hinweise auf die Aussprache des vom Logogramm dargestellten Wortes gibt. In der heutigen deutschen Alphabetschrift wird beispielsweise das Logogramm „2“ als „zwei“ gelesen. Um aber die Ordnungszahl darzustellen, wird die phonetische Ergänzung „.“ (Punkt) an das Logogramm angehängt, und das Logogramm sowie die phonetische Ergänzung werden als „zweite“, „zweiter“ usw. gelesen. In diesem Beispiel wird erstmals ein Zeichen für rein phonetische (oder nichtlogographische) Zwecke eingesetzt. Das heißt, das Zeichen dient nicht dazu, einen Gedanken und das damit verbundene Wort, sondern einen Laut, der Teil des als Logogramm gelesenen Wortes ist, zu rekapitulieren. Phonetische Ergänzungen werden wie Determinative nicht mitgelesen, sondern sollen ausschließlich das Lesen des betreffenden Logogramms erleichtern.
Die Darstellungsform mit Hilfe von Logogrammen genügt zur Identifizierung der meisten Substantive und einfachen Verben, nicht jedoch der Mehrzahl der Adjektive und Adverbien und keinesfalls der Pronomen und Eigennamen. Allein durch die Verwendung von Logogrammen können nicht alle Schattierungen der Flexionsendungen von Kasus und Verben abgebildet werden. Ohne diese Fähigkeit kann ein rein logographisches Schriftsystem nicht als vollständig entwickeltes Schriftsystem bezeichnet werden, auch wenn es semantische und phonetische Ergänzungen beinhaltet.
Silbenschrift
Mit dem Rebusverfahren versuchte man, die Beschränkungen des logographischen Schriftsystems zu überwinden. Dadurch, dass Zeichen zur Darstellung von Lauten, in diesem Fall Silben, verwendet werden, ließen sich Wörter ausdrücken, für die es kein Logogramm gab. Darüber hinaus konnten Morpheme oder Flexionsendungen von Kasus und Verben dadurch geschrieben werden, dass man das Zeichen für den entsprechenden Laut an das Logogramm hängte. Im Gegensatz zu den phonetischen Ergänzungen werden diese Zeichen allerdings als Elemente der geschriebenen Sprache gelesen und gedeutet.
Die Kombination aus Wort- und Silbenschrift stellt das erste vollständig entwickelte Schriftsystem dar. Sobald ein System alle Möglichkeiten der Ausdrucksweise entwickelt hat, entsteht ein Konflikt zwischen der Ökonomie des Schreibens (der Anzahl der Zeichen, die man zum Schreiben einer Äußerung benötigt) und der Vermeidung der Mehrdeutigkeit. Der größte Nachteil einer Wortsilbenschrift besteht darin, dass entsprechend dem Umfang des Wortschatzes eine große Anzahl von Zeichen erforderlich ist. Werden alle Wörter mit ähnlicher Bedeutung als Gruppe unter einem Logogramm zusammengefasst oder werden verschiedene Wörter mit dem gleichen Zeichen geschrieben, verringert dies zwar die Gesamtzahl der Zeichen, trotzdem benötigt ein solches Schriftsystem immer noch mindestens 500 oder 600 Zeichen. Werden keine Ergänzungszeichen benutzt, treten mit großer Wahrscheinlichkeit Mehrdeutigkeiten auf. Mit der Verwendung von Ergänzungszeichen verzichtet man jedoch wieder auf den großen Vorteil, weniger Zeichen für eine Äußerung zu benötigen. Bei einer reinen Silbenschrift kann man mit weniger als 100 Zeichen auskommen, selten werden mehr als 200 gebraucht. Die Verwendung der Silbenschrift hat den weiteren Vorteil, dass der Leser die Logogramme nicht deuten muss, da sie ohne Mehrdeutigkeiten mit einem phonetischen Schriftsystem niedergeschrieben wurden. Der Nachteil der Silbenschrift ist, dass man in der Regel mehr Zeichen benötigt, um eine gegebene Äußerung zu schreiben. In der einfachsten Form besteht eine Silbenschrift nur aus Zeichen für Konsonanten und Vokale sowie aus zusätzlichen Zeichen für einfache Vokale.
Im nächsten Schritt wird das Syllabarium (Inventar der Zeichen einer Silbenschrift) ausschließlich auf Konsonanten- und Vokalzeichen verkleinert, wobei zwischen den Vokalen nicht unterschieden wird. Das verringert die Anzahl der benötigten Zeichen auf die Zahl der in einer Sprache verwendeten Konsonanten. Allerdings erhöht es den Grad der Mehrdeutigkeit, da der Leser die richtigen Vokale selbst einsetzen muss. Da es sich um eine Silbenschrift handelt, ist die zum Schreiben einer gegebenen Äußerung benötigte Zeichenzahl genau so hoch wie bei einer einfachen Silbenschrift, die alle Vokale vollständig wiedergibt. Die verkleinerte Silbenschrift benötigt viel weniger Zeichen, weshalb jedes Zeichen einfacher sein kann. Auch wenn dieses Schriftsystem häufig als alphabetisch angesehen wird, müsste es genauer als halbalphabetische Schrift bezeichnet werden, da nicht jedes Phonem einer Sprache einzeln und unzweideutig dargestellt wird.
Alphabetschrift
Der letzte Schritt zu einer vollständigen Alphabetschrift (Buchstabenschrift) ist die lautliche Trennung der Konsonanten von den Vokalen und ihre getrennte Darstellung in der Schrift. Dafür werden einige Zeichen mehr benötigt, zugleich verschwindet jedoch die Mehrdeutigkeit, da ein Leser die Vokale nicht mehr selbst einsetzen muss. Die Alphabetschrift benötigt die größte Anzahl von Zeichen für eine gegebene Äußerung. Die Anzahl der für das Schriftsystem benötigten Zeichen ist jedoch klein genug, so dass die Zeichenform immer noch sehr einfach sein kann. Da jedes Zeichen für ein Phonem steht, wird jedes vom Schreiber vorgesehene Wort ausführlich ausgeschrieben. Der Leser muss keinen einzigen Laut ergänzen. Siehe Alphabet.
Diese Systeme geben einen groben Überblick über Theorie und Methodik der Entwicklung der Schrift. Tatsächlich gibt es kein Schriftsystem in reiner Form. In jedem Schriftsystem finden sich immer Elemente eines anderen Systems. Ein Beispiel dafür ist die Vielzahl von Logogrammen, die in den heutigen Alphabetschriften verwendet werden.
Geschichte der Schrift
Schriftsysteme haben immer die Tendenz, konservativ zu sein. Änderungen und Modifizierungen wurden stets zögernd vorgenommen. Auch heute noch stoßen Versuche zur Reformierung der Rechtschreibung oder zur Beseitigung von Widersprüchen in der Orthographie auf starken Widerstand. Aufgrund dieses Konservativismus traten die wichtigsten Neuerungen in der Struktur eines Schriftsystems meist dann auf, wenn ein Volk ein Schriftsystem von einem anderen Volk übernahm. In die akkadische Schrift wurde beispielsweise der syllabische Anteil der sumerischen Wortsilbenschrift aufgenommen. Beibehalten wurden die Logogramme, die üblicherweise in einer Art von Kurzschrift geschrieben wurden (siehe Sumerisch). Als die Hethiter das akkadische System für ihre eigene Sprache entlehnten, strichen sie die meisten der polyphonen und homophonen Silbenzeichen und viele der sumerischen Logogramme, benutzten aber mehrere akkadische Silbenzeichen als Logogramme (siehe hethitische Sprache).
Die älteste bekannte Schrift stammt etwa aus der Zeit um 3000 v. Chr. und wird den Sumerern in Mesopotamien zugeschrieben. Da sie eine logographische Schrift ist, lässt sie sich nur ungenau lesen. Das Rebusprinzip tritt jedoch schon deutlich hervor; erkennbar ist auch die Entwicklung zu einer Wortsilbenschrift. Anhand der etwa 100 Jahre jüngeren ägyptischen Hieroglyphenschrift konnte auch das Prinzip des Rebusverfahrens erstmals nachgewiesen werden (siehe Ägyptisch; Hieroglyphen). Man vermutet, dass die Entstehung der ägyptischen Schrift durch die sumerische Schrift angeregt wurde.
Etwa zur selben Zeit entwickelte sich in Elam die so genannte proto-elamitische Schrift. Sie konnte bis heute nicht entziffert werden. Aufgrund der Anzahl der verwendeten Zeichen ist zu erkennen, dass es sich um eine Wortsilbenschrift handelt. Später entwickelten sich Wortsilbenschriftsysteme auch in der Ägäis, in Anatolien, im Indus-Tal und in China (siehe Chinesisch). Andere Völker entliehen von diesen Wortsilbenschriften Syllabarien für die schriftliche Darstellung der eigenen Sprache. Ein Syllabarium in der einfachsten und kürzesten Form (d. h. Zeichen für einen Konsonanten mit einem beliebigen Vokal) wurde von den semitischen Völkern in Palästina und Syrien ohne die Logogramme und die komplexeren Silben des ägyptischen Schriftsystems während der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. von den Ägyptern entlehnt (siehe semitische Sprachen). Dieses Syllabarium eignete sich ausgezeichnet, da die Ägypter nie Vokale geschrieben hatten. Die älteste dieser halbalphabetischen Schriften findet sich in den Inschriften in der so genannten Proto-Sinai-Schrift aus den Jahren um 1500 v. Chr. Ein weiteres dieser Schriftsysteme aus der Zeit um 1300 v. Chr. wurde bei Ugarit an der syrischen Nordküste gefunden. Diese Inschrift war in der Art der mesopotamischen Keilschrift auf Ton ausgeführt. Die anderen Völker dieser Region entwickelten ähnliche Schriftsysteme.
Die Griechen entlehnten ihr Schriftsystem von den Phöniziern und vollzogen den letzten Schritt auf dem Weg zur Alphabetschrift, indem sie die Konsonanten von den Vokalen trennten und beide getrennt schrieben. Damit war um 800 v. Chr. eine vollständige Alphabetschrift entstanden (siehe Griechisch). Aus dem griechischen Alphabet entwickelte sich im 7. Jahrhundert v. Chr. die lateinische Schrift, die mit der Expansion des Römischen Reiches schließlich in ganz Westeuropa und Teilen Osteuropas (bei den Polen, Tschechen und Slowaken) verwendet wurde. Die erste Ausprägung der lateinischen Schrift beinhaltete ausschließlich Großbuchstaben (Majuskelschrift) und wurde als Capitalis quadrata hauptsächlich für Steininschriften verwendet. Daraus entstand allmählich eine so genannte Kursivschrift, die wiederum der Vorläufer für die Minuskelschrift wurde, die auch Kleinbuchstaben umfasste. Nach dem Untergang des Römischen Reiches wuchs die Vielfalt nationaltypischer Schriften. Im Reich Karls des Großen bildete sich die so genannte karolingische Minuskel heraus, die während des gesamten Mittelalters verwendet wurde. Aus der im 12. Jahrhundert entstandenen gotischen Schrift und der Frakturschrift des 15. Jahrhunderts entwickelte sich deutsche Schrift.
Auf dem Gebiet, das von den Russen, Weißrussen, Ukrainern, Bulgaren, Serben und Makedoniern besiedelt wurde, verbreitete sich das kyrillische Alphabet. In Nordeuropa war vom 2. Jahrhundert n. Chr. bis zum Mittelalter die Runenschrift in Gebrauch. Weitere Informationen enthalten die jeweiligen Artikel zu den Buchstaben des Alphabets.
Siehe auch Paläographie
Belletristik (französisch belles lettres: schöne Wissenschaften), seit dem 18. Jahrhundert gebräuchliche Bezeichnung der schöngeistigen Literatur bzw. Unterhaltungsliteratur, um diese von der fachspezifischen Literatur abzusetzen.
Siehe Roman; Siehe Kurzgeschichte.

Abbildung
1Miguel de Servantes
Der Roman profilierte sich erst zu Beginn der Neuzeit als eigenständige Gattung, gewann aber seit seiner Akzeptanz als „hohe“ Literatur im 18. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung und entwickelte bis heute eine gewaltige Vielfalt des Erscheinungsbildes. Mit dem Beginn der industriellen Buchproduktion um 1800 und der Formierung einer modernen, d. h. extensiv konsumierenden Literaturgesellschaft avancierte er zur populärsten Prosa- und Literaturgattung überhaupt. Einerseits als triviales „Lesefutter“ in Fülle verbreitet (siehe Trivialliteratur), demonstriert er andererseits als Sprachkunstwerk beständig seinen experimentellen Charakter, wobei in der Moderne und der Postmoderne die Handlung als strukturbildendes Element zunehmend in den Hintergrund tritt zugunsten multiperspektiver, häufig am Film orientierter Darstellungsweisen (Montage, Simultantechnik etc.) .
Antike und mittelalterliche Ursprünge
Bereits in der Antike entstanden in Indien, Japan, China und Ägypten sowie in der arabischen Welt und im griechisch-römischen Raum zahlreiche längere Prosaerzählungen, die später Bestandteil der europäischen Literaturtradition wurden, darunter Teile der Schriften Herodots, Anabasis und Kyru paideia (4. Jh. v. Chr.) von Xenophon und die um 100 v. Chr. entstandene populäre Sammlung erotischer Erzählungen Miles des Aristides von Milet. Aus dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. stammt das älteste überlieferte griechische Zeugnis der Gattung, der Liebesroman Chaireas und Kallirhoe von Chariton von Aphrodiasias, der die Muster folgender Werke der Zeit vorgab; dazu gehören die exotische Kulisse, phantastische Fahrten, pathetisch ausgemalte Liebesverstrickungen, eingefügte Reden, dramatisch ausgefeilte Wortwechsel im Stil der Tragödie bzw. der damals gerade neuen attischen Komödie nachempfundene Dialoge. Weitere bedeutende antike Beispiele der Gattung sind Ovids Metamorphosen (ca. 10 n. Chr.), das mit Kulturkritik durchwobene Satyricon des Petronius (um 50 n. Chr.) sowie der für die römische Romanproduktion typische, da satirische Goldene Esel von Apuleius (um 170 n. Chr.). In der für den Roman äußerst produktiven Nachfolgezeit folgten u. a. die Aithiopica des Heliodor (ca. 240 n. Chr.), Leukippe und Kleitophon (Ende des 2. Jahrhunderts) des Achilleus Tatios, die Ephesiaka des Xenophon von Ephesos und der Longos zugeschriebene bukolische Roman Daphnis und Chloe (beide im 2. oder 3. Jahrhundert). Von der immer wieder kolportierten Urfassung der Liebesromane um die Figur des Apollonius von Tyrus aus dem 3. Jahrhundert ist der Verfasser nicht bekannt. Besonders einflussreich waren spätantike Varianten des Apollonius-Romans in lateinischer Sprache (4. bis 6. Jahrhundert) sowie Troja-Romane und Volksbücher, etwa der so genannte Alexanderroman.
Weitere Vorläufer – und vor allem wichtige Quellen – des modernen Prosaromans waren das mittelalterliche Versepos (die isländische Edda, der englische Beowulf, das Nibelungenlied usw.) und, ab dem 12. Jahrhundert, die altfranzösischen Fabliaux, schwank- bzw. märchenartige Verserzählungen erotisch-satirischer Prägung, die auch der Märe ihre Gestalt verliehen. Erste, teils von der griechischen Tradition beeinflusste mittelalterliche Versromane mit antiken Stoffen und Entlehnungen aus der keltischen Mythologie entstanden im Frankreich des 12. Jahrhunderts. Paradigmatisch für die Zeit ist das von höfischen Idealen geprägte Werk des Chrétien de Troyes, das die hohe Minne und ritterliche Abenteuer thematisierte und um 1180 als roman courtois den mittelhochdeutschen Raum beeinflusste; Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach empfingen vom roman courtois wichtige Impulse. Nach 1190 entstand mit Tristan et Iseult von Bérol der erste tragische Roman spezifisch europäischer Provenienz; Bérol griff die unglückliche Liebesgeschichte von Tristan und Isolde wieder auf, die bereits den anglonormannischen Dichter Thomas von Bretagne 1160 und 1165 zu einer Fassung inspiriert hatte. Zwischen 1230 und 1240 verfasste Guillaume de Lorris den ersten Teil des Roman de la Rose in 4 068 Versen, der die Form der Allegorie innerhalb der Romangattung kultivierte. Im 14. Jahrhundert wurden nur noch wenige Versromane verfasst; erst im 15. und 16. Jahrhundert kam es in Italien durch Ludovico Pulci und Matteo Maria Boiardo bzw. durch Ludivico Ariosto und Torquato Tasso zu einer gewissen formalen Neubelebung.
Unter den wenigen asiatischen Romanen ragt Genji-monogatori (Die Geschichte vom Prinzen Genji) der japanischen Hofdame Murasaki Shikibu aus dem 11. Jahrhundert heraus; generell aber blieb der Roman bis ins 18. Jahrhundert ein gesamteuropäisches Phänomen. Hier vollzog sich auch die Herausbildung seiner Formenvielfalt, wenn auch gelegentlich einzelne Nationalliteraturen bevorzugt bestimmte Romantypen hervorbrachten.
16. Jahrhundert: die Emanzipation der Prosa
Ausgehend von Frankreich begann gegen Ende des 15. Jahrhunderts eine verstärkte Emanzipation der Prosa innerhalb der europäischen Literatur. Da der Roman jedoch weiterhin höfische Ideale propagierte und auch als Form mit diesen gleichgesetzt wurde, kam er beim zunehmend bürgerlichen Publikum in den Verruf, einer neuen, urbaner werdenden Wirklichkeit entgegenzustehen. (Der Vorwurf einer idealisiert-trivialisierten Weltsicht durch den Roman hielt sich bis ins 18. Jahrhundert.) 1485 erschien mit Thomas Malorys Le Morte Darthur in England erstmals eine Druckfassung eines Prosaromans – sie war von William Caxton bearbeitet und bevorwortet worden; Thema war die Artussage. Die galante Weltanschauung seiner Zeit kultivierte der in Italien begründete Schäferroman, der in Iacopo Sannazaros Arcadia (vollständig erstmals 1504) einen frühen Glanzpunkt fand. In Deutschland etablierte sich der Prosaroman erst zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wobei die Wiederentdeckung griechischer Klassiker des Genres im Zuge des Buchdrucks maßgeblich wurde. Herausragende Werke sind die Volksbücher Till Eulenspiegel, das bereits 1515 erschien, und das Lalebuch; beide griffen die vom Stricker initiierte Tradition des Schwankromans wieder auf. Einen frühen Höhepunkt der Gattung des Prosaromans stellt Rabelais’ fabulierfreudiges Buch Gargantua und Pantagruel dar, das zwischen 1532 und 1564 erschien und die phantastischen Abenteuer zweier Riesen zum Thema hat. Er beeinflusste u. a. Johann Fischart zu seiner Affentheuerlich Naupenheuerlichen Geschichtklitterung (1582).
Mit dem so genannten Schelmenroman trat im Spanien des 16. Jahrhunderts erstmals ein Typ des Prosaromans mit relativ differenzierter Psychologie der Figuren und realistischer Wiedergabe ihres gesellschaftlichen Umfelds auf, darunter der anonym veröffentlichte Lazarillo de Tormes (1554) und Mateo Alemáns Guzmán de Alfarache (1559-1604). Aus der Perspektive vagabundierender Helden der sozialen Unterschicht und ihrer verwickelten Abenteuer zeichnete er ein lebendiges, bisweilen sozialkritisches Sittenbild des zeitgenössischen Spanien. Nach dem Protagonistentypus, dem pícaro (spanisch für: Gauner, Schelm), werden diese Romane auch pikarische Romane genannt. Ihr Vorbild ist bis hin zu Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausens Simplicissimus (1668), René Lesages Gil Blas (1715-1735) und William Makepeace Thackerays Vanity Fair (1848) spürbar. Noch populärer als die Schelmenromane jedoch war das Genre der damals weit verbreiteten Ritterromane, die alte Ritterepen für ein am Sensationellen interessiertes Massenpublikum aufzubereiten suchten. Der populärste Stoff war zweifellos der des Amadis (Amadis von Gaula, 1569 ff.), der seit 1350 bis Ende des 16. Jahrhunderts immer neue Bearbeitungen und Erweiterungen erfuhr und innerhalb der französischen Literatur gar bis ins 17. Jahrhundert wirkte. In England verfasste Philipp Sidney mit The Countesse of Pembrooke’s Arcadia (1590; Arcadia der Gräfin Pembrock) eine pastoral-chevalereske Prosaromanze, die später ebenfalls als Vorbild für Schäferdichtungen diente und etwa Thomas Nashe beeinflusste. Nashes The Unfortunate Traveller, or The Life of Jack Wilton (1594; Der unglückliche Reisende oder Die Abenteuer des Jack Wilton) wiederum ist das früheste Beispiel eines Schelmenromans in englischer Sprache.
17. Jahrhundert: der Beginn des modernen Romans
Ursprünglich als Parodie auf die grassierende Mode der Ritterbücher verfasst, markiert Miguel de Cervantes’ Don Quijote de la Mancha (1605 und 1612) den eigentlichen Beginn des modernen Romans. Rein vordergründig ein Abenteuerroman über einen Landedelmann, der durch exzessive Lektüre der Ritterbücher und Identifikation mit deren Helden zusehends in eine Traumwelt und in Konflikt mit der Wirklichkeit gerät, gelang dem Autor hier ein Werk von enormem Erfindungsreichtum, Sprachwitz und psychologischem Einfühlungsvermögen, dessen Qualitäten noch der deutschen Romantik als Richtschnur dienten. Ein umfassendes Panorama der anthropologischen und weltanschaulichen Positionen des Barock entwarf Gracian y Morales in seiner philosophischen Romanallegorie El criticón (3 Bde., 1651-1657). Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden in Frankreich die monumentalen Liebesromane der Madame de Scudéry. Antoine Furetière, Charles Sorel und Paul Scarron nutzten die Gattung zur Satire. In Deutschland beginnt zur Jahrhundertmitte ein selbständiges Romanschaffen; namentlich Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel und Daniel Caspar von Lohenstein machten sich hier verdient.
Die Tendenz zum psychologischen und sozialen Realismus im Roman setzte sich bis zum Ende des 17. Jahrhunderts fort, gelangte aber erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts voll zur Entfaltung. Frühes Beispiel hierfür ist Marie-Madeleine Marquise de La Fayettes La Princesse de Clèves (1678). Die religiöse Allegorie The Pilgrim’s Progress (1678-1684; Die Pilgerreise) von John Bunyan variiert die Form. 1670 erschien mit Piere Daniel Huets Traité de l’origine des romans die erste Untersuchung zur Geschichte der Gattung. Christian Weise übertrug ein politisch-satirisches Romanschaffen in die deutsche Dichtung (Der politische Näscher, 1676). Im Bereich der Unterhaltungsliteratur ragt Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg (1636-1651) klar heraus und schlägt mit seinem bürgerlichen Impuls eine Brücke vom Barock zur Aufklärung.
18. Jahrhundert: der Aufstieg des Romans
Seinen Ursprung nahm die Etablierung des Romans als ernstzunehmender Kunstform des aufstrebenden Bürgertums innerhalb der englischen Literatur. Daniel Defoe, Samuel Richardson, Henry Fielding, Tobias Smollett und Laurence Sterne setzten hierbei für lange Zeit international die Maßstäbe. So legte Defoe mit seinem The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe, of York, (3 Bde., 1719/20; Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe) den Grundstein der zeitgenössischen Robinsonade. Richardson verband in den Briefromanen Pamela (1740) und Clarissa (1747/48) das traditionelle Gattungssujet der jungen Frau, die ihre Keuschheit verteidigt, mit minutiöser Figurenpsychologie. In ihrer Nachfolge entstand etwa Christian Fürchtegott Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G*** (2 Bde., 1747/48), das wesentlich zur Popularisierung des Briefromans im deutschen Sprachraum beitrug. Unter anderem in The History of Tom Jones, A Foundling (1749; Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes) schuf Fielding ein farbiges, humorvolles Tableau des zeitgenössischen Lebens, wobei er den Leser zum lächelnden Komplizen seines allwissend-überlegenen Erzählers machte. Smolletts Roderick Random (1748) profilierte diesen Zeithintergrund aus der sozialen Froschperspektive des pikaresken Titelhelden. Zudem parodierte er den moralisierenden Gestus von Richardsons Pamela in An apology for the life of Mrs. Shamela Andrews (1741) und The Adventures of Joseph Andrews and his Friend, Mr. Abraham Adams (1742). In The Adventures of Roderick Random (1748; Die Abenteuer Roderick Randoms), The Adventures of Peregrine Pickle (1751; Die Abenteuer des Peregrine Pickle) und Ferdinand Count Fathom (1753; Die Abenteuer des Grafen Ferdinand Fathom) verband Smollet meisterhaft detaillierte Milieuschilderungen, karikaturistische Charakterporträts und Gesellschaftssatire in einer Weise, die später auf Charles Dickens wirkte.
Zwischen 1759 und 1767 legte Sterne in den neun Bänden von The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys) das ultimative – und innovativste – Meisterwerk der Epoche vor. Während der Titel einen herkömmlichen biographischen Roman vermuten lässt, stellte Sterne die Chronologie einfach um (so wird der Held erst im 3. Band geboren), durchbrach sie durch Abschweifungen (digressions) oder fügte Kapitel ein, die nur aus einem einzigen Satz oder einer leeren Seite bestehen. Die hier vorgebildete Technik der Einschübe und Rückblenden wurde viel bewundert, in Deutschland z. B.von Goethe und Jean Paul, ohne zunächst nachgeahmt zu werden (Ausnahmen waren Denis Diderots Jacques le fataliste von 1773 und Theodor Gottlieb von Hippels Lebensläufe nach aufsteigender Linie, die zwischen 1778 und 1781 in drei Bänden erschienen); erst im 20. Jahrhundert konnte James Joyce sie adäquat fortführen und weiterentwickeln. Auch Sternes autobiographisch gefärbter Reisebericht A Sentimental Journey through France and Italy (1768; Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien) fand Eingang in die Weltliteratur und gab zusammen mit Richardsons Pamela und Oliver Goldsmiths The Vicar of Wakefield (1766; Der Vikar von Wakefield) das Modell für den deutschen Roman der Empfindsamkeit ab. Der Einfluss reicht von Marie Sophie von La Roches Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1769-1773) über die Reiseberichte Freiherr von Knigges bis hin zu Goethes Die Leiden des jungen Werthers (1774), dem ersten Romanerfolg der deutschen Literatur. In Friedrich Hölderlins Hyperion (1797-1799) wirkt vor allem der Einfluss Richardsons nach.
