Abendländische Philosophie, Philosophie des westeuropäischen Kulturraumes von der Antike bis zur Gegenwart.

Von Bernhard Malinkewitz

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Alle Menschen sind sterblich ... Philosophen sind auch nur Menschen - oder ?
Abbildung 1Sokrates (Aus Wikipedia, some rights reserved)

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Der Begriff Abendland (auch Okzident, von lateinisch sol occidens: untergehende Sonne, Westen) steht in Abhebung von dem als „Morgenland“ bezeichneten Orient (von lateinisch sol oriens: aufgehende Sonne, Morgen, Osten) für den sich seit dem Mittelalter als einheitlich begreifenden europäischen Kulturraum. Gegenstand der Philosophie (griechisch philosophia: Liebe zur Weisheit), für die eine allgemein gültige Definition zu geben nicht möglich ist, sind die Fragen nach dem Grund, dem Ursprung und dem Sinn allen Seins. Die Philosophie fragt weiter nach dem, was der Mensch sei, was er wissen könne, tun solle und hoffen dürfe (Immanuel Kant).

Die Geschichte der abendländischen Philosophie beginnt in der griechischen Antike, ihren Ursprung identifizierten Platon und Aristoteles im Staunen – im Staunen darüber, dass überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, im Staunen darüber, dass wir leben. Über das Staunen kommt der Mensch zum Fragen – zum Fragen warum überhaupt etwas ist, was hinter all den Erscheinungen wirkt und warum wir leben. Neben dem Staunen werden der Zweifel und das Wissen um den eigenen Tod als weitere Anstöße zum Philosophieren gesehen.

Griechische Philosophie



Die ionische Schule

Thales aus der Stadt Milet, an der ionischen Küste Kleinasiens, der um 580 v. Chr. wirkte, war der vermutlich erste griechische Philosoph überhaupt. Er begründete die Schule der ionischen Naturphilosophie. Thales, der von späteren Generationen als einer der Sieben Weisen Griechenlands verehrt wurde, war an astronomischen, physikalischen und meteorologischen Erscheinungen interessiert. Er nahm an, dass alle natürlichen Phänomene unterschiedliche Formen einer einzigen Grundsubstanz (eine frühe Form des Monismus), nämlich des Wassers, seien, da er Verdampfung und Kondensation als universale Vorgänge ansah. Anaximander, ein Schüler von Thales, behauptete, der Ursprung allen Seins sei das Unbegrenzte (apeiron).

Der dritte große ionische Philosoph, Anaximenes, kehrte zu Thales’ Behauptung zurück, dass der Urstoff etwas Bekanntes und Materielles sein müsse – nach seiner Meinung die Luft. Er glaubte, dass sich die Veränderungen, denen die Dinge unterliegen, aufgrund von „Verdünnung“ und „Verdichtung“ der Luft erklären ließen.



Die pythagoreische Schule

Um 530 v. Chr. gründete der Philosoph Pythagoras eine philosophische Schule in Kroton (Süditalien). Sie vereinte die antiken mythischen Anschauungen über die Welt mit dem sich entwickelnden Interesse für wissenschaftliche Erklärungen. Die Pythagoreer lehrten und praktizierten eine Lebensweise, die sich auf den Glauben von der Gefangenheit der Seele im Körper stützte. Durch den Tod werde die Seele schließlich befreit und in einer höheren oder niedrigeren Daseinsform, entsprechend dem Grad der erreichten Tugend, wieder geboren. Als höchstes Ziel des Menschen betrachteten sie die Läuterung der Seele durch die Pflege intellektueller Tugenden, durch die Enthaltung von Sinnesfreuden und die Ausübung verschiedener religiöser Riten. Die Pythagoreer lehrten, die Bewegung der Planeten erzeuge eine Art „Sphärenmusik“. Sie entwickelten auch eine „Musiktherapie“, um die Menschheit in die Sphärenharmonie des Himmels einzustimmen.

Die Pythagoreer identifizierten die Wissenschaft mit der Mathematik. Die Zahlen seien nicht nur das Prinzip des Mathematischen, sondern auch des Seienden.



Die Schule Heraklits

Heraklit von Ephesus setzte die Suche der Ionier nach dem Urstoff fort und fand diesen im Feuer verkörpert. Heraklit behauptete, dass sich alle Dinge in einem fortwährenden Fluss befänden, dass Beständigkeit eine Täuschung sei und dass bloß die Veränderung und die Gesetze der Veränderung oder der Logos wirklich seien. Aus Heraklits Lehre vom Logos, welche die Gesetze der Natur mit einem göttlichen Geist gleichsetzte, entwickelte sich die pantheistische Theologie des Stoizismus.



Die Schule der Eleaten

Im 5. Jahrhundert v. Chr. gründete Parmenides in Elea, einer griechischen Kolonie auf der italienischen Halbinsel, eine philosophische Schule. Im Gegensatz zu Heraklit sah Parmenides das Universum als unteilbar, unveränderlich an. Ihm zufolge kann nichts wirklich behauptet werden – außer, dass das „Seiende existiert“. Zenon von Elea, ein Schüler von Parmenides, versuchte die These von der Einheit des Seins zu stärken und behauptete, dass der Glaube an eine Veränderung, Vielfalt und Bewegung der Wirklichkeit zu logischen Paradoxa führe. Zenons Paradoxa wurden zu berühmten intellektuellen Geduldsspielen, die Philosophen und Logiker aller nachfolgenden Zeiten zu lösen versuchten. Die Beschäftigung der Eleaten mit dem Problem der logischen Folgerichtigkeit bildete die Grundlage für die Entwicklung der wissenschaftlichen Logik.

Die Pluralisten

Im 5. Jahrhundert v. Chr. entwickelten Empedokles und Anaxagoras eine Philosophie, die der ionischen Annahme eines einzigen Urstoffes eine Vielfalt solcher Substanzen entgegensetzte. Empedokles mutmaßte, dass sich alle Dinge aus vier Grundelementen zusammensetzen, und zwar aus Luft, Wasser, Erde und Feuer, die sich aufgrund von zwei entgegengesetzten Kräften, Liebe und Hass (bzw. anziehende und abstoßende Kraft), untereinander verbinden bzw. wieder trennen. Durch diesen Vorgang entwickelt sich nach ihm die Welt in einem ewigen Kreislauf aus dem Chaos zur Form und wieder zurück zum Chaos. Empedokles betrachtete diesen ewigen Kreislauf als wahren Gegenstand religiöser Verehrung und kritisierte den volkstümlichen Glauben an persönliche Gottheiten. Allerdings konnte er für das Problem, auf welche Weise sich die bekannten Dinge der Erfahrungswelt aus diesen von ihnen so grundverschiedenen Urelementen heraus entwickeln konnten, keine Erklärung finden. Daher schloss Anaxagoras, dass sich alle Dinge aus kleinsten Teilchen oder „Homöomerien“, die es in unendlicher Vielfalt gibt, zusammensetzten. Zur Erklärung, auf welche Weise sich diese Teilchen mischen, um die einzelnen Naturdinge zu bilden, stellte er eine Theorie der kosmischen Entwicklung auf. Er behauptete, dass das aktive Prinzip dieses Entwicklungsprozesses ein Weltgeist sei, der die Mischung und Trennung der Teilchen verursache. Seine Auffassung von den Stoffteilchen führte zur Herausbildung einer atomistischen Theorie von der Materie.



Die Atomisten

Nach der Theorie der Atomisten setzt sich die Materie aus kleinsten, unteilbaren Partikeln zusammen, die sich lediglich durch einfache physikalische Eigenschaften, wie Größe, Form und Gewicht, voneinander unterscheiden. Der Atomismus geht auf den Philosophen des 4. Jahrhunderts v. Chr. Leukipp zurück und wurde von seinem berühmten Mitstreiter Demokrit, dem allgemein das Verdienst der ersten systematischen Formulierung einer materiellen Atomlehre zugesprochen wird, weitergeführt. Er vertrat eine durchwegs materialistische Auffassung von der Natur und erklärte alle natürlichen Erscheinungen aufgrund von Anzahl, Form und Größe der Atome. Auf diese Weise führte er die durch die Sinne wahrgenommenen Eigenschaften der Dinge, wie Wärme, Kälte, Geschmack und Geruch, auf quantitative Unterschiede zwischen den Atomen zurück. Die höheren Daseinsformen, wie z. B. die Pflanzen- und Tierwelt, ja sogar das menschliche Denken, erklärte Demokrit rein physikalisch. Er weitete seine Lehre auch auf die Psychologie, Physiologie, Erkenntnistheorie (Epistemologie), Ethik und die Politik aus. Seine Lehre war das erste umfassende System eines deterministischen Materialismus. In ihm werden alle Aspekte des Daseins als strengen physikalischen Gesetzen unterworfen dargestellt.



Die Sophisten

Gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurde eine Gruppe umherziehender Lehrer, Sophisten genannt, in ganz Griechenland bekannt. Die Sophisten spielten eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der griechischen Stadtstaaten aus agrarischen Monarchien zu Handel treibenden Demokratien. Mit dem Anwachsen von Industrie und Handel in Griechenland fiel die politische Macht immer mehr in die Hände der Klasse der Neureichen, der wirtschaftlich mächtigen Kaufleute. Da ihnen die Bildung der Aristokraten fehlte, bezahlten sie die Sophisten für den Unterricht in öffentlicher Redekunst, juristischer Beweisführung und Allgemeinbildung, um sich das für Politik und Handel benötigte Wissen anzueignen. Zwar erbrachten die bedeutendsten Sophisten wertvolle Beiträge zum griechischen Gedankengut, insgesamt jedoch galten sie als betrügerisch, unehrlich und demagogisch. Die berühmte Maxime Protagoras’, einer führenden Persönlichkeit unter den Sophisten, dass der „Mensch das Maß aller Dinge sei“, ist kennzeichnend für die philosophische Haltung der sophistischen Schule. Die Sophisten sprechen den Individuen das Recht zu, alle Angelegenheiten für sich selbst zu entscheiden. Sie bestreiten die Möglichkeit jeder objektiven Erkenntnis. Ethische Regeln sollte man nach der von ihnen vertretenen Lehre nur dann befolgen, wenn dies zum persönlichen Vorteil geschähe.



Sokrates

Eine Persönlichkeit, die die griechische Philosophie sehr stark geprägt hat, war Sokrates. Er wurde 469 v. Chr. geboren. Sokrates pflegte den philosophischen Dialog mit seinen Schülern bis zu seinem Todesurteil 399 v. Chr. Im Unterschied zu den Sophisten weigerte sich Sokrates, für seinen Unterricht Geld anzunehmen, weil er außer der Einsicht in das eigene Nichtwissen kein wirkliches Wissen vermitteln könne. Sokrates hinterließ keine Schriften, seine Lehren wurden jedoch in den Dialogen seines berühmten Schülers Platon überliefert. Sokrates lehrte, dass in der Seele jedes Individuums die volle Erkenntnis der letzten Wahrheit verborgen sei und diese durch Reflexion auch bewusst gemacht werden könne. In Platons Dialog Menon formuliert ein ungebildeter Sklave unter Sokrates’ Anleitung den pythagoreischen Lehrsatz und beweist somit, dass eine derartige Erkenntnis der Seele innewohnt und nicht aus der Erfahrung stammt. Sokrates zufolge ist es die einzige Aufgabe des Philosophen, die Menschen zu selbständigem Denken anzuregen. Nicht eine systematische Doktrin, sondern eine Methode des Denkens und eine Lebenshaltung waren sein Beitrag zur Geschichte der Philosophie.



Platon

Platon - war Ethiker
Abbildung 2Platon (Aus MS-Encarta 99)


Wie Sokrates betrachtete Platon (428/427 bis 348/347 v. Chr.) die Ethik als wichtigstes Gebiet der Philosophie. Tugend und Weisheit sind für ihn identisch – wahrhaft tugendhaft kann nur der Weise sein, der Weise nicht anders als tugendhaft handeln. Diese Ansicht führte zu dem so genannten Sokratischen Paradoxon, dass „kein Mensch absichtlich Böses tue“, ein Ausspruch, den er in seinem Werk Protagoras Sokrates in den Mund legt. Aristoteles wies später darauf hin, dass, wenn diese Aussage richtig wäre, der Mensch seiner moralischen Verantwortung enthoben sei. Platon beschäftigte sich weiterhin mit naturwissenschaftlichen Fragen, solchen der politischen Theorie, der Metaphysik, der Theologie und Epistemologie.

Die Grundlage der platonischen Philosophie ist seine Ideen- oder Formenlehre. In der Ideenlehre, die vor allem in der Politeia und im Parmenides dargelegt ist, teilt er die Wirklichkeit in zwei Bereiche, einen „erkennbaren Bereich“ der vollkommenen ewigen und unsichtbaren Ideen oder Formen und einen „Sinnenbereich“ der ohne weiteres mit den Sinnen wahrnehmbaren Dinge. Bäume, Steine, menschliche Körper und andere Objekte, die über die Sinne wahrgenommen werden können, sind für Platon unwirkliche, schattenhafte und unvollkommene Abbilder der Ideen. In der Politeia beschreibt Platon eine Höhle, in der die Menschheit gefangen ist und die Schatten an der Höhlenwand für die Wirklichkeit hält. Der Philosoph ist für ihn derjenige, der in die Welt jenseits der Höhle der Unwissenheit eindringt und Einblick in die wahre Wirklichkeit, den Bereich der Ideen, erlangt. Platons Auffassung von dem absolut Guten, der höchsten Idee, die alle anderen Ideen umfasst, wurde zu einer der Hauptquellen pantheistischer und mystisch-religiöser Lehren der abendländischen Kultur.

Platons Ideenlehre und seine rationalistische Erkenntnistheorie bildeten die Grundlage für seinen ethischen und sozialen Idealismus. In der Sphäre der ewigen Ideen sind nach Platon die Richtlinien oder Ideale auffindbar, nach denen alle Dinge und Handlungen beurteilt werden sollten. Der Philosoph, der sich von den sinnlichen Genüssen abkehrt und dafür nach Erkenntnis der abstrakten Grundsätze strebt, wird in diesen Idealen die Formen für persönliches Verhalten und gesellschaftliche Institutionen finden. Die soziale Gerechtigkeit erfordert die Harmonie zwischen den Gesellschaftsklassen, die nur durch die Herrschaft der Besten, der Philosophen, gewährleistet werden kann. Nach Platon sind Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit in der Gottesidee vereint.



Aristoteles

Aristoteles, der 367 v. Chr. im Alter von 17 Jahren an die Akademie Platons kam, war dessen bedeutendster Schüler und darf wohl als der einflussreichste Denker in der Geschichte der abendländischen Philosophie angesehen werden. Nach seinem langjährigen Studium in der Akademie wurde Aristoteles Erzieher von Alexander dem Großen. Später kehrte er nach Athen zurück, wo er 335 v. Chr. die nach dem Peripatos, dem Wandelgang in dem er lehrte, benannte Peripatetische Schule begründete, eine Schule, die wie Platons Akademie über Jahrhunderte hinweg eines der großen und bedeutendsten Unterrichtszentren in Griechenland war. Aristoteles definierte die Grundbegriffe und Prinzipien vieler theoretischer Wissenschaftszweige, wie Logik, Biologie, Physik und Psychologie. Der Begründer der wissenschaftlichen Logik enwickelte die Methode des deduktiven Schließens (Deduktion) durch Syllogismen.

In seiner Metaphysik kritisierte Aristoteles Platons Trennung von Idee und Materie und behauptete, dass die Idee oder das Wesentliche in dem konkreten Objekt, das sie darstelle, enthalten sei. Für Aristoteles ist das Wirkliche eine Einheit von Möglichkeit (potentia) und Aktualität (actus). Mit anderen Worten, jedes Ding ist eine Einheit aus dem, was es sein kann, aber noch nicht ist, und dem, was es bereits ist, denn alle Dinge unterliegen dem Wandel und werden zu anderen Dingen, außer dem menschlichen und dem göttlichen aktiven Geist, die reine Idee sind.

Die Natur ist für Aristoteles ein organisches System der Dinge mit all ihren Zielen und Zwecken. Die Himmelskörper, die von Gott auf vollkommenen Kreisbahnen in Ewigkeit bewegt werden, sind in der Rangordnung der Natur noch höher gestellt als die Seele des Menschen. Diese hierarchische Auffassung der Natur und allen Seins hatte auch großen Einfluss auf viele Theologen des Mittelalters.

Auch die politische Philosophie und Ethik des Aristoteles nahm ihren Anfang in der kritischen Überprüfung der platonischen Lehren. Die persönlichen und gesellschaftlichen Verhaltensnormen müssen nach Aristoteles von dem ausgehen, was der Mensch ist, nicht von reinen Ideen. Somit besteht Aristoteles nicht wie Platon auf einer strengen Einhaltung absoluter Prinzipien, sondern betrachtet die ethischen Gesetze eher als praktische Richtlinien für ein glückliches und ausgeglichenes Leben. Seine Hervorhebung der Glückseligkeit als aktive Erfüllung der natürlichen Fähigkeiten war Ausdruck der Lebenseinstellung der gebildeten Griechen seiner Zeit. In seiner politischen Theorie bezog Aristoteles eine realistischere Position als Platon. Zwar war er auch der Meinung, dass eine von einem weisen König regierte Monarchie das ideale politische Gefüge sei, erkannte jedoch, dass in der Praxis eine, allerdings gemäßigte, Demokratie im Allgemeinen die beste Regierungsform ist.

Auf dem Gebiet der Epistemologie vertrat Aristoteles entgegen der platonischen Lehre die Auffassung, dass Erkenntnis nur durch eine Verallgemeinerung aus der Erfahrung gewonnen werden könne.

Kunst war für ihn ein Mittel zur Freude und geistigen Aufklärung und weniger ein Instrument moralischer Erziehung. Seine literarischen Analysen der griechischen Tragödien dienten der literarischen Kritik als Vorbild.

Hellenistische und römische Philosophie

Beginnend mit dem 4. Jahrhundert v. Chr. und bis zur Herausbildung der christlichen Philosophien im 4. Jahrhundert n. Chr. waren der Epikureismus, der Stoizismus, der Skeptizismus und der Neuplatonismus die bestimmenden philosophischen Schulen des Abendlandes. Während dieser Zeit ging das Interesse an den Naturwissenschaften stetig zurück, und die philosophischen Schulen nahmen sich hauptsächlich ethischer und religiöser Probleme an.



Epikureismus

Im Jahr 306 v. Chr. gründete Epikur eine philosophische Schule in Athen. Da sich seine Anhänger in seinem Garten versammelten, wurden sie als „Philosophen des Gartens“ bekannt. Epikur knüpfte an die atomistische Physik Demokrits an. Im Gegensatz zu dessen These von der zufälligen Bewegung der Atome in alle Richtungen vermutete er jedoch eine einheitlich abwärts gerichtete Bewegung. Auch behauptete er, dass die Atome zuweilen in unvorhersehbarer Weise nach einem nicht näher zu bestimmenden Zufallsprinzip ausbrächen. Epikur zufolge kommt der Naturwissenschaft bloß dann eine Bedeutung zu, wenn sie zur Durchführung praktischer Entscheidungen oder zur Linderung der Furcht vor Gott oder dem Tod beitragen kann. Er sah in einem möglichst lustvollen Leben das Lebensziel des Menschen. Epikurs Lehren sind hauptsächlich in dem philosophischen Lehrgedicht „De Rerum Natura“ („Über das Wesen der Dinge“) des römischen Dichters Lukrez erhalten geblieben, der auch zum Großteil für die Verbreitung des Epikureismus in Rom verantwortlich ist.



Stoizismus

Er war Römer - und dennoch
Abbildung 3Mark Aurel

Stoizismus Die nach der Stoa poikile, einer Säulenhalle in Athen benannte Schule der Stoa, die um 310 v. Chr. von Zenon von Kition gegründet wurde, entwickelte sich aus der früheren Bewegung der Kyniker. Der Stoizismus wurde zu der zu seiner Zeit einflussreichsten Schule der griechisch-römischen Welt. Er brachte einige großartige Schriftsteller und Persönlichkeiten hervor, wie z. B. den Philosophen Epiktet und den römischen Herrscher Mark Aurel, der für seine Weisheit und seinen edlen Charakter bekannt war. Die Stoiker lehrten, dass man Freiheit und Ruhe nur erreichen könne, indem man der materiellen Behaglichkeit und dem irdischen Wohlstand entsagen lerne, und sich einem Leben der Vernunft und Tugend verschreibe. Die Stoiker vertraten eine gewissermaßen materialistische Auffassung von der Natur und folgten Heraklits Lehre von dem Urstoff des Feuers und der Verehrung des Logos. Den Logos setzten sie mit der Energie, dem Gesetz, der Vernunft und der in der gesamten Natur vorhandenen göttlichen Vorsehung gleich. Die menschliche Vernunft betrachteten sie auch als Teil des göttlichen Logos und daher als unsterblich. Die Lehre der Stoiker, die besagt, dass der Mensch ein Teil Gottes sei und dass alle Menschen einer großen Familie angehören, ermöglichte es, die nationalen, sozialen und völkischen Schranken einzureißen und den Weg für die Verbreitung einer universellen Religion zu ebnen. Die stoische Doktrin von dem Naturgesetz, aufgrund dessen das Wesen des Menschen zum Maßstab erklärt wird, an dem die Gesetze und gesellschaftlichen Institutionen gemessen werden, beeinflusste in bedeutendem Maße das römische Recht.



Skeptizismus

Die Schule der Skeptiker, die an die sophistische Kritik der objektiven Erkenntnis anschließt, war im 3. Jahrhundert v. Chr. an der platonischen Akademie vorherrschend. Der Skeptizismus war eine Reaktion auf den metaphysischen Dogmatismus. Die Skeptiker entdeckten in der Logik, wie schon Zenon von Elea, ein gewaltiges Instrument der Kritik. Im Wesentlichen behaupteten sie, dass der Mensch nicht zur Erkenntnis der letzten Wahrheiten gelangen könne und sich deshalb gegenüber allen nicht ohne weiteres erfahrbaren Tatsachen, also gegenüber allen Hypothesen und Theorien, Zurückhaltung auferlegen sollte. Der bedeutendste Skeptiker war Pyrrhon.



Neuplatonismus

Der jüdisch-hellenistische Philosoph Philon von Alexandria vereinte die griechische Philosophie, insbesondere platonische und pythagoreische Ideen, mit der judäischen Religion zu einem umfassenden System, das den Neuplatonismus sowie den jüdischen, christlichen und muslimischen Mystizismus vorwegnahm. Philon vertrat die Idee vom transzendentalen Wesen Gottes, welches das menschliche Verständnis übersteige und daher unbeschreibbar sei. Er stellte die natürliche Welt als eine Reihe absteigender Stadien von Gott dar. Er war Befürworter eines religiösen Staates oder einer Theokratie und einer der Ersten, der eine Auslegung des Alten Testaments für die Nichtjuden vornahm. Philon starb um 50 n. Chr.