1774 entstand mit Christian Friedrich von Blanckenburgs Versuch über den Roman die erste deutsche Romantheorie. Allerdings hatte die Gattung in Deutschland noch keine eigenständige Tradition ausgeformt und zeigte sich daher besonders offen für den Einfluss fremdsprachiger Literaturen. Zudem war ihre Akzeptanz innerhalb des Literaturkanons noch gering. Auch der französische Roman gewann erst im 19. Jahrhundert an Geltung, abgesehen von einigen Meisterwerken wie Antoine François Prévost d’Exiles Histoire du chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut (1731; Geschichte des Manon Lescaut und des Ritters Grieux), Voltaires grandios-pessimistischer Zeitsatire Candide ou l’optimisme von 1759 (dem Vorbild für Johann Karl Wezels Belphegor), Choderlos de Laclos’ erotischem Briefroman Les liaisons dangereuses (1782; Die gefährlichen Liebschaften) oder der Nouvelle Heloïse (1761) von Jean-Jacques Rousseau.
Als Antwort auf den Vernunftkult des aufklärerischen Rationalismus entwickelte sich wiederum in England das eigenständige Genre des Schauerromans bzw. der Gothic Novel, ein in allen westlichen Literaturen häufig kopiertes Muster. Mit Horace Walpoles The Castle of Otranto (1764) begann die Traditionslinie; das Buch wies bereits die meisten der charakteristischen Genremerkmale auf, darunter ein düsteres mittelalterliches Schloss oder Kloster bzw. nächtlicher Kirchhof als Schauplatz und Furcht erregende übernatürliche Erscheinungen. Unter anderem Matthew Lewis’ The Monk (1796) oder Ann Radcliffes The Mysteries of Udolpho (1794) bedienten sich der Vorgabe. Literarisch anspruchsvoller präsentieren sich Mary Wollstonecraft Shelleys Frankenstein (1818) und Charles Robert Maturins Melmoth the Wanderer (1820; Melmoth der Wanderer), während William Beckfords Vathek (1786) den Schauerroman bereits persifliert. Noch in Emily Brontës Wuthering Heights (3 Bde., 1847) dient das Schema der Gothic Novel zur Beschreibung der dämonischen Abgründe des Unbewußten. In Deutschland trat der Schauerroman hauptsächlich in seinen trivialen Formen in Erscheinung; eine Ausnahme bildet E. T. A. Hoffmanns Doppelgängerroman Die Elixiere des Teufels (1815/16), der stofflich und motivisch auf Lewis’ Monk zurückgreift.
Von großem Gewicht waren im 18. Jahrhundert der Erziehungsroman rousseauscher Prägung (Émile ou De l’éducation, 1762) und der deutsche Bildungsroman, vor allem – bereits mit negativem Impuls – Anton Reiser von Karl Phillip Moritz (1787) und Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96).
19. Jahrhundert: Roman und Moderne
Mitte des 19. Jahrhunderts bildete vor allem die französische Literatur mit ihren Vertretern Stendhal, Honoré de Balzac und Gustave Flaubert neue Romanformen aus, die bis ins 20. Jahrhundert hinein verbindlich blieben. England war nach wie vor einflussreich, vor allem bei der prononcierten Darstellung einer Verstrickung von Individuen in ein tragisches Schicksal (Emily Brontë, Thomas Hardy, George Eliot) sowie auf dem Gebiet des historischen Romans; wichtigste Autoren waren hier Walter Scott, Charles Dickens, William Makepeace Thackeray und Anthony Trollope. Besonders Scotts Waverley-Romane (1814-1828) fanden ein starkes Echo, so in Frankreich bei Victor Hugo und Prosper Mérimée, in Italien bei Alessandro Manzoni und in Deutschland, wo sie bis hin zu Theodor Fontane fortwirkten (nach Scotts Vorbild begründete James Fenimore Cooper später den historischen Roman der USA); Jane Austen griff den Detailreichtum von Scotts Büchern wieder auf und bereicherte ihn um psychologische Präzision. Der Feuilleton- bzw. Kolportageroman gewann durch neue Verbreitungsmethoden an Popularität und trug entscheidend zur Trivialisierung des historischen Romans bei. Ein vorherrschendes Thema der Schriftstellergenerationen des 19. Jahrhunderts war die Gesellschaftskritik, die sich in zahlreichen Zeitromanen niederschlug. Wichtig wurden die in den Klassikern des 18. Jahrhunderts entwickelten Techniken der Dialogführung und der pointierten Charakterzeichnung: So kritisierte Dickens die viktorianische Gesellschaft weniger durch eine realistische Darstellung als durch einen phantasievollen Reigen komischer Charaktere und Situationen mit meist versöhnlicher, zuweilen polemischer Tendenz.
Die entscheidenden Impulse erhielt der europäische Roman hierbei von den oftmals unter dem Begriff des Realismus subsumierten französischen Autoren. Die Darstellung einer Verflechtung des persönlichen Schicksals mit der Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft sowie der Antagonismus von Trieb und sozialer Norm sollte zum Panorama des individuellen und öffentlichen Lebens entfaltet werden. Mit Julien Sorel stellte Stendhal in Le rouge et le noir (1830; Rot und Schwarz) den Typus des sozialen Außenseiters ins Zentrum des Interesses, der als rücksichtsloser Emporkömmling gegen die Zwänge der nachnapoleonischen Gesellschaft opponiert, Fabrice del Dongo in La chartreuse de Parme (1839; Die Kartause von Parma) repräsentierte den amoralisch-machthungrigen Abenteurer schlechthin. In ähnlicher Weise machte sich Balzac in La comédie humaine (1831-1848; Die menschliche Komödie) zum Geschichtsschreiber des zeitgenössischen Frankreich: Mit den 47 Bänden, die eine von skrupellosem Gewinnstreben sowie von technologischer und wirtschaftlicher Ausbeutung gezeichnete Gesellschaft vorführen, avancierte er zum Gestalter der überzeitlichen ebenso wie der historisch konditionierten Konflikte von Subjekt und System. Deutlich spielt die Comédie humaine in ihrem Titel an auf Dantes Divina Commedia; ursprünglich sollte die Sammlung 137 Bände umfassen. Sie enthält so bekannte Romane wie La peau de chagrin (1831; Das Chagrinleder) und Splendeurs et misères des courtisanes (1838-1847; Glanz und Elend der Kurtisanen).
Mit seiner fast wissenschaftlichen Analyse der psycho-sozialen Konditionen menschlicher Existenz nahm Flaubert bereits Züge des Naturalismus vorweg. Hinzu trat ein stetes Ringen um den adäquaten sprachlichen Ausdruck, der bisher der Handlungskomposition untergeordnet gewesen war. Nicht von ungefähr bezeichnete Jean-Paul Sartre den Autor später als den „Heiligen des Romans“ und zielte damit vor allem auf dessen Konzeption als Sprachkunstwerk, die in dieser Rigorosität erst wieder im 20. Jahrhundert auftrat. In dem Ehedrama Madame Bovary (1857) und in L’éducation sentimentale (1869; Lehrjahre des Gefühls) versuchte Flaubert das Alltagsleben mit der Gewichtigkeit und Präzision eines klassischen Epos zu schildern und nahm dabei nahezu alle Erzähltechniken der Moderne vorweg. Der Naturalist Émile Zola bereicherte Flauberts quasiwissenschaftlichen Stil um akribische Milieustudien, in denen er die Abhängigkeit des Individuums von Vererbung und Umwelt herauszustellen suchte, wie in seiner fiktiven Familienchronik Les Rougon-Macquart, die ab 1871 als Folge von 20 Romanen erschien. Darunter finden sich so berühmte Romane wie die mehrmals verfilmte Dirnengeschichte Nana (1879/80) und Germinal (1885), der im Kohlebergbaurevier Nordfrankreichs spielt. Während das Industrieproletariat noch Mitte des Jahrhunderts literarisch kaum in Erscheinung trat – Dickens’ Hard Times (1854) bilden eine Ausnahme –, rückte es mit dem steigenden Interesse der Romanciers an sozialen Fragen zunehmend ins Blickfeld; in Frankreich stellten es auch die Brüder Goncourt in den Mittelpunkt. In Italien zeigt sich diese Verlagerung des Romansujets etwa bei Giovanni Verga und Antonio Fogazzaro (1842-1911), die mit dem so genannten Verismo eine Variante naturalistischen Schreibens schufen, in Spanien u. a. bei Vicente Blasco Ibáñez. In Deutschland war Naturalistisches mehr im Drama präsent, etwa bei Gerhard Hauptmann; die Arbeiter- und Milieuromane von Karl Bleibtreu und anderen sind heute zu Recht vergessen. Erfolgreicher und von teils internationalem Rang präsentieren sich die Romane Theodor Fontanes, der ohne das sozialanklägerische Pathos der Naturalisten feinsinnige Porträts des märkischen Adels und des Berliner Bürgertums an der Schwelle zur modernen Massengesellschaft zeichnete, so im Ehebruchroman Effi Briest (1896) und im autobiographisch gefärbten Altersroman Der Stechlin (1899). In manchen Zügen schimmert hier bereits die filigran-ironische Prosa Thomas Manns durch.
Der russische Roman des 19. Jahrhunderts war formal stark von französischen Vorbildern geprägt, die er thematisch auf russische Verhältnisse übertrug. Häufig geriet er so zur Waffe gegen den feudalen Despotismus des Zarenreiches und lag in beständigem Konflikt mit der rigorosen Zensur. So attackierte Nikolaj Gogol in Die toten Seelen (1842) die desolaten Lebensumstände der leibeigenen Bauern und die erbärmliche Rückständigkeit der russischen Provinz. Sein Generationsgefährte Iwan Gontscharow schuf mit der Titelgestalt des talentierten, jedoch an seiner Antriebslosigkeit scheiternden Oblomov 1859 einen Typus, der in Russland sprichwörtliche Bedeutung erlangte, und zugleich den ersten nationalen Romanklassiker. Iwan Turgenjew, der lange in Deutschland lebte, beschrieb den russischen Landadel und das Bürgertum aus „westlicher“ Perspektive, wobei ihm feinfühlige, atmosphärisch dichte Tableaus gelangen (Väter und Söhne, 1862; Neuland, 1877). Der erste russische Romancier von Weltgeltung jedoch war Fjodor Dostojewskij. Mit bis dahin nicht gekannter Intensität durchdrang er psychologisch meisterhaft die Welt der Verzweifelten, Kranken und Verbrecher (Schuld und Sühne, 1866; Der Idiot und Die Dämonen, 1868; Die Brüder Karamasow, 1879/80), ohne erzählerisch zu einer der gestalteten Figurenperspektiven Stellung zu beziehen . Lew Tolstoj teilte mit Dostojewskij die überreiche Figuren- und Ereignisfülle, übertraf ihn aber in der epischen Breite der Darstellung bei weitem. Seine mehrmals verfilmten Hauptwerke Krieg und Frieden (1865-1869) und Anna Karenina (1875-1877) markieren einen Höhepunkt der europäischen Erzählliteratur des späten 19. Jahrhunderts.
Mitte des 19. Jahrhunderts legte Hermann Melville mit Moby Dick (1851) einen der bedeutendsten Romane der amerikanischen Literatur vor; das Buch war seinem Freund Nathaniel Hawthorne gewidmet, der etwa zur gleichen Zeit mit seinen Historical Romances hervortrat. Einen volksnahen Realismus wußte Mark Twain in Tom Sawyers Abenteuer (1876) mit Humor zu verknüpfen; darüber hinaus schuf er mit den Romanen über Tom Sawyer und Huckleberry Finn zwei Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Den Naturalismus innerhalb der USA etablierte Frank Norris.
Nachdem die (Künstler-)Romane der Romantik etwa von Novalis und Ludwig Tieck noch stark märchenhaft-abstrakte Züge trugen, fand die Gattung bei Joseph von Eichendorff und Karl Leberecht Immermann, dezidiert aber bei den Autoren des Jungen Deutschland wie Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Friedrich Spielhagen u. a. zum konkreten, oftmals politisch-sozialen Zeitbezug. Dies spiegelte sich formal in einem um Authentizität bemühten Schreiben. Bedeutende deutschsprachige Realisten des 19. Jahrhunderts waren neben Fontane die Romanciers Wilhelm Raabe, Gottfried Keller, Gustav Freytag, Jeremias Gotthelf und Adelbert Stifter. Innerhalb der nordischen Literatur begann sich der Realismus bzw. Naturalismus mit den Romanen Arne Garborgs, Knut Hamsuns, Carl Jonas Love Almqvists und Jens Peter Jacobsens durchzusetzen. Bei letzterem zeigten sich später – wie auch bei Hermann Bang – Züge des Impressionismus. Zur Jahrhundertwende prägte Gabriele D’Annunzio den Roman des Ästhetizismus.
20. Jahrhundert: Tradition und Experiment
Der im 19. Jahrhundert ausgebildete psychologisch-philosophische Romantypus erlebte zur Jahrhundertwende im Werk von Marcel Proust und Thomas Mann seinen Höhepunkt. In À la recherche du temps perdu (1913-1927; Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) präsentierte Proust eine Phänomenologie der Liebe und den Konflikt ihrer tabuisierten Erscheinungsformen mit einer einerseits in Konventionen erstarrten, andererseits immer komplexer werdenden Gesellschaft. An das Motiv der verlorenen Zeit knüpft sich ein Netzwerk kleinster und minutiös rekapitulierter Erinnerungspartikel. Das in der Erinnerung erlebte fiktive Dasein der Figuren hat ein Äquivalent in der eigenen Realitätsebene der Sprache. Hier kündigt sich bereits die Autonomie des Sprachkunstwerkes an, die zum Signum moderner Dichtung avancierte (l’art pour l’art).Während sein Bruder Heinrich Mann vor allem das Bürgertum der Weimarer Republik karikierte (Der Untertan, 1916), verbinden Thomas Manns Romane (Buddenbrooks, 1901; Der Zauberberg, 1924; Doktor Faustus, 1947) die Darstellung der Probleme des modernen Europa und seines kulturellen Erbes mit profundem psychologischem Einfühlungsvermögen und bildungsbürgerlicher Ironie. Das Niveau seines Romanwerkes ist im deutschen Sprachraum ohne Parallele.
Dem gegenüber wurde die individualpsychologische Durchdringung des Figurenpersonals im Romanschaffen von Dadaismus, Surrealismus, Futurismus und Expressionismus konsequent destruiert. Jedoch stützen sich diese Bewegungen zumeist auf die Kurzprosaform oder das unmittelbarere Drama. Weitere bedeutende deutschsprachige Romanciers der Moderne waren Rainer Maria Rilke mit Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) und Joseph Roth mit Gesellschaftsromanen wie Radetzkymarsch (1932) und Die Kapuzinergruft (1938). Franz Kafka zeigte in seinen posthum herausgegebenen Fragmenten Der Prozeß (1925) und Das Schloß (1926) den Menschen in der Verstrickung einer labyrinthischen Bürokratie. Mit Ulysses (1922) schuf der Ire James Joyce den Prototyp des modernen Bewusstseinsromans. Dabei bezog sich der Titel bewußt auf Homers Odyssee, deren abenteuerliche Reise Joyce auf den 16. Juni 1904 ins zeitgenössische Dublin verlegte. Dabei stellte der Autor den Tagesablauf des Protagonisten Leopold Bloom und anderer Figuren mit der neuen literarischen Technik des Stream of consciousness dar, dem unaufhörlichen Fluss bewusster und halbbewusster Gedanken und Assoziationen. Darüber hinaus ist Ulysses ein von der enzyklopädischen Bildung seines Verfassers geprägtes Meisterwerk der komischen Literatur, das den Realismus über seine bisherigen Grenzen hinausträgt. Der neuen Erzählweise widmeten sich u. a. auch Miguel de Unamuno y Jugo und Cesare Pavese.
Innovativ wirkten auch der Amerikaner John Dos Passos mit seinem Roman Manhattan Transfer (1925), der eine perspektivisch gebrochene Analyse der zeitgenössischen Gesellschaft der USA in Form schlaglichtartiger Skizzen zeigte, und Alfred Döblin mit Berlin Alexanderplatz (1929). In ähnlicher Weise wie Dos Passos montierte Döblin Momentaufnahmen des urbanen Alltagslebens und verknüpfte die Biographie seines Romanhelden Franz Biberkopf über eine quasi „filmische“ Schnitttechnik mit Umgangs- und Reklamesprache; auf diese Weise machte er auch formal die Großstadt zum Helden des Buchs. Der englische Roman der Bloomsbury group orientierte sich stark an der Psychologie Sigmund Freuds und provozierte die bigotte viktorianische Moral mit freizügigen Darstellungen der Sexualität; dies galt vor allem für D. H. Lawrences Lady Chatterley (1928). Abgesehen von Joyce und Virginia Woolf (Orlando, 1928) blieben sprachliche Experimente selten. Weltweite Beachtung fanden die meisterhaften Kriminalromane und psychologischen Texte Graham Greenes (Am Abgrund, 1938; Unser Mann in Havanna, 1958), die zum großen Teil auch verfilmt wurden. Zu den auch in Europa einflussreichen amerikanischen Romanciers der ersten Jahrhunderthälfte gehörten neben Sinclair Lewis (Babbitt, 1922) und John Steinbeck (Früchte des Zorns, 1939) vor allem F. Scott Fitzgerald (Der große Gatsby, 1925) und Ernest Hemingway (Wem die Stunde schlägt, 1940) mit seiner lakonischen Prosa. Weitere Impulse gingen von Thomas Wolfe und William Faulkner aus, dessen spezifisch polyphone Erzähltechnik in den achtziger Jahren u. a. auf Uwe Johnson wirkte. Mit Thomas Pynchon brachte die amerikanische Literatur auf dem Gebiet des experimentellen Romans später nochmals ein (postmodernes) Erzählgenie hervor.
Besonders nach dem 2. Weltkrieg war der europäische Roman stark auf amerikanische Vorbilder fixiert, was sich u. a. bei Heinrich Böll niederschlug. Nur in Frankreich entwickelten der Roman des Existentialismus, so Albert Camus mit Die Pest (1947), und später der Nouveau roman mit seinem Hauptvertreter Alain Robbe-Grillet (Der Augenzeuge, 1955) ein jeweils eigenständiges Profil. In Westeuropa gewann der Roman an analytischer Schärfe, wie bei Robert Musil (Der Mann ohne Eigenschaften, 1930-1943), der wie Robert Müller und Hermann Broch an der Essayisierung der Form interessiert war, oder bei Thomas Mann (Doktor Faustus, 1947). Zu den wenigen Autoren der unmittelbaren Nachkriegszeit, die sich der experimentellen Prosa verschrieben, gehörten Wolfgang Koeppen und – später, aber auch radikaler – Arno Schmidt; Martin Walser hingegen wandte sich verstärkt dem realistischen Gesellschaftsroman zu. 1956 stellte Max Frisch mit dem grandiosen Einleitungssatz seines Romandebüts Stiller („Ich bin nicht Stiller“) die gesamte Tradition der auf Individualitätsstiftung bedachten Gattung in Frage. Heimito von Doderer trat mit den Monumentalepen Die Strudelhofstiege (1951) und Die Dämonen (1956) hervor. Günter Grass brillierte mit seiner sprachbarock ausufernden Blechtrommel (1959), die, orientiert am Muster des Schelmenromans, Kriegs- und Nachkriegsgeschichte als absurdes Panoptikum beleuchtete und für die der Autor den Preis der Gruppe 47 erhielt.
Ab den späten sechziger Jahren zeigte der deutsche Roman eine starke Tendenz zur autobiographischen Innerlichkeit der Neuen Subjektivität (etwa bei Peter Handke), andererseits aber auch zu Politisierung und Gesellschaftskritik. Das wichtigeste Beispiel für letzteres – und einer der bedeutendsten Romane der deutschen Literatur nach 1945 überhaupt – ist Die Ästhetik des Widerstands (1975-1981) von Peter Weiss. Mit seinem vierbändigen Jahrhundertwerk Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl (1970-1983) schuf Uwe Johnson den wichtigsten Romanzyklus der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. International kamen neue Impulse in den sechziger und siebziger Jahren vorrangig von den lateinamerikanischen Autoren des Magischen Realismus wie Carlos Fuentes (Terra Nostra, 1975), Mario Vargas Llosa (Das grüne Haus, 1965) und dem Nobelpreisträger Gabriel García Márquez (Hundert Jahre Einsamkeit, 1967). Mit Der junge Mann (1984) versuchte Botho Strauß 1984 eine Neubelebung des deutschen Bildungsromans in der Tradition Goethes. Seit den achtziger Jahren konnten auch deutschsprachige Autoren wieder internationales Renommee erringen, so Patrick Süskind mit Das Parfüm (1985) und der Österreicher Christoph Ransmayr mit Die letzte Welt (1988).

Abbildung
2Guy de Maupassant
Kurzgeschichte, Lehnwort des amerikanischen short story. Im Gegensatz zu den großen Prosaformen Roman und Novelle bezeichnet der Begriff eine kurze, verdichtete literarische Erzählung. Die Kurzgeschichte verwendet meist ein schmales Figureninventar in einer komprimierten, geradlinigen Handlung und zielt auf eine dramatische, effektvolle Klimax. Die in der epischen Prosa häufige thematische Vielfalt tritt zurück zugunsten einer zentralen Aussage. So gesehen steht sie einem eher anekdotischen Erzählen nahe (siehe Anekdote).
Vorläufer
Die Kurzgeschichte, wie wir sie heute kennen, entwickelte sich im 19. Jahrhundert und ist eng verbunden mit der Veränderung der Lesegewohnheiten und der Umstrukturierung des Buch- und Zeitschriftenmarktes. Die seit 1800 populären literarischen Taschenbücher, Kalender, Almanache und Zeitschriften entwickelten einen steigenden Bedarf an kurzen, unterhaltsamen Erzählungen, der durchaus auch von angesehenen Autoren gedeckt wurde, denn für das seinerzeit entstehende Berufsschriftstellertum eröffnete sich hier eine lukrative Einnahmequelle und ein leichter Zugang zu einem breiten Publikum. Besonders die Romantik entwickelte großes Interesse an literarischen Kurzformen, wie sie z. B. Heinrich von Kleist und E. T. A. Hoffmann meisterhaft beherrschten. Außerhalb Deutschlands ist die Kurzgeschichte im 19. Jahrhundert z. B. in den USA durch Edgar Allan Poe und Nathaniel Hawthorne repräsentiert, in Frankreich durch Guy de Maupassant und durch Nikolaj Gogol in Russland. Vorherrschend waren spannende oder komische Erzählungen; mit Poe schlug außerdem die Geburtsstunde der Kriminal- und Detektivgeschichten (siehe Kriminalliteratur; Detektivgeschichte). Maupassants Texte zeigen, welche Meisterschaft des knappen Ausdrucks und der Ausgewogenheit für eine vollkommen gebaute Erzählung erforderlich ist.
Im Laufe des Jahrhunderts verschob sich die Erzählintention allmählich vom Handlungsablauf zur Figurenpsychologie. Zugleich machte sich ein steigendes Interesse an einer Verfeinerung und Ökonomisierung der Erzähltechnik bemerkbar: kunstvolle Differenzierung der Ereignisfolge, Weglassen alles Überflüssigen, exakte Abwägung der Erzählhaltung sowie sorgfältige Wahl der Stilmittel wurden immer wichtiger. Poe definierte in seiner Besprechung (1842) von Hawthornes Twice-Told Tales (1837) als erster Schriftsteller die Kurzgeschichte mit entsprechenden Kriterien und demonstrierte ihre Eigenarten in vielen seiner eigenen Erzählungen. In The Cask of Amontillado beispielsweise sind Figurenkonstellation, Handlungsführung und Dialoge so geschickt angelegt, dass der Leser unausweichlich in die adäquate Gemütslage zu dem die Geschichte beschließenden Mord gerät.
Für Henry James, einen der Meister der Kurzgeschichte, dessen Erzähltheorien Generationen von Autoren beeinflusst haben, war das Wirken einer „central intelligence“ beim Formen und Filtern eines Erzählstoffes maßgeblich. So verwendete James in der Geistergeschichte The Jolly Corner den Erzähler, um ein Gefühl der unmittelbaren psychologischen Nähe zum Geschehen zu bewirken, und schrieb mit The Turn of the Screw den Prototyp der modernen phantastischen Erzählung, in der auch am Schluss unklar bleibt, ob es sich um tatsächliche Ereignisse handelt oder nur um hysterische Phantasien der Protagonistin. (Siehe auch phantastische Literatur).
Die moderne Kurzgeschichte
Nach 1900 wurde jährlich in fast allen Sprachen eine enorme Zahl von Kurzgeschichten veröffentlicht, viele davon in Zeitungen und Zeitschriften. Experimente mit Stoffen und Erzähltechniken wetteiferten mit Geschichten traditionellen Zuschnitts (William Somerset Maugham, Katherine Mansfield, Sylvia Plath u. a.).
Nirgendwo entfaltete sich die Gattung so fruchtbar wie unter den Dichtern der USA, die mit „short story“ auch ihre moderne Benennung prägten und eine stattliche Reihe von „short story writers“ von weltliterarischem Rang hervorbrachten: Dazu gehörten etwa Ambrose Bierce, Mark Twain, O. Henry, Stephen Crane, Thomas Wolfe und Ernest Hemingway (siehe amerikanische Literatur). Hemingways Kurzgeschichten stecken trotz des knappen Stiles scheinbar voll unwichtiger Details. Sie dienen indessen nur dazu, das Seelenleben seiner Figuren in feinsten Nuancen darzustellen. Neben der von James Joyce (Dubliners, 1914) und Franz Kafka (Die Verwandlung, 1915) begründeten modernen Kurzform ist im Nachkriegsdeutschland vor allem Hemingways lapidare Prosa Vorbild für die Kurzgeschichte, die sich, wie bei Wolfgang Borchert, Günter Eich und Heinrich Böll, der Stilmittel im Zuge einer Kahlschlag-Vorstellung der deutschen Literatur um 1945 bediente. Jedoch reichten die deutschen Nachahmer nur selten an das amerikanische Original heran. Weitere deutschsprachige Verfasser von Kurzgeschichten sind und waren Elisabeth Langgässer, Günter Weissenborn, Ernst Kreuder, Gerd Gaiser, Wolfdietrich Schnurre, Marie Luise Kaschnitz, Hans Bender, Martin Walser, Wolfgang Hildesheimer, Siegfried Lenz, Ilse Aichinger, Peter Bichsel, Günter Kunert und Hermann Kant.
Trivialliteratur, meist synonym mit Unterhaltungsliteratur gebrauchter Sammelbegriff für fiktionale Texte, die den ästhetischen, formalen und funktionalen Kriterien der Literaturwissenschaft für so genannte Hochliteratur nicht entsprechen und deren Eigenart in der Reproduktion etablierter Gattungsschemata gesehen wird; die neuere Forschung spricht daher auch von Schemaliteratur. Ihre Publikationsform tendiert zur Serie, etwa bei Fortsetzungsroman, Comic oder Romanheft. Der Typus des Trivialen ergibt sich aus der Aufnahme populärer Stoffe, etwa von Abenteuer- und Liebesgeschichten, und aus einer klischeeverhafteten, auf direkte Wirkung abzielenden Schreibintention. Kennzeichnend sind dabei eine konventionelle Stilhaltung sowie die genaue Verwendung konstanter Grundmuster. Trivialliteratur umfasst alle Textarten, vor allem Erzähltexte (Illustrierten-, Groschen- bzw. Schundroman), aber auch Lyrik (Gassenhauer, Schlager), anspruchsloses Unterhaltungstheater oder Fernsehproduktionen (Soap opera). Unkünstlerisches, Naives oder Banales allein rechtfertigen nicht den Trivialitätsverdacht; wesentlich für die Bestimmung von Trivialität kulturindustrieller Produkte ist die Ideologiekonformität (siehe Ideologiekritik). Die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno geprägte Formel „Vergnügtsein heißt Einverstandensein“ lässt sich demgemäß auch auf die affirmative Unterhaltungsliteratur übertragen.
Lange Zeit von der Forschung gänzlich missachtet, wird Trivialliteratur immer stärker zum Gegenstand der Germanistik bzw. Literaturwissenschaft und regte u. a. auch Umberto Eco im Rahmen seiner kulturellen Semiotik zu Untersuchungen an.
Literaturwissenschaft, allgemein die Bezeichnung für alle Arten und Aspekte der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Literatur, im Besonderen für die an den Nationalsprachen ausgerichteten Philologien (Germanistik, Romanistik, Anglistik, Slawistik etc.). Die wichtigsten Bereiche sind die Beschreibungen der historischen Entwicklung von Literatur (siehe Literaturgeschichte) sowie die systematische Behandlung von literarischen Begriffen, Methoden und Forschungskonzepten (Literaturtheorie). Als philosophisch und wissenschaftlich begründete Form der Literaturbetrachtung trat die Literaturwissenschaft im 19. Jahrhundert an die Stelle der klassischen Philologie, die sich im Wesentlichen zur Textwissenschaft weiterentwickelte (Textphilologie). In der Nachfolge von Poetik, Rhetorik und Stilistik ist sie heute ein wesentlicher Teil der modernen Ästhetik.
Der Literaturbegriff
Der Gegenstand der Literaturwissenschaft wird durch den jeweils akzeptierten Literaturbegriff definiert. Er hat sich seit der Antike immer wieder verändert. Nach der Aufhebung der Trennung zwischen „hoher“ Dichtung und Literatur etablierte sich schließlich ein erweiterter Literaturbegriff. Dem Kernbereich des Dichterischen (Epik, Dramatik, Lyrik) werden heute auch die wissenschaftliche, philosophische und politische Prosaliteratur sowie populäre Schriften (Unterhaltungs-, Dokumentar-, Trivialliteratur) zugeordnet. Eine zusätzliche Erweiterung fand in den letzten Jahren durch Einbeziehung soziologischer und linguistischer Aspekte statt (siehe Soziologie; Linguistik).
Denkrichtungen und Methoden
Regeln und Prinzipien zur Beschreibung literarischer Zeugnisse gab es schon im antiken Griechenland. Aristoteles untersuchte in seiner Poetik (335 v. Chr.) Elemente, Aufbau und Wirkungsweisen der Tragödie und des Epos. In Athen, Alexandria, Pergamon und (später) in Rom entstanden gelehrte Kommentare zu den klassischen Autoren und zu Werken der Zeit. Im Mittelalter wurden die antiken Schulautoren nach den Grundgedanken des Trivium (Rhetorik, Grammatik, Dialektik – siehe Artes liberales) ausgewertet. Eine neue Blütezeit begann mit der von Petrarca und Boccaccio angeregten Philologie der Renaissance, die sich dem Übersetzen und Bearbeiten der griechischen Klassiker widmete.
Zur Zeit des Humanismus waren Konrad Celtis (in Deutschland), Julius Caesar Scaliger (in Frankreich) sowie Hugo Grotius und Daniel Heinsius (in den Niederlanden) bedeutende Vertreter. Im 17. Jahrhundert begründete Richard Bently die klassische Philologie im modernen Sinn. Für die literarische Gelehrsamkeit der deutschen Klassik war Johann Joachim Winckelmann der entscheidende Anreger, dessen Griechenlandstudien zum Neuhumanismus führten. Die klassische Philologie, d. h. die Beschäftigung mit den Autoren der antiken Welt, fand im 18. Jahrhundert in Friedrich August Wolf ihren Hauptvertreter. Seine Schrift Prolegma ad Homerum (1795) über die Entstehung der homerischen Epen hatte Einfluss auch auf die Literaturgeschichtsschreibung (etwa bezüglich der Frage zur Entstehung des Nibelungenlieds). Von romantischen Gedanken ausgehend, befassten sich Jacob und Wilhelm Grimm umfassend mit Sprache und Literatur (von der Märchensammlung über Sprachforschung bis hin zum 1838 begonnenen Deutschen Wörterbuch).
1842 verwendete der Kritiker des Jungen Deutschland Theodor Mundt in seiner Geschichte der Literatur der Gegenwart erstmals den Begriff der Literaturwissenschaft. Wenig später entwickelte der Altphilologe Karl Lachmann eine Systematik der Textkritik (siehe unten). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden dann neben der klassischen Philologie die verschiedenen nationalen Philologien. Die Rolle einer grundlegenden und umfassenden Disziplin gab die Philologie an die Literaturwissenschaft ab.
Die positivistische Literaturwissenschaft des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts nahm sich die Naturwissenschaft zum Vorbild. Gegen deren kausalgenetische Erklärungsmuster setzte die geistesgeschichtliche Richtung einen Begriff des „Verstehens“, den Wilhelm Dilthey, orientiert an der Lebensphilosophie, 1905 in Das Erlebnis und die Dichtung darstellte. Im 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche, zueinander in Konkurrenz tretende Modelle, die im folgenden schematisch dargestellt werden sollen:
20. Jahrhundert: Pluralität der Methoden
1. Textphilologie: Mit dem Verfahren der Textkritik versucht die Textphilologie, etwa bei überlieferten mittelalterlichen Schriften, authentische Texte zu gewinnen, Verfälschungen zu beseitigen und die daran ersichtlichen unterschiedlichen Lesarten zu bewerten. Auch die Frage nach der ungesicherten Autorenschaft fällt in ihren Interessenbereich. Die Editionstechnik liefert die wissenschaftlichen Mittel, um zuverlässige Ausgaben der Werke herzustellen.
2. Hermeneutik: Als Kunst der Auslegung oder Interpretation von Texten reicht die Hermeneutik zurück bis in die griechische Antike. Jedoch gilt der Theologe Friedrich Daniel Schleiermacher allgemein als Begründer der neuen Hermeneutik, die er als„Kunstlehre des Verstehens“ definierte. „Die Gesamtheit der Sprache“ und das „Denken ihres Urhebers“ waren ihm Gegenstände der Untersuchung. Dabei galt der Akt des Verstehens als „Nachkonstruktion“ der ursprünglichen Autorenintention. Wilhelm Dilthey entwickelte diese Ansätze weiter. 1960 erschien dann das durch Martin Heideggers Philosophie angeregte Hauptwerk der Hermeneutik: Wahrheit und Methode von Hans-Georg Gadamer. Gegen Gadamer gerichtet, forderte Jürgen Habermas eine Tiefenhermeneutik, die auch die vom Autoren nicht bewusst angelegten Spuren des Textes entziffern solle. Ebenfalls von Heidegger beeinflusst war Emil Staigers Kunst der Interpretation (1955), die von Diltheys Gedanken eines zeitlos-vollkommenen „Sprachdenkmals“ ausging.
3. Literatursoziologie: Sie erhielt Anregungen von der neomarxistischen Philosophie (Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Georg Lukács usw.) wie auch von der empirischen Sozialforschung. Sie untersucht umfassend die Beziehungen von Literatur und Gesellschaft: Die soziale Situation des Autors, die Interessen des Lesepublikums, die Bedingungen der Buchproduktion und des Buchmarktes sind ihr Gegenstandsbereich. In Adornos Noten zur Literatur (1958 ff.) etwa wird gezeigt, wie gesellschaftliche Strukturen die Ästhetik einzelner Werke bestimmen können.
4. Psychoanalytische Literaturwissenschaft: Sie definiert Literatur als bewussten und – vor allem – unbewussten Ausdruck der Psyche ihres Verfassers. Sigmund Freuds Traumdeutung (1900) dient dabei als zentrales Orientierungsmodell zur Deutung literarischer Phantasie.
5. Werkimmanente Interpretation und New Criticism: Als Reaktion auf soziologische, psychologische bzw. historistische Betrachtungsweisen entstanden nach 1945 in Europa und den USA Interpretationsmethoden, die sich ausschließlich auf den literarischen Text konzentrierten („close reading“).
6. Formalismus: Wie die werkimmanenten Interpretationsweisen lehnt der (russische) Formalismus die biographischen, soziologischen oder psychologischen Methoden ab und sieht das literarische Werk als „Summe aller darin angewandten stilistischen Mittel“ (Wiktor Schklowskij). Die Formanalyse konzentriert sich auf Laut, Klang, Rhythmus, Stil usw. der Sprache. Der Formalismus, der in Moskau und Petersburg um 1915 entstand, beeinflusste sowohl den amerikanischen New Criticism wie auch die Prager Schule des Strukturalismus.
7. Strukturalismus, Poststrukturalismus und Dekonstruktion: Die Theorie des Strukturalismus hat ihren Ursprung in den sprachwissenschaftlichen Arbeiten Ferdinand de Saussures. Sie wurde in den zwanziger Jahren in der Linguistik weiterentwickelt und in den sechziger Jahren vor allem in Frankreich zu einer weit reichenden Philosophie ausgebaut. In der strukturalistischen Literaturwissenschaft wird der Begriff der Struktur als Anordnung sprachlicher Elemente zu einem System auf die Analyse von Gattungen, Epochen und Einzelwerken genutzt. In der aktuellen, vom Poststrukturalismus geprägten Diskussion sind die Untersuchungen des Literaturwissenschaftlers Roland Barthes, des Psychoanalytikers Jacques Lacan und des Philosophen Jacques Derrida einflussreich, der in seiner Grammatologie (1967) den Begriff der Dekonstruktion entwickelte: Texte werden nicht länger als einheitlich verstanden. Von Widersprüchen und Bruchstellen aus sollen sie folglich„gegen sich selbst“ gelesen werden. Der Begriff Dekonstruktion ist in den letzten Jahren ins Zentrum der auf die Mikrostrukturen der Texte gerichteten Diskurstheorie gerückt.
8. Rezeptionsästhetik: Als Weiterentwicklung der Hermeneutik Gadamers entwickelten der Romanist Hans Robert Jauß und der Anglist Wolfgang Iser das Konzept einer Literaturgeschichte des Lesers. Untersucht wird die Appellstruktur der Texte, und zwar im Kontext eines „Erwartungshorizonts“ des Rezipienten.
9. Komparatistik: Die vergleichende Literaturwissenschaft sucht durch den Vergleich der Nationalliteraturen, Einsichten in die Stoff- und Motivgeschichte, die Form- und Gattungsentwicklung sowie in die internationalen Stilströmungen zu gewinnen. Ein Ausgangspunkt dieser Forschung war Goethes Begriff der Weltliteratur.
Germanistik, als eigenständige Disziplin von den Brüdern Grimm und Karl Lachmann zu Beginn des 19. Jahrhunderts begründete Wissenschaft von der deutschen Literatur (siehe Literaturwissenschaft) und deutschen Sprache (siehe Sprachwissenschaft). Die Geschichte der Germanistik beginnt mit der Philologie des Humanismus, der die germanische Vorzeit als Beginn einer Kultur der Deutschen untersuchte. In dieser Periode entstanden auch die ersten Editionen deutscher Autoren wie Conrad Celtis oder Hrosvith von Gandersheim. Im Barock entstanden erstmals Dichterkataloge, die sich in regionalen Dichtungsgeschichten des 18. Jahrhunderts fortsetzten. Zur ersten dogmatischen Gestalt avancierte Johann Christoph Gottsched: Er unternahm eine Reform der Poesie, die er in den Dienst der Erziehung des gehobenen Bürgertums zu stellen suchte. Den großen Versuch aber, neue Kriterien für die Bewertung der deutschen und europäischen Literatur herzustellen, verdankt die Germanistik Johann Gottfried von Herder. August Wilhelm von Schlegel und Karl Wilhelm Friedrich Schlegel entwarfen dann im 19. Jahrhundert das moderne bzw. romantische Kulturparadigma, das Auffassungen der Klassik gegenübergestellt wurde. Die ersten großen literaturhistorischen Leistungen waren Georg Gottfried Gervinus’ Geschichte der poetischen National-Literatur der Deutschen (5 Bde., 1835-42) und Wilhelm Scherers Geschichte der deutschen Literatur (1883), die beide dem Positivismus verpflichtet waren. Hiervon löste sich die Germanistik durch Wilhelm Diltheys geisteswissenschaftliche Hermeneutik.
Levin L. Schücking, Richard Alewyn, Herbert Schöffler u. a. ergänzten die Germanistik wie die Geisteswissenschaften generell durch geschichtlich-gesellschaftliche Studien, die bei Walter Benjamin, Alfred Kantorowicz oder Siegfried Kracauer ihre Radikalisierung erfuhren. Nach 1945 begann langsam die Reflexion über eine Korrumpierung der Germanistik durch den Nationalsozialismus. Der Dominanz soziologisch orientierter Studien nach 1968 folgten in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren neben sozialgeschichtlichen Entwürfen Forschungsrichtungen, die Aspekte der Psychoanalyse, des Strukturalismus und neo- bzw. poststrukturalistische Ansätze (Diskursanalyse, Dekonstruktion) miteinbezogen
Literaturgeschichte, die Darstellung der historischen Entwicklung entweder der Nationalliteraturen bzw. der Weltliteratur oder aber einzelner Epochen, Gattungen, Stoffe und Motive. Dabei werden die untersuchten Autoren bzw. Werke perspektivisch in Entwicklungsrahmen eingeordnet, die je nach Blickwinkel des Literarhistorikers ideen- und geistesgeschichtlich, kulturgeschichtlich oder sozialgeschichtlich geprägt sein können. Neben der Dokumentation ergibt sich durch die geschichtliche Perspektivierung auch die Möglichkeit der Interpretation von Literatur, wobei der Literaturbegriff im Lauf der Zeit einem Wandel unterlag (Literaturwissenschaft).
Ein Beispiel für die geschichtliche Darstellung einer Epoche ist Friedrich Sengles Studie Biedermeierzeit (1971-1980), für die einer Gattung die Geschichte der deutschen Elegie (1941) von Friedrich Beißner. Hans W. Eppelsheimer untersuchte die Geschichte der europäischen Weltliteratur (1970 ff.)
Geschichte der Literaturschreibung
In der Antike bezeichnete Literatura alles mit Buchstaben Geschriebene und damit das gesamte Schrifttum der Zeit in Dichtung, Geschichtsschreibung, Philosophie, Rhetorik und Wissenschaft. In den ersten Literaturgeschichten wurden daher die als mustergültig geltenden Werke aus diesen Bereichen zusammengestellt, etwa bei Kallimachos (Alexandria, 3. Jahrhundert v. Chr.). Beispiele der Poetik und Rhetorik stellte Quintilian im Rom des 1. Jahrhunderts n. Chr. zusammen. Biographisch angelegt war Suetons De viris illustribus (110 n. Chr.), eine Abhandlung über das Leben von Dichtern, Rednern, Historikern, Philosophen und Grammatikern.
Im 4. Jahrhundert n. Chr. beschrieb der Kirchenvater Hieronymus in seinem gleichnamigen Werk das Leben von 135 Dichtern und Gelehrten. Er unterschied darin zwischen literatura (Schriften heidnischer Autoren) und scriptura (Schriften christlicher Autoren). Damit schrieb er die erste christliche Literaturgeschichte. Zur wichtigsten Schul-Literaturgeschichte des Mittelalters avancierte Hugo von Trimbergs Registrum multorum auctorum (1280).
In der Renaissance diente der Begriff Literatur vorrangig als Bezeichnung für Schriften der Gelehrsamkeit, schloss aber die Naturwissenschaften aus. Ein dezidiertes Interesse am Schrifttum des eigenen Volkes bekundeten in Deutschland Konrad Celtis und Flavius Illyricus, in Frankreich Joachim Du Belay, in Italien Pietro Bembo und in Spanien Juan Luis Vives. Zum „Vater der deutschen Literaturgeschichtsschreibung“ wurde in Deutschland Daniel Georg Morhof mit den Schriften Unterricht von der deutschen Sprache und Poesie (1682) und Polyhistor sive De notitia auctorum et nerum commentarii (1688), das die enzyklopädische Darstellung der allgemeinen Wissenschafts- und Literaturgeschichte versuchte. Im 18. Jahrhundert erfolgte in Deutschland die Trennung von Literatur und Poesie bzw. Dichtung, die – in Anlehnung an den in Frankreich im 17. Jahrhundert entstandenen Begriff belles-lettres – auch als „schöne“ oder „schöngeistige“ Literatur bezeichnet wurde (siehe Belletristik).
Die erste deutsche Literaturgeschichte im heutigen Sinn schrieb Georg Gottfried Gervinus: Seine Geschichte der poetischen National-Literatur der Deutschen (1835-1842) steht ganz unter der Idee eines strukturierten Zusammenhangs. Grundgedanke war, dass das Volk in seiner Literatur zu sprachlicher Identität und damit zu einem spezifischen Selbstbewusstsein komme. Für Gervenius erreichte die deutsche Literatur in Schiller und Goethe ihren im Gegensatz von Idealismus und Realismus markierten Gipfelpunkt. Das Konzept, Literatur an den Gedanken der Nation zu binden, wurde im Deutschland des 19. Jahrhunderts äußerst populär (bekannteste Beispiele: Hermann Hettners Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts, 1856-1870, und Wilhelm Scherers Geschichte der deutschen Literatur, 1880-1883). Adolf Bartels radikalisierte es in seiner präfaschistischen Geschichte der deutschen Literatur (1901/02), in Josef Nadlers Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften (1912-1918) kulminierte es endgültig zur Blut- und Boden-Ideologie.
Einen anderen Weg hatte in Frankreich der für den Naturalismus wichtige Theoretiker Hippolyte Taine eingeschlagen, der sich an den Naturwissenschaften orientierte und in seiner Geschichte der englischen Literatur (Histoire de la litérature anglaise, 1877-1880) ein Zusammenwirken von Rasse, Milieu, Zeitgeist und individueller Genialität betonte. Auch Wilhelm Scherer nahm positivistische Ansätze auf. Zudem war im 19. Jahrhundert neben den Bereich der schöngeistigen Literatur der der „Humanitätsstudien“ getreten, der erweiterte Literaturbegriff, der sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchsetzte, war damit vorbereitet.
Die Forschergeneration nach Wilhelm Scherer erarbeitete zu Beginn des 20. Jahrhunderts große Epochendarstellungen oder großangelegte Handbücher zur Literaturgeschichte, positivistisch und zugleich von der geistesgeschichtlichen Ausrichtung Diltheys geprägt. Oskar Walzel etwa erweiterte die Literaturgeschichte Scherers um ein Kapitel Von Goethes Tod bis zur Gegenwart (1917) und gab das Handbuch der Literaturwissenschaft (1923 ff.) heraus. Weitere geistesgeschichtlich orientierte Epochendarstellungen waren Hermann August Korffs Geist der Goethezeit (1923/1953), Rudolf Ungers Hamann und die Aufklärung (1925) sowie Fritz Strichs Deutsche Klassik und Romantik oder Vollendung der Unendlichkeit (1922).
Die deutsche Literaturgeschichtsschreibung nach dem 2. Weltkrieg begann mit der von Helmut de Boor und Richard Newald herausgegebenen Geschichte der deutschen Literatur (1949 ff.) sowie den Annalen der deutschen Literatur (1952, Herausgeber: Hans Otto Burger). Einen Neuansatz gegenüber den geistesgeschichtlichen Konzepten der ersten Jahrhunderthälfte brachte aber erst Arnold Hausers Sozialgeschichte der Kunst und Literatur (1953), welche die Frage nach der sozialen Organisation von Literatur hinsichtlich ihrer Produktionsbedingungen, dem literarischen Markt und ihrer sozialen Funktion aufwarf. In Westdeutschland verfolgten Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart (1980 ff., Herausgeber: Rolf Grimminger) und Horst Albert Glasers Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte (1982 ff.) diesen Ansatz weiter. In der DDR war auf der Grundlage der marxistischen Basis-Überbau-Theorie (siehe Marxismus) die von Klaus Gysi, Kurt Böttcher, Günter Albrecht und Paul Günther Krohn herausgegebene Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart (1965 ff.) bedeutend.
Mit dem Poststrukturalismus wurde die Möglichkeit, eine historische Genese der Literatur zu behaupten, generell in Frage gestellt. Die Beziehungen von literarischen Werken ergibt sich hier nur aus ihrer Intertextualität (siehe Textlinguistik). Eine Darstellung dieser Evolutionsprozesse steht aber noch aus.
Fantasy-Literatur (englisch fantasy: Phantasie), Unterkategorie der phantastischen Literatur, die durch ein Figuren- und Handlungsrepertoire der gänzlich imaginären Realität von Mythen, Märchen und Sagen sowie durch die Verwendung von Elementen der Abenteuer-, Horror-, Utopie- und Sciencefiction-Dichtung in beliebiger Mischung gekennzeichnet ist. Seit den siebziger Jahren ist Fantasy in hohen Auflagen verbreitete serielle Unterhaltungs- bzw. Trivialliteratur, zumeist in Taschenbuchform, und wird von darauf spezialisierten Autoren verfasst. Zu den Klassikern zählen der phantastische Roman The Hobbit (1937; Der kleine Hobbit) sowie die Romantrilogie The Lord of the Rings (1954; Der Herr der Ringe) von John R. R. Tolkien, Marion Zimmer Bradleys The Mists of Avalon (Die Nebel von Avalon) und die Schriften von H. P. Lovecraft. Weitere Bestsellerautoren des Genres sind u. a. Stephen King, Raymond E. Feist, Terry Pratchett und Peter S. Beagle.
Der enorme Erfolg der Fantasy-Romane ist aufschlussreich als Zeitphänomen, wobei die Tagtraumwelten der Texte gesellschaftskritische Tendenzen ebenso aufweisen können wie eine eskapistische New-Age-Mystik. Der feste, vorwiegend jugendliche Leserstamm organisiert sich zum Teil in Clubs, Fangemeinden und Internet-Kontaktgruppen. Der Gesamtbereich der Fantasy-Literatur umfasst heute einen ganzen Medien- und Produktverbund, der Filme, Video- bzw. Rollenspiele und Comics mit einbeschließt.
Phantasie
Hermetische Literatur, Sammlung von metaphysischen Abhandlungen und Dialogen, die zwischen der Mitte des 1. und dem 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verfasst worden sein sollen und angeblich Offenbarungen des ägyptischen Weisheitsgottes Thot sind. Als wahrscheinlicher Autor gilt Hermes Trismegistos. Ein Großteil der in Griechisch und Lateinisch geschriebenen Sammlung beschäftigt sich mit der Alchimie, Astrologie und Magie (Zauberei) und stellt Glaubensvorstellungen und Ideen dar, welche im frührömischen Reich vorherrschend waren. Die 17 Traktate des Corpus Hermeticum behandeln theologische und philosophische Fragen; ihr zentrales Thema ist die Wiedergeburt und Vergöttlichung der Menschen durch Kenntnis von dem einen transzendenten Gott. Obwohl der Hintergrund der Sammlung ägyptisch ist, ist seine philosophische Orientierung griechisch (platonisch).
Die Sammlung übte einen starken Einfluss auf die christliche Gnosis und den europäischen Humanismus aus.
Kinder- und Jugendliteratur, Bücher und Texte für Heranwachsende – vom Kleinkind bis zum Jugendlichen. Zur Kinder- und Jugendliteratur gehören: Märchen, Fabeln, Legenden, Sagen, Mythen, Reime, Erzählungen, Romane, Theaterstücke und Sachbücher.

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3Gebr. Grimm
Kinder- und Jugendliteratur unterstützt die Entwicklung des Heranwachsenden. Für jede Altersstufe gibt es entsprechend didaktisch aufbereitete Literatur, die dem jungen Leser helfen soll, sich und seine Umwelt besser zu verstehen. Zu unterscheiden sind (vor allem historisch) zum einen vornehmlich Texte, die der religiösen oder schulischen Erziehung und gesellschaftlichen Bildung dienen, und zum anderen belehrend-unterhaltende Formen. Als eigenständige Gattung gibt es die Kinder- und Jugendliteratur seit Mitte des 18. Jahrhunderts.