Der Neuplatonismus, eine der einflussreichsten philosophischen und religiösen Schulen und wichtiger Rivale des Christentums, wurde im 3. Jahrhundert n. Chr. von Ammonios Sakkas und seinem noch berühmteren Schüler Plotin begründet. Plotin stützte seine Ansichten auf die mystischen Dichtungen Platons, der Pythagoreer und Philons. Er sah die Hauptaufgabe der Philosophie in der Vorbereitung des Menschen auf die Erfahrung der Ekstase, in der er mit Gott vereint werde. Gott oder das „Eine“ befindet sich jenseits des rationalen Verständnisses und ist Ursprung der gesamten Wirklichkeit. Das Universum entsteht durch Emanation aus dem „Einen“, einem „Überfließen“ göttlicher Energie in aufeinanderfolgenden Ebenen. Das höchste Lebensziel ist die Befreiung des Selbst aus der Abhängigkeit von körperlichen Behaglichkeiten und die Vorbereitung auf die ekstatische Vereinigung mit dem „Einen“ durch philosophische Meditation.



Philosophie des Mittelalters

Während des Verfalls der griechisch-römischen Zivilisation wandten sich die abendländischen Philosophen von den wissenschaftlichen Studien der Natur und der Suche nach irdischem Glück ab und lenkten ihre Aufmerksamkeit auf eine mögliche Erlösung. Bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. hatte sich das Christentum auch auf die gebildeteren Schichten des Römischen Reiches ausgeweitet.



Augustinus

Die Bemühungen, die vernunftbetonten Lehren der Griechen mit der gefühlsbetonten Doktrin von Christus und den Aposteln auszusöhnen, fanden ihren höchsten Ausdruck in den Schriften des heiligen Augustinus (354-430). Nach Ausgustinus war der religiöse Glaube der philosophischen Erkenntnis nicht entgegengesetzt, sondern sie ergänzten einander, und er behauptete, dass man „um zu verstehen, glauben müsse und verstehen müsse, um zu glauben“.

Ohne die religiösen Tugenden, wie Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe, die allein durch göttliche Gnade empfangen werden könnten, sei der Mensch auch der natürlichen Tugenden, wie Tapferkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Weisheit nicht fähig.



Scholastik

Die etwa im 9. Jahrhundert einsetzende christlich-abendländische Scholastik (von lateinisch schola: Schule) war dadurch gekennzeichnet, dass die christlichen Dogmen auch die Grundlage für Wissenschaft und Philosophie bildeten.

Die Scholastiker waren nicht so sehr an der Auffindung neuer Tatsachen interessiert, als vielmehr daran, die Wahrheit existierender Glaubensdogmen nachzuweisen. Neue Impulse erhielten Philosophie und Wissenschaft vor allem durch den zunehmenden Kontakt mit der arabischen Welt. Der bedeutende arabische Arzt des 12. Jahrhunderts, Avicenna, vereinte neuplatonische und aristotelische Ideen mit der muslimischen religiösen Doktrin, und der jüdische Dichter Salomon Ben Jehuda Ibn Gabirol arbeitete eine ähnliche Synthese zwischen griechischem Gedankengut und dem Judaismus aus. Der heilige Anselm von Canterbury übernahm Augustinus’ Anschauung von dem Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft und verschmolz den Platonismus mit der christlichen Theologie. In Unterstützung der platonischen Ideenlehre vertrat Anselm die gesonderte Existenz der Universalien bzw. der allgemeinen Eigenschaften der Dinge. Er wurde somit, bezüglich eines der meistumstrittenen Themen der scholastischen Philosophie, zum Begründer des logischen Realismus.

Der entgegengesetzte Standpunkt, der Nominalismus, wurde von dem scholastischen Philosophen Roscelin formuliert, der behauptete, dass bloß individuelle, konkrete Dinge existierten und dass die Universalien, Formen und Ideen, nach denen die einzelnen Dinge klassifiziert werden, bloße Namen oder Kennzeichen seien. Aufgrund seiner Behauptung, die Dreieinigkeit müsse sich aus drei gesonderten Wesen zusammensetzen, wurden seine Lehren als häretisch erklärt, und 1092 wurde er gezwungen, sie zu widerrufen. Der französische Scholastiker und Theologe Peter Abälard – dessen im 12. Jahrhundert angesiedelte, tragische Liebesgeschichte mit Héloïse eine der romantischsten Geschichten des Mittelalters ist – schlug einen Kompromiss zwischen dem Realismus und dem Nominalismus vor, der als Konzeptualismus bekannt wurde. Danach sollen die Universalien oder Allgemeinbegriffe in den einzelnen Dingen als Eigenschaften und außerhalb dieser als Begriffe des Geistes vorhanden sein. Nach Abälard muss die Offenbarungsreligion von der Vernunft gerechtfertigt werden. Er entwickelte eine Ethik, die sich auf das persönliche Bewusstsein stützte und nahm somit protestantisches Denken vorweg.

Durch seine klaren und gelehrten Kommentare zu den Werken des Aristoteles trug der spanisch-arabische Jurist und Arzt Averroes, der bemerkenswerteste muslimische Philosoph des Mittelalters, entscheidend zu einem Wiedererwachen des Interesses an der aristotelischen Wissenschaft und Philosophie bei. Von den vielen Scholastikern, die Aristoteles bald als „den Philosophen“ betrachteten, wurde Averroes mit dem Beinamen „der Kommentator“ bedacht. Averroes unternahm den Versuch, die Gegensätze zwischen der aristotelischen Philosophie und der Offenbarungsreligion zu überwinden, indem er zwischen zwei getrennten Wirklichkeitssystemen unterschied: einem wissenschaftlichen System von Wahrheiten, das sich auf die Vernunft gründet, und einem religiösen System von Wahrheiten, das sich auf Offenbarung gründet, wobei der Vernunft der Vorrang vor der Religion gebühre. Averroes’ Lehre von der so genannten „doppelten Wahrheit“ beeinflusste viele muslimische, jüdische und christliche Philosophen, wurde allerdings von vielen auch abgelehnt und wurde so zu einer der wichtigsten Streitfragen der mittelalterlichen Philosophie.

Der englische Mönch Roger Bacon, einer der ersten Scholastiker, der Interesse an experimenteller Wissenschaft zeigte, kritisierte die deduktive Methode seiner Zeitgenossen und unterstrich die Notwendigkeit einer neuen Forschungsmethode, die sich auf kontrollierte Beobachtung stützen sollte.

Die bedeutendste geistige Persönlichkeit des Mittelalters war der heilige Thomas von Aquin, ein Dominikanermönch und Schüler des Albertus Magnus. Thomas gelang es, aristotelisches Gedankengut mit der augustinischen Theologie in einem umfassenden philosophischen System zusammenzuführen. Seine philosophische Theologie wurde später zur leitenden Doktrin der römisch-katholischen Kirche.

Den Anhängern Averroes’ hielt Thomas entgegen, dass die Wahrheit des Glaubens und die Wahrheit der Vernunft nicht im Widerspruch zueinander stünden, sondern lediglich zwei unterschiedlichen Bereichen angehörten. Nach Thomas wird die Wahrheit der Naturwissenschaft und die der Philosophie durch logisches Denken anhand von Tatsachen der Erfahrung gewonnen. Die Offenbarungslehren der Religion hingegen, wie die Doktrin der Dreieinigkeit, die Schöpfungsgeschichte sowie andere christliche Dogmen, liegen jenseits der vernunftsmäßigen Erkenntnis und müssen über den Glauben akzeptiert werden.



Philosophie des Mittelalters nach Thomas von Aquin

Thomas von Aquin - ein Denker der revolutionierte
Abbildung 4Thomas von Aquin


Die wichtigsten Kritiker der thomistischen Philosophie waren Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham. Duns Scotus entwickelte ein ausgesprochen scharfsinniges System der Logik und Metaphysik. Infolge des Fanatismus seiner Anhänger wurde der Name Duns später ironischerweise zum Symbol für Dummheit, was bis heute in dem englischen Wort dunce (Dummkopf) erhalten geblieben ist. Scotus wandte sich gegen den Versuch Thomas von Aquins, die rationale Philosophie mit der Offenbarungsreligion in Einklang zu bringen. In einer Variation der Lehre des Averroes von der so genannten „doppelten Wahrheit“ vertrat er die Auffassung, alle Glaubensbekenntnisse seien eine Sache des Glaubens, außer der Glaube an die Existenz Gottes, denn diese sei logisch nachweisbar.

Wilhelm von Ockham brachte die in nominalistischem Sinn radikalste Kritik gegen diejenigen Scholastiker vor, die an die immateriellen, unsichtbaren Dinge, wie Ideen, Wesenheiten und Allgemeinbegriffe glaubten. Er behauptete, dass solche abstrakten Wesenheiten bloß Verweise von Wörtern auf andere Wörter und nicht auf reelle Dinge seien. Seine berühmte Regel, die als „Ockhams Rasiermesser“ bekannt wurde und die besagte, dass man nie mehr Dinge als existent voraussetzen sollte, als logisch unbedingt notwendig sind, wurde zum Grundsatz der modernen Wissenschaft und Philosophie.

Im 15. und 16. Jahrhundert machte sich neben dem wieder erwachten wissenschaftlichen Interesse an der Natur eine Neigung zu pantheistischer Mystik bemerkbar. Der römisch-katholische Prälat Nikolaus von Kues wurde mit seiner Behauptung, dass sich die Erde um die Sonne bewege, wodurch er den Glauben der Menschheit, Mittelpunkt des Universums zu sein, erschütterte, zum Vorläufer des Astronomen Nikolaus Kopernikus. Er betrachtete das Universum auch als unendlich und mit Gott identisch. Der italienische Philosoph Giordano Bruno, der in ähnlicher Weise das Universum mit Gott gleichsetzte, entwickelte die philosophischen Hintergründe für die kopernikanische Lehre. Brunos philosophischer Einfluss auf die nachfolgende Intellektualität führte zur Entstehung der modernen Wissenschaft.



Philosophie der Neuzeit

Seit dem 15. Jahrhundert wurde die Philosophie von einer fortwährenden Wechselbeziehung zwischen den philosophischen Systemen, die sich auf eine mechanistische und materialistische Auslegung des Universums stützten, und denjenigen, die sich auf den Glauben an den menschlichen Geist als letzte Wirklichkeit gründeten, bestimmt. Diese Wechselbeziehung spiegelte eine zunehmende Wirkung der wissenschaftlichen Entdeckungen und politischen Umwälzungen auf die philosophische Gedankenwelt wider.



Mechanismus und Materialismus

Das 15. und 16. Jahrhundert standen im Zeichen radikaler gesellschaftlicher, politischer und geistiger Neuerungen. Die Erforschung der Welt, die Reformation mit ihrer Betonung des individuellen Glaubens, die Herausbildung der Gesellschaft der Handelsstädte sowie Aufsehen erregende neue Ideen in allen Bereichen der Kultur regten die Entstehung einer neuen philosophischen Weltanschauung an. Die mittelalterliche Auffassung von der Welt als hierarchischer Ordnung von gottgeschaffenen und gottregierten Wesen wurde ersetzt durch das mechanistische Bild von der Welt als riesiger Maschine, deren Teile sich nach strengen physikalischen Gesetzen, ohne Zweck oder Willen, bewegen. Das Lebensziel der Menschen war nicht mehr auf eine Vorbereitung für die Erlösung in einer kommenden Welt ausgerichtet, sondern auf die Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse des Menschen. Die politischen Institutionen und ethischen Prinzipien wurden nicht mehr als Widerspiegelung der göttlichen Ordnung angesehen, sondern als praktische, vom Menschen geschaffene Einrichtungen. Aus dieser neuen philosophischen Sicht wurden Erfahrung und Vernunft als die Quellen der Wahrheit anerkannt.

Der erste große Vertreter der neuen Philosophie war der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon, der das Vertrauen in die Autorität und das Wort kritisierte und die aristotelische Logik für die Entdeckung neuer Gesetze als nutzlos empfand. Bacon forderte eine neue wissenschaftliche Methode, die sich auf eine induktive Verallgemeinerung (Induktion) der Ergebnisse sorgfältig durchgeführter Beobachtungen und Experimente stützen sollte.

Galileo - auch er war ein gedemütigter MANN
Abbildung 5Galileo Galilei

Das Schaffen des italienischen Physikers und Astronomen Galileo Galilei war für die Entwicklung des neuen Weltbildes von noch weit größerer Bedeutung. Galilei machte bei der Formulierung der wissenschaftlichen Gesetze auf die Bedeutung der Mathematik aufmerksam. Die von ihm entwickelte Mechanik wandte die Gesetze der Geometrie auf die Bewegungen der Körper an. Die Erfolge der Mechanik bei der Entdeckung von Naturgesetzen ließ Galilei und spätere Wissenschaftler annehmen, dass die Natur nach mechanischen Gesetzen aufgebaut sei.


Descartes

Descartes - dachte, also war er ...
Abbildung 6René Descartes


Der französische Mathematiker, Physiker und rationalistische Philosoph René Descartes trat, was die Kritik der bestehenden Methoden und Überzeugungen betraf, die Nachfolge Bacons und Galileis an. Er nahm die Mathematik als Vorbild für alle Wissenschaften und wandte ihre deduktiven und analytischen Methoden in allen anderen Bereichen an. 1637 veröffentlichte Descartes sein erstes Hauptwerk Essais philosophiques. Er beschloss, das gesamte menschliche Wissen auf einer absolut sicheren Grundlage wieder aufzubauen, indem er sich weigerte, irgendeinem Glauben Folge zu leisten, auch nicht dem Glauben an seine eigene Existenz, bevor er nicht dessen unbedingte Wahrheit erwiesen habe. Den logischen Beweis seiner eigenen Existenz erbrachte ihm die Tatsache, dass er diese bezweifelte. Sein berühmt gewordener Ausspruch „Cogito, ergo sum“ („Ich denke [zweifle], also bin ich“ oder besser: „Ich bin mir meiner selbst bewusst, also existiere ich“) lieferte ihm die eine sichere Tatsache oder das Axiom, von der er die Existenz Gottes und die Grundgesetze der Natur ableiten konnte. Trotz seiner mechanistischen Betrachtungsweise akzeptierte Descartes die traditionelle religiöse Doktrin von der Unsterblichkeit der Seele und behauptete, dass Geist und Körper zwei unterschiedliche Substanzen seien. Somit unterwarf er den Geist nicht den mechanistischen Naturgesetzen und bekannte sich zur Freiheit des Willens.



Hobbes

Der englische Philosoph Thomas Hobbes baute ein umfassendes materialistisch-metaphysisches System auf, das eine Lösung des Geist-Körper-Problems anbietet, indem es den Geist auf die inneren Bewegungen des Körpers reduziert. Durch die Anwendung der Grundsätze der Mechanik in allen Wissensbereichen definierte er Grundbegriffe jedes Bereichs, wie Leben, Empfindung, Vernunft, Wert und Gerechtigkeit, vom Standpunkt der Materie und der Bewegung aus. Somit reduzierte er alle Phänomene auf physikalische Vorgänge und die gesamte Wissenschaft auf die Mechanik. In seiner ethischen Lehre leitete Hobbes die Gesetze für menschliches Verhalten von dem Gesetz der Selbsterhaltung ab. Seine politische Philosophie gründet sich auf die Metapher vom Urvertrag, in dem sich die Menschen zum Schutz voreinander und vor äußeren Gefährdungen unter den Schutz einer Regierung begeben, deren weithin absolute Macht lediglich an die Erfüllung der Schutzpflicht gebunden ist.



Spinoza

Baruch Spinoza - bemerkenswerter Holländer

Der holländische Philosoph Baruch Spinoza erarbeitete ein bemerkenswert genaues und strenges philosophisches System, in dem er neue Lösungen bezüglich des Geist-Körper-Problems und des Konfliktes zwischen Religion und Wissenschaft anbot. Wie Descartes behauptete auch Spinoza, dass das gesamte Gefüge der Natur aus einigen wenigen wesentlichen Definitionen und Axiomen der euklidschen Geometrie abgeleitet werden könne. Er erkannte, dass Descartes’ Lehre von den zwei Substanzen das unlösbare Problem der Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist aufgeworfen hatte. Er folgerte, dass das einzige, was als letzter Gegenstand der Erkenntnis in Frage kommen könne, die Substanz selbst sei. Bei dem Versuch, den Beweis zu erbringen, dass Gott, die Substanz und die Natur identisch sind, gelangte er zu dem pantheistischen Schluss, dass alle Dinge bloß Aspekte bzw. Erscheinungsformen Gottes sind. Spinoza, als Jude geboren und erzogen, wurde 1656 aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen und aufgrund seiner unorthodoxen Anschauungen von Rabbis aus Amsterdam verbannt.

Als Lösung des Leib-Seele-Problems bot Spinoza die These des „psychophysischen Parallelismus“ an, nach der die scheinbare Wechselwirkung zwischen Geist und Körper darauf beruht, dass beide Erscheinungsformen derselben Substanz sind, die zueinander genau parallel verlaufen.



Locke

John Locke - Denker einsamer Entschlüsse
Abbildung 7John Locke



John Locke verlieh dem Empirismus durch die Veröffentlichung seines Essays Concerning Human Understanding (1690) einen systematischen Rahmen. Locke kritisierte den vorherrschenden rationalistischen Glauben an eine von der Erfahrung unabhängige Erkenntnis. Obwohl er die von Descartes vorgenommene Trennung zwischen Geist und Körper und die mechanistische Beschreibung der Natur anerkannte, führte er einen erneuten Richtungswechsel in der Philosophie herbei, und zwar von der Untersuchung der physischen Welt zum Studium des Geistes. Dadurch rückte er die Epistemologie in das Zentrum des philosophischen Interesses. Locke versuchte, alle Ideen auf einfache Elemente der Erfahrung zu reduzieren, unterschied jedoch zwischen äußerer Erfahrung (sensation) und innerer Erfahrung (reflection), wobei die äußere Erfahrung den Gegenstand für eine Erkenntnis der Außenwelt lieferte und die innere Erfahrung das Material für die Erkenntis des Geistes.



Idealismus und Skeptizismus

Der Philosoph, Mathematiker und Staatsmann Gottfried Wilhelm Leibniz wurde 1646 in Leipzig geboren. In seinem philosophischen System verband er die mathematischen und physikalischen Erkenntnisse seiner Zeit mit den organischen und religiösen Naturphilosophien der antiken und mittelalterlichen Gedankenwelt. Leibniz betrachtete die Welt als unendliche Anzahl von kleinsten Krafteinheiten, die er Monaden nannte. Jede Monade ist eine in sich geschlossene Welt, spiegelt jedoch alle anderen Monaden aufgrund ihres eigenen Wahrnehmungssystems wider. Alle Monaden sind geistige Wesen, wobei sich aus jenen mit der verworrensten Wahrnehmung unbelebte Dinge bilden, während aus jenen mit der klarsten Wahrnehmung, einschließlich des Bewusstseins vom Selbst und der Vernunft, die Seele und der Geist der Menschheit entstehen. Gott wird als Monade der Monaden angesehen, der alle anderen Monaden schafft und ihre Entwicklung so vorbestimmt, dass sie miteinander in einem Verhältnis prästabilierter (vorherbestimmter) Harmonie existieren. Leibniz’ Anschauung von der organischen und geistigen Natur aller Dinge steht am Anfang der philosophischen Schule des Idealismus.

Berkeley

Der irische Philosoph und anglikanische Geistliche George Berkeley schloss sich Lockes Zweifel an der Erkenntnis einer Welt außerhalb des Bewusstseins an und behauptete, dass es keinen Beweis für die Existenz einer solchen Welt gäbe, da die einzigen Dinge, die man erkenne, die eigenen Wahrnehmungen seien, und diese existierten bloß im Bewusstsein. Die Existenz der Dinge besteht nur in ihrem Wahrgenommenwerden (esse est percipi). Dementsprechend müssen die Dinge, um dann zu existieren, wenn sie nicht beachtet werden, von Gott weiterhin wahrgenommen werden. Seine philosophischen Werke, Principles of Human Knowledge (1710) und The Three Dialogues Between Hylas and Philonous (1713), wurden von seinen Zeitgenossen abgelehnt. Allerdings hat Berkeley aufgrund seiner Behauptung, dass einzig und allein die Sinneserscheinungen den Gegenstand der Erkenntnis ausmachen, die Erkenntnislehre des Phänomenalismus begründet (eine Wahrnehmungslehre, die besagt, dass die Materie in Form von Sinneserscheinungen erkannt werden kann) und gleichzeitig den Weg für die positivistische Bewegung in der modernen Philosophie vorbereitet.



Hume

Der schottische Philosoph und Historiker David Hume übernahm Berkeleys Kritik an der materiellen Substanz und richtete sie gegen Berkeleys Glauben an die geistige Substanz. Er behauptete, es gäbe keine offensichtlichen Beweise für die Existenz einer Bewusstseinssubstanz, eines Geistes oder eines Gottes. Sein wichtigstes philosophisches Werk A Treatise of Human Nature wurde 1739 und 1740 in drei Bänden veröffentlicht. Hume zufolge sind alle metaphysischen Behauptungen über die Dinge, die nicht unmittelbar wahrgenommen werden können, einfach bedeutungslos und sollten den „Flammen preisgegeben werden“. In seinen Untersuchungen zu Kausalität und Induktion kam Hume zu dem Schluss, dass es keine logische Begründung für die Annahme gäbe, dass zwischen zwei Ereignissen ein kausaler Zusammenhang existiere oder dass irgendwelche Schlüsse von Vergangenem auf Zukünftiges gezogen werden könnten.



Kant

Immanuel Kant - nie hatte er Ostpreußen jemals verlassen
Abbildung 8Immanuel Kant


Seine Antwort auf Humes Skeptizismus formulierte Immanuel Kant in einem umfassenden philosophischen System, das zu den bedeutendsten intellektuellen Errungenschaften der abendländischen Kultur zählt. Kant verbindet den empiristischen Grundsatz, dass die gesamte Erkenntnis ihren Ursprung in der Erfahrung habe, mit dem rationalistischen Glauben an die deduktive Methode. Er vertrat die Ansicht, dass der Inhalt der Erfahrung zwar durch die Erfahrung selbst entdeckt werden müsse, die Vernunft jedoch die Idee und Ordnung für die gesamten Erfahrungen a priori bereits enthalte. Mit dem kategorischen Imperativ (in der allgemeinsten seiner Formulierungen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“) formuliert Kant ein allgemein-vernünftiges Prinzip des Handelns, das zugleich die Freiheit des menschlichen Willens beweisen soll: Insofern sich die Vernunft in der Aufstellung und Befolgung des kategorischen Imperativs der Pflicht ihrer eigenen Gesetzgebung unterwirft, ist sie selbst gesetzgebend und somit frei. Triebfeder des guten, d. h. freien, Willens ist im Gegensatz zum „pathologischen“, d. h. unfreien, sinnlich bestimmten Willen, die Achtung des Gesetzes.

In Frankreich erreichte die intellektuelle Bewegung ihren Höhepunkt in der Periode der Aufklärung und begünstigte die sozialen Veränderungen, die schließlich die Französische Revolution herbeiführten. Zu den führenden Denkern dieser Zeit gehören Voltaire, der die von Locke und anderen liberalen Denkern eingeleitete Tradition des Deismus (Religionsauffassung, die durch rationale Folgerung im Studium der Natur gerechtfertigt werden kann) weiterentwickelte, Jean-Jacques Rousseau, der die Zivilisation für die Korruption des Wesens der Menschheit verantwortlich machte, sowie Denis Diderot, der Begründer der berühmten Encyclopédie, zu der viele Wissenschaftler und Philosophen ihren Beitrag erbrachten.



Absoluter Idealismus

In Deutschland waren durch den Einfluss Kants die philosophischen Richtungen des Idealismus und des Voluntarismus (von lateinisch voluntas: Willen) vorherrschend. Johann Gottlieb Fichte begründete einen absoluten Idealismus, der den Willen zur letzten Realität erhob. Nach Fichte wurde die Welt von dem absoluten Ich geschaffen, dem auch der menschliche Wille angehört und welches Gott als nichtverwirklichtes Ideal anstrebt. Fichtes Anschauungen wurden des Atheismus bezichtigt, und 1799 wurde er gezwungen, seinen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität von Jena aufzugeben. Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling ging noch weiter in der Rückführung aller Dinge auf die sich selbst verwirklichende Tätigkeit eines absoluten Geistes, indem er ihn mit dem Schöpferischen in der Natur gleichsetzte.



Hegel

Hegel - dachte wie kein zweiter ...
Abbildung 9Hegel


Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel war der Ursprung der gesamten Wirklichkeit ein absoluter Geist oder eine kosmische Vernunft, die sich aus dem abstrakten, undifferenzierten Sein zu immer konkreteren Formen der Wirklichkeit entwickelt. Diese Entwicklung vollzieht sich in einem dialektischen Prozess in drei Schritten. Jeder dieser drei Schritte setzt sich erstens aus einem Ausgangspunkt, der These, zweitens aus einem gesetzten Gegenstück, der Antithese, und drittens aus einer höheren Stufe, der Synthese, zusammen, welche die beiden Gegenstücke vereint. Dieser Betrachtungsweise zufolge wird die Weltgeschichte durch logische Gesetze regiert, so dass alles „Wirkliche vernünftig“ und alles „Vernünftige wirklich“ ist. Spätere Stufen der Geschichte werden als konkretere Verwirklichungen des absoluten Geistes angesehen, dessen höchste Stufe der Selbstverwirklichung im Nationalstaat und in der Philosophie ihren Ausdruck findet.



Weitere einflussreiche Philosophen des 19. Jahrhunderts

Arthur Schopenhauer wies den optimistischen Glauben Hegels an Vernunft und Fortschritt ab. In seinem von Atheismus und Pessimismus geprägten Werk Die Welt als Wille und Vorstellung (1819) legt Schopenhauer dar, Natur und Mensch seien Erzeugnisse eines irrationalen Willens, dem der Mensch bloß durch die Kunst oder den Verzicht auf den Wunsch nach Glückseligkeit entfliehen könne. Der französische Mathematiker und Philosoph Auguste Comte formulierte die Philosophie des Positivismus, die sich der metaphysischen Spekulation enthält und die Möglichkeit wahrer Erkenntnis einzig den auf Fakten gegründeten Wissenschaften zugesteht. Die Wissenschaft der Soziologie, die Comte selbst begründete, setzte er an oberste Stelle in der Klassifizierung der Wissenschaften. Der britische Wirtschaftswissenschaftler John Stuart Mill entwickelte und vertiefte die empiristische und utilitaristische Tradition in seinem 1836 veröffentlichten Werk Utilitarismus und wandte ihre Prinzipien auf alle Bereiche des Denkens an.

Evolutionismus in der Philosophie

Die mechanistische Weltanschauung des 17. Jahrhunderts und der Glaube an die Vernunft im 18. Jahrhundert waren zwar immer noch einflussreich, wurden jedoch im 19. Jahrhundert von einer Vielzahl komplexerer und dynamischerer Anschauungen, die sich eher auf Biologie und Geschichte als auf die Mathematik und Physik stützten, modifiziert. Besondere Auswirkungen hatten die Evolutionstheorie und die Lehre von der natürlichen Auslese, die 1858 von Charles Darwin vorgetragen wurde. Karl Marx und Friedrich Engels entwickelten auf der Grundlage von Hegels dialektischer Logik einen dialektischen Materialismus, wobei sie die Materie und nicht den Geist als letzte Realität anerkannten. Von Hegel übernahmen sie die Idee, dass sich die Geschichte aufgrund von dialektischen Gesetzen vollzieht und dass die gesellschaftlichen Institutionen eine konkretere Wirklichkeit besitzen als die Natur oder der individuelle Geist. Die Anwendung dieser Grundsätze auf die Sozialgeschichte fand ihren Ausdruck im historischen Materialismus, der besagt, dass alle Formen der Kultur von den wirtschaftlichen Verhältnissen bestimmt werden und dass die Phase des Kapitalismus vom Kommunismus abgelöst werde

(siehe Marxismus).

Nietzsche

F. Nietzsche - war stark ...
Abbildung 10Nietzsche


Friedrich Nietzsche schloss sich Schopenhauers Auffassung vom Leben als Ausdruck eines kosmischen Willens an, machte jedoch den so genannten Willen zur Macht zum Mittelpunkt und Ursprung allen Seins. Nietzsches gleichnamige Abhandlung Der Wille zur Macht wurde im Jahr 1901, ein Jahr nach seinem Tod, veröffentlicht. Er plädierte für eine Rückkehr von der religiösen Ethik zu den primitiveren und natürlicheren Tugenden wie Mut und Stärke.

Pragmatismus

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewann der Pragmatismus vor allem in den Vereinigten Staaten schnell an Bedeutung. Charles Sanders Peirce, der dieser philosophischen Richtung ihren Namen gab, formulierte eine pragmatische Erkenntnistheorie, nach der die Bedeutung eines Begriffs in den Voraussagen liegt, die aufgrund der Anwendung dieses Begriffs gemacht und von zukünftigen Erfahrungen bestätigt werden können. William James entwickelte die pragmatische Wahrheitstheorie.



Philosophie des 20. Jahrhunderts


Das 20. Jahrhundert ist wie kein anderes geprägt von einer Explosion des Wissens. In der Physik revolutionieren die Relativitätstheorie und die Quantenphysik das wissenschaftliche Weltbild. Die Psychologie, insbesondere die Psychoanalyse Sigmund Freuds, eröffnet neue Perspektiven für die Frage „Was ist der Mensch?“.

Der Philosoph Sartre
Abbildung 11J.P. Sartre

In der Philosophie gewinnt die Logik an Bedeutung, zu der Philosophen wie Gottlob Frege und Bertrand Russel bedeutende Beiträge leisten. Im angelsächsischen Raum wird die analytische Philosophie und Sprachphilosophie vorherrschend (siehe Positivismus). Großen Einfluss auf diese Bewegung hatte Ludwig Wittgenstein. In Deutschland und dem westlichen Kontinentaleuropa sind es die Phänomenologie Edmund Husserls, die Existenzphilosophie insbesondere Martin Heideggers und der Existentialismus Jean-Paul Sartres, welche die philosophische Szene prägen. Zudem werden Gesellschaft und Kultur zu einem immer wichtigeren Thema der Philosophie. Sowohl die Lebensphilosophie Henri Bergsons als auch jene Ludwig Klages’ rücken die Gefahr, dass die gegenwärtige Kultur das Humane verstelle anstatt es zu fördern, in den Mittelpunkt ihres Interesses. Die Gesellschaftskritik ist die Domäne der marxistisch orientierten Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Die Geschichte wird zum Thema auch der Hermeneutik, deren wichtigster Vertreter in Deutschland der Husserl- und Heideggerschüler Hans-Georg Gadamer ist.





Urteils-Philosophie

Urteil (Philosophie), innerhalb der Philosophie allgemein die Bezeichnung für einen Wahrspruch. In der Logik bezeichnet der Begriff die Aussage über das Verhältnis zwischen Subjekt und Prädikat eines Satzes. Aristoteles definiert den Satz als eine mit Bedeutung verknüpfte Aussage. Hinsichtlich des Urteils ist der apohantische Satz, d. h. der Aussagesatz, von Belang. Dieser unterscheidet sich etwa vom Fragesatz dadurch, dass er wahr oder aber falsch sein kann. Urteile lassen sich im Hinblick auf die qualitative Aussage in bejahende und verneinende (bzw. affirmative und negative) unterscheiden. Bezüglich der Subjekt-Objekt-Relation gibt es unbedingte oder kategorische, bedingte oder hypothetische und ausschließende oder disjunktive Urteile. Weiterhin lässt sich nach dem Geltungsanspruch differenzieren: Allgemeine Geltung beansprucht das universale Urteil; daneben sind partikuläre, d. h. besondere Urteile, singuläre oder einzelne sowie indefinite oder unendliche Urteile zu unterscheiden.

Nach dem Grad ihrer Gewissheit wollte Immanuel Kant weiterhin zwischen möglichen, notwendigen und tatsächlichen oder problematischen, assertorischen und apodiktischen Urteilen unterschieden wissen. Des Weiteren ist bei Kant die Differenzierung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen von Belang. Analytische oder Erläuterungsurteile enthalten das Prädikat bereits im Subjekt. Synthetische oder Erweiterungsurteile fügen dem Subjekt ein nicht von vornherein in ihm mitgedachtes Prädikat bei.

Willens-Philosophie


Wille (Philosophie und Psychologie), (althochdeutsch willio, zu wellen: wollen), lateinisch Voluntas, in der Philosophie und der Psychologie Bezeichnung für die Fähigkeit des Menschen, zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten zu wählen und nach dieser Entscheidung zu handeln, insbesondere, wenn sich die Handlung auf ein bestimmtes Ziel richtet oder von bestimmten Idealen und Verhaltensgrundsätzen moralischer oder ethischer Art geleitet ist. Willkürliches Verhalten steht zum willentlichen Handeln ebenso im Gegensatz wie solches, das sich aus Instinkten, Impulsen, Reflexen, unkritisch adaptierten Normen oder Gewohnheiten ergibt, da es in keinem dieser Fälle zu einer bewussten Entscheidung zwischen Alternativen kommt. In der Philosophie ist der Willensbegriff einer der Grundpfeiler der Ethik. In der Psychologie wird heute anstelle des Begriffs des Willens zumeist der der Motivation gebraucht. Im Behaviorismus spielt er keinerlei Bedeutung.

In der klassischen griechischen Philosophie (Platon, Aristoteles) war der Wille gleichbedeutend mit dem von der Vernunft geleiteten Streben. In der christlichen Philosophie (Augustinus) dann wurde er als eigenständiges, von der Vernunft unabhängiges Vermögen des Handelns angesehen. Dieser Lehre zufolge kann er mithin auch auf irrationale Ziele bzw., wie bei Augustinus, auf das Böse hin ausgerichtet sein. Neuzeitliche Versuche einer Synthese dieser beiden Auffassungen sind beispielsweise von Immanuel Kant in seinen Untersuchungen zur Ethik unternommen worden. Der Wille zur Macht steht im Zentrum der Philosophie Friedrich Nietzsches. In seinem Spätwerk beschreibt Nietzsche diesen Willen als konstitutiv für das menschliche Leben. Eine besondere Rolle spielte der Wille auch in der Philosophie Arthur Schopenhauers (Die Welt als Wille und Vorstellung). Für ihn war die primäre Wirklichkeit ein universeller Wille, von dem der Wille der Einzelperson einen Teil darstellt. Nach dieser Ansicht beherrscht der Wille jeden anderen Aspekt der Persönlichkeit eines Menschen, das Wissen, die Gefühle und die Lebensführung. Einfluss hatte sowohl die Philosophie Nietzsches als auch die Lehre Schopenhauers auf den Existentialismus, z. B. des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, der die Persönlichkeit als das Produkt von Handlungen und diese wiederum als den Ausdruck des (freien) Willens ansah, dem Universum Bedeutung zu verleihen. Der Mensch ist bei Sarte „zur Freiheit verdammt“.

Siehe auch Willensfreiheit



Zeit (Philosophie), in der Philosophie die innerlich bewusst wahrgenommene Veränderung des Werdenden. Die philosophische Reflexion über die Zeit beginnt bei Platon, der die raumzeitlichen, sinnlich wahrnehmbaren Gegebenheiten den ewigen Ideen – dem wahrhaft Seienden und denkend Erkennbaren – gegenüberstellte: Im Dialog Timaios erscheint Zeit als das bewegliche Abbild der Ewigkeit. Die erste wissenschaftliche Abhandlung über die Zeit lieferte Aristoteles im vierten Buch der Physik, wobei er den kontinuierlichen Charakter der Zeit und ihren Wesenszusammenhang mit der Bewegung betonte. Augustinus wies im elften Buch seiner Konfessionen darauf hin, dass die Zukunft (noch) nicht, die Vergangenheit nicht (mehr) und die Gegenwart nur die Grenze zwischen diesen beiden Nichtseienden und somit selber nichtig sei. Die Zeit gäbe es dank der menschlichen Seele, die Vergangenes erinnert, Gegenwärtiges wahrnimmt und Zukünftiges erwartet.

J. M. E. McTaggert hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen zwei zeitkonstitutiven Ereignisreihen, der so genannten A-Reihe und der B-Reihe, unterschieden und die Irrealität der Zeit gelehrt. In der A-Reihe sind die Ereignisse (augustinisch) eingeteilt in kommende, gegenwärtige und vergangene. Die B-Reihe ist die naturwissenschaftlich relevante Ordnung der Ereignisse nach der Früher-Später-Beziehung. Während in der klassischen Philosophie der Neuzeit (z. B. bei Spinoza, Kant und Hegel) die logische Folgerungsbeziehung als das Fundament des Zeitpfeils (der B-Reihe) angesehen wurde, habe Heidegger in Sein und Zeit (1927) das Verhältnis zwischen dem Zeitlichen und dem Logischen umzukehren versucht. Auch die Physik bemühe sich, den Zeitpfeil zu erklären. Der Relativitätstheorie Albert Einsteins verdankten wir die Erkenntnis, dass Raum und Zeit nicht unabhängig voneinander und von der Materie existieren.



Leben (Philosophie), das prozesshafte Sein des Organischen. In der Philosophie der Antike wurde der Begriff mit dem Vermögen der Selbstbewegung gleichgesetzt. Als treibende Kraft des Lebendigen galt die Seele, die sich in der Körperlichkeit des Belebten verwirklicht. Aristoteles differenzierte das Lebendige hierarchisch in vegetatives, sensitives und geistiges Leben: Dabei kommt das geistig-seelische Leben allein dem Menschen zu, das sensitive hingegen den Tieren; das Vegetative ist die Lebensform der Pflanzenwelt.

Für die Philosophie der Neuzeit sind zwei gegensätzliche Grundauffassungen kennzeichnend. Der Mechanismus ist durch die Auffassung bestimmt, das Leben ließe sich aus den Gesetzmäßigkeiten der materiellen Prozesse, die es allein bestimmten, vollständig erklären. Der Vitalismus hingegen vertritt die Position einer qualitativen Trennung zwischen Organischem und Anorganischem. Demnach ist die jedes Leben formende Kraft die Teleologie des Lebendigen. In der Lebensphilosophie –; etwa bei Henri Bergson und Wilhelm Dilthey – ist Leben sowohl die formende Kraft allen Seins als auch der hermeneutische Bezugspunkt für das Verständnis der Kultur (siehe Hermeneutik). Die Bestimmung des Lebensanfangs und -endes ist ein Kernproblem der medizinischen Ethik. Hier sind insbesondere die Fragen nach der Würde und dem Lebensrecht des ungeborenen Lebens sowie die Würde des Individuums hinsichtlich seines Todes von Interesse.






Hermeneutik (von griechisch hermeneuein: deuten, interpretieren), Lehre vom Verstehen, Auslegungskunst. Gegenstand der Hermeneutik, die um 1500 im Zuge des Humanismus entstand, waren zunächst die Texte antiker Autoren, in erster Linie aber der Inhalt der Bibel, dessen Wahrheitsgehalt als konkret und eindeutig galt. Im 16. Jahrhundert versuchten die Theologen deshalb, ein methodisches Regelwerk zu schaffen, das das Auffinden der biblischen Wahrheit und auch das Verständnis klassisch-humanistischer Texte erleichtern und – vor allem – die möglichen Interpretationen solcher Texte auf die eine und einzig wahre Auslegung einschränken sollte. Damit stand diese Auffassung deutlich in Opposition zur Vorstellungswelt des Mittelalters, in der sich der Gedanke eines so genannten vierfachen Schriftsinns der Bibel ausgeformt hatte, auch wenn diese Form der Bibelexegese als eine Vorstufe der humanistischen Hermeneutik betrachtet werden kann.

Im 19. Jahrhundert erweiterten Philosophen wie Friedrich Schleiermacher und Wilhelm Dilthey den Horizont der Hermeneutik, indem sie den Leser selbst mit in ihre Betrachtung einbezogen. Hier wurde das Verstehen als ein Vorgang der psychologischen Rekonstruktion begriffen: Im Akt des deutenden Lesens lege, so Schleiermacher, der Rezipient die ursprüngliche Absicht des Autors frei. Interpretation erscheint als Versuch, sich in die Lage des Autors hineinzuversetzen, um den schöpferischen Akt nachzuvollziehen und so den einzig möglichen Sinn des Kunstwerkes aufzudecken. Ziel der Hermeneutik Diltheys war vor allem die Abgrenzung der verstehenden Geisteswissenschaften gegenüber einer rein erklärenden Naturwissenschaft. Unbeachtet hierbei blieb die geschichtliche Situation des Werkes und seines Lesers. Dilthey sprach deshalb vom literarischen Kunstwerk als „Sprachdenkmal“ und unterstrich damit, dass der Vorgang des Interpretierens ein geschlossener, vom Rezipienten unabhängiger sei.

Im 20. Jahrhundert waren es Edmund Husserl, Martin Heidegger und sein Schüler Hans-Georg Gadamer, die eine Neuorientierung der philosophischen Hermeneutik im Sinn einer eher „offenen“ Auslegekunst unternahmen. (Gadamer wurde 1960 mit seinem bis heute für die Hermeneutik maßgeblichen Standardwerk Wahrheit und Methode schlagartig berühmt.) Verstehen ist demnach niemals nur durch das konkret-gegenwärtige Verhältnis des Subjekts zu dem Gegenstand seiner Betrachtung bestimmt, sondern Teil eines wirkungsgeschichtlichen Geschehens, das die historisch wandelbaren Gegebenheiten, den jeweiligen Horizont des Erkenntnisaktes, berücksichtigen muss (Horizonttheorie). Der Bedeutungszusammenhang des zu Deutenden ist als vergangene Wirklichkeit dem Rezipienten nie wirklich zugänglich. Der Interpret und das zu Interpretierende stehen vielmehr in einem gegenseitigen Bedingungsgefüge. Heidegger und Gadamer beschreiben dieses Dilemma als einen „hermeneutischen Zirkel“: Dabei beziehen sie sich auf die Art und Weise, in der – sowohl im Verständnis als auch in der Interpretation – der Teil und das Ganze kreisförmig aufeinander bezogen sind. Um das Ganze zu verstehen, ist es notwendig, die Teile zu verstehen, und umgekehrt. Nur unter dieser Bedingung sind menschliche Erfahrung und Forschung überhaupt möglich. Ausgehend von Heidegger dehnte die Hermeneutik ihren Gegenstandsbereich auf das ganze Spektrum verstehender Erkenntnis aus, indem sie betonte, dass jegliche Form von Wissen letztlich auf Auslegung beruhen müsse.

Der französische Philosoph Paul Ricoeur radikalisierte diese Position Heideggers und Gadamers weiter, indem er die Hermeneutik, mit deutlicher Affinität zum Symbolbegriff bei Ernst Cassirer, um Ideen der linguistischen Theorie zu erweitern suchte (Linguistik). Auf diese Weise sollte Verstehen stärker noch als bisher als soziohistorisches und sprachliches Phänomen ausgewiesen werden. Tatsächlich erlangt Ricoeur zufolge das Subjekt einzig dadurch Erkenntnis über sich selbst und die von ihm geschaffene Welt, dass es sich mittels eines kulturell konotierten Zeichenkomplexes gleichsam objektiviert, quasi aus sich heraustritt und innerhalb gesellschaftlicher Gefüge institutionalisieren lässt. Den Versuch einer Verknüpfung hermeneutischer Ansichten mit solchen des Strukturalismus unternimmt seit den siebziger Jahren verstärkt die auf Charles Sanders Peirce sich berufende kulturelle Semiotik Umberto Ecos (siehe Semiotik).

Peirce, Charles Sanders (1839-1914), amerikanischer Philosoph und Physiker. Peirce wurde am 10. September 1839 in Cambridge (Massachusetts) geboren. Er lehrte u. a. in Boston und Cambridge Logik und Philosophie. 1877 war er der erste amerikanische Vertreter beim Internationalen Geodätenkongress für Vermessungskunde.

1861 begann Peirce eine Experimentenserie mit Pendeln. Außerdem erforschte er die Lichtwellen. 1867 beschäftigte er sich mit dem von George Boole erstellten System mathematischer Logik und arbeitete bis 1885 daran, die Boolsche Algebra zu erweitern und zu verbessern.

Peirce wurde vor allem durch die von ihm begründete philosophische Theorie des Pragmatismus bekannt. Dieser philosophischen Richtung zufolge liegt die Bedeutung der Dinge allein in den Wirkungen begründet, die ihre Anwendung oder ihr Gebrauch mit sich bringen. Selbst die Wahrheit einer Vorstellung kann daher durch empirische Untersuchungen ihrer Nützlichkeit herausgefunden werden. Diese Theorie entwickelten die amerikanischen Philosophen William James und John Dewey weiter. Sie hatte großen Einfluß auf die moderne Philosophie und Soziologie. Peirce gehörte auch zu den Begründern der modernen Zeichentheorie (siehe Semiotik). Peirce starb am 19. April 1914 in Milford (Pennsylvania).


Logik (von griechisch logos: Wort), die Lehre von den Prinzipien des richtigen, d. h. schlüssigen Denkens und Beweisführens. Als logisch richtig wird diejenige Beziehung zwischen Voraussetzungen und Schluss angesehen, bei der wahre Voraussetzungen zu einem wahren Schluss führen.

Zwischen der Gültigkeit einer Beweisführung und der Richtigkeit eines Schlusses muss allerdings unterschieden werden. Wenn eine oder mehrere Voraussetzungen einer Schlussfolgerung falsch sind, kann der Schluss einer in sich formal gültigen Beweisführung falsch sein. So z. B. geht die gültige Beweisführung „Alle Säugetiere sind Vierfüßer, alle Menschen sind Säugetiere, also sind alle Menschen Vierfüßer“ von einer falschen Voraussetzung aus und führt deshalb zu einer falschen Aussage. Andererseits kann ein ungültiger Schluss unter Umständen zu einer wahren Aussage führen: „Einige Tiere sind Zweifüßer, alle Menschen sind Tiere, daher sind alle Menschen Zweifüßer“: Die logische Gültigkeit einer Schlussfolgerung hängt demzufolge von der Art der Beweisführung und nicht von ihrem Inhalt ab. Wäre die Beweisführung gültig, könnten die darin verwendeten Begriffe beliebig ausgetauscht werden, ohne die Gültigkeit zu beeinträchtigen. Indem nun „Vierfüßer“ durch „Zweifüßer“ ersetzt wurde, wird offensichtlich, dass von richtigen Voraussetzungen ausgehend, ein falscher Schluss erzielt werden kann. Somit ist die Beweisführung ungültig, obwohl sie zu einer richtigen Aussage führt.