Zu den frühesten Formen gehören die von Generation zu Generation mündlich überlieferten Volkserzählungen und Reime. Hierzu zählten auch Lieder und Volksballaden über zum Teil legendäre Heldengestalten. Bis zur Renaissance hatten Schriften für Kinder und Jugendliche hauptsächlich Motive aus der Bibel oder aus der klassischen griechischen und lateinischen Literatur zum Inhalt.
Mit dem Aufkommen und der Verbreitung von Druckschriften entstanden mehr Werke explizit für Kinder und Jugendliche: u. a. die Fabeln des Äsop sowie eine nach einer flämischen Vorlage entstandene Version des Tierepos Reineke Fuchs.
Ein besondere Art des Kinderbuches entwickelte sich im Lauf des 16. Jahrhunderts. Es bestand aus einer bedruckten Seite, die mit einer transparenten Hornauflage versehen und auf einer Holzunterlage mit Handgriff befestigt war. Als Fibel für den Erstunterricht enthielt diese Art von Buch u. a. die Buchstaben des Alphabets, das Vaterunser und eine Auflistung römischer Ziffern. Das so genannte Volksbuch entstand im 17. Jahrhundert. Bei den Volksbüchern handelte es sich um Druckschriften von 16 oder 32 Seiten ohne Heftung; sie wurden von Hausierern vertrieben und enthielten in volkstümlicher Sprache abgefasste Versionen literarischer Werke von Kinderreimen bis hin zu mittelalterlichen Romanzen.
17. und 18. Jahrhundert
In dieser Epoche gab es überwiegend Literatur zur moralischen und religiösen Unterweisung. Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Kinderliteratur war die Einführung von Illustrationen. Orbis sensualium pictus (Die sichtbare Welt in Bildern) wurde als erstes Sachbilderbuch in lateinischer Sprache 1658 von dem evangelischen Theologen und Pädagogen Johann Amos Comenius herausgegeben. Das Werk wurde in fast alle europäischen Sprachen sowie ins Arabische, Türkische und Persische übersetzt und war auch als mongolische Ausgabe erhältlich. Inhaltlich behandelte das Buch eine Vielzahl von Themen aus dem Alltag, die mit Holzschnitten veranschaulicht wurden.
Die erste größere Märchensammlung erschien 1697 in Frankreich: Histoire sou contes du temps passé avec des moralités, von Charles Perrault zusammengestellte traditionelle Märchen (u. a. Dornröschen, Rotkäppchen und Blaubart), die auch unter dem Titel Contes de ma mère l’oye (Feenmärchen, auch: Märchen meiner Mutter Gans) bekannt wurden. Für die Epoche der Aufklärung waren u. a. Fénelons Les aventures de Télemaque, die 1699 in drei Bänden erschienen, ein geradezu vorbildliches Jugendbuch.
Zu den klassischen Werken der Kinder- und Jugendliteratur zählen aber auch Bücher, die zwar ursprünglich für ein erwachsenes Publikum vorgesehen waren, aufgrund ihres Inhalts jedoch auch den jungen Leser ansprachen bzw. in dem kindlichen Niveau angeglichenen Versionen vorlagen. Hierzu gehörten u. a. John Bunyans The Pilgrim’s Progress (erschienen in zwei Teilen: 1678 und 1684; Eines Christen Reise nach der Seeligen Ewigkeit) sowie das Buch Robinson Crusoe (1719; deutsch ebenso) von Daniel Defoe. Nach dem Vorbild dieses berühmten Romans verfasste der schweizerische Schriftsteller Johann Rudolf Wyss 1812 das noch heute beliebte Jugendbuch Der schweizerische Robinson, oder der schiffbrüchige Schweizerprediger und seine Familie. Die ersten zwei Teile von Jonathan Swifts vierteiligem Werk Gulliver’s Travels (1726; Gullivers Reisen), das von erwachsenen Lesern aufgrund seiner satirischen Qualitäten geschätzt wird, entwickelten sich Dank der phantasievollen Schilderungen zu einem Klassiker der Jugendliteratur.
Bis Ende des 18. Jahrhunderts dienten Kinder- und Jugendbücher zumeist in erster Linie der Belehrung und weniger der Unterhaltung. Häufig hatten die für junge Leser gedachten Geschichten und Gedichte instruktiven Charakter oder vermittelten moralische Werte. Zu diesen didaktischen Werken zählte auch Jeanne Marie Leprince de Beaumonts (1711-1780) Contes de fées. Die Ausweitung der Religionsfreiheit bewirkte in Verbindung mit den auf Gleichheit abzielenden Grundsätzen der Französischen Revolution, dass die streng didaktische Ausrichtung der Kinder- und Jugendliteratur allmählich zurückging. Wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der in seinem Roman Émile (1762; Emil, oder über die Erziehung) erstmals ausführte, dass Kinder keine Miniaturausgaben von Erwachsenen und daher auch nicht als solche zu betrachten und zu behandeln seien. Neben Rousseau waren es Johann Bernhard Basedow, John Locke und F. E. von Rochow (1734-1780), die gegen Ende des 18. Jahrhunderts die pädagogische Kinderliteratur beeinflussten. Es enstanden so genannte Elementarbücher wie das Bilderbuch für Kinder in 231 Heften von 1790 bis 1830 von Friedrich Justin Bertuch oder Johann Heinrich Campes Robinson der Jüngere in zwei Teilen (1779/80). Campes Robinson lieferte dann auch das Muster zur Bearbeitung der Weltliteratur (z. B. Cervantes) für Jugendliche.
19. Jahrhundert
Die im frühen 19. Jahrhundert in ganz Europa aufkommende Romantik, die sich als Gegenbewegung zur Aufklärung verstand, manifestierte sich auch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur. Das Kinderbuch sollte nun nicht mehr sachlich und moralisch belehren, sondern poetisieren. Als einen „Kanon der Poesie“ wollte Novalis Märchen und Sagen, Legenden und Volksbücher, Puppenspiel und Reime verstanden wissen. Das in der Romantik wieder erwachte Interesse an volkskundlichen Themen führte zu einer Erweiterung der Kinder- und Jugendliteratur um Mythen, Sagen und phantastische Erzählungen aller Art. Zu den klassischen Werken der romantischen Jugendliteratur zählen bis heute die 1812 bis 1815 groß angelegte Sammlung von Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm (Hänsel und Gretel, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Das tapfere Schneiderlein und Rapunzel) sowie Achim von Arnims und Clemens Brentanos volksliedhafte Liedsammlung Des Knaben Wunderhorn (1806-1808).
Die klassischen griechischen Sagen hatte Mitte des 19. Jahrhunderts Gustav Schwab in seinen Schönsten Sagen des klassischen Altertums in drei Bänden (1838-1840) mit großem Erfolg (bis heute) nacherzählt. Neben den Volksmärchen und Volksbuchsammlungen von Karl Simrock und Ludwig Bechstein erschienen Kunstmärchen der Hauptvertreter der deutschen Romantik: so Brentanos Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl (1817), Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert (1797) oder Der Runenberg (1804) sowie E. T. A. Hoffmanns Der goldene Topf (1814).
Als Gegenentwicklung zum romantischen Kinder- und Jugendbuch ist die Literaturströmung des Biedermeiers auch in diesem Genre zu verstehen. Die Moral und aufklärerische Tendenzen kamen in Verbindung mit religiösen Thematiken wieder zum Tragen. Stofflich orientierte sich diese Jugendliteratur zwar noch an romantischen Volksüberlieferungen, setzte aber immer stärker neben historischen Motiven auch Gegenwartsthemen ein. Hauptvertreter dieser Richtung war Christoph von Schmid mit Büchern wie Genovefa. Eine der schönsten und rührendsten Geschichten des Alterthums, neu erzählt für alle guten Menschen, besonders für Mütter und ihre Kinder (1810) oder Lehrreiche kleine Erzählungen für Kinder (1824-1827).
Abenteuerbücher veröffentlichte Friedrich Gerstäcker: u. a. Die Flußpiraten des Mississippi (1848) und Gold (1858). Mary Osten (1815-1890), Ottilie Wildermuth und andere Autorinnen schrieben überwiegend für Mädchen. Daraus entstand die so genannte Backfischliteratur, zu deren Schriftstellerinnen z. B. Clementine Helm (1825-1896), Else Ury oder Emmy von Rhoden gehörten. Zu dieser Mädchenliteratur kann auch das überaus erfolgreiche Mädchenbuch Heidi (1880) von der schweizerischen Schriftstellerin Johanna Spyri gerechnet werden, die die Erlebnisse eines in der Schweizer Bergwelt aufwachsenden kleinen Mädchens aus der Stadt erzählt. Ein Bestseller für Mädchen war ein paar Jahre später auch das noch in dieser pädagogisierenden Tradition stehende Jugendbuch Anneli. Erlebnisse eines kleinen Ladenmädchens (1919) von Olga Meyer. Widerspruch erhielt diese erfolgreiche Jugendliteratur durch die „Jugendschriftenbewegung“, die wieder das Kunstwerk in die Kinder- und Jugendliteratur eingesetzt sehen wollte und sich gegen jegliche Tendenzliteratur aussprach. Die Programmatik der „Jugendschriftenbewegung“ hatte Joachim Wolgast (1860-1920) in seiner 1896 veröffentlichten Schrift Das Elend unserer Jugendlitteratur ausformuliert.
Am Ende des 19. Jahrhunderts erschienen dann exotische (deutsche) Abenteuerromane für Jungen. Besonders beliebt bis heute sind die Romane von Karl May. Eine Vielzahl seiner Romane spielt im Vorderen Orient (In den Schluchten des Balkan, 1892) bzw. unter den nordamerikanischen Indianerstämmen (Winnetou, 1893-1910; Old Surehand, 1894-1896).
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erschienen immer mehr Kinder- und Jugendbücher mit Illustrationen; es entstanden anschaulich gestaltete farbige Bilderbücher unterschiedlicher Stilrichtungen. Für das romantische Kinderbuch ist Ludwig Richters Ammenuhr (1843) ein Beispiel. 1847 erschien der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann, ein aus zum Teil grausam belehrenden Geschichten bestehendes Kinderbuch, das jedoch bis heute sehr populär ist. Weltberühmt wurden Wilhelm Buschs Bildgeschichten, insbesondere die Lausbubenstreiche von Max und Moritz (1865).
Zeitschriften für Kinder und Jugendliche spielten bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur. Im deutschsprachigen Raum erschienen die ersten Publikationen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. Die erste Kinderzeitschrift (Der Kinderfreund, 1776-1782) wurde von Christian Felix Weisse (1726-1804) herausgegeben, der auch etwa 40 Schauspiele für Kinder geschrieben hatte. Andere Zeitschriften für Kinder waren u. a. die Monatsschrift für Kinder (Bautzen, 1770/71), das Leipziger Wochenblatt für Kinder (1772-1774) oder Der Kinderfreund (Leipzig, 1775-1781). Mit den Blättern der Jugendbewegung (Der Wandervogel, 1904-1927) nahm die moderne deutsche Jugendpresse ihren Anfang.
Die in zahlreiche Sprachen übersetzten Grimm’schen Märchen fanden weltweite Verbreitung, ebenso (und vor allem in Deutschland) die Märchengeschichten des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen, die zwischen 1835 und 1872 erschienen. Die bekanntesten unter Andersens Märchen sind Den lillepige med svovlstikkerne (Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern), Nattergallen (Die Nachtigall), Den grimme aelling (Das hässliche junge Entlein) und Den standhaftig tinsoldat (Der standhafte Zinnsoldat). Zu den bis heute populärsten Kinderbüchern gehört das vielfach übersetzte Le avventure di Pinocchio (1882; Die Abenteuer des Pinocchio). Darin schilderte der italienische Schriftsteller Carlo Lorenzini, besser bekannt unter seinem Pseudonym Carlo Collodi, die Erlebnisse und Streiche der kleinen Holzpuppe Pinocchio. Ähnlich erfolgreich war James Matthew Barries Märchenspiel Peter Pan, das 1904 zum ersten Mal aufgeführt wurde.
Von einem kleinen Jungen, der mit den Wildgänsen durch sein Heimatland Schweden fliegt, erzählte Selma Lagerlöf in ihrem Kinderbuch Nils Holgersson underbararesa genom Sverige (2 Bde., 1907; Wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen). Kindern und Jugendlichen die belebte Natur zu veranschaulichen, war das Anliegen des französischen naturalistischen Schriftstellers Jean Henri Fabre (19. Jahrhundert); vor allem seine Werke über Insekten und Spinnen gelten als vorbildliche Darstellungen auf diesem Gebiet.
Nicht nur in England wurden die Werke Sir Walter Scotts, der häufig mittelalterliche Themen aus der Welt der Ritter bearbeitete, von Jugendlichen viel und gerne gelesen. Im Zuge des neu erwachten Interesses an den Werken Shakespeares in England entstand eines der im 19. Jahrhundert populärsten englischen Kinder- und Jugendbücher: Unter dem Titel Tales from Shakespeare (1807) hatte der Essayist Charles Lamb gemeinsam mit seiner Schwester Mary Ann Lamb ein Shakespeare-Geschichtenbuch aus altersgerechten Nacherzählungen zusammengestellt. Ähnlich lebendig schilderten die beiden amerikanischen Schriftsteller Washington Irving und James Fenimore Cooper etwa zur gleichen Zeit Begebenheiten aus der neueren Geschichte Amerikas. Insbesondere Coopers Bücher fanden durch ihre Übersetzung in viele Sprachen Verbreitung und begeisterte Leser. In seinem Buch The Sketch Book of Geoffrey Crayon, Gent (1819/20; Gottfried Crayons Skizzenbuch), das auch die klassischen Geschichten Rip Van Winkle und Die Sage von der schläfrigen Schlucht enthält, zeichnete Irving die Sagen der holländischen Siedler in der Gegend um New York auf. Cooper schilderte in seinen Lederstrumpf-Romanen, deren bekanntester den Titel The Last of the Mohicans (1826; Der letzte Mohikaner) trägt, das Leben im amerikanischen Grenzland.
Der englische Maler und Verfasser von Limericks und Nonsensgedichten Edward Lear erzielte mit seinen Werken A Book of Nonsense (1846) und More Nonsense (1870) einen großen Erfolg bei Kindern und Jugendlichen. Die beiden Bände gehören zu den Klassikern der englischsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Ebenso erfolgreich waren und sind noch heute die Werke des englischen Schriftstellers und Mathematikers Lewis Carroll (eigentlich Charles Lutwidge Dodgson): Alice’s Adventures in Wonderland (1865; Alice im Wunderland) und Through the Looking Glass (1872; Alice im Spiegelreich) mit den Illustrationen von Sir John Tenniel.
Oscar Wilde schrieb mit The Happy Prince and Other Tales (1888; Der glückliche Prinz und andere Erzählungen) eine phantasievolle, märchenhafte Kindergeschichte. Robert Louis Stevensons Treasure Island (1883; Die Schatzinsel), A Child’s Garden of Verses (1885; Im Versgarten. Gedichte für ein Kind) und Kidnapped (1886; Die Entführung) wurden zu Klassikern, ebenso Rudyard Kiplings Tiergeschichten in The Jungle Book (Das Dschungelbuch) und The Second Jungle Book (1894 bzw. 1895) sowie seine Geschichten in Just So Stories for Little Children (1902; Nur so Geschichten für Kinder). In den Vereinigten Staaten gehörten zu dieser Zeit die Bücher des Schriftstellers Joel Chandler Harris zu den meistgelesenen Werken der Kinder- und Jugendliteratur. Sie erschienen 1880 bis 1906 in den Onkel-Remus-Bänden und schildern die Lebenswelt der farbigen Südstaatler.
In Amerika erschienen Magazine wie Youth’s Companion (gegründet 1827) und St. Nicholas (gegründet 1873). Beiträge für diese Magazine lieferten englische Schriftsteller, darunter Kipling, die amerikanischen Literaten Louisa May Alcott, Howard Pyle (der auch als Illustrator einen Namen hatte), Oliver Wendell Holmes und Mark Twain sowie der aus Kanada stammende Illustrator und Schriftsteller Palmer Cox, der die beliebten Brownies-Bücher verfasste.
Drei der amerikanischen Schriftsteller, die für die oben genannten Magazine schrieben, wurden als Verfasser von Kinder- und Jugendbüchern bekannt. Mit dem zweibändigen Werk Little Women (1868/69; Kleine Frauen) begann Alcott eine Romanreihe über das Familienleben in Neuengland; ihre Bücher wurden immer wieder aufgelegt und werden bis heute gelesen. Twain schilderte in seinem Buch The Adventures of Tom Sawyer (1876; Die Abenteuer Tom Sawyers) sehr lebendig die Streiche eines Jungen in einer Kleinstadt am Mississippi; die Handlung spielt zu einer Zeit, als das Leben der Grenzer noch in lebendiger Erinnerung war. Twains Hauptwerk, der Jugendroman The Adventures of Huckleberry Finn (1884; Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn), wird von vielen Kritikern nicht nur als das bedeutendste amerikanische Kinder- und Jugendbuch betrachtet, sondern zugleich als wichtiger Beitrag zur Literatur der Vereinigten Staaten überhaupt. Pyle brachte Nacherzählungen englischer Sagenstoffe heraus, insbesondere die Geschichten um den Räuberhauptmann Robin Hood (The Merry Adventures of Robin Hood, 1883) und König Artus und die Ritter der Tafelrunde (The Story of King Arthur and His Knights, 1903). Zu beiden Werken schuf Pyle selbst beeindruckende Illustrationen. Großen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur im englischsprachigen Raum hatten vor allem die Magazine Boy’s Own Magazine (1855-1874), Aunt Judy’s Magazine (1866-1875) und The Boy’s Own Paper (1879-1912), in denen renommierte Autoren publizierten.
20. Jahrhundert
Bereits im 19. Jahrhundert waren immer mehr Übersetzungen von Kinderbüchern in Deutschland erschienen. Der gegenseitige Einfluss fremd- und deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur hat sich im 20. Jahrhundert dahingehend verstärkt, dass der internationale Jugendbuchmarkt für viele Sprachen offen ist und ein reger Austausch stattfindet. Autoren und Illustratoren verschiedener Nationalitäten arbeiten zusammen, und ein in seiner Heimat erfolgreiches Kinderbuch wird häufig in mehrere Sprachen übersetzt. Nicht nur Bilderbücher für Kleinkinder sind auf dem internationalen, vor allem europäischen Markt sehr erfolgreich. Von daher spricht man heute vom internationalen und nicht mehr vom nationalen Kinder- und Jugendbuch. Im Folgenden können nur Beispiele des vielseitigen und vielfältigen modernen Kinderbuches und einige wenige Autoren vorgestellt werden.
Aus der Lebenswelt der Arbeit berichteten zu Beginn des Jahrhunderts (zum Teil autobiographisch) Jugendbücher von Jürgen Brand (Gerd Wullenweber, 1915) und Adelheid Popp (Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin, 1909). Dem Jugendstil und der Neuromantik verpflichtet waren dagegen die Bücher von E. Krediolf (Die Wiesenzwerge, 1902) und Sybille von Olfers (Etwas von den Wurzelkindern, 1906), die vor allem auch wegen der Illustrationen sehr erfolgreich waren.
In Großbritannien sind bis heute die Bücher des Schriftstellers und Illustrators Hugh Lofting sehr populär, insbesondere die Doktor-Dolittle-Bände, die ab 1920 erschienen. Held dieser Reihe ist ein Tierarzt, der mit den Tieren sprechen kann.
Zu den bekanntesten deutschsprachigen Kinder- und Jugendbüchern, die nach dem 1. Weltkrieg geschrieben wurden, gehört Erich Kästners Emil und die Detektive (1929). Damit waren ein neuer Stil (Neue Sachlichkeit) und neue Themen (die unmittelbare Alltagswelt der jugendlichen Leser) in die Jugendliteratur gekommen. Zu den beliebten Schul- und Detektivromanen gehörten u. a. auch Wolf Durians Kai aus der Kiste (1927), Wilhelm Speyers Der Kampf der Tertia (1927) und W. Matthiesens Das rote U (1932) sowie Kästners Das fliegende Klassenzimmer (1933).
Die englischen Gedichtsammlungen When We Were Very Young (1924) und Now We Are Six (1927) sowie die liebevoll versponnenen Erzählungen in den Kinderbüchern Winnie-the-Pooh (1926; Pu der Bär) und The House at Pooh Corner (1928; Wiedersehen mit Pu; auch: Pu baut ein Haus) von Alan Alexander Milne zählen zu den modernen Klassikern der englischen Kinderliteratur. Ein Kindermädchen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten ist die Heldin der Mary-Poppins-Geschichten (1934-1963) der aus Australien stammenden englischen Schriftstellerin Pamela L. Travers. Die Kinderbuchreihe wie auch die Filmversion des Stoffes waren äußerst erfolgreich.
Während des Dritten Reiches beherrschte die Blut- und Boden-Ideologie der Nationalsozialisten und ihre Propaganda die Jugendliteratur in Deutschland. Karl Aloys Schenzingers Hitlerjunge Quex (bereits 1932 erschienen) war ein Musterbeispiel dieser ideologischen Literatur. Bei den internationalen traditionellen Kinder- und Jugendbüchern gab es neben den Abenteuergeschichten immer mehr Sachbücher für alle Altersgruppen.
Antoine de Saint-Exupérys Le petit prince (1943; Der kleine Prinz), ein sehr literarisches Kinderbuch, und Astrid Lindgrens Pippi Långstrump (1945; Pippi Langstrumpf) waren die ersten Übersetzungen nach dem 2. Weltkrieg auf dem deutschen Kinderbuchmarkt. Mit der Übersetzung ihres Jugendbuches Pippi Langstrumpf begann für die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren ein bis heute andauernder Erfolg, und das nicht nur im deutschsprachigen Raum. Zu den beliebtesten ihrer zahlreichen Bücher gehören u. a. Mehr von uns Kindern aus Bullerbü (1955) und Rasmus und der Landstreicher (1957).
Nach dem 2. Weltkrieg waren vor allem auch die Bücher von Autoren wieder verfügbar, deren Rezeption in Deutschland seit den zwanziger Jahren unterbrochen worden war: z. B. Titel von Enid Blyton und Beatrix Potter. Einer der bedeutendsten amerikanischen Verfasser von Kinder- und Jugendbüchern in den vierziger und fünfziger Jahren war James Thurber mit seinen Fabeln und Märchen, darunter Many Moons (1943; Die Prinzessin und der Mond; auch: Einen Mond für Leonore) und The White Deer (1945; Das weiße Reh). Sehr erfolgreich waren nach wie vor historische Romane sowie die Fantasy-Bücher für Jugendliche von J. R. R. Tolkien. Sein The Lord of the Rings (Herr der Ringe) erschien Mitte der fünfziger Jahre in deutscher Übersetzung.
Kinder- und Jugendliteratur in Taschenbuchausgaben etablierte sich ab den fünfziger Jahren auf dem Buchmarkt. Vor allem eine Vielzahl älterer Kinder- und Jugendbuchklassiker werden seitdem immer wieder neu als Taschenbücher aufgelegt. Nicht nur als Printmedien werden Werke der Kinder- und Jugendliteratur angeboten, sondern auch auf Tonbandkassetten und CDs sowie als Filme. Beliebt bei Kleinkindern sind Elementarbilderbücher mit Hartpappenseiten, auf denen einfache Themen aus dem kindlichen Alltag mit kurzen Texten zum Vorlesen und anhand ansprechender Illustrationen und Charaktere, mit denen das Kind sich leicht identifizieren kann, behandelt werden.
Der Deutsche Jugendliteraturpreis, 1956 als Jugendbuchpreis gegründet und 1981 in Jugendliteraturpreis umbenannt, zeichnet jedes Jahr unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die besten Vorjahresproduktionen der Kinder- und Jugendliteratur aus. Die prämierten Bücher (deutsche und ins Deutsche übertragene Titel) spiegeln die Entwicklung des Jugendbuches der letzten Jahrzehnte wider.
Surrealistisch-komische Elemente, die auf die Volksliteratur zurückgehen und wie sie in den Geschichten Die kleine Hexe (1957) und Der Räuber Hotzenplotz (1962) von Otfried Preußler exemplarisch ausgestaltet sind, finden sich in zahlreichen modernen Kindernbüchern in verschiedenen Ausprägungen: Realistisches wie Phantastisches gehen vielfach dabei eine unterhaltsame Verbindung ein. Einen ganz anderen Weg des Erzählens beschritt dagegen James Krüss, der in seinem 1960 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichneten Buch Mein Urgroßvater und ich (1959) das Erzählen und Versemachen thematisierte. Eine eindeutige Stilrichtung oder Themenschwerpunkte im modernen Kinder- und Jugendbuch gibt es seit den sechziger Jahren nicht mehr: Themen-, Stil- und Formvielfalt beherrschen den Markt.
Die Kinder- und Jugendbuchliteratur der DDR förderte zunächst Übersetzungen aus dem Russischen. Bei den Themen standen Kolonialismus und Widerstand gegen das Dritte Reich sowie Geschichten aus dem Exil im Vordergrund. Deutsche Autoren dieser vorherrschenden Richtung waren u. a. Auguste Lazar und Alex Wedding. Bekannte DDR-Literaten wie Erwin Strittmatter (Tinko, 1954), Ulrich Plenzdorf (Die neuen Leiden des jungen W., 1973) oder Franz Fühmann (Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm zu Babel, 1978) schrieben auch für Kinder und Jugendliche. Thematisch war das DDR-Jugendbuch (neben Zeitgeschichte und Alltagserfahrung der Kinder) auch auf poetische und phantastische Geschichten ausgerichtet. Zu den bekanntesten Jugendbuchautoren der DDR gehörten: Günter Görlich (Den Wolken ein Stück näher, 1971), Gerhart Holtz-Baumert, Hannes Hüttner (Das Blaue vom Himmel, 1971), Götz Rudolf Richter und Benno Pludra (Insel der Schwäne, 1980; Das Herz des Piraten, 1985).