Aristotelische Logik

Aristoteles gilt als Begründer der klassischen, syllogistischen Logik. Ein Syllogismus ist ein logischer Schluss, der sich auf Prämissen in einer der vier Formen stützt: „Alle As sind gleich Bs“ (allgemein bejahend), „Alle As sind verschieden von Bs“ (allgemein verneinend), „Einige As sind gleich Bs“ (partikulär bejahend), „Einige As sind verschieden von Bs“ (partikulär verneinend). Die Buchstaben stehen für allgemeine Substantive wie „Hund“, „Vierfüßer“, „Lebewesen“, die Begriffe des Syllogismus genannt werden. Ein vollständiger Syllogismus besteht aus zwei Prämissen (oder Voraussetzungen) und einer Konklusion (oder Schluss), wobei jede Prämisse einen Begriff mit der anderen Prämisse und einen Begriff mit der Konklusion gemeinsam hat. In der klassischen Logik sind die Regeln formuliert, anhand derer die vollständigen Syllogismen als gültige oder ungültige Beweisformen klassifiziert werden können.



Moderne Logik

Mitte des 19. Jahrhunderts haben die britischen Mathematiker George Boole und Augustus De Morgan einen neuen Bereich der Logik, heute als symbolische oder moderne Logik bzw. Logistik bekannt, erschlossen. Diese Form der Logik wurde von dem deutschen Mathematiker Gottlob Frege und insbesondere von den britischen Mathematikern Bertrand Russell und Alfred North Whitehead in der Principia Mathematica (3 Bde., 1910-1913) weiterentwickelt. Das logische System von Russell und Whitehead führt Symbole für ganze Sätze und ihre Bindeglieder ein, wie z. B. „oder“, „und“ und „wenn … dann …“. Es verwendet auch unterschiedliche Symbole für das logische Subjekt und das logische Prädikat eines Satzes sowie für Klassen, Glieder der Klassen und für die Beziehungen zwischen der Zugehörigkeit und dem Einschluss der Glieder. Die Logistik unterscheidet sich von der klassischen Logik auch bezüglich der Voraussetzung der Existenz der Dinge, auf die in den allgemeinen Sätzen Bezug genommen wird. Die Aussage „Alle As sind gleich Bs“ wird in der modernen Logik zu: „Wenn etwas A ist, dann ist es auch B“, wodurch zum Unterschied von der traditionellen Logik die Existenz von A nicht unbedingt vorausgesetzt wird.

Sowohl die klassische wie auch die moderne Logik sind Systeme der Deduktion. In einem gewissen Sinn enthalten die Prämissen eines gültigen Beweises den Schluss, und die Richtigkeit des Schlusses wird mit Gewissheit aus der Richtigkeit der Prämissen gefolgert. Es bestanden auch Bestrebungen, induktive logische Systeme zu entwickeln, bei denen die Prämissen den Beweis für den Schluss erbringen, die Richtigkeit des Schlusses jedoch nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus der Richtigkeit der erwiesenen Prämissen gefolgert werden kann. Den bemerkenswertesten Beitrag zur induktiven Logik erbrachte der britische Philosoph John Stuart Mill, der in seiner Arbeit System of Logic (1843) Beweismethoden formulierte, die nach ihm charakteristisch für die empirischen Wissenschaften sind. Diese Untersuchungen wurden im 20. Jahrhundert auf dem Gebiet der Wissenschaftsphilosophie fortgesetzt. Hiermit eng verwandt ist im Bereich der Mathematik die Wahrscheinlichkeitslehre.

Die klassische wie auch die moderne Logik gehen im Allgemeinen davon aus, dass jeder richtig formulierte Satz den Wahrheitswerten „wahr“ oder „falsch“ entspricht. In jüngster Vergangenheit bemühte man sich, Systeme so genannter mehrwertiger Logiken zu entwickeln, bei denen neben den Wahrheitswerten „wahr“ oder „falsch“ noch weitere Werte auftreten können. Bei einigen Systemen handelt es sich dabei bloß um einen dritten neutralen Wert, bei anderen wiederum um einen Wahrscheinlichkeitswert, der durch einen Bruchteil zwischen 0 und 1 oder zwischen –1 und +1 ausgedrückt wird. Eine weitere Entwicklung der letzten Jahre war der Versuch, eine Modallogik auszuarbeiten, anhand derer die logischen Beziehungen zwischen Behauptungen der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Notwendigkeit und Zufälligkeit dargestellt werden können. Des Weiteren wurde eine deontische Logik entwickelt, die die logischen Beziehungen zwischen Befehlen oder Sätzen der Verpflichtung untersucht.

Verwandte Disziplinen

Mit der Logik eng verwandt sind die Semantik oder die Sprachphilosophie, die sich mit der Bedeutung der Wörter und Sätze beschäftigt, die Epistemologie oder die Erkenntnistheorie, die die Bedingungen für die Wahrheit der Aussagen untersucht, sowie die Psychologie des Denkens, die sich mit den am Urteilen beteiligten Denkvorgängen beschäftigt. Zwar werden solche Themen zum Teil auch in den Abhandlungen über die Logik untersucht, ihr Hauptaugenmerk gilt jedoch normalerweise den logischen Beziehungen zwischen den Aussagen. Siehe auch Induktion (Logik)


Metaphysik

Metaphysik (von griechisch meta ta physika: nach, bzw. hinter dem Physischen), philosophische Disziplin, die die Seinsstruktur der Wirklichkeit zum Gegenstand hat, d. h. die Fundamentalbedingungen alles Seienden, dasjenige, was hinter den sinnlich konkreten Phänomenen der Wirklichkeit als dessen Urgrund betrachtet werden kann. Ontologie wird derjenige Bereich der Metaphysik genannt, der sich der Erforschung der Natur des Seienden widmet und es sich zum Ziel setzt, eine Metaphysik zu entwerfen, die aufgrund ihrer Allgemeinheit im Prinzip für alle möglichen Welten gelten kann (siehe Ontologie). Aus diesem Grund bewegen sich metaphysische Erwägungen auf der höchstmöglichen Abstraktionsebene. Weitere Gegenstandsgebiete der Metaphysik sind die Kosmologie (Lehre vom Wesen der Welt), die philosophische Anthropologie als Bereich der Existenzphilosophie (Lehre vom Wesen des Menschen) und Theologie (als Lehre vom Wesen Gottes). Ihrer Methodik nach ist eine spekulative Metaphysik von einer induktiven Metaphysik zu unterscheiden (siehe Induktion). Während erstere von einem Glaubenssatz ausgehend Wirklichkeit deuten will, erhält letztere ihre Erkenntnis aus den Ergebnissen der Summe der Einzelwissenschaften. Zentrale Begriffe metaphysischer Betrachtung sind Sein, Werden, Leben, Gott, Materie, Freiheit, Nichts, Unsterblichkeit, Wahrheit, Geist („Weltgeist“) und Natur.

Wahrscheinlich führte der griechische Peripatetiker Andronikus von Rhodos den Begriff der Metaphysik um das Jahr 70 v. Chr. in Rom ein. Andronikus, der die Werke des Aristoteles herausgab, verlieh denjenigen Texten des griechischen Philosophen, die auf dessen Physik folgten, den eher technisch gemeinten Arbeitstitel „Meta-Physik“ (d. h. die Schriften, die nach der Physik kommen), um die chronologische Abfolge des aristotelischen Publikationsprozesses zu beschreiben. Aber auch sachlich ist diese Bezeichnung treffend, da sie im allgemeinen Sprachgebrauch jene Sachverhalte meint, welche die materielle, empirisch fassbare Wirklichkeit transzendieren. Im engeren philosophischen Sinn versteht man darunter eine sehr allgemeine, auf die Totalität der Wirklichkeitserfassung abzielende Denkweise.

In seiner Metaphysik setzt Aristoteles sich u. a. mit kategorialen Phänomenen wie Substanz, Kausalität sowie mit den Fragen nach dem Wesen des Seins und der Existenz Gottes auseinander. Die mittelalterlichen Scholastiker verstanden Metaphysik als grenzüberschreitende Wissenschaft, die den Gelehrten mit Hilfe der Philosophie den Übergang aus der materiellen Welt in eine Wirklichkeit jenseits der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit ermöglichen könne. Im 13. Jahrhundert erklärte Thomas von Aquin es zum Ziel der Metaphysik, im Rückgang auf immer fundamentalere Ursachen des endlich Seienden, Gott selbst zu erschließen.

Metaphysik vor Kant

Von Immanuel Kant stammt die Unterscheidung zwischen apriorischer und aposteriorischer Erkenntnis. Erstere wird allein aus der menschlichen Vernunft selbst gewonnen, zweitere bedarf der sinnlichen Erfahrung der Welt. Gemäß dieser Differenz kann man die vorkantianische Metaphysik als System apriorischer Erkenntnisse verstehen. Aus bestimmten Erkenntnissen, die a priori galten, wurden andere Sätze streng deduktiv hergeleitet, deren Wahrheitsgehalt für alle möglichen Welten zu gelten schien (Deduktion). Eine solche Methode apriorisch-deduktiver Gewinnung metaphysischer Aussagen heißt rationalistisch. Den Rationalismus gibt es in monistischen, dualistischen und pluralistischen Spielarten. Der Monismus geht davon aus, dass das Universum aus einer einzigen, gleichartigen Substanz besteht. Der Dualismus nimmt die Existenz zweier unabhängiger und miteinander unvereinbarer Substanzen an (etwa im Christentum die Substanz des „Diesseits“ und des „Jenseits“, bei Kant die des rein sinnlichen Seins und des „wahren Daseins“; siehe unten). Der Pluralismus glaubt an eine Mehrzahl fundamentaler, hierarchisch gleichberechtigter Substanzen.

Die verschiedenen monistischen Schulen vertreten zwar übereinstimmend die Position, dass die Wirklichkeit nur auf einem einzigen Prinzip basiert, doch beschreiben sie dessen charakteristische Merkmale durchaus unterschiedlich. So geht der idealistische Monismus von einer rein geistigen Substanz aus, während der materialistische Monismus diese für ganz und gar physisch hält. Der neutrale Monismus schließlich glaubt weder an die ausschließlich geistige noch an die exklusiv materielle Gestalt. Zu den Vertretern der idealistischen Position gehörte u. a. der irische Philosoph George Berkeley. Die materialistische Auffassung findet sich bei dem englischen Denker Thomas Hobbes, die neutrale bei dem Niederländer Baruch Spinoza. Letzterer enfaltete eine pantheistische Sicht der Wirklichkeit, die das Universum mit Gott gleichsetzt und Gottes Substanz in allen Dingen annimmt.

Der berühmteste Repräsentant des Dualismus, der französische Philosoph René Descartes, hielt Körper und Geist für zwei völlig verschiedene Entitäten und meinte, sie seien die einzigen elementaren Substanzen innerhalb des Universums. Es gelang den Dualisten indes nicht, zu zeigen, wie und wodurch sich die offenkundige Verbindung zwischen diesen beiden Prinzipien konstituieren solle.

Nach Auffassung des deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz besteht das Universum aus einer unendlichen Menge eigenständiger Einheiten, den von ihm so genannten Monaden. Diese Sichtweise ist zugleich pluralistisch, weil sie auf mehreren getrennten Substanzen beruht, und monistisch, denn jede Monade birgt nach der Leibniz’schen Ansicht als Mikrokosmos in sich das gesamte Universum.

Andere mit metaphysischen Problemen sich beschäftigende Philosophen behaupteten, das Wissen über die Wirklichkeit leite sich nicht von Prinzipien a priori ab, sondern basiere allein auf der Erfahrung. Diese Art der Betrachtung wird als Empirismus bezeichnet. Eine weitere Schule bejahte zwar die Existenz einer letzten Wirklichkeit, doch ging sie gleichzeitig davon aus, dass diese der beschränkten menschlichen Erkenntnisfähigkeit nicht zugänglich zu machen sei. Nach ihrem Dafürhalten spiegelt Wissen keine äußere Wirklichkeit, sondern lediglich die menschliche Wahrnehmung wider. Dieser Skeptizismus oder Agnostizismus zweifelt dementsprechend die Existenz einer Seele sowie die Realität Gottes an.

Kants Metaphysik

Kants Werk verbindet mehrere grundlegende metaphysische Positionen. Der Königsberger Philosoph begründete die Transzendentalphilosophie. Sie weist agnostische Elemente auf, denn sie hält es im strengen Sinne für unmöglich, die letzte Wirklichkeit zu erkennen. Zugleich ist sie empirisch orientiert, denn sie setzt voraus, dass alle Erkenntnis auf Erfahrung basiert und ihr in Bezug auf Gegenstände möglicher und tatsächlicher Erfahrung Wahrheit zukommt. Sie behauptet überdies, die Strukturprinzipien dieser empirischen Erkenntnis seien apriorischen Charakters.

Diese Prinzipien hält Kant für notwendig und universell auf jede Art der Erfahrung anwendbar, denn nach seiner Auffassung liefert der Geist die Urformen (Raum, Zeit, Kausalität, Substanz und Relation) für die Empfindungen. Diese Kategorien oder strukturellen Prinzipien existieren also a priori, vor der Erfahrung, wenngleich sie nur durch diese zum Ausdruck kommen und sich durch diese erkennen lassen. Sie sind transzendental, denn sie übersteigen sowohl die tatsächlichen als auch die möglichen Erfahrungen. Obgleich sie alle Erfahrung determinieren, berühren sie in keiner Weise die Natur der Dinge an sich. Die Erkenntnis, der diese Prinzipien als notwendige Bedingungen zugrunde liegen, enthüllt die Dinge indes nicht notwendig so, wie sie tatsächlich sind. Sie betrifft die Objekte nur insofern, als sie der menschlichen Wahrnehmung erscheinen oder durch die Sinne erfahrbar sind. In der Kritik der reinen Vernunft, der Kritik der praktischen Vernunft und der Kritik der Urteilskraft versuchte Kant, die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit im Rahmen der Erfahrungen zu situieren und bemühte sich zu zeigen, dass der menschliche Geist nicht in der Lage ist, diese allein durch Erkenntnis auf die letzte Wirklichkeit hin zu überschreiten. Auch wollte er Wissenschaft und Religion in diesen Werken in einer zweistufigen Welt miteinander verbinden. Dabei unterschied er Noumena, mit der Vernunft erkennbare, aber nicht durch die Sinne wahrzunehmende Objekte, und Phänomene, die sich den Sinnen darstellen, soweit diese sie materiell durchdringen. Da Gott, Freiheit oder Unsterblichkeit zu den geistigen Wirklichkeiten gehören, kann der Mensch diese Begriffe aufgrund seiner moralischen Urteilskraft, nicht aber durch wissenschaftliche Erkenntnis verstehen.



Die Metaphysik nach Kant

Einige der bedeutendsten Schüler Kants, darunter Johann Gottlieb Fichte, Friedrich von Schelling, G. W. F. Hegel und Friedrich Schleiermacher, lehnten in ihren Beiträgen zur transzendentalen Metaphysik Kants dessen Konzept vom „Ding an sich“ ab. Sie entwickelten einen absoluten Idealismus als Gegenposition zur Kant’schen Transzendentalphilosophie (siehe deutscher Idealismus).

Zu den wichtigsten Vertretern des so genannten Voluntarismus, gehören (neben Fichte) die deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche („Willen zur Macht“) sowie der Amerikaner Josiah Royce, während der Franzose Auguste Comte und der Brite Herbert Spencer das Modell des Phänomenalismus entfalteten. Henri Bergson schuf das Konzept der intuitiven Erkenntnis; der englische Mathematiker und Denker Alfred North Whitehead begründete eine Naturphilosophie.

Die Theorie des Voluntarismus erhebt den Willen zum höchsten Ausdruck der Wirklichkeit und zum Grundprinzip allen Seins. Die Repräsentanten der Phänomenologie vertreten die Auffassung, dass sämtliche Sachverhalte sich mit Hilfe von tatsächlichen oder möglichen Erscheinungen (Phänomenen) deuten lassen und alles, was sich dieser Art der Interpretation entzieht, grundsätzlich nicht verstehbar ist. Die intuitive Erkenntnis sieht den Evolutionsprozess eher als spontane, unvorhersehbare Ereigniskette denn als mechanistisch festgelegten Ablauf im Sinn des Determinismus. Die Naturphilosophie verbindet die Vorstellung einer konstant fortschreitenden Evolution mit einem metaphysischen Konzept, das Gott, die ewigen Objekte und die Kreativität einschließt.

Nach der Auffassung des Pragmatismus des amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce, eines der Begründer der Semiotik, liegt die Hauptaufgabe des Denkens darin, das Handeln zu lenken. Die Bedeutung eines Begriffs erweist sich durch dessen praktische Anwendung, und Wahrheit lässt sich anhand der praktischen Folgen des angenommenen Gegenstands überprüfen. John Dewey, der führende Vertreter eines radikalen Pragmatismus oder Instrumentalismus, erklärt die Ideen zu Instrumenten des Handelns, ihre Rolle im Rahmen der menschlichen Erfahrung determiniert ihren Wahrheitsgehalt.



Neuere Entwicklungen

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts bestritten die logischen Positivisten (siehe analytische Philosophie und Sprachphilosophie), die Vertreter des dialektischen Materialismus und die Existenzialontologie Martin Heideggers die Gültigkeit des überkommenen metaphysischen Denkens. Erstere argumentierten vor allem auf der Basis der Verifikationstheorie der Bedeutung. Einem Satz kommt diesem Konzept zufolge nur dann Bedeutung zu, wenn er der Überprüfung in der wahrnehmbaren Wirklichkeit standhält. Metaphysische Aussagen wie „nichts außer Materieteilchen existiert“ oder „alles ist Teil eines umfassenden Geistes“ lassen sich nicht empirisch überprüfen und haben daher keine Bedeutung. Gleichwohl kann ihnen ein emotionaler Sinn innewohnen, durch den sich eine menschliche Hoffnung oder ein Gefühl ausdrückt.

Der dialektische Materialismus geht davon aus, dass die materielle Wirklichkeit den Geist bestimmt und sich in ihm widerspiegelt („Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, heißt es bei Karl Marx). Spekulationen des Geistes, die nicht auf dieser Realität basieren, hält er für unwirkliche Konstrukte, die notwendig in Irrglauben münden. Das Grundprinzip der Wirklichkeit ist ein dialektischer Aufeinanderprall thetischer und antithetischer Kräfte, der in der Synthese sich zu Neuem verbindet (Dialektik). Dennoch eignen sich nach Ansicht der Metaphysiker weder logischer Positivismus noch dialektischer Materialismus dazu, die Wirklichkeit angemessen zu beschreiben. Beide, so behaupten sie, lassen metaphysische Grundvoraussetzungen außer Acht, etwa mit den Gedanken, dass alles wahrnehmbar oder zumindest mit etwas Wahrnehmbaren verbunden sei und dass der Geist kein Eigenleben besitze. Die Anhänger des Existentialismus erachten die Fragen nach der Natur des Seins und dessen Verhältnis zum Einzelnen für außerordentlich wichtig und lebensbestimmend. Der Beschäftigung mit diesen Themen kommt ein Wert an sich zu, auch wenn die Antworten sich nicht objektiv verifizieren lassen.

Von größter Bedeutung war im 20. Jahrhundert die Existenzialontologie Martin Heideggers, dessen Hauptwerk Sein und Zeit 1927 erschien. Heidegger wollte die Ontologie ganz neu begründen. Er fragte nach dem Sinn des Seins selbst, das man von allem Seienden streng unterscheiden müsse. In Anknüpfung an Aristoteles und an bestimmte vorsokratische Denker und in eigenständiger Verarbeitung der Phänomenologie Edmund Husserls versuchte er, die Frage nach dem Sinn des Seins in dessen Bezug zur Zeit auszuarbeiten. Dabei ging er methodisch so vor, dass er in Analogie zur Kategorienlehre Kants die Grundstrukturen menschlicher Existenz, die so genannten Existenzialien, als wesentlich erhob. Aus deren Verhältnis zur Zeitlichkeit des Lebens hoffte er, Aufschlüsse über das Sein selbst und dessen Zeitcharakter zu gewinnen. In den fünfziger Jahren begannen die Engländer Stuart Newton Hampshire und Peter Frederick Strawson, sich mit den Problemen einer systematischen analytischen Metaphysik auseinander zu setzen. Ersterer befasste sich nach Art von Spinoza mit der Beziehung zwischen Denken und Handeln, während letzterer sich wie Kant bemühte, die Hauptkategorien der Erfahrung und ihre Verortung innerhalb der Sprache zu beschreiben. In den Vereinigten Staaten dominiert eine vom Positivismus beeinflusste Metaphysik, etwa in den Werken von Wilfred Stalker Sellars und Willard Van Orman Quine. Sellars versuchte, metaphysische Fragen in linguistische Begriffe zu fassen, Quine wollte ermitteln, ob die Struktur von Sprache Philosophen dazu führt, die Existenz wie immer gearteter Entitäten anzunehmen und hoffte darüber hinaus, im positiven Fall die Natur dieser Entitäten zu klären. Metaphysik und Ontologie behalten in diesem neuen Diskussionskontext ihre fundamentale Bedeutung für die gesamte Philosophie.



Anthropologie (Philosophie), (von griechisch anthropos: der Mensch und lógos: die Lehre), die Lehre bzw. Wissenschaft vom Menschen (Anthropologie). Die philosophische Anthropologie fragt danach, was der Mensch seinem Wesen nach ist.

Historisch läßt sie sich als geisteswissenschaftliche Antwort auf die biologischen Zweifel an der Sonderstellung des Menschen, auf die Vernunftkritik und die psychoanalytische Trieblehre Sigmund Freuds begreifen. Als Gründungsakt der philosophischen Anthropologie im eigentlichen Sinn gilt Max Schelers Schrift Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928). Hierin hebt Scheler hervor, dass der Mensch als weltoffenes und nicht triebgebundenes Geistwesen in der Natur eine Sonderstellung einnimmt. Für Helmuth Plessner (Die Stufen des Organischen und der Mensch, 1928) ist der Mensch wesentlich durch seine exzentrische Position in der Natur bestimmt. Dies bedeutet, dass der Mensch als einziges Wesen zu sich selbst Distanz hat. Für Arnold Gehlen (Der Mensch, 1940) ist der Mensch vor allem ein Mängelwesen. Die gegenüber den Tieren mangelhafte Ausstattung zwingt den Menschen geradezu zur Schaffung von Kultur. Gehlens Thesen sind nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Biologen Adolf Portmann als sachlich unhaltbar zurückgewiesen worden. Wie später Adorno und Habermas (Anthropologie als eher konservative bzw. nur reaktiv, verarbeitende Wissenschaft) war auch Martin Heidegger ein Gegner der Anthropologie, da für ihn das Dasein (jenes verstehende Sein, dem es in seinem Sein wesentlich um das Sein des Seienden geht) ursprünglicher als der Mensch ist. Jean-Paul Sartre übersetzte Heideggers Begriff Dasein in L’être et le neant, (1943, Das Sein und das Nichts) unter dem Titel realité humaine (menschliche Realität) ins französische, wobei für Sartre die absolute, unbedingte und in die Welt geworfene Freiheit das Wesen dieser realité humaine ausmacht. Heute ist die philosophische Anthropologie im Wesentlichen vergleichende Kulturwissenschaft. Dabei geht es insbesondere um die Frage, in welcher Weise die Leistungen des Menschen sich in den verschiedenen Kulturen niederschlagen. Als Grundlagenwerk dieser anthropologischen Kulturwissenschaft gilt Ernst Cassirers Philosophie der Symbolischen Formen (3 Bde., 1928-1929), worin erstmals drei Kernbereiche der menschlichen Kultur (Sprache, Mythos, Erkenntnis) weltumspannend und vergleichend untersucht wurden.



Geschichte

Obwohl das Wort Anthropologie der Antike nicht bekannt war, liegen die Wurzeln der Disziplin unbestritten bei Aristoteles. Aristoteles definierte den Menschen, den er für das vollkommenste aller Lebewesen hielt, als zoon politikon (in Gemeinschaft lebendes Lebewesen) und zoon logikon (sprechendes bzw. vernünftiges Lebewesen). Weitere spezifisch menschliche Eigenschaften waren für Aristoteles das Lachen und der aufrechte Gang. Dass sich der Mensch als sprechendes Wesen von den Tieren unterscheidet, hat in römischer Zeit Cicero hervorgehoben. Die aristotelische Definition des Menschen hat das christliche Mittelalter entscheidend geprägt. Thomas von Aquin begriff den Menschen als animal rationale, dem Vernunft und Freiheit von Gott zugeteilt sind.

Seit dem 16. Jahrhundert wurde der Mensch zunehmend zu einem eigenen Forschungsgegenstand. Den Anstoß für diese Entwicklung gaben vor allem zwei Faktoren: Erstens das seit Kolumbus sehr rege Interesse der Europäer an Nachrichten aus der „neuen Welt“, insbesondere über die so genannten „Wilden“. Hiermit entstand die Frage nach der Gleichartigkeit aller Menschen im interkontinentalen Vergleich. Noch bei Kant ist die Anthropologie (1775, Von den verschiedenen Rassen der Menschen) ein Teil seiner Vorlesungen zur Physischen Geographie. Der zweite wesentliche Faktor war die zunehmend als Unrecht empfundene Ungleichheit von Adel und Bürgertum. Hiermit war die Frage nach der Gleichberechtigung aller Menschen, die Forderung nach Menschenrechten, berührt und vorbereitet. So formulierte Rousseau 1762 in seinem Contrat Social (Vom Gesellschaftsvertrag), dass alle Menschen frei seien. Freiheit und Vernunft waren auch für Kant wesentliche Merkmale menschlichen Seins. Für Kant gehörte die Frage Was ist der Mensch? zu einer der vier Grundfragen der Philosophie. Neben Kant war Herder der bedeutendste Wegbereiter der Anthropologie. Herder sah das Eigentümliche des Menschen in seiner Sprache (Über den Ursprung der Sprache, 1772; Ideen zur Geschichte der Menschheit, 1791-1794).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erschien eine große Anzahl von Schriften zum Thema der Anthropologie. Starke Impulse zur Beantwortung der Frage nach dem Menschen gingen nun auch von der medizinischen Wissenschaft aus. Es entstand die medizinisch-physiologische Anthropologie. Von philosophischer Seite wurde der Mensch im 19. Jahrhundert bei Hegel (die Wissenschaft vom Menschen als Lehre vom subjektiven Geist), Marx (der Mensch als Ensemble der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse) und Dilthey (der Mensch als sich geschichtlich verstehendes Wesen) vor allem als geschichtliches Wesen begriffen.

Eine Revolution der Anthropologie bedeutetete das Buch von Charles Darwin The Descent of Man, and Section in Relation to Sex (1871, Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl). Darwin hatte entdeckt, dass der Mensch nach demselben allgemeinen Modell gebaut ist wie alle anderen Wirbeltiere. Er wies unter anderem nach, dass der Mensch aus derselben Evolutionslinie wie der Gorilla und Schimpanse stammt. Somit war widerlegt, dass der Mensch das Ergebnis eines besonderen göttlichen Schöpfungsaktes ist. Darwin hielt es ferner für wahrscheinlich, dass der Ursprung des Menschen in Afrika liegt. Damit stand die nie zuvor in Zweifel gezogene Einzigartigkeit des Menschen in Frage.

Gleichzeitig setzte mit Friedrich Nietzsche (angeregt durch Schopenhauers Lehre vom Vorrang des menschlichen Willens) eine Kritik der alten Definition des Menschen als vernünftigem Lebewesen ein. Für Nietzsche war die (menschliche) Welt nur als ästhetische gerechtfertigt. Die aristotelische Definition des Menschen als rationales Lebewesen geriet um die Jahrhundertwende zusätzlich durch Sigmund Freuds Begriff des Unbewussten (des Es) ins Wanken. Freuds Entdeckung war es, dass das menschliche Handeln von unbewussten (wesentlich in der Kindheit geprägten) Triebkräften entscheidend mitbestimmt ist.






Lao-tse
Abbildung 12Lao-tse

Chinesische Philosophie, Sammelbezeichnung für die verschiedenen Schulen und Richtungen, die von chinesischen Gelehrten und Philosophen gegründet wurden. Die chinesische Philosophie hat drei verschiedene historische Etappen durchlaufen:

(1) die klassische Periode, eine schöpferische Zeit vom 6. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr.;

(2) die mittelalterliche Periode, vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 11. Jahrhundert n. Chr., eine Zeit der Synthese und Aufnahme fremder Gedanken, und

(3) die moderne Periode, vom 11. Jahrhundert bis zur Gegenwart, eine Zeit der Reife früherer philosophischer Richtungen und der Einführung neuzeitlicher, abendländischer Philosophien.


Klassische Periode

Die klassische Periode der chinesischen Philosophie, die in die späten Jahre der Chou-Dynastie fällt, erstreckt sich auf den Zeitraum vom 6. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. Während dieser Zeit der politischen und sozialen Unruhen erstarkten die schon lange dem Hause Chou unterworfenen Feudalstaaten und strebten nach Unabhängigkeit. Als die Macht der Lehnsherren größer wurde als die des Königs, kam es im 5. Jahrhundert v. Chr. zu zwischenstaatlichen Fehden, die im 4. und 3. Jahrhundert in politischer Anarchie endeten. Während dieser Zeit entstanden neue Handels- und Wirtschaftszweige, die zu sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen der landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft führten. Inmitten dieser politischen und sozialen Wirren bildete sich eine neue Klasse von gelehrten Beamten heraus. Es waren Männer, die aufgrund ihrer Gelehrtheit und Weisheit versuchten, das Königreich zu vereinen und die Ordnung in der Gesellschaft wiederherzustellen.



Konfuzius und seine Nachfolger

Der bedeutendste unter diesen Gelehrten war Konfuzius. Er gehörte dem niederen Adel und der Beamtenschaft des Staates Lu an, in der heutigen Provinz Shandong. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens, am Ende des 5. und Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr., als reisender Gelehrter und Lehrer sowie Ratgeber von Herrschern in den verschiedenen Staaten. Zur Wiederherstellung von Ordnung und Wohlstand befürwortete er die Wiedereinführung der souveränen Regierung, der gesellschaftlichen und familiären Organisationen sowie der in der klassischen Literatur beschriebenen Sittlichkeitsregeln der frühen Chou-Dynastie. Das wichtigste Element in seinem System war allerdings das Individuum. Konfuzius lehrte, dass jeder Einzelne die persönlichen Tugenden, wie Ehrlichkeit, Liebe und Verehrung der Eltern pflegen sollte, so wie es in der alten Literatur beschrieben wurde. Dadurch würde die Harmonie in Familie, Gesellschaft und Staat wiederhergestellt werden. Die wichtigsten Personen wären die Herrscher und ihre Ratgeber, da ihr tugendhaftes Benehmen beispielhaft für das ganze Königreich sei (Konfuzianismus).

Im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. entwickelten dann seine Schüler Mencius und Hsün-tzu die Gedanken von Konfuzius weiter. Mencius behauptete, dass das Wesen des Menschen im Grunde gut sei und dass es nicht bloß durch das Studium, wie Konfuzius lehrte, sondern auch durch einen Prozess der inneren Pflege seines Selbst entwickelt werden könne. Mencius befürwortete, wie Konfuzius, die hierarchisch geordnete Feudalgesellschaft, in der er lebte, maß jedoch der Verantwortung des Herrschers für das Wohlergehen seines Volkes eine weitaus größere Bedeutung zu. Die Chou-Herrscher übten ihre Macht im Sinne der Lehre des Mandats des Himmels aus. Der Himmel galt als unpersönliche Autorität, die alle Vorgänge des Universums regiert. Für Mencius zeigte sich das Mandat des Himmels in der Anerkennung des Herrschers durch sein Volk. Wenn sich das Volk gegen einen Tyrannen auflehnt und diesen stürzt, so wäre das ein Beweis dafür, dass der Himmel ihm sein Mandat entzogen hat. Folglich forderte Mencius im Namen des Himmels das Recht des chinesischen Volkes auf Rebellion. Hsün-tzu vertrat die genau entgegengesetzte Ansicht vom Wesen des Menschen. Er behauptete, dass die Rebellion im Grunde böse sei. Er glaubte jedoch auch an die unbegrenzte Fähigkeit zur Verbesserung des Menschen. Er lehrte, dass der Mensch durch Erziehung und durch das Studium der Klassiker sowie der Sittlichkeitslehren tugendhaft werde und dass dadurch die Ordnung in der Gesellschaft wiederhergestellt werden könne. Hsün-tzu bereicherte somit den Konfuzianismus um eine Philosophie der formalen Erziehung mit einer Tendenz zur Strenge, was die Regelung der menschlichen Lebensführung betrifft.

Taoismus und andere bedeutende Schulen


Die zweite große philosophische Richtung der klassischen Periode war der Taoismus. Der Philosoph Lao-tse, der wahrscheinlich im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte, gilt als Begründer dieser Schule. Während der Konfuzianismus die Vollendung des Menschen durch moralische Erziehung sowie die Errichtung einer hierarchisch geordneten Gesellschaft anstrebte, ging es dem Taoismus um die Erhaltung des menschlichen Lebens durch die Befolgung des natürlichen Weges (Tao). Der Taoismus versucht durch eine mystische Verbindung mit dem Tao die perfekte Harmonie zwischen dem Individuum und der Natur herzustellen. Dieser Mystizismus wurde von Chuang-tzu weitergeführt, einem taoistischen Philosophen des ausgehenden 4. Jahrhunderts v. Chr. Er lehrte, dass das Individuum durch die mystische Verbindung mit dem Tao die Natur und sogar das Leben und den Tod transzendieren könne.

Weitere wichtige Schulen dieser Periode waren die mohistische, die naturalistische und die dialektische Schule. Die mohistische Schule, gegründet von Mo-tzu während des 5. Jahrhunderts v. Chr., lehrte einen strengen Utilitarismus sowie eine allumfassende Menschenliebe, ungeachtet der familiären bzw. gesellschaftlichen Verhältnisse. Während des 4. Jahrhunderts v. Chr. erforschte die naturalistische Schule kosmische Prinzipien des Universums. Die bekanntesten dieser Prinzipien sind Yin und Yang, welche die entgegengesetzten, sich jedoch gegenseitig beeinflussenden Pole der Natur verkörpern, wie z. B. das Weibliche und das Männliche, Licht und Schatten, Sommer und Winter.

Schule der Legalisten

Während der unruhigen Verhältnisse der Ch’in-Dynastie im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. wurde die Schule der Legalisten zur herrschenden Philosophie. Han Feizi und Li Ssu, beide Schüler des Hsün-tzu, waren die führenden Vertreter dieser Richtung. Sie gingen von den Lehren Hsün-tzus aus, dass das Wesen des Menschen böse sei und sein Verhalten nur durch strenge Überwachung geregelt werden könne. Aufgrund dieser Auffassung entwickelten die Legalisten eine politische Philosophie der strengen Gesetze und harten Strafen, die sie auf alle Bereiche der menschlichen Gesellschaft ausweiteten. Ihrem Ziel, der Schaffung eines starken Staates unter der Herrschaft eines unumschränkten Machthabers, unterwarfen sie alle persönlichen Freiheiten.

Die Philosophie der Legalisten erwies sich als wirksam bei der Schaffung eines gewaltigen, totalitären Militär- und Wirtschaftsapparates im Staate Ch’ins. Bis zum Jahr 221 v. Chr. gelang es Ch’in, die anderen Feudalstaaten zu erobern und die erste Kaiserdynastie Chinas zu gründen. Das einheitliche, zentralisierte Kaiserreich zeichnete sich durch strenge Gesetze, harte Bestrafungen und strikte Überwachung des geistigen Lebens aus. So wurden z. B. im Jahr 213 v. Chr. alle nichtlegalistischen Bücher verbrannt. Die Wirtschaft wurde durch die Regierung kontrolliert. Der in dieser Zeit begonnene Bau der Chinesischen Mauer erfolgte unter Zwangsarbeit und forderte große Verluste an Menschenleben.

Nur kurze Zeit danach erhob sich das chinesische Volk gegen die tyrannische Regierung der Ch’in-Dynastie. 206 v. Chr. rief der Führer des Aufstands die Han-Dynastie aus. Die auf rechtlichen Grundsätzen beruhende zentralistische Verwaltung wurde beibehalten und blieb in ihren wesentlichen Zügen bis 1912 erhalten. Die Überwachung des Wirtschafts- und Geisteslebens wurde jedoch spürbar gemildert. Eine Vielzahl an geistigen Richtungen, die während der späten Chou-Dynastie zur Blüte gekommen waren, wurde nun wieder aufgegriffen, um eine philosophische Grundlage für das neue und weit ausgedehnte Han-Reich zu finden.

Han-Konfuzianismus

Die Konfuzianer der Han-Zeit, die die Theorie von Hsün-tzu über das Universum als Dreigestirn von Himmel, Erde und Menschheit übernahmen, waren bestrebt, ein einheitliches Denksystem zu schaffen. Dieses vereinigte die Yin-Yang-Kosmologie der Naturalisten, das taoistische Streben nach Erkenntnis der natürlichen Ordnung, die konfuzianischen Lehren von einer wohlwollenden Regierung sowie legalistische Prinzipien zur Verwaltung und wirtschaftlichen Entwicklung. Diese allumfassende Philosophie sollte dem Herrscher und der Regierung das Verständnis für die himmlischen und irdischen Bereiche des Dreigestirns vermitteln. Darüber hinaus sollte es ihnen die Mittel zugänglich machen, die für die Regelung des menschlichen Bereiches notwendig sind, um diesen mit Himmel und Erde in Einklang zu bringen und so die perfekte Harmonie des Universums herzustellen. Die vernunftsmäßige Systematisierung führte schließlich von unrealistischen, dem Aberglauben verhafteten Gedankengängen zur Aufklärung der geheimnisvollen Vorgänge des Himmels und der Erde. Obwohl der Han-Konfuzianismus seit 136 v. Chr. von der Regierung unterstützt wurde, bildete sich während der ersten Jahrhunderte n. Chr. ein gegnerisches Lager heraus.

Das chinesische Mittelalter

Während des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. führte eine Reihe von sozialen und wirtschaftlichen Ereignissen zum Zerfall der Han-Dynastie und zur Invasion fremder Völker. Die philosophische Lücke, die der Zusammenbruch des Han-Konfuzianismus verursacht hatte, wurde vom Taoismus und auch vom Buddhismus, der bis dahin in China unbekannt war, wieder geschlossen. Eine Gruppe taoistischer Philosophen unternahm den Versuch, die konfuzianischen Lehren über die soziale Verantwortung mit der taoistischen Naturverbundenheit und Mystik zu verbinden.



Buddhismus

Der Buddhismus erreichte China von Indien und Zentralasien aus während des 1. bis 6. Jahrhunderts. Er versprach die Befreiung von den Leiden der Welt und den Eingang in das Nirvana nach mehreren Reinkarnationen.

Die Entwicklung des Buddhismus in China wurde von der chinesischen Vorliebe begünstigt, gegensätzliche religiöse Glaubensrichtungen miteinander in Einklang zu bringen. Der indische Buddhismus war in Richtungen aufgesplittert, von denen die einen behaupteten, dass die Grundelemente des Daseins wirklich seien (Realismus) und die anderen wiederum, dass diese unwirklich bzw. leer seien (Idealismus). Für die chinesische buddhistische T’ien-t’ai-Schule war jedoch keine dieser extremen Haltungen befriedigend. Um das Wesen des Daseins zu erläutern, bediente sie sich der Idee von der perfekten Harmonie der dreifachen Wahrheit. Diese Lehre besagte, dass die Dinge trotz ihrer grundsätzlichen Leere zeitweilig existierten und dass dies das wahre Wesen aller Dinge des Universums ausmache. Eine große und langanhaltende Anziehungskraft übte nachfolgend die chinesische Form des Meditationsbuddhismus aus, der Ch’an-Buddhismus, welcher die unmittelbare, intuitive Methode der Erkenntnis des wahren Wesens des Universums lehrte. Aus ihm ging der japanische Zen-Buddhismus hervor.

Synkretistische Periode

Die Wiedervereinigung Chinas unter der Sui-Dynastie (589-618) und der Tang-Dynastie (618-906) leitete einige Jahrhunderte des religiösen und philosophischen Synkretismus ein, in dem sich Elemente des Taoismus und Buddhismus wie auch aus dem wiederauflebenden Konfuzianismus vermischten. Obwohl der Buddhismus anfangs vorherrschend war, bot der Konfuzianismus als einziger dieser drei Schulen eine politische und gesellschaftliche Philosophie an, die den Bedürfnissen eines zentralistischen Reiches entsprach. Folglich wurde er als Grundlage für die Erziehung zukünftiger Beamter wieder eingesetzt. Diese Prägung führte schließlich zur Verfolgung der Buddhisten und Taoisten. Der Taoismus lebte jedoch als Philosophie weiter und wurde von vielen gebildeten Chinesen in ihrem Privatleben und ihrem Verhältnis zur Natur weitergepflegt.

Von 907 bis 960 machte China eine weitere Periode der politischen Uneinigkeit, bekannt als die Zeit der Fünf Dynastien, durch. Mit der Wiederaufnahme des Studiums der Klassiker für die Aufnahmeprüfungen in den Beamtendienst bildete sich der Neokonfuzianismus heraus und versuchte, der konfuzianischen Ethik eine metaphysische Grundlage zu geben. Dabei wurden unbewusst einige Ideen des Buddhismus und des Taoismus übernommen. Der Neokonfuzianismus lehrte, dass allen Dingen des Universums Prinzipien zugrunde liegen. Indem diese Prinzipien erkannt werden, wird das Individuum mit dem Universum vereint. Diese Vereinigung leitet den Menschen in allen persönlichen, sozialen und politischen Beziehungen. Im Gegensatz hierzu lehrte der Buddhismus, dass alle Dinge des Universums letztendlich leer seien. Er trachtete danach, seine Anhänger zu dieser Erkenntnis und somit zur Erleuchtung zu bringen. Damit durchschaut der Mensch die Vergänglichkeit der weltlichen Dinge und haftet nicht an diesen.

Die moderne Periode

In dieser Zeit fand der Neokonfuzianismus seinen Ausdruck in drei Schulen. Diese sind: die Schule der Prinzipien (Rationalismus), die Schule des Geistes (Idealismus) und die Schule des praktischen Lernens (Empirismus).

Schule der Prinzipien

Im 12. Jahrhundert fasste der berühmte Neokonfuzianer Chu Hsi die philosophischen Strömungen des 11. Jahrhunderts zusammen und entwickelte die Lehre der Prinzipien. Im 14. Jahrhundert wurde die von ihm entwickelte Lehre ein Bestandteil der Aufnahmeprüfungen in den chinesischen Beamtendienst. Diese blieb in ihrer ursprünglichen Form bis 1905 bestehen. Dieser Schule zufolge bestehen alle Dinge aus zwei Elementen: aus dem Prinzip (li), einer Widerspiegelung des Höchsten (Tai-chi) sowie aus der Materie (ch’i). Aufgrund der Erforschung der Dinge, wie sie die Klassiker betrieben haben, und der Arbeit an sich selbst kann man die Materie durchdringen und die Prinzipien erkennen. Das Ergebnis dieses Studiums ist dann das Verständnis aller Dinge und gleichzeitig die Erkenntnis des Prinzips (des guten Wesens des Menschen) sowie die Verminderung des ch’i (des Hanges zum Körperlichen) im eigenen Geist. Aufgrund dieser Erkenntnis versteht das Individuum die Vorgänge im Universum besser. Durch die Kraft seiner persönlichen Tugend, die aus der Erkenntnis erwächst, kann er die Vorgänge ordnen.

Schule des Geistes

Die Ursprünge der neokonfuzianischen Schule des Geistes gehen in das 11. und 12. Jahrhundert zurück. Ihren bedeutendsten Vertreter fand sie jedoch erst im 15. Jahrhundert in der Person des Gelehrten und Staatsmannes Wang Yang-ming. Den frühen Lehren gemäß behauptete Wang, dass der Geist nicht aus einer Verbindung von li und ch’i bestehe, sondern lediglich aus li (Prinzip). Da der Geist reines Prinzip sei, unbelastet vom ch’i, sei er gleichzeitig absolut gut. Demzufolge besitzen alle Menschen eine angeborene Kenntnis des Guten und es gilt bloß, diese in ihrem Geist ausfindig zu machen. Darüber hinaus behauptete Wang, dass eine wahrhaftige Kenntnis des Guten praktische Auswirkungen haben müsse. Das führte ihn zu dem Schluss, dass Wissen und Handlung eine unzertrennbare Einheit bilden. Wang befürwortete eine Philosophie, die von der Entdeckung des Prinzips, oder der Erkenntnis des Guten, im eigenen Geist ausgeht und die Erkenntnisse des Geistes dann in Handlungen für das Wohl der Gesellschaft umsetzt. Nach Wangs Tod schwenkte die Schule des Geistes um und bediente sich zenähnlicher Praktiken der Meditation, um zur Erleuchtung zu gelangen. Dieser Weg führte schließlich eine Gruppe seiner Anhänger zum Subjektivismus.

Schule des praktischen Lernens

In den frühen Jahren der Ch-ing- oder Manchu-Dynastie, die 1644 einsetzte, untersuchten die konfuzianischen Philosophen die Ming-Kultur und versuchten, die Ursachen aufzudecken, die zu ihrem Untergang geführt hatten. Die Schule des praktischen Lernens lehnte sowohl die Lehren des Prinzips der orthodoxen Schule wie auch den subjektiven Idealismus der Schüler des Wang Yang-Ming ab. Sie forderten ein erneutes Studium der klassischen Texte der Han-Dynastie, um die wahren ethischen und gesellschaftlich-politischen Lehren des Konfuzianismus wiederzuentdecken. Diese Beschäftigungen führten zur Herausbildung eines in hohem Maße kritischen Geistes sowie präziser wissenschaftlicher Methoden in der Überprüfung von Texten. Der bedeutendste Philosoph dieser Schule war Tai Chen. Im 18. Jahrhundert lehnte er die neokonfuzianischen Lehren ab, die besagten, dass die Wahrheit oder die Prinzipien der Dinge im menschlichen Geist enthalten seien. Diese Lehren waren seiner Meinung nach auf eine übertriebene Selbstbeobachtung sowie auf Mystizismus zurückzuführen. Darüber hinaus lehnte er auch die Auffassung anderer Neokonfuzianer ab, dass Wahrheit (Prinzip) nicht mehr sei als ihr eigenes subjektives Urteil. Er führte weiterhin aus, dass das Prinzip nur in den Dingen gefunden und durch das Ansammeln und die Analyse von Fakten untersucht werden könne. Wissenschaftliche Methoden zum Studium der natürlichen Welt wurden jedoch von der empirischen Schule niemals eingesetzt. Hingegen konzentrierte sie sich auf das Studium von Welt und Mensch, wie es die Klassiker betrieben hatten. Sie entwickelten somit eine bemerkenswerte Forschungstätigkeit auf den Gebieten der Philologie, Phonologie und der historischen Geographie.