In der erzählenden Kinder- und Jugendliteratur der Bundesrepublik lag einer der Schwerpunkte seit den sechziger Jahren auf realistisch dargestellten Inhalten. In Romanen für Jugendliche wurden seitdem eine Vielzahl gesellschaftlich relevanter Probleme behandelt und auch Themenkreise aufgearbeitet, die in der Kinder- und Jugendliteratur zuvor mit Tabus belegt waren, so z. B. Tod, Scheidung, Beziehungen zwischen jungen Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Nationalität, Behinderung, Sexualität und Drogenabhängigkeit. Trotz dieses zeitweise vorherrschenden Realismustrends gab es immer wieder Bücher, in der die Phantasie zu ihrem Recht kam. Große Bekanntheit erlangte z. B. Michael Ende mit seinen phantastisch-abenteuerlichen Erzählungen Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer (1960) und Jim Knopf und die Wilde 13 (1962), die auch im Marionettenspiel der Augsburger Puppenkiste ein großer Publikumserfolg durch Fernsehaufzeichnungen in den sechziger und siebziger Jahren wurden. Ende wurde später zum Bestsellerautor mit seinen phantastischen Romanen Momo (1973; verfilmt 1986) und Die unendliche Geschichte (1979; verfilmt 1984). Zu den die Phantasie fördernden Kinderbüchern zählte auch Josef Ladas Kater Mikesch, das 1962 von Otfried Preußler aus dem Tschechischen übersetzt worden war. Zu dieser Zeit trat auch der Zeichner und Autor Janosch mit den Bilderbüchern (Das Auto hier heißt Ferdinand, 1964; Der Mäuse-Sheriff, 1969; Oh, wie schön ist Panama, 1978) seinen Siegeszug durch die Kinderzimmer an. Paul Maars phantasiereiche Alltagsgeschichten (Der tätowierte Hund, 1968; Eine Woche voller Samstage, 1973; Am Samstag kam der Sams zurück, 1980) wurden zu Bestsellern bis in die neunziger Jahre hinein. Peter Bichsels Kindergeschichten (1969) waren Geschichten für Erwachsene und Kinder; eine literarische Zwischenform von Kurzgeschichten, die auch der Autor nicht selber einordnen wollte zwischen literarischer Ambition und Erzählungen für Kinder.
In den siebziger Jahren wurden immer mehr Bücher veröffentlicht, die naturwissenschaftliche und landeskundliche Themen zum Inhalt hatten. Im gleichen Zeitraum erschienen auch mehrere Gedichtsammlungen. Mit dem Band Was denkt die Maus am Donnerstag (1967) machte sich Josef Guggenmos als Autor von Kindergedichten einen Namen. Der Nobelpreisträger von 1978, Isaac Bashevis Singer, schrieb auch Kinderbücher: beispielsweise Zlateh, die Geiß (1968) und The Wicked City (1972). Literaten, die bisher Lyrik oder Romane veröffentlicht, aber noch nichts für Kinder oder Jugendliche geschrieben hatten, schrieben nun Texte, die sich an eine jüngere Zielgruppe wandten: so z. B. Reiner Kunze (Der Löwe Leopold, 1970) und Günter Herburger, der 1971 seine sehr erfolgreichen Birne-Geschichten (Birne kann alles und Birne kann noch mehr) herausbrachte. Peter Härtling veröffentlichte 1975 das Jugendbuch Oma und 1980 die Jugendliebesgeschichte Ben liebt Anna. Als ein Beispiel für ein neuartiges Sachbilderbuch kann das 1974 von dem amerikanischen Architekturprofessor David Macaulay herausgegebene Sie bauten eine Kathedrale gelten. Christine Nöstlinger (Wir pfeifen auf den Gurkenkönig, 1972), Friedrich Karl Waechter (Wir können noch viel zusammen machen, 1974) und die Kinderbücher von Helme Heine (Richard, 1978) gehören zu den mit Preisen ausgezeichneten Kinderbuchautoren der siebziger Jahre.
Seit etwa 1980 finden die so genannten Pop-up-Bücher, aus deren Seiten beim Blättern ein dreidimensionales Bild aufklappt, weite Verbreitung. Beispiele dieses eine Vielzahl von Themen behandelnden Buchtyps sind die Titel The Most Amazing Hide-and-Seek Alphabet Book (1978; Die höchst verwunderlichen Klapp-, Zieh- und Drehbuchstaben von A-Z) von Robert Crowther und The Human Body (1983; So funktioniert unser Körper) von Jonathan Miller, wobei die Illustrationen die Anatomie des menschlichen Körpers sehr gut veranschaulichen. Robert Gernhardts Kinderbuch Der Weg durch die Wand (1982) und Gudrun Mebs’ Sonntagskind (1983) gehören neben den Büchern von Achim Bröger (Bruno und das Telefon, 1983; Oma und ich, 1986) und Gudrun Pausewang (Die Wolke, 1987) zur jüngeren Generation der Jugendbuchliteratur. Ein überaus großer Erfolg (auch als Film) war das Jugendbuch des Romanciers Uwe Timm Rennschwein Rudi Rüssel (1989).
Auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt der neunziger Jahre gibt es neben realitätsnahen und phantastischen Erzählungen poetische und informative Bilder- und Kinderbücher sowie surreale und komische Jugendbuchgeschichten. Zurückgedrängt worden sind in den letzten Jahren rein didaktisch ausgerichtete Kinderbücher. Im Vordergrund stehen heute das spielerische Lernen, die Vermittlung von Lebenswirklichkeit und die sachliche, anschauliche Information im Jugendbuch sowie beim Kinderbuch die Phantasie fördernde Texte ohne „pädagogischen Zeigefinger“. Ein Bestseller bei Jugendlichen wie bei Erwachsenen wurde das 1993 erschienene anspruchsvolle philosophische Jugendbuch Sofies Welt des Norwegers Jostein Gaarder. 1997 erhielt mit Karel, Jarda und das wahre Leben der in der Bundesrepublik lebenden Tschechin Sheila Och ein Kinderbuch den Deutschen Jugendliteraturpreis, das explizit die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der jüngsten Zeit in Prag thematisiert.
Kriminalliteratur, dokumentarische oder erzählerische Literatur, die sich mit der Welt des Verbrechens beschäftigt. Sonderformen der Kriminalliteratur sind der Detektivroman und der Agentenroman.
Kriminalität, besonders Kapitalverbrechen wie Mord, haben von jeher die Sensationslust angestachelt und früh literarischen Niederschlag gefunden. Eine Kriminalliteratur als eigenständige Gattung bildete sich jedoch erst am Ende des 18. Jahrhunderts heraus. Diese Entwicklung stand in Zusammenhang mit einem Innovationsschub in der Buchherstellung, der die massenhafte Produktion und Verbreitung ermöglichte, und dem gleichzeitigen Entstehen eines bürgerlichen Lesepublikums, das neben wissenschaftlicher und belehrender Lektüre auch nach Zerstreuung verlangte. Dieses Bedürfnis wurde von Taschenbüchern und Almanachen gedeckt, die populäres „Lesefutter“ verschiedenster Provenienz enthielten: sentimentale Liebesgeschichten, Gespenstergeschichten und Kriminalgeschichten. Zu den frühen Beispielen zählen Friedrich Schillers Der Verbrecher aus verlorener Ehre (anonym erschienen 1786) und E. T. A. Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi (1819) sowie verschiedene Erzählungen Kleists.
Mehr noch als die erfundenen bewegten oft die authentischen Kriminalfälle die Gemüter. Ein Freund und Juristenkollege Hoffmanns, der Berliner Julius Eduard Hitzig, gab mit großem Erfolg eine Sammlung solcher Kriminalfälle heraus: Der Neue Pitaval. Der Titel bezog sich auf einen wichtigen Vorläufer, F. Gayot de Pitavals Causes célèbres et intéressantes (26 Bde., 1734-1770, Berühmte und interessante Rechtsfälle). Im Laufe des 19. Jahrhunderts avancierten Kriminalromane und -erzählungen zu einem der beliebtesten Zweige der Unterhaltungsliteratur, allerdings blieben sie bis heute auch Bestandteil anspruchsvoller Literatur. Als Schöpfer der modernen Detektivgeschichte, die die Aufklärung der Tat und das Ergreifen des Verbrechers in den Vordergrund stellt, gilt Edgar Allan Poe. Mit Der Doppelmord in der Rue Morgue (1841) und Das Geheimnis der Marie Rogêt (1843) veröffentlichte er erstmals Erzählungen dieses Typs. In England war wenig später Wilkie Collins mit den Kriminalromanen Die Frau in Weiß (1860) und Der Monddiamant (1868) erfolgreich.
An der Schwelle zum 20. Jahrhundert zeichnen sich drei Tendenzen ab: Es treten zunehmend Autoren auf den Plan, die ausschließlich Kriminalliteratur verfassen, das Personal der Erzählungen erhält mehr psychologisches Profil, und eine Reihe populärer Detektivgestalten entsteht, wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes. Besonders die Engländer und Amerikaner erweisen sich zukünftig als Meister des Genres, doch auch im deutschen Sprachraum profilieren sich Autoren wie der Schweizer Friedrich Glauser (1896-1938), dessen Geschichten um den Wachtmeister Studer inzwischen wieder eine Renaissance erleben. Skurrile und von pointiertem Witz gezeichnete Kriminalgeschichten verfasste in den zwanziger Jahren Walter Serner (Der Pfiff um die Ecke, 1925). Unter den Schriftstellern der Nachkriegszeit zeigte Friedrich Dürrenmatt eine starke Affinität zur Thematisierung der Kriminalität (Der Richter und sein Henker, 1952). Neben niveauvollen Vertretern der Gattung, wie Agatha Christie, Dorothy Sayers, Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Graham Greene oder Georges Simenon, überschwemmt bis heute eine Flut zweitrangiger Kriminalliteratur, zum Teil in Form billiger Heftchen, den Markt. Zu den beliebtesten Trivialautoren zählte Edgar Wallace, dessen Romane (Das Gasthaus an der Themse u. a.) in den sechziger Jahren häufig verfilmt wurden.
Zu den erfolgreichsten Kriminalautoren unserer Tage gehören die Engländerin Ruth Rendell (Pseudonym: Barbara Vine) und der Katalane Manuel Vázquez Montalbán, der seine Erzählungen im Gangstermilieu der Millionenstadt Barcelona ansiedelt. Seit einigen Jahren hat sich mit Pieke Biermann und anderen auch eine spezifisch „weibliche“ Variante der Gattung herausgebildet.
Literaturoper, musik- und literaturgeschichtlicher Begriff, der die Vertonung eines oftmals bereits gegebenen literarischen, nicht unbedingt dramatischen Stoffs als Neuerung im Musiktheater des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Ihre operngeschichtliche Voraussetzung bildet die Abkehr von der spätromantisch-illustrativen Wort-Ton-Beziehung und die damit verbundene Höherbewertung des Textkomplexes. Den Beginn einer engen Zusammenarbeit zwischen Komponist und Dichter markieren die Opern von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, darunter Elektra (1909), Der Rosenkavalier (1911) und Ariadne auf Naxos (1917). In tendenzieller Umkehrung der untergeordneten Funktion des Librettos gegenüber der musikalischen Komposition wird hier der sprachlichen Gestalt ein zunehmend eigenständiger Anteil am Gesamtkunstwerk der Oper zugemessen, so etwa in Alban Bergs auf Georg Büchner zurückgehendem und 1925 uraufgeführtem Wozzeck. Zu den erfolgreichsten Literaturopern zählen die Kafka-Vertonung Gottfried von Einems (Der Prozeß, 1953), die Wolfgang Fortners Bearbeitung von García Lorcas Drama Die Bluthochzeit (1957), Hans Werner Henzes in Zusammenarbeit mit Ingeborg Bachmann entstandene Opern Der Prinz von Homburg (1960, nach dem Schauspiel Heinrich von Kleists) und Der junge Lord (1965, nach Wilhelm Hauff), Giselher Klebes Oper nach Franz Werfels Bühnenstück Jacobowsky und der Oberst (1965) und Bernd Alois Zimmermanns Die Soldaten (1965) nach dem Schauspiel von Jakob Michael Reinhold Lenz.
Phantastische Literatur, Sammelbegriff für literarische Werke, die die Grenzen einer realistischen Wirklichkeitsdarstellung überschreiten. Merkmal der phantastischen Literatur, die ein breites Spektrum literarischer Erscheinungsformen wie Schauerroman, Gothic Novel, Gespenstergeschichte, Fantasy, Sciencefiction, Märchen, Sage oder Utopie umfasst, ist die Beschreibung von jenseits, neben oder innerhalb der in Wirklichkeit existierenden Welten. Sie konstruiert die Möglichkeit, Irreales, Surreales, Wunderbares, Traumhaftes, Zauberhaftes, Unheimliches, Unbewusstes, Halluzinatorisches, Visionäres oder Ähnliches als Realität zu erfahren. Oft schildert die phantastische Literatur zunächst die alltägliche Erfahrungswirklichkeit, die dann durch etwas Unglaubliches, den Naturgesetzen Widersprechendes gestört wird.
Nach Ansätzen in der Antike, im Mittelalter und in der Renaissance etablierte sich die Phantastik als ästhetische Kategorie in der Romantik als Reaktion auf den Rationalismus der Aufklärung; Vertreter waren u. a. Wilhelm Hauff, E. T. A. Hoffmann, Nikolai Gogol und Edgar Allan Poe. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich mit der wissenschaftlich-technischen Phantastik um Jules Verne und H. G. Wells eine Sonderform, die bis heute als Sciencefictionliteratur fortbesteht. Im 20. Jahrhundert wurde das Phantastische zunehmend zur Gestaltung alternativer Weltentwürfe eingesetzt, so bei Michail Bulgakow, J. R. R. Tolkien und Italo Calvino, wobei den Vertretern des lateinamerikanischen magischen Realismus wie Jorge Luis Borges und Gabriel García Márquez besondere Bedeutung zukommt.
Reiseliteratur, Sammelbezeichnung für jede Art literarischer Äußerung, die sich stofflich mit dem Bereich des Reisens befasst. Darunter lassen sich Reiseführer ebenso wie die wissenschaftliche, essayistische und fiktionale Behandlungen des Themas fassen. Zur wissenschaftlichen Reiseliteratur gehört Alexander von Humboldts Voyages aux règions équinoxiales du nouveau continent (30 Bde., 1805-1834), zur essayistischen Hermann Graf Keyserlings Reisetagebuch eines Philosophen (1919).
Eine Sonderform der Reiseliteratur sind die Reisebriefe, die – oftmals als Teil einer Korrespondenz – über das geographische, kulturelle oder soziale Umfeld in der Fremde Auskunft geben. Literarisch wertvolle Reisebriefe stammen von Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Heinrich Wackenroder und Theodor Fontane. Auch Goethes Reisetagebuch Italienische Reise (1786) ist zur Reiseliteratur zu zählen. Eine Sonderform des Reiseromans ist der utopische Roman (Utopie; von griechisch ou: nicht; topos: Ort), der eine phantastisch-ideale Welt im Nirgendwo konstruiert, um an ihr die realen Verhältnisse zu messen. Ein Beispiel hierfür ist Thomas Mores Staatsroman Utopia (1515). Auch Abenteuer-, Schelmen- und Lügengeschichten können der Gattung angehören.
Reiseführer
Die Idee des Reiseführers entwickelte sich bereits im Altertum. Zur altgriechischen Literatur zählen Schriften, die Länderbeschreibungen oder Erläuterungen von Sehens- und Merkwürdigkeiten einzelner Städte enthielten. Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. sind solche Periegesen (von griechisch periegesis: Herumführen) bekannt. Ihre Verfasser, darunter Hekataios, Herakleides, Dionysos und Avienus, wurden Periegeten (also Fremdenführer) genannt. Überliefert ist etwa die Periegesis tes Hellados des Pausanias (um 170 v. Chr.) über Griechenland.
Im Mittelalter dienten Reiseführer vorwiegend zur Unterweisung von Wallfahrern. Zunächst handschriftlich kopiert, wurden sie seit dem 15. Jahrhundert auch gedruckt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich im Zuge bildungsbürgerlichen Interesses und im Rahmen des Massentourismus die Baedeker-Reihe (siehe Karl Baedeker), die am Anfang einer ganzen Welle von Reiseführer-Literatur stand. Autoren von Karl May bis hin zu Thomas Pynchon holten hier ihre Informationen über entlegene Länder für ihre Romane bzw. Erzählungen, ohne die Schauplätze erst bereisen zu müssen.
Anfänge der Reiseliteratur
Den Beginn der fiktionalen Reiseliteratur des Abendlandes markiert Homers Epos Odyssee, welches, im 9. Jahrhundert v. Chr. entstanden, über die abenteuerliche Irrfahrt des Odysseus von Troja nach Ithaka berichtet. Im Auftrag des persischen Herrschers Dareios I. reiste Skylax aus Karyanda von Indien nach Suez und schrieb seine Erlebnisse um 516 v. Chr. nieder. Im 4. Jahrhundert v. Chr. berichtete Pytheas von seiner Fahrt zu den Shetland- und Orkney-Inseln. Diese griechische Tradition der Reisegeschichte, die, mit allerlei unglaublichen Abenteuern und pseudoethnologischen Berichten durchwoben, von sich behauptet, authentisch zu sein, fand bereits im 2. Jahrhundert in Lukian von Samosata einen ebenso phantasievollen wie skeptischen Parodisten. In seinen Wahren Geschichten und in Ikaromenippos oder Die Luftreise wird die Übertreibungskunst griechischer Chronisten wie Ktesias (Indien), Iambulos oder Herodot (Kleinasien, Nordafrika) in ironischer Weise noch überboten. Aus der asiatischen Literatur sind fiktionale Reisetexte seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. überliefert.
Im Mittelalter sind vor allem die Spielmannsdichtung sowie die Amadis- und Artusromane (siehe auch Artussage) wichtiger Bestandteil der Reiseliteratur. Hinzu kamen zahlreiche Berichte über Pilgerreisen, etwa von Hans Schiltberger (1429), und das Raisbuch von Hans Tucher (1428). Das Werk jedoch, von welchem die größte Nachwirkung ausging, war Marco Polos Il Milione (1301; Der Milione – auch: Die Wunder der Welt), in dem dieser seine zwischen 1271 und 1295 unternommene Reise in die Mongolei des Kubilai Khan beschrieb. Eine erste hochdeutsche Übersetzung erschien Ende des 14. Jahrhunderts. In Il Milione vermischte Polo genaue gesellschaftliche Analyse, authentische Geschichte und Fiktion (z. B. einen Bericht über Menschen mit Hundegesichtern) unentwirrbar miteinander. Auf diese Weise gelangten erste Informationen und Gerüchte über den Fernen Osten nach Europa. Polos Reisebericht regte Christoph Kolumbus zu seiner (Indien-)Reise an und ermutigte zahlreiche Abenteurer, dem legendären Reichtum Chinas nachzujagen. Der phantastische Reisebericht des englischen Ritters Mendeville Jean de Bourgoignes aus der Mitte des 14. Jahrhunderts ist direkt von Polo beeinflusst.
18. und 19. Jahrhundert
Nach den phantastischen Fahrten Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens (Reisebeschreibung nach der oberen Mondwelt), der Gesellschaftssatire Jonathan Swifts (Gullivers Reisen), der Parodie auf den Ritterroman von Miguel de Cervantes (Don Quijote) und den philosophischen Reisefiktionen der Aufklärung – darunter Voltaires Candide – entwickelte sich der bildungsbeflissene Reiseroman des Barock und der erotisch-galante Rokoko-Reiseroman. In der Tradition von Laurence Sternes Empfindsamer Reise durch Frankreich und Italien (1768) entstand Schummels Empfindsame Reise durch Deutschland (1770-1772).
Im 18. Jahrhundert begründen Daniel Defoe und Tobias George Smollet zudem die Robinsonade bzw. den Seeroman. Daneben erschienen erste Weltreise-Bücher, so Johann Georg Adam Forsters Reise um die Welt (1777) oder Adelbert von Chamissos Reise um die Welt (1821). Jules Vernes erschloss den Reiseroman der Sciencefiction. Seine Reise um die Welt in 80 Tagen reizte im 20. Jahrhundert Autoren wie Jean Cocteau (Meine Reise um die Welt in 80 Tagen) und Julio Cortázar (Reise um den Tag in 80 Welten) zu intelligenten Variationen. Die Abkehr von den Naturtheorien Jean-Jacques Rousseaus zeigte sich im Sturm und Drang, etwa bei Friedrich Maximilian Klingers Faust (1791). Hingegen besitzen Jean Pauls phantasiereiche Reiseromane Züge des Idyllischen. Das Sujet der Lügenfahrten nehmen die sich um die Person Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen rankenden Münchhauseniaden auf: Auch diese Tradition setzte sich bis ins 20. Jahrhundert fort, etwa bei Paul Scheerbart, Walter Hasenclever u. a.
Eigene Erfahrungen in exotischer Ferne skizzierte Iwan Gontscharow Mitte des 19. Jahrhunderts in Fregat Pallada (2 Bde.; Die Fregatte Pallas), zugleich eine anklagend-parodistische Variante der Reiseliteratur einer sentimental-verklärenden Romantik. (Innerhalb der deutschen Romantik taucht das Motiv etwa in Joseph Freiherr von Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts von 1826 auf.) Der Abenteuer- und Entdeckerlust anderer Autoren steht hier die eigene Unfähigkeit zum Genuss des Fremden („Kälte und Trägheit hatten mich ganz übermannt“) entgegen.
Der Exotismus des 19. Jahrhunderts
Im Zeitalter des Imperialismus entstand vor allem im englischsprachigen Raum, aber auch in Frankreich und Spanien eine Anzahl exotistischer Werke, die neben nationalistischen Gefühlen auch das Verlangen nach Wissen über Fremdes stillten. (Allerdings nahm diese Tradition bereits viel früher ihren Anfang. Ein Beispiel hierfür sind die Reisebriefe von Hernán Cortés über das Aztekenreich in Mexiko.)
In diese Zeit fallen auch die ethnologisch, geographisch und kulturhistorisch angelegten Berichte zahlreicher Forschungsreisender. Dazu zählen David Livingstones Missionary Travels (1859; Missionsreisen), Richard Burtons First Footsteps in Africa (1856; Die Expeditionen Burtons und Spekes) und Henry Morton Stanleys In Darkest Africa (1890; Im tiefsten Afrika).
Exotistische Romane äußerst unterschiedlichen Niveaus schrieben u. a. Rudyard Kipling, Herman Melville, Joseph Conrad, Pierre Loti, André Gide und Karl May. Ihre oftmals idealisierenden Beschreibungen beeinflussten Autoren des Naturalismus, die, wie etwa Gerhart Hauptmann mit Griechischer Frühling (1907), die Fremde zur arkadischen Idylle stilisierten. Im Expressionismus – etwa durch Robert Müllers Roman Tropen (1915) – wurde diese Form des Exotismus persifliert.
20. Jahrhundert
In den zwanziger Jahren entstand die kritische Reisereportage. Vorreiter hierfür waren Arthur Hollitscher (Amerika heute und morgen) und Egon Erwin Kisch (Paradies Amerika, 1929). Nach dem 2. Weltkrieg entsteht die Form der politisch engagierten Reisebeschreibung, so etwa Simone de Beauvoirs La longue marché (1957; Der lange Marsch). In den fünfziger Jahren schrieb Heinrich Böll sein Irisches Tagebuch (1959). Auch beginnt Wolfgang Koeppen eine Reihe von Russland-, Amerika- und Venedigbüchern (Nach Russland und anderswo hin, 1958; Ich bin gern in Venedig warum, 1994). In den USA illustrierte die Beatgeneration, allen voran Jack Kerouac mit seinem Roman On the Road (1957; Unterwegs), ein neues Lebensgefühl.
Weitere Autoren von Reiseliteratur sind u. a. Alfred Andersch, Cees Noteboom, Hans Magnus Enzensberger, Hubert Fichte, Bruce Chatwin (Traumpfade), V. S. Naipaul und Paul Theroux.
Tagebuchliteratur, autobiographische Berichte, die in chronologischer Form die (zumeist täglichen) Erlebnisse ihres Verfassers verzeichnen, und dies zumeist unmittelbar nach dem Erlebnis selbst. Tagebücher von Dichtern werden oftmals bereits im Bewusstsein späterer Publikation verfasst. Diese Art der Tagebuchliteratur beschäftigt sich oftmals mit zeitgeschichtlicher, kultureller und politischer Problematik und hat mit der ursprünglichen Form des Tagebuches, das private Ereignisse festhält, meist nur wenig gemein. Ein Beispiel für ein privates Zeugnis, das später zum zeitgeschichtlichen Dokument avancierte, ist das Tagebuch der Anne Frank (1950), das die Erlebnisse einer Jüdin während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland schildert. Lediglich am Rande autobiographisch hingegen ist das Reisetagebuch eines Philosophen Hermann Graf von Keyserlings (1855-1918), der eine tatsächlich unternommene Reise zu essayistischer Betrachtung nutzt. Der Literaturwissenschaft gibt das Tagebuch von Schriftstellern oftmals Aufschluss über den literarischen Prozess ihres Schaffens bzw. über ihre dichtungstheoretische Position. Zu den bedeutenden deutschsprachigen Tagebuchschreibern gehören Goethe, Joseph Freiherr von Eichendorff, Christian Friedrich Hebbel, Franz Kafka und Thomas Mann. Bewusst stilisiert und zur Veröffentlichung vorgesehen waren die Tagebücher von Hans Carossa, Ernst Jünger und Erich Kästner. Strukturbildendes Element gewinnt die Form im so genannten Tagebuchroman,, so etwa bei Wilhelm Raabe (Die Chronik der Sperlingsgasse, 1857), Rainer Maria Rilke (Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, 1910) oder Max Frisch (Stiller, 1954). Wegen seiner Unmittelbarkeitsfiktion ist der Tagebuchroman dem Briefroman vergleichbar.
Weltliteratur, summarisch die gesamte Literatur aller Völker und Zeiten, wertend ein ständig wachsender Kanon der größten dichterischen Leistungen aller Literaturen, die über ihre nationalsprachliche und zeitliche Gebundenheit hinaus Geltung haben. Die Bezeichnung wurde in diesem Sinne erstmals 1802 von August Wilhelm Schlegel verwendet („universelle, unvergängliche Poesie“). Johann Wolfgang von Goethe gab dem Begriff in einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann 1827 eine spezifisch idealistische Bedeutung, indem er ihn organisch-prozesshaft auffasste: Weltliteratur entstehe durch gegenseitige Rezeption der Nationalliteraturen und lasse ein Allgemeinmenschliches – „das Gute, Edle und Schöne“ – hervortreten, das jeweils auf die Gesellschaft zurückwirke. Das Ideal einer solchen Weltliteratur sah Goethe in der antiken Literatur als Grundlage der gesamten abendländischen Kultur verwirklicht.