Philosophische Richtungen des 19. und 20. Jahrhunderts

Die Unzulänglichkeiten des Neokonfuzianismus wurden im 19. Jahrhundert offensichtlich. Um 1890 unternahm der junge Philosoph K’ang Yu-wei einen radikalen Versuch, den Konfuzianismus der modernen Welt anzupassen. In seiner revolutionären Abhandlung Konfuzius als Reformer beschäftigte er sich mit dessen Modellen der politischen und gesellschaftlichen Institutionen. Er vertrat die Ansicht, dass eine derartige Reform in China dringend notwendig sei, um dem westlichen Imperialismus die Stirn zu bieten. K’angs konfuzianisches Reformprogramm, das 1898 ansatzweise praktiziert wurde, war bei den orthodoxen Konfuzianern, deren Macht tief in der kaiserlichen Regierung verwurzelt war, nicht anerkannt. K’ang selbst wurde ins Exil verbannt. Der Versuch, die konfuzianische Ethik in China wieder ins Leben zu rufen, wurde in den dreißiger Jahren von dem Führer der Nationalisten Chiang Kai-shek durch die Bewegung Neues Leben unterstützt.

Bis etwa 1897 fand die westliche Philosophie anhand von Übersetzungen ihren Weg nach China. Die chinesische Philosophie hat im 20. Jahrhundert eine Reihe von philosophischen Systemen aus dem Westen aufgenommen. Der Westen wiederum machte sich seinerseits die Ideen der traditionellen östlichen Schulen zu eigen.

Die für das China des 20. Jahrhunderts einflussreichsten westlichen Philosophien waren der Pragmatismus und der Materialismus, ersterer veranschaulicht in den Schriften von Hu Shih, einem Schüler des amerikanischen Philosophen John Dewey. Um 1924 jedoch begann der Pragmatismus an Popularität zu verlieren. Der chinesische Materialismus umfasste hauptsächlich den dialektischen Materialismus von Karl Marx, dessen Werke in China um 1919 weit verbreitet waren. Der Materialismus wurde zur treibenden Kraft für den Wiederaufbau der chinesischen Wirtschaft, und seit den späten zwanziger Jahren fand auch der historische Materialismus, sogar unter den nichtkommunistischen Philosophen, großen Anklang. Schließlich wurde der von Mao Tse-tung zur Philosophie der kommunistischen Partei Chinas erklärte Marxismus-Leninismus von den meisten Materialisten anerkannt. Die chinesischen Kommunisten behaupteten, dass Maos Theorien eine Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus seien. Bei genauerer Betrachtung sieht man jedoch, dass Mao mehr Praktiker als Theoretiker war (siehe Kommunismus, Marxismus).

Der berühmteste konfuzianische Philosoph des 20. Jahrhunderts ist Fung Yu-lan, der die neokonfuzianische Schule des Prinzips wieder aufnahm und weiterentwickelte. Obwohl seine Schlussfolgerungen denen der Sung-Neokonfuzianer ähnelten, lieferte Fung neue und logische Argumente und erweiterte das ursprüngliche System. In den sechziger Jahren näherte sich Fung dem historischen Materialismus und überarbeitete sein Werk Die Geschichte der chinesischen Philosophie (1931, 1934; Anhang 1936; übersetzt 1948), im Sinne der marxistisch-leninistischen Ideen.

Arabische-Philosophie

Arabische Philosophie, die Philosophie der arabischen Welt in Nordafrika, ausgehend von der Arabischen Halbinsel.

Die arabische Philosophie ist nur im Zusammenhang mit dem Islam zu verstehen. In der Zeit vor Mohammed (570-632) existierte auf der Arabischen Halbinsel kaum Schrifttum, erst recht keine eigene Philosophie. Der Koran ist nicht nur das heilige Buch der Muslime, sondern auch jene Schrift, welche die arabische Welt zu einer Einheit formte und ihre geistige wie historische Identität wesentlich verbürgt. Die Muslime selbst bezeichnen die arabische Philosophie mit dem Wort falsafa. Dieser Begriff charakterisiert die griechische Richtung im islamischen Denken. Die Blüte der arabischen Philosophie fällt in die Zeit der größten Ausdehnung der islamischen Kultur. Im Unterschied zur mittelalterlichen Philosophie des Christentums (wo die Philosophie eine die Religion stützende Funktion innehatte) stand die arabische Philosophie im permanenten Konflikt mit der islamischen Theologie. Dies hat seinen Grund vor allem darin, dass für die Offenbarungsreligion des Islam die menschliche Vernunft hinter dem Wort des Propheten notwendig zurücksteht. Der Konflikt mit der Theologie führte deshalb letztlich zu einem fast vollständigen Abbruch der philosophisch-rationalen Tradition.

Geschichte

Übersetzungen griechischer Schriften

Unter der Herrschaft des in Bagdad von 813 bis 833 regierenden Kalifen Al-Mamun wurde die Übersetzung griechischer Schriften unterstützt. So entstanden durch Hubain Ibn Isaq (809-873) und seinen Sohn Isaq Ibn Hubain (870-910) sehr gründliche Übersetzungen der antiken Mediziner Hippokrates und Galen. Von den griechischen Philosophen wurde (teils aus dem Syrischen, teils aus dem Griechischen) das Werk des Aristoteles fast komplett übersetzt, von Platons Dialogen gelangten Politeia, Nomoi und Timaios in die arabische Welt.

Philosophie des arabischen Ostens

Al-Kindi (801-873), selbst Übersetzer, wird oft als erster muslimischer Philosoph bezeichnet. Er lebte ebenfalls in Bagdad und verfasste angeblich mehr als 270 Werke, von denen die meisten allerdings verschollen sind. Al-Kindis Denken ist von Aristoteles und dem Neuplatonismus geprägt. Es wirft die Frage nach dem Verhältnis von Offenbarungsreligion und Rationalität auf. Um den Konflikt zu harmonisieren, wird Gott als Wahrheit verstanden. Die Lehre des Koran wird als heiliges, die Philosophie als menschliches Wissen gedeutet. Mit den Mitteln der aristotelischen Logik und Metaphysik wird die Realität, aber auch die Offenbarung des Koran, interpretiert. Von Aristoteles übernimmt Al-Kindi die Vier-Ursachen-Lehre, wobei Gott als Wirkursache, also als Schöpfergott vorgestellt wird. Die Welt ist mithin nicht ewig. Al-Kindi versteht die Seele als einfache und vom Leib getrennte Entität.

Auch der Iraner Al-Razi (bis 925), ein hoch angesehener Arzt, der in Bagdad lebte, verfasste etwa 150 Schriften und galt als der strikteste Rationalist unter den islamischen Philosophen. Er lehrte, dass Gott den Menschen die Vernunft gegeben habe und versuchte eine systematische Kritik von Bibel und Koran. In seiner Schrift Zweifel an Proklos kritisierte er den neuplatonischen Gedanken der Ewigkeit der Welt. Al-Razi lehrte einen Atomismus mit fünf Urprinzipien der Welt (Gott, Materie, Seele, Raum, Zeit).

Der aus Turkistan stammende Al-Farabi (bis 950) lehrte, dass alles Seiende in Notwendiges und Mögliches zu teilen sei, wobei das Notwendige (Gott) die Ursache alles anderen sei, selbst keiner Ursache bedürfe und auch nicht bewiesen werden könne. Al-Farabis Denken ist streng idealistisch: Da Gott als erste Ursache sich selbst erkennender Geist ist, wird er als formgebendes Vorbild aller Realität verstanden. Das Seiende wird in einem Stufenmodell (Gott, acht Sphärengeister, menschliche Vernunft, Seele, Form, Materie) vorgestellt. Diese Stufen beschreiben zugleich den Prozess der menschlichen Erkenntnis. Nach diesem Stufenplan entwickelt Al-Farabi in seiner Schrift Der Musterstaat eine politische Theorie des theokratischen Führerstaates.

Der Arzt Ibn Sina (lat. Avicenna 980-1037) begriff sich selbst als Schüler Al-Farabis und gilt als einflussreichster islamischer Philosoph. Er systematisierte die Lehren seiner Vorgänger und teilte die Wissenschaften nach aristotelischem Muster in verschiedene Disziplinen ein. Sein Hauptwerk Orientalische Philosophie ist größtenteils verloren. Es enthielt eine am neoplatonistischen Vorbild orientierte Emanationslehre, wonach alle Vernunft Ausfluss Gottes ist und die Realität als permanente Ausströmung des ewigen Gottes begriffen wird. Die Erkenntnis ist nach Graden gestuft. Ibn Sina unterschied zwischen externem und internem Wahrnehmungvermögen. Im Anschluss an Ibn Sina versuchte Ibn Hazm (bis 1064) die Logik zur Koranauslegung zu nutzen. Er lehrte, dass die Offenbarung unabhängig von einer besonderen Sprache (und also das Arabische nicht notwendig die Sprache der Offenbarung) sei.

Theologische Reaktion

Der vom Sufismus geprägte Al-Gazahli (lat. Algazel, 1059-1111) bemühte sich um eine Reinigung der Theologie von aller Philosophie. Gegen die elitäre Position des Ibn Bajjah wandte er ein, wenn die Philosophie nicht für die Massen gut sei, dann sei sie es überhaupt nicht. Bezeichnend sind die Titel seiner Werke Der Erretter aus dem Irrtum und Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften, in denen er 20 Thesen gegen die Philosophie (vor allem Al-Farabis und Ibn Sinas) vorbringt. Sein mystisches Spätwerk Die Nische der Lichter (Interpretation der 24. Koransure) vergleicht das wirkliche Wissen mit einem Lichtstrahl, den Gott als Gnadengeschenk in das Herz der Menschen sendet. Mit dem Erfolg des bis heute theologisch einflussreichen Al-Gazahli endeten die rationalistischen Bestrebungen im Osten Arabiens.

Philosophie des arabischen Westens

Im islamischen Spanien blühte die arabische Philosophie für kurze Zeit noch einmal auf. In Ahnung der Unvereinbarkeit von philosophischem Rationalismus und Offenbarungstheologie versuchte der in Saragossa geborene Ibn Bajjah (lat. Avempace, 1100-1138) die Philosophie als elitäre und esoterische Denkrichtung zu verteidigen, welche den Massen besser verborgen bleibe.

Literarisch bedeutsam ist der Arzt Ibn Tufail (lat. Abubacer, 1105-1185) durch seine Erzählung Hayy Bin Yayzan, die Geschichte von einem auf einer einsamen Insel ausgesetzten Waisenkind, das autodidaktisch in empirisch-induktiver Methode das Studium der Natur (Botanik, Mineralogie) beginnt, dann durch einen Wesir von der Nachbarinsel mit den Lehren des Propheten bekannt wird und schließlich auf eine bewohnte Insel übersiedelt, um dort sein Wissen zu verkünden.

Der in Cordoba geborene Ibn Ruschd (lat. Averroes, 1126-1198), Richter und Leibarzt des Kalifen, wurde den Christen als Anhänger und scharfsinniger Kommentator des Aristoteles bekannt, von den Muslimen aber verfolgt. Von seinen eigenen Werken sind die meisten deshalb verloren und mit einer Ausnahme (in Venedig 1553 ins Lateinische) nur in hebräischen Übersetzungen erhalten. In seiner Widerlegung des Al-Gazahli versucht er eine Erneuerung der Philosophie.



Späte arabische Philosophie

Der in Tunis geborene Historiker Ibn Chaldun (1332-1406) bereicherte den Islam durch eine kulturvergleichende Geschichtsphilosophie. Durch Tasköprüzade (bis 1555) entstand dem islamischen Denken (das zu dieser Zeit im arabisch besetzten Nordindien Asyl nahm) eine Enzyklopädie. Mystische Lehren entwickelte der Suhrawardist Sirazi (bis 1609). Westlich orientierte Staaten haben sich im 20. Jahrhundert um eine Wiederanknüpfung an die rationale Philosophie bemüht.






Identitätsphilosophie, von Friedrich Wilhelm Schelling geprägter philosophiegeschichtlicher Begriff für jene Strömungen, die die Auffassung vertreten, dass die Unterschiede zwischen Sein und Denken, Materie und Geist, Subjekt und Objekt in der absoluten Vernunft nicht existieren. Jeder dieser Aspekte des Seins ist demnach lediglich eine andere Erscheinungsweise derselben und einzigen Wirklichkeit.

Bereits Heraklit deutete den Logos identitär, indem er behauptet, er walte gleichermaßen in der Seele des Menschen wie in der Welt der Körper. Dies sei der Grund dafür, dass der Mensch das, was ihm die Sinne vermittelten, mit dem Verstand zu deuten verstünde. Als die klassischen Systeme der Identitätsphilosophie gelten jedoch vor allem die von Baruch Spinoza und des deutschen Idealismus.






Rechtsphilosophie, Teildisziplin der Philosophie, die sich mit der moralisch-geistigen Grundlegung des Rechtes beschäftigt. Grundprobleme der Rechtsphilosophie sind das Verhältnis von Staat und Bürger, die Legitimität von Strafen und der Zusammenhang von Sein und Sollen. Obwohl der Begriff Rechtsphilosophie eine Wortschöpfung des 18. Jahrhunderts ist, reicht die Tradition rechtsphilosophischer Überlegungen bis in die Antike zurück.

Im 5. Jahrhundert v. Chr. bezweifelten die Sophisten den göttlichen Ursprung des Rechtes. Es entstand die Frage, ob das Recht (dike) bzw. die Gesetze (nomoi) auf die Natur (Physis-These) oder auf menschliche Setzung und Übereinkunft (Thesis-These) gegründet seien. Für Platon sind Recht und Gerechtigkeit in der (theoretisch erkennbaren) objektiven und überzeitlichen Idee des Guten begründet. Aristoteles versteht die Gerechtigkeit teils als soziale Tugend, teils als durch Natur begründetes Recht, etwa das Recht des Siegers, im Krieg Sklaven zu nehmen.

An dem Begriff des natürlichen Rechtes (physei dikaion) bzw. des ungeschriebenen Rechtes (nomos agraphos) hält auch die Stoa fest, betont aber, dass alle Menschen von Natur aus frei und gleich seien. In Fortbildung des platonischen Idealismus kommt hier der Gedanke einer universalen, in einem Weltstaat zu verwirklichenden Rechtsordnung auf, welche sich am göttlichen Logos zu orientieren habe.

Das katholische Christentum greift ebenfalls auf den Gedanken des Naturrechtes als dem von Gott gegebenen Gesetz (lex divina) zurück. Für Thomas Aquinas folgt aus diesem Rechtsbegriff, dass das Gute zu tun, das Schlechte zu meiden sei. Das Gute sieht Thomas (prägend für die christliche Soziallehre) vor allem in der Orientierung auf die Gemeinschaft. Anders als die katholische Rechtslehre betont der Protestantismus (Luther, Calvin), dass der Mensch wegen des Sündenfalles die göttliche Rechtsordnung nicht wirklich einsehen könne, weswegen der Christ sich dem menschlichen Recht (lex humana) zu unterwerfen habe.

Zu Beginn der Neuzeit vertritt Machiavelli die Lehre, wonach das Handeln der Politik ohne Rücksicht auf Moral und Naturrecht allein nach Maßgabe der Staatsräson gelenkt werden solle. Jean Bodin lehrt, dass dem Staat die absolute Souveränität (summa potestas) über das Volk zukomme. Gegen diese Theorien richten sich die „neuen“ individualistischen Naturrechtslehren von Johannes Althusius (dem Staatsvolk steht die Souveränität zu) und Hugo Grotius, der das Unrecht als dasjenige definiert, was der Gemeinschaft aller Vernunftwesen zuwider ist. Mit Samuel Pufendorf gewinnt der Gedanke der gegenseitigen Achtung an Bedeutung.

Thomas Hobbes markiert den Übergang von der Naturrechtslehre hin zu einer Vertragstheorie des Rechtes. Im Naturzustand seien zwar alle Menschen frei, sie stünden aber immer in der Gefahr des Krieges aller gegen alle. Erst die vertragliche Unterwerfung aller unter die Herrschaft des Souveräns eröffne dem Menschen die Möglichkeit des Friedens. Nicht die Wahrheit, sondern die (Frieden sichernde) Obrigkeit sei mithin die rechtsbegründende Instanz.

Demgegenüber betont John Locke die natürlichen Rechte des Individuums gegenüber der staatlichen Herrschaft. Seine Forderung nach Freiheit, Gleichheit, Eigentum und staatlicher Gewaltenteilung übten starken Einfluss auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung (1776) und die französische Menschenrechtserklärung (1789) aus. An Überlegungen David Humes anknüpfend, betont Kant (1785, Metaphysik der Sitten), dass das Recht nicht auf Natur, sondern auf die reine und deswegen allgemeine und universale Vernunft des Menschen zu gründen sei. Kant unterscheidet zwischen Moralität (als Prinzip der Ethik) und Legalität (Prinzip des Rechtes).

Hegels (1779-1861) sieht das Recht als Ausdruck nicht einer einzigen Vernunft, sondern des je historisch-organisch gewachsenen Volksgeistes. Von der Idee der geschichtlichen Entwicklung sind ebenfalls Hegels rechtsphilosophische Überlegungen (Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1821) getragen. Hegel versteht das Recht als Ausdruck des objektiven Geistes, dessen Entwicklung auf das Endziel der Freiheit zusteuert. Die Rechtsentwicklung schreitet den Weg von Legalität (Anerkennung des anderen als Rechtspersönlichkeit) über Moralität (Anerkennung des anderen als moralische Persönlichkeit) hin zur Sittlichkeit (Kulturstaat als Verwirklichung intersubjektiver Sittlichkeit). Ebenfalls dynamisch, aber materialistisch begreift Karl Marx das Recht als bloß ideellen Überbau der ökonomischen Produktionsverhältnisse.

Mit dem Utilitarismus von Jeremy Bentham und John Stuart Mill tritt in England ein neues (seither die angloamerikanische Tradition dominierendes) Rechtsverständnis auf den Plan. Recht wird als Ausdruck wettstreitender Interessen verstanden, es entwickelt sich der Begriff der Interessenjurisprudenz (in Deutschland ähnlich durch Rudolf von Ihering, Der Zweck im Recht, 1877, vertreten), aus der später die Rechtssoziologie als eigene Disziplin hervorgeht.

Im krassen Gegensatz hierzu begreift die Reine Rechtslehre (1934) von Hans Kelsen das positiv geschriebene Recht als Normensystem (System von Zwangsakten), welches streng von den theoretischen Sätzen über (die von Zeit, Raum und Kausalität bestimmte) Realität zu trennen ist. Das Wesen des Rechtes soll allein aus dem rechtlichen Normensystem selbst (und nicht etwa soziologisch oder rechtspolitisch) erschlossen werden. Dass ein konkretes Verhalten (etwa ein Vertrag oder ein Mord) als ein Rechts- oder Unrechtsakt begriffen wird, ist nach Kelsen das Resultat von normativen Deutungen. Die Deutung von Rechtsnormen in Rechtssystemen führt zum Rückgang auf Grundnormen (etwa der Verfassung).

Für Gustav Radbruch ist alle Rechtsphilosophie „Rechtswertbetrachtung“, d. h. Untersuchung der dem Recht zugrunde liegenden Werte und Wertanschauungen. In einem der wohl bedeutendsten Beiträge zur Staats- und Rechtsphilosophie der letzten Jahrzehnte hat John Rawls 1971 eine Theorie der Gerechtigkeit vorgelegt, in deren Zentrum der Entwurf eines fairen Gesellschaftsvertrags als der Grundlage einer gerechten Gesellschaft steht. Eine wahrhaft gerechte Gesellschaftsordnung wäre nach Rawls eine solche, der jedes Mitglied zustimmen könnte, auch wenn es über seine eigene Stellung in dieser Gesellschaft noch nichts wüsste. Mit seinem Werk Faktizität und Geltung hat Jürgen Habermas 1992 seinen diskurstheoretischen Ansatz für die Rechtsphilosophie fruchtbar gemacht



Prozessphilosophie, spekulative Philosophie mit der Grundthese, dass sich die Wirklichkeit in einem ständigen Prozess der Veränderung befindet. Die Realität wird mit dem Prozess an sich gleichgesetzt. Begriffe wie Kreativität, Freiheit, Neuheit, Entstehen und Wachstum sind grundlegende Operationskategorien für die Prozessphilosophie. Diese metaphysische Sicht befindet sich im Gegensatz zur Substanzphilosophie, derzufolge der sich verändernden oder fließenden Welt der gewöhnlichen Erfahrung eine feste, permanente Realität zugrunde liegt. Die Substanzphilosophie gründet sich auf das statische Sein, die Prozessphilosophie hingegen auf das dynamische Werden.

Als ein früher Vertreter der Prozessphilosophie kann der griechische Philosoph des 6. Jahrhunderts v. Chr., Heraklit, gelten. Schlüsselfiguren für die Herausbildung der modernen Prozessphilosophie waren die Briten Herbert Spencer, Samuel Alexander und Alfred North Whitehead, die Amerikaner Charles S. Peirce und William James sowie die Franzosen Henri Bergson und Pierre Teilhard de Chardin. Whiteheads Process and Reality: An Essay in Cosmology (1929) gilt allgemein als die wichtigste systematische Darlegung der Prozessphilosophie.

Die zeitgenössische Theologie ist stark von der Prozessphilosophie beeinflusst. So hebt z. B. der amerikanische Theologe Charles Hartshorne Gottes einfühlsames und anteilnehmendes Verhältnis zur Welt hervor, statt ihn als unveränderliches Absolutum zu sehen. Ein persönlicher Gott geht Beziehungen so ein, dass auch er durch die Beziehungen berührt wird, und von Beziehungen berührt zu werden, heißt auch sich zu verändern. Folglich befindet sich auch Gott in einem Prozess des Wachstums und der Entwicklung. Wichtige Beiträge zur Prozesstheologie kommen von William Temple, Daniel Day Williams, Schubert Ogden und John Cobb jun.



Analytische Philosophie und Sprachphilosophie, Sammelbezeichnung für die Summe der im 20. Jahrhundert entstandenen philosophischen Strömungen, die sich mit der natürlichen bzw. künstlichen Sprache und ihrem Verhältnis zur außersprachlichen Wirklichkeit hinsichtlich logischer Aussagen auseinander setzen. Die analytische Philosophie fand seit dem 2. Weltkrieg vorrangig in England und den USA Verbreitung. Dort wurde sie unter Namen wie linguistische Analyse, logischer Empirismus, logischer Positivismus, Neurealismus, Cambridge Analyse oder Oxford Philosophie bekannt, die jeweils bestimmte Ausformungen oder regionale Schulen bezeichnen. Cambridge Analyse und Oxford Philosophie etwa sind nach jenen englischen Universitäten benannt, auf denen bestimmte philosophische Methoden der Sprachphilosophie entwickelt wurden (siehe Cambridge University, Oxford University).

Die analytische Philosophie stellt eine Weiterentwicklung des Neopositivismus dar. Eine ihrer zentralen Aufgaben besteht in der Untersuchung natürlicher oder umgangssprachlicher Äußerungen, auch im Hinblick auf den Gebrauch philosophischer Begriffe wie Zeit oder Freiheit im Kontext alltäglicher Rede. Gleichzeitig konzentrieren sich die Strömungen auf eine eindeutige Bestimmung der zur Lösung philosophischer Grundsatzfragen verwendeten Begriffe (siehe Linguistik).

Gemeinsam ist allen diesen Ansätzen der analytischen Philosophie die Behauptung, dass die nach naturwissenschaftlicher Methodik verfahrende Analyse von Sprache bzw. von so genannten Sprachkonzepten eine der wesentlichen Aufgaben von Philosophie generell darstelle. Damit geht eine deutliche Ablehnung metaphysischer Spekulation durch Vertreter der Richtung einher. Starke Unterschiede allerdings bestehen in der Verfahrensweise analytischer Betrachtung. So legen einige Richtungen der Sprachphilosophie ihr Hauptaugenmerk auf die Untersuchung bestimmter Wörter oder Sätze, um zu einer eindeutigeren Klärung philosophischer Terminologie zu gelangen. Andere hingegen suchen nach Kriterien, die eine Differenzierung zwischen unsinniger und bedeutungstragender Rede erlauben. Eine dritte Gruppe wiederum konzentriert sich auf den Entwurf einer auf mathematischen Grundsätzen beruhenden, formalen Symbolsprache, die philosophische Probleme effektiver behandeln helfen soll (siehe Logik).

Vorläufer

Die sprachanalytische Methode nahm ihren Anfang bereits in der Philosophie der Antike. Zahlreiche der sokratischen Dialoge Platons etwa haben die Erklärung von Begriffen und Konzepten zum Inhalt; so wird im Kratylos Sprache als „belehrendes Werkzeug“ definiert, eine Vorstellung, die bis ins so genannte Organon-Modell Karl Bühlers nachwirkt. Die Art und Weise der Betrachtung indes wandelte sich im 20. Jahrhundert von einer rein mutmaßlichen zu einer eher wissenschaftlich fundierten Sprachauffassung .

Unter dem Einfluss der frühen englischen Empiristen John Locke, George Berkeley, David Hume und John Stuart Mill (siehe Empirismus) sowie der Schriften des deutschen Philosophen und Mathematikers Gottlob Frege schufen die britischen Denker G. E. Moore und Bertrand Russell die Grundlagen der zeitgenössischen analytischen und linguistischen Strömungen. Als Begründer des Neurealismus vertraten sie die Ansicht, dass eine genaue Analyse der Sprache zu den unabdingbaren Desideraten jeder philosophischen Betrachtung gehöre, und bestimmten damit die Richtlinien für weite Bereiche der englischsprachigen Philosophie im 20. Jahrhundert. Dabei stellten sich Moore und Russell dezidiert gegen das idealistische Realitätsmodell in der Tradition Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Kritisiert wurde vor allem die Lesart des englischen Metaphysikers Francis Herbert Bradley, der behauptete, dass Wirklichkeit ein Produkt nicht der sinnlichen Wahrnehmung, sondern ausschließlich des Geistes sei und damit nicht mit einer naturwissenschaftlichen Methodik erkannt werden könne. Demzufolge verneinte Bradley den Wahrheitsgehalt empirisch-objektivierender Sätze wie „Ich habe Zahnschmerzen“ oder „Der Apfel ist reif“, weil diese aufgrund ihrer abstrahierenden Tendenz keinerlei Aussagewert hinsichtlich der Welt einzelner Tatsachen besäßen. Ebenso verfuhr Bradley mit der Idee der Prädikation.

Moore und Russell

Zunächst von Bradley und vom Neuplatonismus beeinflusst, definierte Moore später die Aufgabe der Philosophie in erster Linie als Analyse und Klärung von Begrifflichkeiten. Demzufolge besteht das Ziel des philosophischen Denkens darin, rätselhafte oder mehrdeutige Sätze bzw. Wörter durch die Verwendung klarerer zu erhellen, die den ursprünglichen Bezeichnungen allerdings logisch äquivalent sein müssen. Gelingt dieser Schritt, so lässt sich nach Ansicht Moores der Wahrheitsgehalt philosophischer Aussagen präziser bestimmen. Bei seiner eigenen Analyse setzte sich Moore vorrangig mit den Aussagen anderer Philosophen auseinander, die ihm besonders paradox erschienen. Dabei baute er auf die Vorstellung des Common sense, den im Alltag erprobten gesunden Menschenverstand, der philosophische Spekulation, vor allem die des Idealismus, so die These, bereits im Ansatz ad absurdum führe (Refutation of Idealism, 1903). Nach Moore galt es, jene Alltagswahrheiten philosophisch exakt in terminologischen Formeln zu erfassen (A Defence of Common sense, 1924).

Russell, der sich von der Präzision der mathematischen Wissenschaften stark beeindruckt zeigte, versuchte, eine ihren logischen Gesetzmäßigkeiten entsprechende Fachsprache zu konzipieren, welche die Objektwelt genau widerspiegeln sollte. Grundlage hierbei war die These, dass jede komplexe Aussage in einfachste Grundbestandteile, so genannte atomare Propositionen, zerlegbar sei, die den kleinsten Bausteinen des Universums, den Atomen, gegenüberstünden. Russels so genannter Logische Atomismus basiert demnach auf der Annahme, dass Propositionen nur dann Bedeutung zukommt, wenn sie in der Welt außersprachlicher Tatsachen ihre adäquate Entsprechung finden. Russells Untersuchungen von Sprachstrukturen ließen den Philosophen zwischen der grammatikalischen und der logischen Form einer Aussage differenzieren. So unterscheiden sich die Sätze „John ist gut“ und „John ist groß“ nicht nach ihrer grammatikalischen Struktur, wohl aber nach dem logischen Gehalt. Eine Gleichsetzung beider könnte zu der Annahme führen, das Prädikat „Güte“ sei für John in gleicher Weise charakteristisch wie jenes der „Größe“. Russel sah in derartigen Fehlschlüssen die Ursache zahlreicher philosophischer Begriffsverwirrungen.

Wittgenstein


Beeindruckt von Russells Arbeiten ging Ludwig Wittgenstein nach Cambridge, um dort bei seinem Vorbild zu studieren. Bald schon kam ihm eine zentrale Position innerhalb der analytischen und linguistischen Bewegung zu. Bereits in seinem philosophischem Erstling, dem Tractatus Logico-Philosophicus (1921), bestand Wittgenstein auf der Feststellung, dass „alle Philosophie Sprachkritik“ sein und der logischen Klärung von Gedanken dienen müsse. Dementsprechend kam der Tractatus zu einem ähnlichen Ergebnis wie Russells logischer Atomismus. Wittgenstein zufolge setzt sich die Welt aus einfachen Tatsachen zusammen, die es sprachlich abzubilden gilt. Dieser Gedanke wird im berühmten Einleitungssatz des Tractatus: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“, klar umrissen. Die Struktur bedeutungstragender Aussagen über Wirklichkeit muss Wittgenstein zufolge deshalb ebenso einfach sein wie die Sachverhalte oder Dinge, auf die sie sich beziehen. Für den frühen Wittgenstein konnten demnach nur solche Propositionen Bedeutung transportieren, und daher wissenschaftlich genannt werden, die zur Abbildung von Tatsachen geeignet sind. Alle Aussagen der Metaphysik, Theologie und Ethik bezeichnete der Philosoph konsequenterweise als sinnlos.

Logischer Positivismus

Unter dem Einfluss von Russell, Wittgenstein, Ernst Mach und anderen entstand im Wien der zwanziger Jahre die Schule des logischen Positivismus, die sich aus Philosophen und Mathematikern zusammensetzte. Mit dem von Moritz Schlick und Rudolf Carnap geführten Wiener Kreis begann eines der wichtigsten Kapitel in der Geschichte der analytischen Philosophie. Für Schlick und Carnap bestand die Herausforderung philosophischer Forschung vornehmlich in der Klärung von Bedeutung, nicht aber in der Entdeckung neuer Tatsachen; letzteres wurde zum Ziel der objektiven Naturwissenschaft erklärt. In Anlehnung an Wittgenstein bestritten auch die Mitglieder des Wiener Kreises die Möglichkeit einer metaphysischen, also spekulativen Interpretation von Welt.

Demgegenüber ließen die Positivisten nur zwei Klassen von sinnvollen Aussagen – analytisch wahre und empirisch verifizierbare Behauptungen – als logisch gelten. Dabei verstanden sie unter analytisch wahren Behauptungen all jene Propositionen, deren Richtigkeit ausschließlich auf der durch Konventionen festgelegten Bedeutung in ihnen benutzter Begriffe beruht (ein berühmtes Beispiel hierfür ist die Formel „zwei plus zwei gleich vier“). Als zweite Klasse sinnvoller Propositionen wurden all jene Aussagen über Welt gefaßt, die sich empirisch überprüfen lassen. Wahrheit und Verifizierbarkeit galten somit als synonym. Dieses Verifikationskriterium, schlossen die Positivisten, begründe einerseits die Legitimität naturwissenschaftlicher Aussagen und belege andererseits die Gehaltlosigkeit religiöser und ethischer Sätze. Alfred Jules Ayer trug die Ideen des logischen Positivismus nach seinem Wienaufenthalt 1936 durch die Veröffentlichung des ungemein populären Buchs Language, Truth and Logic (Wahrheit, Sprache und Logik) in den englischsprachigen Raum. Dabei berührten sich empiristische und phänomenologische Modelle.

Kritisiert wurde die positivistische Verifikationstheorie u. a. von dem aus Österreich stammenden britischen Philosophen Karl Popper. Dieser unterstellte, dass die enge Bedeutungstheorie ein umfassenderes Verständnis von Sprache verhindere. Auch in diesem Diskussionskontext spielte Wittgenstein eine bedeutende Rolle. In seinem Spätwerk hatte er einen Großteil der im Tractatus gezogenen Schlüsse verworfen und einen völlig neuen Denkweg beschritten, den er in seinen posthum veröffentlichten Philosophischen Untersuchungen (englisch 1953, deutsch 1970) ausformulierte. Wittgenstein argumentierte nunmehr vom Gebrauch der Alltagssprache her und behauptete, dass sich ihre Vielfalt und ihr Reichtum philosophisch klären ließen. Dieser neuen Wittgenstein’schen Theorie zufolge waren Propositionen sehr viel mehr als die bloße Abbildung von Tatsachen. In den Philosophischen Untersuchungen wird vielmehr der „Kampf gegen die Verwirrung unseres Verständnisses durch die Sprache“ thematisiert.

Seine Behauptung suchte Wittgenstein durch die Konzeption der so genannten Sprachspiele zu untermauern. Nach Ansicht des Philosophen sind Wissenschaftler, Dichter und Theologen in höchst unterschiedliche Sprachspiele verwickelt, bei dem es zwingend notwendig ist, dass dem Sprechenden (wie beim Spiel dem Mitspieler) die Regeln des Gebrauchs seines Mediums geläufig sind. Darüber hinaus lässt sich nach Wittgenstein die Bedeutung einer Proposition nur im Zusammenhang verstehen, d. h. lediglich gemäß den Regeln des jeweiligen Sprachspiels, zu denen sie gehört. Die Semantik von Aussagen ergibt sich aus ihrem pragmatischen Kontext. Wittgenstein folgerte, dass die Aufgabe der Philosophie in der Lösung von Problemen bestehe, die sich aus dieser Form sprachlicher Verwirrungen ergäben. Der Lösungsansatz basierte dabei auf der Analyse der Alltagssprache und einem konsistenten Sprachgebrauch.

Neuere Entwicklungen

Vor allem die Engländer Gilbert Ryle, John Langshaw Austin und Pieter Frederick Strawson sowie der Amerikaner Willard Van Orman Quine leisteten zur neueren analytischen bzw. linguistischen Philosophie wichtige Beiträge. So sah Gilbert Ryle das Ziel der Sprachanalyse im systematischen Austausch mehrdeutiger Aussagen durch logisch eindeutige. Dabei beschäftigte er sich insbesondere mit der grammatikalischen Form von Aussagen, welche das Vorhandensein nichtexistenter Dinge suggerieren. Unter anderem untersuchte er die mentalistische Sprache, welche die fälschliche Annahme vermittelt, der Geist bilde eine dem Körper vergleichbare Einheit. John Langshaw Austin widmete seine Aufmerksamkeit in erster Linie den feinen Bedeutungsnuancen der Alltagssprache. Damit avancierte er zum Begründer der Sprechakttheorie, die sich mit der Sprache als Möglichkeit kommunikativen Handelns befasst. In Anlehnung an Austin nahm sich Pieter Frederick Strawson vorrangig des Verhältnisses zwischen formal-logischer und alltäglicher Sprache an. Dabei ging er davon aus, dass die formallogische Begrifflichkeit der Komplexität der Alltagssprache nicht angemessen sein könne. Um eine solche Wiedergabe zu erreichen, bedürfe es vielmehr verschiedener zusätzlicher Hilfsmittel. Zentral für seine Sprachphilosophie der Identifikation war der Gedanke, dass für die Definition der Einzeldinge der Begriff „materieller Körper“ bestimmend sei. Willard Van Orman Quine schließlich diskutierte die Beziehung zwischen Sprache und den Vorstellungsinhalten der Ontologie. Dabei wurden sprachliche Systeme als Medien zur Vermittlung der Existenz von Dingen begriffen. Die Entscheidung für die eine oder die andere Ausdrucksweise, so Quine, vollziehe sich im Wesentlichen nach pragmatischen Gesichtspunkten.



Existenzphilosophie, von dem Philosophen und Geschichtswissenschaftler Fritz Heinemann 1929 in seinem Buch Neue Wege der Philosophie. Geist, Leben, Existenz eingeführte Bezeichnung für die Summe all jener Bewegungen oder Strömungen der Philosophie, die sich mit Fragen menschlicher Existenz auseinander setzen. Von Heinemann damals kritisch auf Ausrichtungen der Gegenwart angewandt, wird der Begriff heute weiter gefasst. Die französische Strömung der Existenzphilosophie aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg wird Existentialismus genannt.

Aufgrund der Vielzahl verschiedener Anschauungen, die mit der Existenzphilosophie in Verbindung gebracht werden, ist es unmöglich, eine genaue Definition des Begriffs zu geben. Allerdings weist das Werk aller Existenzphilosophen oder Existentialisten gemeinsame Themen auf. Der Begriff selbst lässt auf eines der Hauptthemen schließen. Es ist dies die Frage nach der konkreten Existenz des Individuums und die sich daraus ergebende Problematik von Subjektivität bzw. Seinsweise des Menschen.

Als eigentliche Begründer der Existenzphilosophie gelten Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche. Kierkegaard konstatierte, dass das höchste Gut des Individuums – als „Sein, das sich zu sich selbst verhält“ – die Erkenntnis seiner eigenen, immer auch einmaligen Bestimmung sei. In diesem Sinn ist eine Tagebuchaufzeichnung zu verstehen, in der er notierte, der Mensch müsse eine Wahrheit finden, die für ihn selbst wahr sei, bzw. jene Idee, für die er leben oder sterben könne. Andere Existenzphilosophen folgten Kierkegaards Überzeugung der existentiellen Wahl ohne Rücksicht auf allgemeine Verhaltensweisen. Entgegen der traditionellen Anschauung, dass die moralische Wahl eine objektive Beurteilung von Gut und Böse beinhalte, besteht für Kierkegaard keine rationale Grundlage für eine moralische Entscheidung. Allerdings wird nahe gelegt, dass der Mensch letztendlich selbst bei seiner freien Existenzwahl wieder zu Gott und zum Glauben (der vom Philosophen so genannten Stufe des „Ethischen“) zurückfinden solle. Ebenfalls im 19. Jahrhundert radikalisierte Nietzsche die Idee einer freien Wahl der Existenz weiter und behauptete, dass jedes Individuum in einer „Umwertung aller Werte“ selbst entscheiden müsse, was als sittlich zu gelten habe.

Themen

Die innerhalb existenzphilosophischer Schriften immer wieder aufgeworfenen Themen sind die der menschlichen Subjektivität sowie die der Wahl des Einzelnen und seiner Grundbefindlichkeit, die zumeist als Erfahrung existentieller Angst definiert erscheint.

Subjektivität

Die Existenzphilosophen übernahmen Kierkegaards Idee einer individuellen Moral und Wahrheit und bestanden darauf, dass die persönliche Erfahrung sowie das Handeln nach eigener Überzeugung für die Erkenntnis der Wahrheit grundlegende Bedeutung habe. In diesem Sinne wurde eine theoretisch-abstrakte, entindividualisierende Denkweise in Frage gestellt, eine theoretische Darlegung der philosophischen Gedanken in Form eines strukturierten Systems grundlegend abgelehnt: Stattdessen traten die „offenen“ literarischen Formen des Aphorismus, des Dialogs, der Parabel oder des Fragments ins Zentrum des Interesses.

Wahl und Verantwortung

Das vielleicht bedeutendste Thema der Existenzphilosophie ist das der Freiheit der Wahl als der hervorragendsten Eigenschaft des Menschen, dem in der Konzeption – im Unterschied zu Tier oder Pflanze – keine festgelegte Natur oder Essenz (So-Sein) zukommt. Jean-Paul Sartre, der führende Vertreter des französischen Existentialismus, formuliert diesen Sachverhalt, indem er die Existenz (Da-Sein) als Vorläufer der Essenz darzustellen sucht. Die Wahl ist folglich wesentlich für die menschliche Existenz und gleichzeitig unumgänglich, denn auch die Weigerung, eine Wahl zu treffen, ist eine Wahl. Der Mensch ist nach Sartre „zur Freiheit verdammt“. Die Wahl einer Daseinsmöglichkeit zieht jedoch auch Verbindlichkeit und Verantwortung nach sich. Da die Individuen ihren eigenen Weg frei wählen können, müssen sie auch das Risiko und die Verantwortung eingehen, die verbindlich gewordene Entscheidung zu befolgen, wo sie auch immer hinführen mag.

Angst

Nach Kierkegaard gehört Angst als Gefühl von Grundfurcht unbedingt zum menschlichen Wesen. Diese ist im Sinne einer unkonkreten Weltangst zu verstehen. Der Begriff spielt auch bei Martin Heidegger eine entscheidende Rolle. Für ihn führt die Angst zur Konfrontation des Individuums mit dem Nichts sowie mit der Unmöglichkeit, die letzte Rechtfertigung für die zu treffende Wahl herauszufinden. In seiner Philosophie verwendet Sartre den Begriff des Ekels als Bezeichnung für die Erkenntnis der reinen Zufälligkeit des Universums und den Begriff Angst für die Erkenntnis der vollkommenen Freiheit der Wahl, mit der das Individuum in jedem Moment konfrontiert wird.

Geschichte

Pascal

Der erste Denker, der die Grundideen der modernen Existenzphilosophie vorwegnahm und die Ansichten der Richtung entscheidend prägte, war im 17. Jahrhundert der religiöse Skeptiker Blaise Pascal. Pascal widersetzte sich dem strengen Rationalismus seines Zeitgenossen René Descartes und behauptete in seiner Essaysammlung Pensées (1670; Gedanken), dass eine theoretische Philosophie, die den Anspruch habe, Gott und die Menschheit zu erklären, eine Art von Hochmut sei. Dementsprechend formulierte er seine Gedanken in kurzen Aphorismen. Wie auch die späteren existenzphilosophischen Denker wie etwa Kierkegaard war Pascal der Ansicht, dass das Leben des Menschen von Paradoxa bestimmt sei.

 

Kierkegaard

Kierkegaard gab dem Begriff der Existenz seinen spezifisch neuzeitlichen Sinn, indem er sich vor allem gegen die Theorie des absoluten Idealismus im Sinn von Georg Wilhelm Friedrich Hegel wandte. Dieser behauptete, zu einem rationalen Gesamtverständnis von Menschheit und Geschichte gelangt zu sein, während für Kierkegaard die Situation des Menschen nicht rationalisierbar ist, also eher undurchsichtig und absurd erscheint. Als Antwort auf diese Situation, so Kierkegaard, müsse sich das Individuum völlig dem Leben verpflichten, wobei diese Verpflichtung auch nur von ihm selbst nachvollzogen werden könne. Das Individuum müsse daher immer bereit sein, den Normen der Gesellschaft zu trotzen und ihnen einen persönlich vertretbaren Lebensweg entgegenzusetzen. Schließlich befürwortete Kierkegaard nach einer als ästhetisch bezeichneten Phase des Daseins einen religiösen Sprung in das christlich-ethische Leben, das, obwohl unverständlich und somit ein volles Wagnis, die einzige Bindung sei, die den Einzelnen vor der Verzweiflung retten könne.

Nietzsche

Nietzsche, dem das Werk Kierkegaards unbekannt war, beeinflusste die nachfolgenden Existenzphilosophen durch seine Kritik an den traditionellen metaphysischen und moralischen Idealen. Er verstand den Nihilismus als eine Übergangsphase von falschen Wertkodizes zu einer neuen – und individuellen – Sittlichkeit und propagierte einen lebensbejahenden, stark subjektivistischen Willen (den so genannten Willen zur Macht), der sich den moralischen Grundsätzen der Mehrheit widersetzt und in der Figur des „Übermenschen“ seine Verkörperung fand (siehe Lebensphilosophie). Im Gegensatz zu Kierkegaard, der über die Verurteilung der konventionellen Moralvorstellungen zum Verfechter eines radikalen individuellen Christentums wurde, erklärte Nietzsche Gott für tot und lehnte die gesamte jüdisch-christliche Moral als „Sklavenmoral“ ab.

Heidegger

Wie Pascal und Kierkegaard, so widersetzte sich auch Heidegger dem Versuch, die Philosophie auf eine schlüssige rationale Grundlage zu setzen, wie dies die Phänomenologie etwa Edmund Husserls propagierte. Heidegger zufolge findet sich der Mensch in einer unverständlichen, ihm gleichgültig entgegenstehenden Welt. Der Einzelne wird den Grund seines Daseins (sein „Geworfen-Sein“) nie fassen können. Dafür muss jedes Individuum sein eigenes Ziel suchen und es mit leidenschaftlicher Überzeugung verfolgen, wobei es sich der Gewissheit des Todes sowie der Bedeutungslosigkeit des Lebens stets bewusst sein sollte. Heideggers Beitrag zur Existenzphilosophie bestand in seiner originellen Betrachtungsweise des Daseins wie auch in seiner Ontologie (siehe Metaphysik) und seiner metaphorischen, nach Klarheit und Exaktheit ringenden philosophischen Sprache.

Sartre


Der Begriff des Existentialismus wurde in erster Linie durch Sartre geprägt, der ihn in seiner Philosophie verwandte. Nach 1945 avancierte der Philosoph zur Leitfigur der französischen Bewegung, die ihren Einfluss auch international geltend machen konnte. Sartres Philosophie ist atheistisch und nihilistisch. Er erklärte, dass der Mensch eine rationale Grundlage für sein Leben benötige, diese jedoch nicht erreichen könne, was das Leben somit zu einer „aussichtslosen Leidenschaft“ mache. Trotzdem behauptet Sartre, dass seine Philosophie eine Art des Humanismus sei, und er betonte die Freiheit des Menschen, also dessen freie Wahl und Verantwortung. Schließlich unternahm der Philosoph auch den Versuch, diese existentialistischen Theorien mit einer marxistischen Deutung der Gesellschaft und Geschichte in Einklang zu bringen.