Goethe, Johann Wolfgang von (1749-1832), Dichter, Kritiker und Naturforscher. Goethe ist die bis heute bedeutendste Gestalt der deutschen Literatur, die nicht nur innerhalb ihrer Epoche von großem Einfluss war und ihr den Namen gab (Goethezeit), sondern darüber hinaus für folgende Generationen zum Inbegriff deutscher Geistigkeit wurde. Mit der Tragödie Faust schuf Goethe das zentrale Werk der nationalen Dichtung und ein Menschheitsdrama von zeitloser Gültigkeit und weltliterarischem Rang.
Biographie
Jugend und Studienjahre (1749-1771)
Goethe wurde am 28. August 1749 als Sohn des Juristen und Stadtschultheißen Johann Caspar Goethe (1710-1782) und seiner Frau Katharina Elisabeth (geb. Textor, 1731-1808) in Frankfurt am Main geboren. Der Vater entstammte thüringischen Handwerkerkreisen, die Mutter einer rheinfränkischen, seit mehreren Generationen in Frankfurt ansässigen Beamtenfamilie. Von den fünf Geschwistern überlebte nur Cornelia (1750-1777), mit der er in einem engen Verhältnis stand, das Kindesalter.
Goethe wuchs in einem vermögenden und kultivierten Elternhaus auf und erhielt Privatunterricht von Hauslehrern. In seiner Jugend, die er später eindringlich in der Autobiographie Dichtung und Wahrheit schilderte, wurde er Augenzeuge bedeutender historischer Ereignisse, wie der Unruhen des Siebenjährigen Krieges (Besetzung der Stadt 1759) und der Krönungsfeierlichkeiten für Joseph. II. (1764). Bereits in frühen Jahren traten die intellektuellen, dichterischen und schauspielerischen Begabungen Goethes hervor, der jedoch auf Wunsch des Vaters die juristische Laufbahn einschlug und 1765 bis 1768 in Leipzig Rechtswissenschaften studierte. In philosophischen und literaturgeschichtlichen Vorlesungen (u. a. bei Christian Fürchtegott Gellert und Johann Christoph Gottsched) kam er außerdem mit Gedankengut und Poetik der Aufklärung und Empfindsamkeit (Lessing, Klopstock) in Berührung und nahm Unterricht bei Adam Friedrich Oeser, dem Leiter der örtlichen Zeichenakademie und Freund Johann Joachim Winckelmanns.
Die Leipziger Studienjahre, in die seine erste wichtige erotische Begegnung (mit Käthchen Schönkopf, der Tochter seiner Wirtsleute) und die Entstehung mehrerer Gedichte (Annette-Lieder, 1767) sowie des Schäferspiels Die Laune des Verliebten (1767-1768, gedruckt 1806) fielen, endeten mit einer lebensbedrohlichen Krankheit, die die Rückkehr ins Elternhaus erzwang. Während seiner durch Rückfälle verzögerten Genesung geriet Goethe unter den Einfluss der Stiftsdame Susanna Katharina von Klettenberg, einer Freundin seiner Mutter, die ihn zur Beschäftigung mit dem Pietismus anregte. In dieser von religiös-mystischer Lektüre (Paracelsus u. a.) dominierten Phase betrieb er auch alchimistische Experimente und porträtierte seine Mentorin später einfühlsam im sechsten Kapitel des Bildungsromans Wilhelm Meisters Lehrjahre (Bekenntnisse einer schönen Seele). 1770 erschienen seine ersten Gedichte in Buchform (vertont von Bernhard Christoph Breitkopf, unter dem Titel Neue Lieder).
Im selben Jahr übersiedelte er nach Straßburg, wo er seine juristischen Studien wieder aufnahm und 1771 zum Lizenziaten der Rechte promovierte. Während des Straßburger Aufenthaltes wurde er mit Johann Gottfried von Herder, Johann Heinrich Jung-Stilling und Jakob Michael Reinhold Lenz bekannt und beschäftigte sich mit den Schriften Jean-Jacques Rousseaus sowie den Dichtungen Homers, Pindars, Shakespeares und Ossians. Bedeutend wurde neben den persönlichen Beziehungen zu Vertretern des Sturm und Drang die Begegnung mit der gotischen Architektur, unter deren Eindruck die programmatische Schrift Von deutscher Baukunst (1772 Einzeldruck, 1773 in Herders Sammlung Von Deutscher Art und Kunst) entstand. Starken Nachhall in der Lyrik dieser Periode fand das Liebesverhältnis mit der Pfarrerstochter Friederike Brion, der er zahlreiche Lieder widmete („Mailied“, „Willkommen und Abschied“, „Heidenröslein“).
Die Geniezeit: Sturm und Drang (1771-1775)
Im August 1771 eröffnete Goethe eine Kanzlei in Frankfurt, beschränkte jedoch bewusst seine juristischen Geschäfte, um Zeit für die Vollendung der in Straßburg begonnenen dichterischen Versuche zu gewinnen, darunter die Urfassung des Götz-Dramas (Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, gedruckt 1832). 1772 begann seine eigentliche schriftstellerische Laufbahn als Rezensent der Frankfurter Gelehrten Anzeigen, des bedeutendsten publizistischen Organs des Sturm und Drang. Im Sommer desselben Jahres ging er zum Abschluss der juristischen Ausbildung als Referendar an das Reichskammergericht in Wetzlar, wo die unerfüllte Liebe zu Charlotte Buff, der Braut eines Juristenkollegen, ihn zu seinem ersten Roman anregte. Die Leiden des jungen Werthers (1774, Neufassung 1787) stand in der Tradition des sentimentalen, von Naturschwärmerei und Liebessehnsucht geprägten englischen Romans der Epoche und begründete mit einem Schlag Goethes literarischen Ruhm. Neben diesem Sensationserfolg entstanden Hymnendichtungen in freien Rhythmen („Wanderers Sturmlied“, „Prometheus“, „Ganymed“, „An Schwager Kronos“) und Entwürfe zu den Dramen Faust (Urfaust), Mahomet und Prometheus, Clavigo und Egmont. Wie viele seiner geniebegeisterten Weggefährten orientierte sich Goethe in seiner dramatischen Produktion an den Werken Shakespeares, dem er die (erst 1854 gedruckte) Rede Zum Schäkespears Tag widmete.
Auf verschiedenen Reisen trat Goethe mit prominenten Zeitgenossen wie Johann Caspar Lavater, Wilhelm Heinse und den Brüdern Jacobi in Verbindung und gewann in Maximiliane, der Tochter der Schriftstellerin Sophie von La Roche und späteren Mutter von Bettina und Clemens Brentano, eine neue Vertraute. Problematisch verlief seine Liebesbeziehung zu der Offenbacher Bankierstochter Lili Schönemann. Er suchte der bedrängenden Situation auf einer Reise in die Schweiz zu entfliehen und löste 1775 schließlich die im Vorjahr eingegangene Verlobung. Das erotische Erlebnis fand erneut ein vielfältiges Echo im dichterischen Werk („Neue Liebe, neues Leben“, „An Belinden“, „Wonne der Wehmut“, „Lilis Park“, „Auf dem See“, „Herbstgefühl“).
Das erste Weimarer Jahrzehnt (1775-1786)
1775 übersiedelte Goethe auf Einladung des jungen Herzogs Karl August nach Weimar. Die sächsische Residenzstadt genoss damals bereits einen Ruf als „Musenhof“, an dem die Herzogin Anna Amalia bedeutende Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens vereint hatte, darunter Christoph Martin Wieland als Erzieher ihres Sohnes. Ferner wirkten dort die Schriftsteller Karl Ludwig von Knebel, Johann Christian Bertuch und Johann Karl August Musäus sowie die Komponisten Friedrich Hildebrand von Einsiedel und Karl Siegmund Freiherr von Seckendorff. In literarischen Gesprächsrunden, musikalischen Zirkeln und dergleichen bot sich dort ein Begegnungsfeld des aufgeklärten Adels mit dem gebildeten Bürgertum, das in dieser Art einmalig in Deutschland war. Nach der Ankunft Goethes, der rasch zum hohen Staatsbeamten aufrückte (1776 Geheimer Legationsrat, 1779 Geheimer Rat, 1782 Leiter der Finanzkammer), sollte sich die künstlerisch-wissenschaftliche Geselligkeit der Stadt umso reicher entfalten. Das 1782 bezogene Haus am Frauenplan wurde zu einem Anziehungspunkt auch für eine lange Reihe teils prominenter auswärtiger Besucher.
Goethes nach anfänglichen Vorbehalten gefasster Entschluss, in Weimar zu bleiben, wurde nicht zuletzt durch seine Bekanntschaft mit Charlotte von Stein gefördert, die ihm in den folgenden Jahrzehnten eine enge Vertraute wurde und oftmals in dienstlichen Angelegenheiten zwischen ihm und dem Herzog vermittelte. Der Kreis seiner Pflichten mehrte sich beständig, so übernahm er u. a. die Oberaufsicht über den Ilmenauer Bergbau, der sein Interesse an mineralogischen und anderen naturwissenschaftlichen Studien wieder aufleben ließ (Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, 1790). Während sein Schauspiel Stella (1776), das seine Beziehung zu Lili Schönemann literarisch reflektierte, noch deutlich von der Poetik des Sturm und Drang geprägt war, wurde allmählich das klassische Stilideal zum beherrschenden Prinzip seiner Dichtung. Nicht zuletzt unter dem Einfluss der entsagungsvollen Liebe zu Charlotte von Stein und des lange betrauerten Todes der Schwester Cornelia (1777) löste sich Goethe vom rigorosen Subjektivismus seiner Jugend und setzte an seine Stelle das Ziel einer gemeinschaftsdienlichen Humanität. In Aussage und Form wurde dies erstmals in seinem Drama Iphigenie auf Tauris (Prosafassung 1779, Neufassung in Blankversen 1787), einer Bearbeitung des antiken Tantalidenmythos, deutlich. Im Zentrum seiner dramatischen Dichtung stand der Konflikt von individueller Daseinsgestaltung und geschichtlicher Notwendigkeit (Egmont, 1788) sowie die problematische Existenz des Künstlers in der sozialen Hierarchie (Torquato Tasso, vollendet 1789). In der Abgeschiedenheit des bis 1782 bewohnten Gartenhauses, auf Wanderungen und häufigen Dienstreisen mit dem Herzog (u. a. 1778 nach Berlin) entstanden zahlreiche Gedichte, vornehmlich Naturlyrik, darunter „Harzreise im Winter“, „Wanderers Nachtlied“, „Ilmenau“ und sein wohl bekanntestes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ sowie verschiedene Balladen („Erlkönig“). Außerdem trieb Goethe die Arbeit am Faust und an Wilhelm Meisters theatralischer Sendung (begonnen 1777, vollendet 1785) voran.
Italienische Reise und Rückkehr nach Weimar (1786-1793)
Im Herbst 1786 brach Goethe, der die Last der dienstlichen und höfischen Verpflichtungen trotz fruchtbarer persönlicher Beziehungen (u. a. zu Herder und Knebel, mit dem er botanische Studien trieb) immer drückender empfand, zu einer Bildungs- und Erholungsreise nach Italien auf. Die Umstände dieser ersten italienischen Reise (1786-1788) sind ausführlich in den für Charlotte von Stein geführten Tagebüchern dokumentiert, die ihm drei Jahrzehnte später als Quelle seiner autobiographischen Schrift Die Italienische Reise (1816/17) dienten. Der Weg des Dichters, der inkognito als „Maler Möller“ reiste, führte zunächst über den Gardasee (Torbole, Malcesine) und Verona nach Vicenza, wo er die Bauten Andrea Palladios bewunderte. Nach kurzen Aufenthalten in Padua, Venedig, Bologna und Florenz erreichte er im Oktober Rom, sein eigentliches Ziel. Er nahm dort Quartier bei dem ihm bekannten Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der mit Goethe in der Campagna (1786-1788, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt) eines seiner berühmtesten Porträts schuf, und knüpfte Beziehungen zu zahlreichen deutschen Künstlern, wie dem Dichter Karl Philipp Moritz und dem Landschaftsmaler Philipp Hackert. Eine enge Freundschaft verband ihn auch mit der Malerin Angelica Kauffmann.
Während des gesamten Italienaufenthaltes, den er hauptsächlich in Rom verbrachte, war Goethe neben seinen literarischen Projekten (Egmont, Tasso, Faust, Iphigenie) mit Studien der antiken Bildhauerkunst und der Vervollkommnung seiner zeichnerischen Fähigkeiten beschäftigt. Das südliche Klima, die reichen Kunstschätze und das freie Ausleben seiner künstlerischen Neigungen ließen Goethe diese Reise als „Wiedergeburt“ und „sonderbare Hauptepoche“ seines Lebens erfahren. Unmittelbare literarische Frucht trug sie in den 1788 bis 1790 entstandenen Römischen Elegien (gedruckt 1795), einer geistreichen Auseinandersetzung mit der antiken Liebesdichtung (Tibull, Properz und Catull) und einer Abhandlung über den Römischen Carneval (1788).
Nach seiner Rückkehr nach Weimar im Juni 1788 übernahm Goethe die Leitung des „Freien Zeichen-Institutes“, wurde aber ansonsten – abgesehen von der Direktion der Ilmenauer Bergwerke – auf eigenen Wunsch von allen anderen Ämtern entbunden (ab 1791 Oberdirektion des Hoftheaters). Kurz darauf lernte er seine künftige Lebensgefährtin Christiane Vulpius (1765-1816) kennen. Die Verbindung mit der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Vollwaisen stieß in der standesbewussten Hofgesellschaft auf Ablehnung und trübte vorübergehend das Verhältnis zu Charlotte von Stein. Im selben Jahr kam es in Rudolstadt zur ersten Begegnung mit Friedrich von Schiller, dem Goethe eine Professur in Jena vermittelte, ansonsten aber reserviert gegenübertrat. 1790 veröffentlichte er die abgeschlossene Erstfassung des Faust (Faust. Ein Fragment) und reiste erneut nach Italien, um die Herzoginmutter Anna Amalia von dort nach Weimar zurückzubegleiten. Diese zweite Italienreise (Bozen, Verona, Venedig) stand im Zeichen ausgiebiger Kunst- und Naturstudien und war belastet von der zeitweiligen Trennung von Christiane und dem im Vorjahr geborenen Sohn August. Die Anna Amalia gewidmeten Venetianischen Epigramme (1795 in Schillers Zeitschrift Die Horen) ließen zudem ein deutlich skeptischeres Italienbild aufscheinen. In diesen Epigrammen beschäftigte sich Goethe u. a. mit dem Zeithintergrund der Französischen Revolution (1789), der er zutiefst ablehnend gegenüberstand. 1792 erlebte er als Begleiter Karl Augusts den 1. Koalitionskrieg (1792-1797) der Österreicher und Preußen gegen die Franzosen und wurde Augenzeuge der Kanonade von Valmy. Die Ereignisse schilderte er später aus der Distanz von drei Jahrzehnten in Die Campagne in Frankreich 1792. Goethe war nach eigener Aussage bewusst, dass hier „eine neue Epoche der Weltgeschichte“ anbrach, mit der er sich auch in dramatischer Form kritisch auseinander setzte, wie in Der Bürgergeneral (1793) und dem – auf die Person Cagliostros bezogenen – Schauspiel Der Groß-Kophta (1792). In dem Versepos Reinecke Fuchs (1794) wandelte Goethe die implizite Feudalismuskritik der Vorlagen (niederdeutscher Text aus dem Jahr 1498 und Gottscheds Prosaübertragung) in eine zeitlose Satire über menschliche Schwächen um. Ende 1793 begann eine fünf Jahre andauernde Phase intensiver Homer-Studien, während der er Teile der Ilias und Odyssee übersetzte.
Das Jahrzehnt mit Schiller (1794-1805)
Mitte 1794 gewann Schiller Goethe als Mitarbeiter für die geplante Zeitschrift Die Horen. Mit einer schriftlichen Anfrage in dieser Sache setzte der schließlich über ein Jahrzehnt geführte Briefwechsel ein. Die entscheidende Begegnung vollzog sich im Anschluss an eine Tagung der Jenaer „Naturforschenden Gesellschaft“ am 20. Juli. Schiller war fortan ein häufiger Gast in Goethes Haus und übersiedelte 1799 ganz nach Weimar. Das gemeinsame Wirken erstreckte sich künftig auf gegenseitige Beratung bei programmatischen Schriften, wie Schillers Brieffolge Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts, und literarischen Projekten, wie Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96). Goethe wurde zudem regelmäßiger Beiträger der Horen, und er wurde von Schiller zur Vollendung des ersten Teils des Faust gedrängt. Die Horen ernteten ein spöttisches Echo der literarischen Kritik, die ebendort in dem Aufsatz Literarischer Sansculottismus mit scharfer Polemik bedacht worden war. Herausgeber und Autor antworteten mit den gemeinsam verfassten Xenien (Spottverse), die auszugsweise 1796 in Schillers Musenalmanach für das Jahr 1797 erschienen und erneut einen Eklat provozierten. In beständigem Austausch mit Schiller entstand Goethes Hexameterepos Hermann und Dorothea (1797), in dem er die Welt des zeitgenössischen Bürgertums im Rückgriff auf antike Muster (Homer) darstellte.
In der Zusammenarbeit der beiden Dichter entwickelte sich der an Antike und Renaissance orientierte Stil der „Weimarer Klassik“, wobei Goethe die Objektivität der wissenschaftlichen Naturbetrachtung einbrachte, Schiller dagegen die kritische Sittlichkeitslehre Kants. Ausführlich befassten sich beide mit der Theorie der literarischen Gattungen (Über epische und dramatische Dichtung. Von Goethe und Schiller, 1797), u. a. mit der Ballade. Der Musenalmanach für das Jahr 1798 enthielt neben Schillers (von Goethe angeregter) Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ fünf weitere von Goethe: „Der Schatzgräber“, „Legende“, „Die Braut von Korinth“, „Der Gott und die Bajadere“ und „Der Zauberlehrling“. Anlässlich einer Schweizreise (1797) erweckte der später von Schiller dramatisierte Tell-Stoff Goethes Interesse, und ab 1798 erschien seine Kunstzeitschrift Propyläen, unter der Mitarbeit von Schiller und Wilhelm von Humboldt. Dort wie auch in seinem Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre folgte Goethe dem Ideal klassischer Humanität, in dem er mit Schiller weitgehend übereinstimmte.
Trotz des intensiver werdenden Gedankenaustausches mit dem Kreis der Jenaer Romantiker blieb Schiller die wichtigste Bezugsperson, und sein Tod im Mai 1805 bedeutete eine schmerzliche Zäsur im Leben Goethes. Der umfangreiche Briefwechsel der beiden Weggenossen bezeugt die Intensität der geistigen Beziehung und des freundschaftlichen Verhältnisses und zählt zu den eindrucksvollsten Zeugnissen dieser Art in der deutschen Literatur. Im Epilog zu Schillers Glocke (1805) setzte Goethe dem Verstorbenen ein einfühlsames literarisches Denkmal.
Die Auseinandersetzung mit der Romantik (1806-1814)
In den kommenden Jahren standen Karl Ludwig von Knebel und der Komponist Carl Friedrich Zelter Goethe persönlich nahe, zum wichtigsten geistigen Weggefährten wurde Wilhelm von Humboldt. Seine Haltung zu den Romantikern, wie den Brüdern August Wilhelm und Friedrich von Schlegel, blieb – ungeachtet seiner Parteinahme für den in Jena lehrenden Philosophen Johann Gottlieb Fichte im so genannten Atheismus-Streit – zwiespältig. Einerseits ließ er sich von Achim von Arnim und Clemens Brentano, den Herausgebern der (Goethe gewidmeten) Sammlung Des Knaben Wunderhorn (1806-1808) zur Beschäftigung mit der Volkspoesie und dem deutschen Mittelalter anregen, andererseits erschienen ihm manche romantische Tendenzen als reine „Narrenpossen“. Während er in seiner Schrift Winckelmann und sein Jahrhundert (1805) noch unentschieden zwischen einem normativen Klassizismus und romantischen Sichtweisen schwankte, versah er den 1812 vollendeten Aufsatz Letzte Kunstausstellung 1805 mit deutlichen Seitenhieben auf die Romantiker.
Diese wiederum zählten anfänglich zu den nachhaltigsten Verfechtern Goethes. Vor allem der Wilhelm Meister galt ihnen als Vollendung romantischer Dichtkunst und Lebensauffassung. Im Lauf der Zeit traten indessen die unterschiedlichen Standpunkte und der Generationsunterschied stärker zutage und führten schließlich zum Bruch. Zur glühenden Verehrerin Goethes wurde dagegen Bettina Brentano, die spätere Gattin Achims von Arnim, die 1807 erstmals mit ihm in Verbindung trat. Romantische Züge trug der in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften (1809) gestaltete Konflikt von individuellem Lebensplan und sozialer Existenz sowie die dort vollzogene Problematisierung der bürgerlichen Ehe. Vorbild für die Gestalt der Ottilie war die junge Wilhelmine Herzlieb, die Pflegetochter des Jenaer Verlegers Frommann, zu der der Endfünfziger eine heftige Neigung fasste. 1806 hatte er seine langjährige Lebensgefährtin Christiane geheiratet (nachdem sie sein Leben und Gut vor marodierenden französischen Soldaten gerettet hatte).
1808 traf Goethe auf dem Erfurter Fürstenkongress mit der bedeutendsten zeitgenössischen Herrschergestalt, Napoleon I., zusammen. Im selben Jahr erschien der erste Teil des Faust (Faust: Eine Tragödie), 1811 der erste Band seiner Autobiographie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (weitere Teile 1812, 1814, 1831 und postum 1833), die die Jahre 1749 bis 1775 umfasste. Weitere Betätigungsfelder dieser Lebensphase waren Studien zur Farbenlehre und zur Kunst des Mittelalters, angeregt durch die Heidelberger Sammlungen der Brüder Boisserée. Regelmäßige Kuraufenthalte führten ihn nach Karlsbad und in andere böhmische Bäder, wo er neben der dichterischen Arbeit mineralogische Untersuchungen betrieb und gesellschaftliche Kontakte pflegte. 1812 kam es in Karlsbad zur persönlichen Begegnung mit Ludwig van Beethoven, der außer Vertonungen von Gedichten Goethes eine Ouvertüre zu Egmont komponiert hatte. 1813 starb die neben Goethe und Schiller wirkungsmächtigste Gestalt des Weimarer Geisteslebens, der Dichter Christoph Martin Wieland, dem Goethe einen respektvollen Nachruf widmete (Zum brüderlichen Andenken Wielands).
Die letzten Lebensjahrzehnte (1815-1832)
Von Mai bis Oktober 1815 unternahm Goethe eine ausgedehnte Reise durch das Rhein-, Main- und Neckargebiet, auf der er mit zahlreichen Persönlichkeiten des politischen und geistigen Lebens Bekanntschaft schloss (Freiherr vom Stein, Joseph von Görres, Wilhelm und Jakob Grimm, Johann Peter Hebel u. a.). Zum zentralen Ereignis wurde jedoch die Begegnung mit Marianne von Willemer, der Tochter eines Frankfurter Bankiers, die Goethes spontane Neigung leidenschaftlich erwiderte. Diese Liebe fand literarischen Niederschlag im Buch Suleika des West-östlichen Divan (1819, erweiterte Ausgabe 1827). Mehrere Gedichte stammen von Marianne und wurden von Goethe mit geringfügigen Änderungen übernommen. Die letzte Liebe des alternden Dichters galt der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow, die er 1823 in Marienbad kennen lernte („Marienbader Elegie“, 1827). Andere Meisterwerke seiner späten Lyrik waren die philosophischen Gedichte „Urworte. Orphisch“ (1820), die „Paria-Trilogie“ (1824) und die „Zahmen Xenien“ (1827).
Mit fortschreitendem Alter zog sich Goethe vom literarischen Betrieb und vom Weimarer Gesellschaftsleben zurück (1827 Niederlegung der Hoftheaterleitung), widmete sich seiner umfangreichen naturkundlichen Sammlung und brachte eine Werkausgabe „letzter Hand“ auf den Weg, die 1827 bis 1830 bei Cotta erschien. Das ausgehandelte Honorar, 60 000 Taler, belegte Goethes Ausnahmestellung in der zeitgenössischen Literatur (und darüber hinaus seinen Geschäftssinn). Außer verschiedenen autobiographischen Schriften und der 1828 verfassten Novelle standen Erzählprosa und Drama im Zeichen langfristiger Projekte. Der (gemäß seiner Weisung erst 1832 postum veröffentlichte) zweite Teil des Faust und die Fortsetzung des Wilhelm-Meister-Komplexes mit den Wanderjahren (begonnen 1807, erschienen 1821-1829) haben die offene Form sowie die Ereignis-, Stoff- und Motivfülle gemeinsam. Der Untertitel der Wanderjahre, Die Entsagenden, weist auf einen zentralen Gedanken beider Werke hin: die freiwillige Selbstbeschränkung des Individuums in der praktischen Tätigkeit für das Gemeinwesen.
Wichtige Begleiter der letzten Lebensjahre (Christiane starb 1816, August 1830) wurden neben der Schwiegertochter Ottilie seine Sekretäre Friedrich Wilhelm Riemer und Johann Peter Eckermann, der später seine Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens (1837-1848) herausgab. Zu den letzten Schriften gehören die Aufsätze Landschaftliche Malerei und Noch ein Wort für junge Dichter mit einer retrospektiven Selbsteinschätzung Goethes. Der letzte, wenige Tage vor seinem Tod diktierte Brief war an Wilhelm von Humboldt gerichtet und betraf mit dem Faust das literarische Thema, das ihn sein Leben lang fesselte. Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Haus am Frauenplan und wurde an der Seite Schillers in der Weimarer Fürstengruft beigesetzt.
Werke
Kein anderer deutscher Dichter hat ein so breit gefächertes Lebenswerk geschaffen wie Goethe, der außer dem poetischen auch ein umfangreiches kritisches und naturwissenschaftliches Schrifttum hinterließ. Nimmt man sein Zeichentalent und die vielfältigen Aufgaben am Weimarer Hof hinzu, so formen sich die Konturen eines universell tätigen Geistes, der das epochentypische Ideal des „Originalgenies“ erfüllte. Goethe sah sich selbst als schöpferischen „Dilettanten“, der zeitlebens auf der Suche nach adäquaten Ausdrucksformen war. Als Lyriker, Dramatiker, Epiker und Theoretiker durchlief er zeit- und lebensaltersbedingte Entwicklungsphasen, von denen die „klassische“ die bedeutendste wurde. Der Entstehungsprozess des als Plan schon früh lebendigen und erst im Alter abgeschlossenen Faust spiegelt gleichsam die Konstanten und Metamorphosen seiner Dichterexistenz.
Lyrik
Goethe empfand nach eigenem Bekunden (in Dichtung und Wahrheit) sein Werk als „Bruchstücke einer großen Konfession“, in der jede persönliche Erfahrung „in ein Bild, ein Gedicht“ verwandelt sei. Damit kam der Lyrik als unmittelbarster poetischer Ausdrucksform eine bevorzugte Rolle zu. Vor der ersten repräsentativen Auswahl im achten Band seiner 1787 bis 1790 erschienenen Schriften waren die Gedichte, bis auf die von Breitkopf vertonten Lieder (1770), fast ausschließlich der begrenzten Öffentlichkeit des Freundeskreises bekannt. Ein vollständiges Bild erschloss sich erst nach der Verfügbarkeit des handschriftlichen Nachlasses im Jahr 1885. Während seine Lyrik hinsichtlich der äußeren Form einem steten Wandel unterlag, weisen bereits die frühen Beispiele der Geniezeit das charakteristische thematische Spektrum (Natur, Liebe, Kunst, Religion und Mythos) auf und sind häufig Ausdruck eines persönlichen Erlebnisses, wie in „Wanderers Sturmlied“. Anfangs bildeten meist erotische Begegnung und Naturerlebnis eine vermischte Quelle („Mailied“, 1771). Erst zu Beginn der Weimarer Jahre traten das unmittelbar Erlebnisbezogene und der hymnische Ton zurück und wichen einer auf die Klassik weisenden Natur- und Weltanschauungslyrik, die dichterischer Ausdruck eines gereiften Lebensplanes war („Wanderers Nachtlied“, 1776; „Harzreise im Winter“, 1777; „Grenzen der Menschheit“; „Das Göttliche“, 1783). Zugleich wandte sich Goethe der Balladenform zu („Der Fischer“, 1778; „Erlkönig“, 1782), die ihn später im Zusammenwirken mit Schiller nochmals intensiv beschäftigte.
Insgesamt zeigte sich Goethe dem traditionellen lyrischen Kanon gegenüber distanziert. Nur gelegentlich wandte sich sein Interesse verstärkt bestimmten Formen zu, wie der Ode. Die erste Italienreise stand im Zeichen einer Annäherung an antike Muster, die sich bereits in „Philomele“ (1782) oder „Anakreons Grab“ (um 1785) ankündigten und in den „Römischen Elegien“ (1795) vollendeten. Im Zentrum stand auch künftig trotz des höheren Anteils der Gedankenlyrik („Metamorphose der Pflanzen“, 1798) die poetische Umsetzung sinnlicher Erfahrung. Im erotischen Bereich waren dabei oft konkrete Bezugspersonen (von Friederike Brion bis Ulrike von Levetzow) und Erlebnisse wirksam, entscheidender jedoch im ganzen gesehen die allgemeinere Erfahrung des Lebensgenusses. Eine Ausnahme bildet der in Teilen (Das Buch Suleika) mit Marianne von Willemer verfasste West-östliche Divan (1819), der unter dem Eindruck einer erfüllten Liebesbeziehung entstand.
Das Primat des sinnlich Fassbaren gegenüber dem Abstrakten bestimmte auch den Unterschied der Goetheschen Balladendichtung zu derjenigen Schillers. Während dieser in „Die Kraniche des Ibykus“ oder „Die Bürgschaft“ (beide 1797) mit deutlich belehrendem Anspruch auftrat, herrschte bei Goethe der poetisch-atmosphärische Reiz vor („Der Gott und die Bajadere“, „Die Braut von Korinth“, beide 1797). In der klassischen Periode und der Alterslyrik mehrten sich seine Versuche, die disparat-facettenreiche Gedankenwelt im groß angelegten poetischen Bild zu bannen („Weltseele“, 1801; „Urworte. Orphisch“, 1817; „Vermächtnis“, 1829) und den permanenten Konflikt von Lebenssehnsucht und Entsagung im Kunstwerk auszusöhnen („Trilogie der Leidenschaft“, 1823-1824; Mittelstück: „Marienbader Elegie“).
Auch in die Dramen und Prosawerke sind oftmals lyrische Passagen eingeflochten, wie das Lied der Mignon („Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn“) und das Lied des Harfners in Wilhelm Meisters Lehrjahre und anderes mehr in Faust (Osterspaziergang, Gretchens Monolog am Spinnrad) und in den Wanderjahren. Goethe führte bereits in seinen frühen Gedichten einen neuen, subjektiven Ton in die Lyrik ein, der später charakteristisch für die Dichtung der Romantik wurde und noch im späten 19. Jahrhundert Nachahmer fand, so in George und Rilke.
Erzählerisches Werk
Goethes Laufbahn als Erzähler setzte mit dem Sensationserfolg der Leiden des jungen Werthers (1774) ein, der sogleich in mehrere Sprachen übersetzt wurde und seinen literarischen Ruhm begründete. Eine regelrechte Werther-Mode brach aus, die sich bis zu „stilgerechten“ Selbstmorden verstieg. Biographischer Kontext des in nur vier Wochen niedergeschriebenen Werkes war Goethes unerfüllte Liebe zu Charlotte Buff, der Braut seines Juristenkollegen Kestner. Anschließend fasste er eine leidenschaftliche Neigung zu Maximiliane von La Roche, die jedoch wenig später den Geschäftsmann Peter von Brentano heiratete. Anlässlich eines Besuches geriet Goethe mit ihm in Streit, und insofern wiederholte sich unter anderen Vorzeichen die Situation. Hinzu trat der Aufsehen erregende, aus Liebeskummer vollzogene Suizid eines weiteren Wetzlarer Kollegen. Bedeutsamer als diese im Roman reproduzierte Ereigniskonstellation ist die Gefühls- und Gedankenwelt des Titelhelden, der den damals gängigen Typus des empfindsamen Intellektuellen repräsentiert. Seine Lektürepräferenzen gleichen denjenigen des jungen Goethe (Klopstock, Lessing, Homer und Ossian), ebenso die emphatische Natur- und Welterfahrung. Goethes vorrangige Intention war die Schilderung eines leidenschaftlichen Menschen, der an der individuellen Konfliktsituation und den Konventionen der Gesellschaft in scheinbar auswegloser Weise scheitert und sich dem als peinigend empfundenen Dasein durch Selbstmord entzieht. Mit der das Persönliche betonenden Briefform griff Goethe das Muster des seinerzeit populären sentimentalen Romans (Samuel Richardson, Pamela, 1740) auf. Zahlreiche Charakterzüge Werthers, wie sein ungestümes, bürgerliche Verhaltenskonventionen negierendes Wesen, entsprachen andererseits dem „genialischen“ Menschenbild des Sturm und Drang. Die entscheidende Neuerung bestand in der erzählerisch sicher kontrollierten Ereignisfülle und der Entfaltung einer reich nuancierten Gefühls- und Gedankenwelt, die der Ausdrucksskala der deutschen Erzählprosa neue Dimensionen verlieh.
Im folgenden Jahrzehnt trat Goethes Interesse an diesem Genre zurück, blieb jedoch im Wilhelm-Meister-Projekt lebendig (Wilhelm Meisters theatralische Sendung), das erst 1796 unter dem Titel Wilhelm Meisters Lehrjahre. Ein Roman, herausgegeben von Goethe einen vorläufigen Abschluss fand. Die Handlung des Werkes, das neben Karl Philipp Moritz' Anton Reiser (1785-1794) zum klassischen Muster des Bildungsromans wurde, zeichnet den Entwicklungsgang der Titelfigur vom Austritt aus dem Elternhaus bis in die erfüllte Lebensstellung und Liebesbeziehung nach. Zu den verschiedenen Zwischenstationen – der Welt des Theaters, erotischen Verhältnissen und Bildungserlebnissen – zählt auch die Konfrontation mit der mystischen Frömmigkeit des damals in Deutschland weit verbreiteten Pietismus. Das sechste Buch, „Bekenntnisse einer schönen Seele“, rekapitulierte Goethes einschlägige Erfahrungen mit Susanna Katharina von Klettenberg, einer mit seiner Familie befreundeten Frankfurter Stiftsdame. Hier erreicht Wilhelms Selbstsuche eine Phase stärkster Verinnerlichung, die in scharfem Kontrast zur extrovertiert-lebendigen Atmosphäre des Theaters steht. Die exemplarischen Figuren der bürgerlichen Welt werden ergänzt durch die halbmythischen Gestalten der Sängerin Mignon und des blinden Harfners sowie der an zeitgenössische Geheimbundaktivitäten anknüpfenden mysteriösen „Turmgesellschaft“ (Goethe wurde später in Weimar Miglied der Freimaurerloge „Anna Amalia“). Eine wesentliche Rolle spielen während des gesamten Geschehens die Diskussionen um Natur und Stellenwert des künstlerischen Schaffens. Am Ende der ereignisreichen Wanderschaft steht die Einsicht, dass das Wesentliche im tätigen Bekenntnis zur Welt ohne ideologische Zielsetzungen und Beschränkungen besteht und sich in der glücklichen Liebesbeziehung vollendet. Damit war der im Werther noch ungelöste Konflikt von Ich und Welt in einem aktiven Lebensideal aufgehoben, das dem Grundverständnis der Weimarer Klassik entsprach.
Zur selben Zeit wie die Schlussfassung der Lehrjahre entstand die Novellendichtung Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, die 1794 und 1795 in Schillers Horen erschienen. Die Rahmenhandlung ist in den kriegerischen Ereignissen des Jahres 1793 angesiedelt und vereint eine Gesellschaft deutscher Flüchtlinge vor der Revolutionsarmee, die sich zum Zeitvertreib Geschichten erzählen. In der Rahmensituation auftretende Konflikte erfahren in den einzelnen Erzählungen exemplarische Lösungen und wirken auf diese zurück, wobei die Hauptperson, die Baronesse von C., mit vorbildlichem Feingefühl den Gang der Ereignisse lenkt. Goethe demonstrierte die unterschiedlichen Charaktere der Beteiligten auch an der Wahl des Erzählgegenstandes und der Art des Vortrags und entfaltete ein Panorama typischer menschlicher Verhaltensweisen. Hierin verbarg sich ein indirekter Kommentar zum Zeithintergrund der Französischen Revolution: Eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse war nach seiner Auffassung nur durch behutsame Reformen und gegenseitige Achtung voreinander zu erzielen. Die in der Gesamtanlage des Textes und den Binnenerzählungen spürbare erzählerische Meisterschaft führte Goethe später in der hochstilisierten Novelle, die thematisch an die Unterhaltungen anknüpfte, zur Vollendung.
In dem 1809 erschienenen Roman Die Wahlverwandtschaften, der ursprünglich als novellistische Einlage in Wilhelm Meisters Wanderjahre konzipiert war, versuchte Goethe modellhaft menschliche Verhaltensweisen an einem naturwissenschaftlichen Phänomen zu demonstrieren. Die „chemische Gleichnisrede“ galt dem Problem der erotischen Anziehung und ihrer Kanalisierung in institutionalisierten Zweierbeziehungen. Durch zwei Logiergäste im Haus eines frisch verheirateten Paares, die jeweils „wahlverwandtschaftlich“ auf einen der beiden Partner reagieren, entsteht eine konfliktgeladene Situation, die nur durch Entsagung oder zerstörerisches Ausleben der Gefühle bewältigt werden kann. Am – ironisierend legendenhaften – Schluss scheitern sowohl die leidenschaftlich-ungebundene wie die konventionsverhaftete Liebesauffassung. Der Roman wurde häufig verfilmt; zuletzt 1996 von den Brüdern Paolo und Vittorio Taviani, die die Handlung in die Toskana verlegten.
Goethes erzählerisches Alterswerk Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden (1821, erweiterte Fassung 1829) beschließt mit vergleichbar resignativer Färbung sein Romanschaffen. In Anlage und Thematik weit von den Lehrjahren entfernt, kann es nicht im engeren Sinn als Fortsetzung gelten. Der stete Fluss des Bildungsromans weicht hier einer Vielzahl oft nur locker miteinander verbundener, „durch eine Menge rätselhafter Sprüche unterbrochener“ Erzähleinheiten, die die Bezeichnung Roman kaum noch rechtfertigen. In krassem Widerspruch zum ehemals befürworteten Formideal der Klassik konfrontiert Goethe den Leser nicht mit einem organischen Textganzen, sondern überlässt es dessen Intuition, den inneren Zusammenhang zwischen den formal völlig unterschiedlichen epischen Bruchstücken selbst herzustellen. Thematisches Zentrum der Wanderjahre ist der im Untertitel bereits angeführte Leitgedanke der Entsagung. Goethe entwarf ein perspektiven- und beziehungsreiches Welttheater, das in die Utopie einer auf Askese aufbauenden Gesellschaft mündet. Einer durchgängigen Interpretation entzieht sich das komplexe Werk ebenso wie der zweite Teil des Faust.
Dramen
Die drei Phasen des dramatischen Schaffens umfassen die reichen Anfänge in der Geniezeit, die klassische Periode und die Beschränkung auf die Vollendung des Faust im Alter.
Kennzeichnend für die frühen Dramenprojekte Goethes war die Demonstration des problematischen Verhältnisses von Individuum und Welt am Beispiel „genialischer“ Gestalten, wie des Raubritters Götz von Berlichingen (1773) oder des niederländischen Freiheitskämpfers Egmont (1778). Auch der Titelheld des erst 1789 vollendeten Torquato Tasso, Clavigo (1774) und Fernando, die männliche Hauptfigur von Stella (1776), entsprachen noch diesem Muster. Der vom Sturm und Drang propagierte Dramen- und Heldentypus versuchte sich vom Rationalitätsideal der Aufklärung und den starren Formen des französischen Dramas zu lösen. Der auch in Schillers frühen Schauspielen (Die Räuber, 1780) präsente politisch-historische Kontext war die wachsende Gegnerschaft zu dem in Deutschland herrschenden feudalen Gesellschaftssystem, das keine freie Entfaltung des selbstbewusster werdenden Bürgertums erlaubte.
Bereits in den ersten Weimarer Jahren vollzog sich mit der Prosafassung des – an Euripides anknüpfenden – Dramas Iphigenie auf Tauris (1779) die Hinwendung zu einer autoritätskritischen, aber nicht mehr rigoros egozentrischen Haltung. An die Stelle des genialischen Gestus trat die Forderung nach Wahrheit und Menschlichkeit, die zugleich formelhaft das ästhetisch-moralische Programm der Weimarer Klassik umriss. Die Emanzipation des Einzelnen war hier nicht mehr auf die politisch-soziale Umwälzung bezogen, sondern auf einen inneren Prozess der Befreiung von geistig-religiöser Bevormundung.
Goethes dramatische Produktion spielte fortan – abgesehen von Faust – eine gegenüber der Lyrik und dem erzählerischen und wissenschaftlichen Werk marginale Rolle. Außer politisch akzentuierten Dramen, wie dem Lustspiel Der Groß-Kophta (1792) und dem Trauerspiel Die natürliche Tochter (1803), entstanden Gelegenheitsarbeiten für das Weimarer Liebhabertheater (Die Geschwister, 1776), ferner das Monodrama Proserpina (1778), das Singspiel Scherz, List und Rache (1790) sowie die Festspiele Pandora (gedruckt 1810) und Des Epimenides Erwachen. Nach Napoleons Sturz im Frühjahr 1814 trat August Wilhelm Iffland, der Leiter des Nationaltheaters in Berlin, mit der Bitte um ein Festspiel zum Sieg Friedrichs III. an ihn heran. Obwohl Goethe Napoleon zeitlebens bewundert hatte, erklärte er sich bereit und wählte als Grundidee das Bild eines Soldaten, der den Zusammenbruch der alten Ordnung schlafend überlebt und erwachend der Menschheit eine bessere Zukunft verkündet. Das Festspiel wurde 1815 in Berlin aufgeführt und setzt den Schlusspunkt der klassischen Periode Goethes.
Faust
Goethes dramatisches Hauptwerk, die zweiteilige Tragödie Faust (1. Teil erschienen 1808, 2. Teil 1833), war bestimmt von einer sechs Jahrzehnte dauernden, wechselvollen Entstehungsgeschichte. Mit dem Stoff des historischen Faust wurde er vermutlich in Form des Volksbuches von Johann Nikolaus Pfitzer (1674) und der Straßburger Version des Puppenspiels bekannt, die auf dem Drama Christopher Marlowes (1587) fußte. Ferner dürfte er bereits in seiner Jugend Lessings dramatisches Faust-Fragment (1759) gelesen haben, der die im Mittelalter nur als warnendes Exempel vorgeführte Gestalt erstmals mit positiven Zügen versah. Der Prozess gegen die 1772 in Frankfurt hingerichtete Kindesmörderin Susanna Margarete Brand regte wiederum die Gretchen-Handlung des ersten Teils an.
Goethes erster, zwischen 1772 und 1775 entstandener Entwurf zu Faust eignete sich die im Sturm und Drang gängige „titanische“ Auffassung der Figur an. Diesem nur als Abschrift erhaltenen so genannten Urfaust folgte 1790 die überarbeitete Fassung Faust. Ein Fragment. Erst auf Drängen und unter intensiver Beteiligung Schillers nahm Goethe 1797 die Arbeit wieder auf, die nunmehr im ästhetisch-philosophischen Vorzeichen der Weimarer Klassik stand. Der 1808 abgeschlossene erste Teil wurde erstmals 1829 in Braunschweig vollständig aufgeführt (unter der Direktion von Ernst August Friedrich Klingemann), als Goethe nach langer Pause bereits mit der Vollendung des zweiten Teils beschäftigt war (1825-31). Dieser wurde seiner Weisung gemäß erst posthum veröffentlicht (1833). Die erste vollständige Aufführung beider Teile erfolgte 1876 am Großherzoglichen Hoftheater in Weimar.
Die der eigentlichen Handlung des ersten Teils vorangestellten Szenen „Zueignung“, „Vorspiel auf dem Theater“ und „Prolog im Himmel“ führen zentrale Motive der Tragödie ein und schaffen die Ausgangskonstellation der Wette um Fausts Seele zwischen Gott und Teufel (Mephistopheles: „Was wettet ihr – den sollt ihr noch verlieren“). Die Anfangsszene im Studierzimmer Fausts rekapituliert dessen gescheiterte Versuche, dem Weltgeheimnis mit Hilfe von Wissenschaft und Magie auf die Spur zu kommen, und endet mit dem verzweifelten Entschluss zum Suizid, der im letzten Augenblick unter dem Eindruck der das Osterfest einläutenden Glocken wieder revidiert wird. Bei dem anschließenden Osterspaziergang wird Faust seines gespaltenen, zwischen Geistigkeit und Sinnlichkeit schwankenden Wesens gewahr („Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“). Diesen Konflikt verspricht der – in seiner teuflischen Provenienz von Faust bald erkannte – Mephisto in der folgenden Studierzimmer-Szene zu lösen, fordert aber Fausts Seele als Pfand. Der mit Blut besiegelte Pakt erhält durch die von Faust geforderte Zusatzklausel wiederum den Charakter einer Wette: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zu Grunde gehen!“.
Die zentrale Handlungseinheit, die Liebestragödie um Gretchen, wird vorbereitet in den teils witzig-satirischen, teils pittoresk-unheimlichen Szenen in Auerbachs Keller und der künstlichen Verjüngung Fausts in der Hexenküche. In der Gestalt Gretchens begegnet Faust das lebendige Idealbild der Frau, die ihm Mephisto zuvor in einem Zauberspiegel gezeigt hatte. Zur Erfüllung seiner leidenschaftlichen Begierde nimmt er dessen Hilfe in Anspruch, was sich als fataler Fehler erweist: Das Gretchens Mutter zugedachte Betäubungsmittel wirkt tödlich, ihr Bruder fällt im Duell mit Faust, sie tötet in Verzweiflung das gemeinsame Kind und endet im Kerker. Insofern scheint sich das Böse als beherrschendes Prinzip durchzusetzen, scheitert jedoch an der von Gretchen verkörperten Gegenmacht der göttlichen Liebe, über die Mephisto „keine Gewalt“ besitzt. Die rein lustbetonte, letztlich egoistische Liebe Fausts demonstrierte Goethe in den eingestreuten Walpurgisnacht-Szenen, deren sexuell freizügige Teile er mit Rücksicht auf die moralischen Konventionen seiner Zeit vor der Veröffentlichung des Dramas tilgte.
Die im Konflikt beider Liebeskonzeptionen aufscheinende Einsicht in die prinzipielle Unvereinbarkeit von Ehe und Erotik berührte die seinerzeit kontrovers geführte Diskussion um den Stellenwert der bürgerlichen Zweierbeziehung und belegte zugleich innerhalb des Dramas die offenkundige Unlösbarkeit des von Faust als schmerzlich empfundenen Grundwiderspruchs von geistiger und sinnlicher Existenz. Der erste Teil des Faust, der bei den Zeitgenossen teils enthusiastischen Zuspruch fand, vereinte das im Genie-Ideal des Sturm und Drang wurzelnde Faustbild mit der Ideendiskussion der Hochklassik und der nachklassischen Ästhetik Goethes, die besonders in der romantischen Ausmalung der Hexenszenen zutage trat.
Die Einlösung der Wette blieb dem zweiten Teil der Tragödie überlassen, der aus der Sicht des alternden Dichters kaleidoskopartig die Summe seines eigenen jahrzehntelangen Ringens um Welterkenntnis und Lebenserfüllung zog. Die sogar nach Goethes Einsicht „inkommensurable“ Gedanken- und Ereignisfülle, in der Mythen der deutschen Geschichte ebenso ihren Platz fanden wie diejenigen der Antike (Klassische Walpurgisnacht), ergibt im ganzen gesehen eher einen facettenreichen weltanschaulichen Essay als ein bühnengerechtes Schauspiel. Am Ende steht, ähnlich wie in Wilhelm Meisters Wanderjahren, die Einsicht in den absoluten Wert der in sich selbst vollendeten, auf kein konkretes Ziel gerichteten Tätigkeit: „Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen.“ Die Macht der unter dieser Voraussetzung wirksamen göttlichen Gnade besiegt letzten Endes den „Geist, der stets verneint“ und macht Mephisto zum Verlierer der Wette.
Im Gegensatz zum positiven Echo des ersten Teils stieß der zweite bei seiner Veröffentlichung weitgehend auf Unverständnis, was der enormen Nachwirkung, die die Tragödie insgesamt entfaltete, jedoch keinen Abbruch tat. Die Gestalt des Faust unterlag dabei unterschiedlichen, oft missverständlichen Interpretationen, wie der schließlich von der nationalsozialistischen Ideologie usurpierten Umwertung zum Ideal des deutschen Geistes. Als exemplarisches Menschheitsdrama hat Goethes Dichtung, die u. a. Charles Gounod (Margarethe, 1858) zu einer Vertonung anregte, gleichwohl ihren Platz unter den ersten Werken der Weltliteratur behauptet. Filmfassungen schufen Friedrich Wilhelm Murnau (1926) und Gustav Gründgens (1960).
Naturwissenschaftliche Schriften
Goethes Tätigkeit als Naturforscher, die sein Weltbild entscheidend mitprägte und mannigfache Spuren im dichterischen Werk hinterließ (vor allem in den Wahlverwandtschaften), ist in ihrer Bedeutung erst spät erkannt worden. Goethe hörte bereits in der Straßburger Zeit naturwissenschaftliche und medizinische Vorlesungen, und während seines gesamten Lebens weckten vor allem geologische, physikalische und biologische Studien immer wieder sein Interesse. Am Anfang standen physiognomische Untersuchungen, die durch die persönliche Begegnung mit Johann Caspar Lavater angeregt wurden. Goethe war Mitarbeiter der vierbändigen Physiognomischen Fragmente, die der Züricher Forscher 1775 bis 1778 herausgab. In Weimar wurde er in mehreren wissenschaftlichen Zirkeln, wie der 1791 gegründeten „Freitagsgesellschaft“, der ab 1805 tagenden „Mittwochsgesellschaft“ und der Jenaer „Naturforschenden Gesellschaft“, aktiv und pflegte u. a. Kontakt mit dem dortigen Medizinprofessor Justus Christian Loder.
Seine bedeutendste Leistung war die Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens (Os intermaxillare) im Oktober 1781, die endgültig die – seinerzeit noch umstrittene – gemeinsame Entwicklungslinie von Mensch und Säugetieren bewies. 1790 verfasste er die anatomische Abhandlung Versuch über die Gestalt der Tiere und den Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären. 1791 folgten intensive Studien zur Farbphysik, die er in den Beiträgen zur Optik (1791/92) festhielt. Im Rahmen weiterer Untersuchungen zur Farbenlehre und ihrer Geschichte beschäftigte er sich eingehend mit den Werken von Leonardo da Vinci, Johannes Kepler und Isaac Newton. Im Gegensatz zu Newton setzte er im Farbspektrum Weiß als reine Farbe voraus, stieß mit dieser (unzutreffenden) Ansicht jedoch auf Widerspruch. Die 1810 erschienene Abhandlung Zur Farbenlehre, die er u. a. auch mit dem Maler Philipp Otto Runge diskutierte, wurde in anderen Aspekten ein anerkanntes Standardwerk. Der „didaktische“ Teil enthielt systematische Erläuterungen in drei Unterabteilungen (Physiologische, Physische und Chemische Farben), der „polemische“ setzte sich mit den Ansichten Newtons auseinander, während im fragmentarischen dritten der Versuch einer wissenschaftsgeschichtlichen Bestandsaufnahme von der „Urzeit“ bis zur Gegenwart unternommen wurde.
Goethes wissenschaftliche Arbeit war geprägt von seiner pantheistisch gefärbten Naturphilosophie, die am deutlichsten in der Metamorphose der Pflanzen greifbar wird. Dort setzte er dem statischen Klassifizierungsverfahren Carl von Linnés seine Theorie der „ursprünglichen Identität aller Pflanzenteile“ entgegen, die auf der Prämisse einer „Urpflanze“ beruhte, aus der alle weiteren Pflanzen sich entwickelt hätten. Dieser biogenetische Ansatz entsprach seiner prinzipiellen Überzeugung von der in Kongruenzen und Oppositionen verbundenen Vielfalt der Schöpfung, die in ähnlicher Weise auch für die romantische Transzendentalphilosophie und Naturwissenschaft bestimmend wurde, wie in Gotthilf Heinrich von Schuberts Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften (1808).
Wirkung
Goethe war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn ein Autor von europäischem Rang, dessen Werke in mehrere Sprachen übersetzt waren, neben Werther und Faust auch Wilhelm Meister und Die Wahlverwandtschaften. Darüber hinaus belegt die umfangreiche Korrespondenz mit bedeutenden Persönlichkeiten seine Ausnahmeposition im deutschen und europäischen Geistesleben, ebenso wie die internationale Besucherliste seines Weimarer Domizils. Die Maßstäbe, die er in seiner „Kunstperiode“ (Heinrich Heine) setzte, definierten mit dem Ideal der Weimarer Klassik einerseits gültige Richtwerte, waren andererseits aber auch offen für neue Strömungen, wie die Romantik, und wirkten so auf die nachfolgende Generation. Gegen Ende seines Lebens nahm das Interesse an Goethe jedoch ab, und die in den dreißiger Jahren auftretende Bewegung des Jungen Deutschland stand ihm skeptisch bis ablehnend gegenüber. Während er jenen demokratisch Gesinnten (zu Unrecht) als „Fürstenknecht“ galt, stieß sich das christlich-nationale Lager an seinem frei bekannten „heidnischen“ Pantheismus und seinem kosmopolitischen Selbstverständnis, das auch in dem in den letzten Lebensjahrzehnten zunehmend präsenten Gedanken einer nationenübergreifenden Weltliteratur Ausdruck fand.
Sein hundertster Geburtstag löste nur ein verhaltenes Echo aus, und erst Neuausgaben seiner Schriften nach Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist (nach 1867), die Berliner Goethe-Vorlesungen von Hermann Grimm (1874-1875) sowie dessen Goethe-Biographie rückten ihn wieder in das Blickfeld der literarischen Öffentlichkeit und philologischen Forschung (Wilhelm Dilthey, Friedrich Gundolf, Hermann August Korff). Das Goethe-Bild unterlief fortan zahlreichen Wandlungen, die nacheinander den Klassiker, den „titanischen“ jungen Goethe und den altersweisen Dichter ins Zentrum stellten. Goethes Anschauung der Natur, insbesondere seine Theorie der sich ergänzenden und gegenseitig bedingenden Polarität ihrer Wesenheiten, wurde vorbildlich für die Naturphilosophie Schellings und Hegels. Der Denkansatz des Formenursprungs (Urpflanze) und -wandels fand Eingang in die moderne Morphologie und Typenlehre.
Seine poetischen Werke fanden weite Verbreitung in allen Weltsprachen und starken Widerhall in der deutschen und europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts, vor allem im Bildungs- und Entwicklungsroman (Thomas Mann) und der Lyrik (George, Rilke, Hofmannsthal), und zumindest der erste Teil des Faust zählt nach wie vor zum Standardrepertoire internationaler Bühnen. Zahlreiche Werke der bildenden Kunst (Tischbein, Stieler, Warhol) und der Dichtung haben sich mit dem Phänomen Goethe befasst, darunter Thomas Manns Roman Lotte in Weimar (1939). Die oft in naiver Verehrung überhöhte – und häufig banalisierte und usurpierte – Gestalt des Dichters hat andererseits gerade im 20. Jahrhundert beständig zu Widerspruch und Persiflagen herausgefordert, und die kaum überschaubare Goethe-Philologie sowie die mit der Person verknüpfte Mythenbildung erschweren inzwischen eine unbefangene Annäherung an Leben und Werk.
Institutionen
Mit Goethes Person und Namen sind zahlreiche Institutionen verknüpft. Die 1885 gegründete Goethe-Gesellschaft in Weimar (zahlreiche Tochtergesellschaften) widmet sich der wissenschaftlichen Erforschung von Person, Werk und historisch-kulturellem Kontext, betreut die Goethe-Bibliothek und gibt das Goethe-Jahrbuch (1880 begründet) sowie die Schriften der Goethe-Gesellschaft (seit 1885) heraus. Das örtliche Goethe- und Schiller-Archiv verwaltet den handschriftlichen Nachlass des Dichters.
Das Goethe-Nationalmuseum in Weimar umfasst das Goethehaus am Frauenplan und andere Gedenkstätten (Gartenhaus, Schillerhaus). Weitere Goethe-Museen befinden sich in Frankfurt am Main und Düsseldorf. Das 1951 gegründete Goethe-Institut zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland und zur Förderung der internationalen kulturellen Zusammenarbeit e. V. mit Zentralverwaltung in München unterhält weltweit über hundert Zweigstellen.
Der zunächst seit seiner Stiftung (1927) jährlich, ab 1949 alle drei Jahre vergebene Goethepreis der Stadt Frankfurt ist einer der angesehensten deutschen Kulturpreise. Preisträger waren u. a. Stefan George (1927), Sigmund Freud (1929), Max Planck (1945), Thomas Mann (1949), Carlo Schmid (1967), Ingmar Bergman (1976) und Ernst Jünger (1982).
Eckermann, Johann Peter (1792-1854), Schriftsteller. Von großem literarhistorischem Wert sind seine Aufzeichnungen zu Gesprächen mit Johann Wolfgang von Goethe.
Eckermann wurde am 21. September 1792 in Winsen (Luhe) geboren und studierte nach einer verspäteten Gymnasialbildung von 1821 bis 1823 Literatur und Ästhetik an der Universität Göttingen. 1823 erregte er mit seiner Schrift Beyträge zur Poesie mit besonderer Hinweisung auf Goethe dessen Aufmerksamkeit. Seither war er ein enger Freund des Dichters, dem er als – unbezahlter – Sekretär bei der Sichtung und Redaktion von Manuskripten und der endgültigen Ausgabe der Alterswerke half (seinen Lebensunterhalt bestritt er als Privatlehrer). Gemeinsam mit dem Literaturhistoriker F. W. Riemer brachte Eckermann 1839/40 eine vollständige Ausgabe von Goethes Werk in 40 Bänden als „Ausgabe letzter Hand“ heraus. Berühmt wurden seine insgesamt 315 Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens 1823-1832 (3 Bde., 1836-1848), in deren letzten Band Tagebuchnotizen des Naturforschers Frédéric Soret mit einflossen und deren zahlreiche Originalzitate vor allem innerhalb der heutigen Germanistik nicht mehr unumstritten sind. Auch weist vor allem der dritte Band zahlreiche Fehler auf. Dennoch ermöglicht das kenntnisreiche und einfühlsame Werk – Friedrich Nietzsche nannte es „das beste deutsche Buch, dass es gibt“ – einen tiefen Einblick in Goethes letzte Lebensjahre. Eckermann starb am 3. Dezember 1854 in Weimar. 1995 brachten die Satiriker Eckhard Henscheid und Bernd Eilert ihr von F. W. Bernstein illustriertes Schau- und Hörspiel Eckermann und sein Goethe heraus.
Gattung (Literatur), zentraler Ordnungsbegriff der Literaturwissenschaft, der die gesamte Literatur bzw. Dichtung in die Hauptgattungen Epik, Drama und Lyrik unterteilt. Diese wurden schon in der antiken Poetik definiert und, von Johann Wolfgang von Goethe als die drei „Naturformen der Dichtung“ bezeichnet, über die Jahrhunderte hinweg unter normativen Gesichtspunkten erörtert. Als inhaltlich oder formal charakterisierte Untergattungen oder Genres werden etwa der Abenteuerroman, die Ode, die Elegie, das Sonett oder der Briefroman, aber auch Epos, Komödie, Tragödie oder Novelle bezeichnet.
In neuerer Zeit wird eher die Begrenztheit der traditionellen Gattungstheorie hervorgehoben, da sie mehr äußerliche Merkmale als semantische Strukturen erfasse und sich als zu unbeweglich gegenüber Mischformen wie etwa der Didaktik erweise. Käthe Hamburger versuchte die drei Hauptgattungen auf nur zwei (fiktionalmimetisch und existenziell) zu reduzieren. Benedetto Croce und seine Schule verwarfen die Gattungstheorie insgesamt, da sie das Einmalige des Kunstwerks verfehlen würde. Der russische Formalismus sah in den Gattungen ein „evolutionäres Bezugssystem, in dem die tief greifenden Verstöße gegen die … Regeln mindest ebenso genreprägend wie die Bekräftigungen sind“. Die sozialwissenschaftlich orientierten Theoretiker schließlich bezeichneten Gattungen als „literarisch-soziale Institutionen“ (Wilhelm Voßkamp).
Expressionismus (Literatur und Film), von Kurt Hiller 1911 geprägter Begriff für die innovativen Literaturströmungen zwischen 1910 und 1925, die sich bewusst von der mimetischen Wirklichkeitsspiegelung des Naturalismus, der Seelenanalyse des Impressionismus sowie dem Ästhetizismus des Jugendstiles und der Neoromantik abzugrenzen suchten. Stattdessen wandte sich die expressionistische (dezidiert antibürgerliche und antinationalistische) Generation mit ihrem radikal-subjektiven, in manchen Zügen dem italienischen Futurismus verwandten Sprachgestus vorwiegend existentiellen und gesellschaftsrelevanten Themen zu, wie Identitätsverlust und Machtmechanismen (Vater-Sohn-Konflikt, sexuelle Besessenheit), der Großstadtproblematik und den Repressionen im wilhelminischen Deutschland. Philosophische Wegbereiter waren Friedrich Nietzsche, Wilhelm Worringer (Abstraktion und Einfühlung, 1907), Sigmund Freud (Traumdeutung, 1900), Gustav Landauer (Aufruf zum Sozialismus, 1911) und Albert Einstein mit seiner Relativitätstheorie.
Die stilistischen Verfahren expressionistischer Schriftsteller sind vielfältig, weshalb die Bezeichnung Expressionismus als Epochenbegriff umstritten ist. Je nach Definition werden auch Werke der älteren Generation (etwa Heinrich Manns) oder der Bewegung lediglich nahe stehender Schriftsteller wie Franz Kafka dem Expressionismus zugerechnet – obwohl gerade Kafka „Lärm und Wortgewimmel“ der Bewegung (namentlich Johannes R. Bechers) scharf kritisierte. Zahlreiche scheinbar verbindende Zentralbegriffe der Zeit – allen voran der des „Geistes“ – werden auf individuelle Weise mit Sinn gefüllt. Bezeichnend für das Selbstverständnis der expressionistischen Autoren jedoch bleibt ein ausgeprägtes „Wir“-Gefühl.
Zentren des literarischen Expressionismus waren Berlin und Wien. Ausläufer gab es u. a. im Ruhrgebiet, im Elsass und in Innsbruck.
Frühexpressionismus (bis 1914)
Die Phase des Frühexpressionismus begann um 1910. Erste Ansätze fanden sich in der Lyrik, für die sich etwa in den Zeitschriften Der Sturm (von Herwarth Walden) und Aktion (von Franz Pfemfert) sowie in der von Kurt Hiller herausgegebenen Anthologie Der Kondor ein Forum bot. Für den frühexpressionistischen „Reihungsstil“ (Silvio Vietta), der durch eine Sukzession von Bildern die Dynamik und Zerrissenheit des Großstadtlebens abzubilden sucht, wurde Jakob van Hoddis’ Gedicht Weltende (1911) beispielgebend. Wie in Georg Heyms Der Krieg (1911) schlug sich auch bei van Hoddis außerdem die Marokkokrise nieder. Gottfried Benn und Georg Trakl fanden auf je eigene Weise zu einer zum Dunklen, Grausam-Triebhaften und Morbiden neigenden Bildlichkeit nach dem Muster des französischen Symbolismus und der Lyrik Baudelaires. August Stramms lapidare Wortgedichte suchten die Realitätserfahrung des Fragmentarischen und Disparaten einzufangen. Weitere Lyriker des Frühexpressionismus waren Franz Werfel, Ernst Blass, Yvan Goll, Johannes R. Becher und Ernst Stadler. Ästhetisch und thematisch machten sich Einflüsse des Barock, der Romantik sowie der Lyrik Walt Whitmans oder Arthur Rimbauds bemerkbar: u. a. spielte die Vanitasdichtung des 16. Jahrhunderts eine zentrale Rolle. Gängige poetische Verfahrensweisen waren Allegorie, Bildverdichtung und Typisierung.
Die Erzählungen des Frühexpressionismus schilderten das Groteske oder Paradoxe bürgerlicher bzw. allgemeinmenschlicher Existenz (Alfred Döblins Die Ermordung einer Butterblume, Albert Ehrensteins Tubutsch), versuchten die abstrakte Wirklichkeit des Urbanen aufzuzeigen (Paul Zechs Die Terrasse am Pol) oder der erstarrten wilhelminischen Gesellschaft den Vitalismus des Wahnsinns entgegenzustellen (Georg Heyms Der Irre). Ein radikal neues, vom bürgerlichen Realismus fortführendes Erzählen erprobte Carl Einstein mit seinem experimentellen Roman Bebuquin (1912). Wegbereiter des essayistischen Erzählens war neben Otto Flake Robert Müller, dessen Buch Tropen. Der Mythos der Reise (1915) zudem eines der wenigen Beispiele eines expressionistischen Romans darstellt (einen expressionistischen Detektivroman schrieb später Otto Soyka). Den Versuch, Literatur im Sinn der Romantik als „Neue Mythologie“ zu bestimmen, unternahm der Prager Schriftsteller Paul Adler mit seiner Erzählung Nämlich und dem Roman Die Zauberflöte. Weitere Erzähler der Zeit waren u. a. Kasimir Edschmid, Ernst Weiss, Theodor Däubler und Else Lasker-Schüler.
Das frühexpressionistische Drama – erstes Beispiel ist Reinhard Sorges Der Bettler (1912) – beruft sich auf Vorläufer wie Frank Wedekind und August Strindberg, wobei es von letzterem die Stationentechnik übernimmt: Anders als bei Strindbergs Nach Damaskus (1899) allerdings führen die locker aneinandergereihten Szenen nicht zur Katharsis des Helden, die Figuren bleiben in ihren Konflikten befangen. Zum Kreis frühexpressionistischer Dramatiker gehören Carl Sternheim, Walter Hasenclever und Georg Kaiser, der 1916 mit Von Morgens bis Mitternachts das erste deutsche Großstadtdrama schuf. War in der Prosa die Erzählung beliebteste Form, so suchte man auch auf der Bühne die Verknappung: Zahlreiche Einakter, z. B. von Alfred Döblin und Oskar Kokoschka, sind hierfür Beleg.
1. Weltkrieg und Nachkriegszeit
Durch die desillusionierende Erfahrung des 1. Weltkrieges erhielt die sozial engagierte Gruppe des Expressionismus eine radikalpazifistisch-linksorientierte Stoßrichtung. In der Dramatik taten sich Ernst Toller, Reinhard Goering, Fritz von Unruh, Georg Kaiser und Carl Sternheim, in der Lyrik Franz Werfel, Max Hermann-Neiße, Albert Ehrenstein, Alfred Wolkenstein und Ernst Barlach mit politischen Texten hervor, wobei nicht selten die soziale Botschaft in Unbestimmtheit humanitärer Erlösungsutopien unterging (O-Mensch-Pathos). Eine wahre Flut von Zeitschriften suchte die Bewegung und ihre Programme einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.
Programmatisch für die revolutionär-marxistische Fraktion des expressionistischen Aktivismus wurde Heinrich Manns Essay Geist und Tat. Zentren waren Berlin (Kurt Hiller) und Wien (Robert Müller). Propagiert wurde der Aktivismus u. a. in den Ziel-Jahrbüchern Hillers und in der von René Schickele herausgegebenen Zeitschrift Die weissen Blätter.
Das Scheitern der deutschen Räterepubliken nach dem Krieg zeigte einmal mehr die politische Naivität der expressionistischen Generation, deren ästhetisches Programm der Menschheitserneuerung durch das Dichterwort an der politischen Realität zerbrach. Viele Autoren, wie Paul Hatvani und Bertolt Brecht, wandten sich von den Idealen ihrer Frühzeit ab und riefen das „Ende des Expressionismus“ (Frank Thiess) aus: „Der Expressionismus stirbt“ (Yvan Goll). Bei Autoren wie Curt Corrinth degenerierte der expressionistische Stil zu bloßem Epigonentum. Bereits der Dadaismus setzte den missionarischen Tendenzen vieler Autoren die „Sinnlosigkeit“ und Inhaltsleere ihrer Literaturproduktion entgegen. In den zwanziger Jahren wird der Expressionismus allmählich von der kühl analysierenden Neuen Sachlichkeit abgelöst.
In den dreißiger Jahren entfachte Georg Lukács’ an Gottfried Benn exemplifizierter Vorwurf, der Expressionismus erschöpfe sich in formalistischen Tendenzen und zeige eine deutliche Affinität zum Faschismus, eine heftige Expressionismus-Debatte. Heute wird die Leistung der Literatur zwischen 1910 und 1925 im Rahmen einer formalrevolutionären Moderne allgemein anerkannt. So fußte z. B. der Surrealismus in vielerlei Hinsicht auf den Maximen des Expressionismus, und namentlich Eugene O’Neill, Friedrich Dürrenmatt und Peter Rühmkorff wurden vom ihm in unterschiedlicher Weise beeinflusst.
Film
Angeregt von der expressionistischen Malerei und der Aufführungspraxis Max Reinhardts am Deutschen Theater in Berlin, versuchten verschiedene Regisseure nach dem 1. Weltkrieg, diese Darstellungsprinzipien auf die Filmleinwand zu übertragen. Charakteristisch waren gemalte anstatt gebauter Kulissen, verzerrte Perspektiven und eine exaltierte Gestik der Schauspieler: Die grostesk-phantastische Außenwelt fungierte als Spiegelbild psychischer Prozesse. Berühmte Beispiele hierfür sind Robert Wienes Das Kabinett des Dr. Caligari (1919), Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu (1921), Paul Wegeners Der Golem (1920), Karl Grunes Die Straße (1923) und Georg Wilhelm Pabsts Die freudlose Gasse (1925). Der expressionistische Stummfilm, in dem häufig prominente Schauspieler mitwirkten (Asta Nielsen, Greta Garbo, Pola Negri, Werner Krauss, Conrad Veidt, Fritz Kortner), bildet einen Höhepunkt des deutschen Filmes und wirkte international stilprägend in seiner Epoche.
Naturalismus (Literatur), im Allgemeinen die Bezeichnung für jegliche Art von Literatur, die ohne Stilisierung, Überhöhung oder Beschönigung außersprachliche Wirklichkeit exakt abzubilden sucht. Im Besonderen benennt der Begriff eine europäische Literaturströmung der Moderne zwischen 1870 und 1900, die auf eine naturgetreue Widerspiegelung der empirisch erfassbaren Realität abzielte und eine bis dahin unbekannte Hinwendung zur sozialen Umwelt (vor allem der ärmeren Bevölkerungsschichten) vollzog. Der Naturalismus nahm in Frankreich und Skandinavien seinen Anfang und ging u. a. mit seiner gesellschaftskritischen Tendenz über die Bestrebungen des bürgerlichen bzw. poetischen Realismus weit hinaus. Wichtige Vertreter waren in Frankreich die Brüder Edmont und Jules Goncourt, Émile Zola und Guy de Maupassant sowie in Skandinavien Henrik Ibsen und (zumindest in seiner Frühphase) August Strindberg. Programmatisch wurde hierbei Zolas Aufsatz Le roman expérimental (1888, Der experimentelle Roman), in dem Kunst definiert wird als „ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament“. Der hier formulierte subjektive Impuls allerdings, der im strukturellen Aufzeigen objektiver Zusammenhänge von Wirklichkeit besteht, trat im deutschen Naturalismus oftmals zurück.
Historisch fällt der deutsche Naturalismus in die Zeit der letzten Regierungsjahre Bismarcks und des Regentschaftsbeginns Wilhelm II. Sein überragender Vertreter war Gerhart Hauptmann. Programmatisch äußerte er sich etwa in Wilhelm Bölsches Naturwissenschaftliche Grundlagen der Poesie (1887). Die deutsche Dokumentar- und Protokoll-Literatur der sechziger Jahre nahm naturalistische Schreibverfahren ansatzweise wieder auf. Siehe auch deutsche Literatur.
Grundlagen
Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung des Naturalismus in Deutschland waren die – verspätete – Industrialisierung und die damit verbundenen Konsequenzen (Heranbildung einer neuen Arbeiterklasse) bzw. Probleme (Arbeitslosigkeit, Armut etc.). Dies führte zu einer dramatischen Verschärfung der Klassengegensätze und politischen Konflikte. Philosophisch wurde auch der deutsche Naturalismus von der deterministischen Gesellschaftstheorie Auguste Comtes geprägt. Nachhaltigen Einfluss übten die Schriften John Stuart Mills und Herbert Spencers sowie die Milieutheorie Hippolyte Taines aus. Als Sozialdarwinismus wirkte zudem Charles Darwins Theorie eines „Überleben des Stärkeren“ im Naturalismus weiter. All diese Soziologen, Philosophen und Biologen vertraten einen empirischen, antimetaphysischen Positivismus, der allein die sinnlich erfahrbare Erscheinungswelt zur Erkenntnisgrundlage erklärte. Als wichtige Prägungsfaktoren des Menschen wurden Erbe (Rasse), Umwelt (Milieu) und geschichtlicher Kontext bestimmt. Vor allem Zola nahm in seinem 20-bändigen Romanwerk Les Rougon-Macquart (1871-1893) die grundlegenden deterministischen Modelle der Zeit mit auf, verband sie mit Formen sozialer Anklage und bereitete derart dem deutschen Naturalismus den Weg.
Naturalistische Zeitschriften
Seinen Ausgang nahm die naturalistische Bewegung in Deutschland zunächst in Zeitschriften, die in Manifesten gegen die affirmative Literatur der Gründerzeit polemisierten. Hierzu gehörten die Kritischen Waffengänge der Brüder Julius und Heinrich Hart (gegründet 1882), Die Gesellschaft von Michael Georg Conrad (gegründet 1885), die Berliner Monatshefte für Literatur, Kritik und Theater von Heinrich Hart (gegründet 1885) und Die Revolution der Literatur von Karl Bleibtreu (gegründet 1885). Gegen dekorative Monumentalkunst und falsche Idyllik machten Autoren Front, die sich als Nachfahren des Jungen Deutschland um Heinrich Heine, Karl Gutzkow und Ludwig Börne empfanden. Auch bei Christian Dietrich Grabbe und Georg Büchner fanden sich Anregungen. Gleichzeitig wurde ein Schreibstil in der Tradition der großen Realisten des 19. Jahrhunderts, namentlich Honoré de Balzacs, Gustave Flauberts, Iwan Turgenjews, Fjodor M. Dostojewskijs (Schuld und Sühne) und Lew Tolstojs eingeklagt, deren zum teil episch-totale Werke erstmals übersetzt – und, wie bei Dostojewskij mit seinem Personal der Außenseiter, Verbrecher und Dirnen, als Großstadtromane sozialkritisch gedeutet wurden.
Wichtige Autoren
Die wichtigsten Vertreter naturalistischer Literatur in Deutschland waren Arno Holz, Johannes Schlaf und Gerhart Hauptmann. Jedoch zeigt sich gerade bei diesen Schriftstellern, inwieweit theoretisches Programm und literarisches Produkt oftmals auseinanderklafften. Holz und Schlaf, die mehrere Werke zusammen verfassten, entwickelten in dem Novellenband Papa Hamlet (1889) den für den Naturalismus charakteristischen Sekundenstil, der Eindrücke minuziös im zeitlichen Nacheinander festhielt. Auch führten sie den Dialekt als Element in die Literatursprache ein, um größere Authentizität zu erlangen. Im Gegensatz zu Zola aber forderten beide, schöpferische Subjektivität nach der mathematischen Formel Kunst = Natur – X so weit als möglich auszuschalten: „Die Kunst hat die Tendenz, wieder Natur zu sein. Sie wird sie nach Maßgabe ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen.“ Ihr 1890 in Berlin uraufgeführtes Drama Familie Selicke über das Elend im Kleinbürgermilieu fand den Beifall von Theodor Fontane.
Gerhart Hauptmann veröffentlichte mit seiner Novelle über den Untergang des Bahnwärter Thiel (1887, Buchausgabe 1892) und seiner Familie ein weiteres, für den literarischen Naturalismus in Deutschland typisches Werk. In schneller Folge entstanden Hauptmanns zunächst noch stark von Ibsen beeinflusste Dramen, darunter Vor Sonnenaufgang (1889), Das Friedensfest (1890), Einsame Menschen (1891), Die Weber (1892), Der Biberpelz (1893), Michael Kramer (1900) und Die Ratten (1911). In Fuhrmann Henschel (1898) machte Hauptmann das bislang tabuisierte Thema sexueller Abhängigkeit zum Gegenstand, in Rose Bernd (1903) zeigte er das Schicksal einer von Männern missbrauchten Frau, die aufgrund der Umstände und des Milieus, in dem sie lebt, zur Kindsmörderin wird.
Weitere zentrale Autoren des deutschen Naturalismus waren Karl Bleibtreu (1859-1928), Helene Böhlau (1859-1940), Max Halbe (1865-1944), Georg Hirschfeld (1873-1942), Otto Erich Hartleben (1864-1905), Hermann Sudermann und Detlev von Liliencron, dessen Novellen und Gedichte allerdings bereits zum Impressionismus weisen.