Existenzphilosophie und Theologie

Obwohl der Begriff der Existenzphilosophie sowohl den Atheismus eines Sartre wie auch den Agnostizismus Heideggers umspannt, gibt es auch eine christliche Strömung, die in den tief religiösen Philosophien von Pascal und Kierkegaard verwurzelt ist und die einen bedeutenden Einfluss auf die Theologie des 20. Jahrhunderts ausüben konnte. Durch seine Beschäftigung mit dem Problem der Transzendenz und den Grenzen der menschlichen Erfahrung wirkte Karl Jaspers in diesem Sinn. Die deutschen Protestanten Paul Tillich und Rudolf Bultmann, der französische Katholik Gabriel Marcel, der russisch-orthodoxe Philosoph Nikolai Berdjajew sowie der deutsch-jüdische Philosoph Martin Buber mit seiner Theorie eines Ich-Du-Verhältnisses menschlicher Existenz übernahmen einige von Kierkegaards Überzeugungen, insbesondere seinen Gedanken, dass ein persönlicher Sinn für Glaubwürdigkeit und Verpflichtung Grundvoraussetzung für den religiösen Glauben sei.

Existenzphilosophie und Literatur



Einerseits bedienten sich einige Existenzphilosophen zur Vermittlung ihrer Gedanken literarischer Formen, andererseits war die Existenzphilosophie als Strömung in der Literatur genauso lebendig und umfassend vertreten wie in der Philosophie. Die wahrscheinlich bedeutendste Persönlichkeit der existenzphilosophischen Literatur war Fjodor Dostojewskij, der in seinen Romanen und Erzählungen, oftmals mit negativem Beiklang, das Ringen zerrissener Helden um ihre Stellung in der Welt und zu Gott beschrieb. In den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1864) etwa polemisiert der entfremdete Antiheld gegen die optimistischen Behauptungen des rationalen Humanismus. Nicht selten handeln die Figuren in Dostojewskijs Romanen unberechenbar und selbstzerstörerisch. Dabei werden sie teils von nihilistischen oder anarchistischen Ideen getrieben, die Macht über sie gewinnen. Der christlichen Liebe allein bleibt es hier vorbehalten, die Menschheit und den Einzelnen vor sich selbst zu erretten (besonders deutlich wird dies im Roman Schuld und Sühne), wobei aber eine derartige Liebe auf philosophische Art nicht ergründet werden kann. In diesem Sinne ist der Ausspruch des Mönchs Aljoscha aus dem Roman Die Brüder Karamasow (1879/80) zu verstehen: „Wir müssen das Leben mehr lieben als seine Bedeutung.“ Dostojewskijs Schriften beeinflussten vor allem Nietzsche stark, auch wenn sich der Philosoph nur von der Figurenpsychologie, nicht aber von dem christlichen Impuls der Bücher begeistert zeigte.

Im Mittelpunkt der Romane Franz Kafkas, z. B. von Der Prozeß (posthum 1925) und Das Schloß (posthum 1926), sieht sich das Individuum einer gewaltigen, labyrinthisch-bedrohlichen Bürokratie gegenüber. Motive der Angst, Schuld und Einsamkeit spiegeln hier den Einfluss Kierkegaards, Dostojewskijs und Nietzsches wider. In den Romanen des französischen Schriftstellers André Malraux sowie in den Dramen Sartres ist Nietzsches Einfluss ebenfalls spürbar. Auch das Werk des französischen Schriftstellers Albert Camus, der im Mythos von Sisyphos die zu akzeptierende Sinnlosigkeit menschlichen Daseins thematisierte, wird gewöhnlich mit dem Existentialismus in Verbindung gebracht, da bei ihm Themen anklingen wie die Gleichgültigkeit des Universums gegenüber dem Einzelschicksal oder die Notwendigkeit des Einstehens für eine gerechte Sache. Existentialistische Themen werden auch vom absurden Theater aufgegriffen, wie z. B. in den Dramen von Samuel Beckett und Eugène Ionesco. In den USA war der Einfluss des Existentialismus auf die Literatur eher indirekt. Spuren von Kierkegaards Ideen finden sich allerdings in den Romanen von Walker Percy und John Updike. Andere Existenzphilosophen beeinflussten die Werke von Schriftstellern wie Norman Mailer, John Barth und Arthur Miller.



Ästhetik

Ästhetik (griechisch, zu aistánesthai: wahrnehmen, durch die Sinne wahrnehmen), allgemein die Bezeichnung einer philosophischen Disziplin, die sich mit dem Schönen und seiner Wahrnehmung beschäftigt, und zwar in seinen Ausprägungen als Naturschönes und als Kunstschönes. Im Besonderen fasst der Begriff die Summe aller Theorien der Kunst. Ein Grundthema der Ästhetik im weiteren Sinn ist die Frage, ob objektive Kriterien zum Erfassen des Schönen existieren, oder ob diese lediglich subjektiv, vom jeweilig betrachtenden Individuum her, geformt werden müssen. Auch untersucht sie den Unterschied zwischen dem Schönen und dem Erhabenen. Als Gegenstand der Kunstbetrachtung untersucht die Ästhetik die Bedingungen der Entstehung eines Kunstwerks (Produktions-Ästhetik) und seiner strukturalen und formalen Merkmale (Werk-Ästhetik) sowie die seiner Aufnahme (Rezeptions-Ästhetik), seiner Wirkung (Wirkungs-Ästhetik) und seiner Einbettung in ästhetische Wert- und Geschmacksurteile von Seiten des Betrachters (Formal-Ästhetik). Mit dem dialektischen Wechselspiel von Form und Inhalt setzt sich die Form- bzw. Inhalts-Ästhetik auseinander. Eine Einbettung des Kunstwerks in den soziohistorischen Kontext versucht hingegen die Gehalts-Ästhetik.

Die Ästhetik selbst bildete sich erst im 18. Jahrhundert als eigenständige philosophische Disziplin heraus. Der Begriff wurde 1753 von dem Philosophen Alexander Gottlieb Baumgarten eingeführt. Die Frage nach dem Wesen des Schönen hat jedoch eine jahrhundertelange Tradition.

Platon, Aristoteles und Plotin

Die erste umfangreiche ästhetische Theorie stammt von Platon. Im Rahmen seiner Ideenlehre ging er davon aus, dass allein der Welt der Ideen, also der Archetypen oder Urtypen der Dinge, tatsächlich Realität zukomme. Platon zufolge können die Ideen allerdings vom Menschen nicht wahrgenommen werden. Die Dingwelt stellt nur einen Abklatsch jener Urformen dar. Demnach besteht die Aufgabe des Philosophen darin, von den sinnlich wahrnehmbaren Objekten auf die Ideen zu schließen. In diesem ästhetischen System kommt der Kunst nur eine untergeordnete Rolle zu: Während sich nämlich, so Platon, der Handwerker um eine Nachbildung der Ideen bemüht (also etwa einen konkreten Tisch schafft, der auf die Idee des Tisches zurückgeht), schafft der Künstler, der diesen Tisch malt, nur ein Abbild dessen, was an sich schon Abbild ist.

Auch Platons Schüler Aristoteles betrachtete Kunst als Nachahmung, jedoch nicht im Sinne seines Lehrers. In seiner Poetik und andernorts schrieb er der Kunst vielmehr einen idealisierenden Charakter zu. Aristoteles zufolge kann (und muss) der Künstler die Dinge durch Nachahmung so gestalten, „wie sie sein sollten“; seine Ästhetik basiert demnach auf der Idee, dass „die Kunst zum Teil das vervollkommnet, was die Natur nicht vollenden kann“. Der Künstler trennt die Form von der Materie. Dies macht er, indem er die Form eines realen Gegenstands, z. B. eines menschlichen Körpers oder eines Baums vom rein Materiellen abstrahiert und auf eine andere Materie (Leinwand, Marmor etc.) überträgt. Nachahmung ist demzufolge nicht bloß das Kopieren eines ursprünglichen Modells, sondern eine bestimmte Darstellung der Erscheinungsweise eines Dings, wobei für Aristoteles jedes Kunstwerk die Nachahmung des universellen Ganzen ist.

Sowohl für Aristoteles als auch für Platon war die Ästhetik untrennbar mit Fragen der Moral und der politischen Bildung des Einzelnen verbunden. Bezüglich der Musik etwa schrieb Aristoteles in seiner Politik, dass die Kunst den menschlichen Charakter forme und somit auch die Gesellschaftsordnung beeinflusse (dieser Gedanke tauchte bereits in der Politeia des Platon auf, hier aber mit deutlich negativem Impuls). In der Poetik stellte Aristoteles verbindliche Regeln für den Bau des Dramas auf und schuf damit ein frühes Werk der Form-Ästhetik; wirkungsästhetisch hielt er an seinem Grundsatz fest, dass die Tragödie Gefühle des Mitleids und der Furcht erwecken solle, um das Publikum von diesen Affekten zu befreien und innerlich zu „reinigen“ (Katharsis). Vor allem im Klassizismus des 17. und 18. Jahrhunderts wirkte die Poetik des Aristoteles maßgeblich nach. Nicht nur die französischen Dramatiker Jean Racine, Pierre Corneille und Molière übernahmen seine so genannte Lehre von den drei Einheiten (Zeit, Ort, Handlung). Die ästhetischen Regeln des Aristoteles bestimmten die Literaturtheorien bis ins 19. Jahrhundert.

Auch Plotin, ein Philosoph des 3. Jahrhunderts n. Chr., maß der Kunst eine viel größere Bedeutung bei als Platon. Nach Plotin kann im Kunstwerk die Form (und somit das Wesen) eines Objekts viel klarer anschaulich werden als in der dinglichen Erfahrung. Darüber hinaus sah er durch die Kunst die Seele zur Kontemplation des Universellen erhoben. Für Plotin war der höchste Augenblick der Rezeption mystischer Natur, da sich die Seele in der Welt der Formen in einem Akt der Evidenz mit dem Göttlichen, das er das „Eine“ nannte, vereint. Die ästhetische Erfahrung kommt also der mystischen Erfahrung am nächsten, weil der Mensch durch die Betrachtung des Kunstwerks im Idealfall in Selbstvergessenheit versinkt (siehe Mystik).

15. bis 18. Jahrhundert

Im Mittelalter war die Kunst hauptsächlich Ausdruck des Glaubens, wobei ihre ästhetischen Grundsätze zum größten Teil auf den Neuplatonismus zurückgingen. Thomas von Aquin entwarf ein auch für die Moderne interessantes ästhetisches Modell, das u. a. von James Joyce (Porträt des Künstlers als junger Mann) und von Umberto Eco wieder aufgegriffen wurde. In der Zeit der Renaissance befreite sich die Kunst von ihren religiösen Implikationen und bildete einen eher säkularisierten Begriff des Schönen aus. Den wichtigsten Anstoß dieser Art allerdings erhielt die moderne Ästhetik im 18. Jahrhundert. Ein wichtiger Schritt dorthin war die Schrift Laokoon (1766) von Gotthold Ephraim Lessing, in der Lessing eine systematische Erfassung und Differenzierung künstlerischer Ausdrucksformen innerhalb ihrer Grenzen versuchte. Der Kunstgelehrte und klassische Archäologe Johann Joachim Winckelmann entwickelte eine für die Weimarer Klassik verbindliche Ästhetik, die sich an der „edlen Einfalt und stillen Größe“ der griechischen Antike orientierte. Ideale Proportionen und formale Ausgeglichenheit wurden wichtiger als die individuelle Schöpferkraft. Johann Gottlieb Fichte dann definierte Schönheit als eine moralische Dimension. Im Kunstwerk, in dem Schönheit und Wahrheit der letzte Zweck sind, so der Philosoph, lässt der Künstler eine Welt der absoluten Freiheit erahnen, die wiederum das Ziel des menschlichen Willens darstellt. Für Fichte ist die Kunst kein sozialer, sondern ein privater Akt. Sie erfüllt jedoch für die Menschheit einen hohen Zweck.

18. und 19. Jahrhundert

Im Mittelpunkt der ästhetischen Theorie des Philosophen Immanuel Kant steht die Beurteilung des Geschmacks. Für Kant werden Objekte dann als schön empfunden, wenn sie im Bezug auf ihr soziales Umfeld zweckfrei sind und ein Lustgefühl erwecken, das dem Gegenstand immanent innewohnt. Dementsprechend spricht Kant vom „interesselosen Wohlgefallen“ als Kriterium der Rezeption. Kriterien des Schönen gibt nicht die persönliche Vorliebe; vielmehr haben sie einen universellen Charakter. Dennoch: Was der Einzelne als schön empfindet, gilt nicht notwendigerweise auch für andere. Der Grund für die Beurteilung des Schönen (also die Beantwortung der Frage nach dem ästhetischen Geschmack) muss Kant zufolge also in der Struktur des Geistes liegen.

Nach G. W. F. Hegel bilden Kunst, Religion und Philosophie die Grundlage für die geistige Entwicklung des Menschen. In seiner Ästhetik unterscheidet er strikt zwischen Natur- und Kunstschönheit. Im Sinn seiner Philosophie des Idealismus ist klar, dass bei ihm das Kunstschöne des vom Menschen geschaffenen Werkes höher als das Naturschöne anzusiedeln ist.

Auch Arthur Schopenhauer glaubte, dass die Formen aller Dinge, im Sinne der platonischen Ideen, jenseits der Welt der Erfahrungen existieren. Anders als Platon aber ging er davon aus, dass die Kunst diese ewigen Ideen darzustellen habe – und adäquat darstellen könne. Indem der Kunstbetrachter im Kunstwerk die Ideen erkennt, überwindet er für einen Moment die durch Leiden geprägte Welt; Ästhetik ist vor allem eine Frage der Tröstung, Kunst eine Form des „Beruhigungsmittels“.

Kant, Hegel und Fichte stehen in einer direkten Entwicklungslinie. Schopenhauer kritisierte Hegel und wurde wiederum von Kants Idee eines „interessenlosen Wohlgefallens“ beeinflusst. Friedrich Nietzsche trat die Nachfolge Schopenhauers an, indem er dem Pessimisten hinsichtlich seiner Ansicht beipflichtete, dass das Leben tragisch sei, dass dadurch aber eine freudige Bejahung der Existenz nicht ausgeschlossen werde. Diesen Zustand einer „amor fati“ („Liebe zum Schicksal“) darzustellen, sei, so Nietzsche, höchster Zweck der Kunst. Dadurch, dass sich der Künstler den Schrecken des Universums qua seiner Schöpferkraft widersetzt, kommt er der von Nietzsche proklamierten Vorstellung eines autonomen Universalmenschen am nächsten. Durch Kunst kann jede Erfahrung in Schönheit umgewandelt werden; für Nietzsche bedeutet dies, dass Tragik, derart umgestaltet, mit Freude betrachtet werden kann.

Exkurs: Ästhetik und Kunst

Im 18. und 19. Jahrhundert war die Ästhetik vom Modell einer Nachahmung der Natur durch Kunst beherrscht. Englische Schriftsteller wie z. B. Jane Austen und Charles Dickens sowie der italienische Dramatiker Carlo Goldoni oder der Franzose Alexandre Dumas lieferten innerhalb der Literatur wirklichkeitsgetreue Schilderungen aus dem Leben der Mittelklasse. Maler wie der Klassizist Jean Auguste Dominique Ingres, der Romantiker Eugène Delacroix oder der Realist Gustave Courbet gestalteten ihre Themen unter sorgfältiger Beachtung einer lebensnahen Wiedergabe aller Details. In der traditionellen Ästhetik herrschte zwischen Aspekten der Schönheit und der Nützlichkeit ein enger Zusammenhang. Der alte Grundsatz des Horaz eines „prodesse et delectare“ („nützen und erfreuen“) galt lange Zeit als verbindlich. In abgeschwächter Form galt dieser Standpunkt bis ins Zeitalter des Naturalismus: So zielte etwa die Dramatik des Norweger Henrik Ibsen auf eine radikale Reformierung der Gesellschaft.

Im 19. Jahrhundert allerdings wurden diese traditionellen ästhetischen Modelle von der Avantgarde erschüttert. Dieser Paradigmenwechsel zeigte sich hauptsächlich in der Malerei, die das Abbildungsdogma immer mehr ablehnte und stattdessen das Material und die Struktur des Kunstwerks immer mehr in den Vordergrund rückte. Die Kunst emanzipierte sich immer mehr von der sinnlich wahrnehmbaren Realität. An der Schwelle dieser Entwicklung stand der Impressionismus, der jedoch immer noch von einer – wenn auch veränderten – Beziehung zwischen Kunstwerk und „Wirklichkeit“ ausging. So verurteilte etwa Claude Monet die akademischen Maler, da sie das malten, was sie sehen sollten, anstatt das zu malen, was sie tatsächlich sahen.

Im späten 19. Jahrhundert dann richteten Paul Cézanne, Paul Gauguin und Vincent van Gogh ihr Hauptaugenmerk auf die Licht- und Farbwirkung eines Gemäldes und gaben der subjektiven Empfindung von Realität den Vorrang vor einer getreuen Abbildung der Natur. Im frühen 20. Jahrhundert wurde diese Richtung von den Malern des Kubismus weiterentwickelt. Namentlich Siehe Pablo Picasso und Henri Matisse sowie der deutsche Expressionismus (etwa von Ernst Ludwig Kirchner) taten sich hier hervor. Der literarische Expressionismus mit seiner radikal subjektiv argumentierenden Formgebung wurde in den Werken von August Strindberg und Frank Wedekind vorbereitet. In der absoluten Prosa Carl Einsteins ist dieser Gedanke zu Ende gedacht: Sein Roman Bebuquin will allein aufgrund eigener Strukturprinzipien funktionieren.

Diese Vorstellung einer L’art pour l’art (Kunst um der Kunst willen) wurde erstmals 1818 von dem französischen Philosophen Victor Cousin in die moderne Ästhetik eingeführt. Sein Programm wurde vor allem von den Vertretern des Ästhetizismus übernommen. Im englischsprachigen Raum kultivierten der Kritiker Walter Horatio Pater, die Präraffaeliten und der Maler James Abbott McNeill Whistler diese Kunstauffassung. In Frankreich wurde das Prinzip des L’art pour l’art zum Credo der Symbolisten um den Dichter Charles Baudelaire, der in die „Ästhetik des Hässlichen“ seiner Lyrik auch bisher ausgesparte Motive miteinbezog.

20. Jahrhundert

Die zeitgenössische Ästhetik wurde im Wesentlichen von vier Philosophen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bestimmt, namentlich von Henri Bergson, Benedetto Croce, George Santayana und John Dewey.

Der Franzose Henri Bergson definierte die Ästhetik in Abgrenzung zur Naturwissenschaft. Beide Erkenntnismodelle, so Bergson, bestehen aus komplexen Symbolsystemen, wobei seiner Ansicht nach das erste dem letzteren, rein empirischen, überlegen sei. Für Bergson bestehen die ästhetischen Möglichkeiten des Kunstwerks vor allem in seiner Möglichkeit, Realität mit Hilfe der Intuition direkt und tiefer erfassen zu können als durch die Begrifflichkeit wissenschaftlicher Betrachtungsweise (eine ähnliche Position vertrat Nietzsche). Die Kunst bricht demnach mit konventionellen Ideen und Überzeugungen hinsichtlich der Existenz und sozialen Bindung des Menschen, und hält dem Betrachter die Wirklichkeit selbst vor Augen.

Auch der italienische Philosoph und Historiker Benedetto Croce begründete seine Ästhetik auf dem Gedanken künstlerischer Intuition. Er begriff Intuition jedoch als Modell von Evidenz, eines plötzlichen Erkennens des Wesens der Dinge also, auf die die ästhetische Formgebung sich zu gründen habe: Laut Croce erkennen wir die Dinge, bevor wir über sie nachdenken. Ein Kunstwerk ist dementsprechend der Ausdruck einer solchen Intuition in materieller Form.

Der amerikanische Philosoph und Dichter George Santayana behauptete, dass das Kriterium der Schönheit der Struktur eines Gegenstands immanent sei, also nicht (hiervon war etwa noch Croce ausgegangen) durch den Geist des Rezipienten herangetragen werden müsse. Ästhetische Formvollendung ist demnach nicht eine Frage des Geschmacks, sondern eine Konstituente des Objektes selbst. Genauso verfuhr Santayana bei der Beurteilung aller menschlichen Handlungen, die auch in moralischer Hinsicht gut „an sich“ sein könnten.

Der amerikanische Pädagoge und Philosoph John Dewey vertrat die Ansicht, dass die menschliche Erfahrung heterogen, fragmentarisch und voll von Ansätzen ohne Schlussfolgerungen sei. Demgegenüber sei die ästhetische Erfahrung eine, die harmonisch sich selbst genügt; sie ist vollendet und in sich geschlossen. Sie ist Endzweck und nicht bloß Mittel für andere Zwecke.

Marxismus und Psychoanalyse

Vor allem Marxismus und Psychoanalyse verwahrten sich gegen das Prinzip des L’art pour l’art der modernen Kunst und forderten einen praktischen Zweck ästhetischer Betrachtung. Der Marxismus machte die der Gesellschaft zugrunde liegenden wirtschaftlichen Verhältnisse zur Grundlage seiner Kunstdoktrin; Georg Lukács zufolge, der die Strömungen der Moderne als Formalismus ablehnte und sich verstärkt dem Realismus des 19. Jahrhunderts zuwandte, hat das Kunstwerk den Zweck, die „Totalität“ sozialer und ökonomischer Gegebenheiten durchdringend abzubilden und so Voraussetzungen ihrer Überwindung bloßzulegen. Den stärksten Ausdruck dieser marxistischen Ästhetik, zugleich aber auch ihre affirmative Infragestellung, stellte der sozialistische Realismus dar.

Sigmund Freud sah den Wert der Kunst vorrangig in ihrer therapeutischen Wirkung. Auch der Autor selbst könne, so Freud, innere Spannungen über seine Schöpfung nach außen kehren und damit überwinden. In der Nachfolge Freuds bedienten sich die Strömungen des Surrealismus in Malerei und Dichtung der Vorstellung des Unbewussten zur Ausbildung ihrer eigenen Ästhetik. Neben dem surrealistischen Verfahren einer so genannten écriture automatique (eines automatischen Schreibens) gewann dieser Ansatz Einfluss auf die literarische Technik des Stream of consciousness, die der irische Schriftsteller James Joyce vollendete; auch The Principles of Psychology (1890) des amerikanischen Philosophen und Psychologen William James wirkten hier deutlich nach.

Existentialismus

Der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre entwickelte hinsichtlich seiner Philosophie des Existentialismus eine Ästhetik, die das Kunstwerk als Ausdruck der freien Wahl des Individuums dennoch in den Kontext einer auch gesellschaftlichen Verantwortung des Künstlers stellt. Die im Kunstwerk verarbeitete Verzweiflung stellt für Sartre eine unabdingbare Voraussetzung dar, den Weg zur echten Freiheit zu eröffnen.

I. A. Richards

Über marxistische, psychoanalytische und existentialistische Modelle hinausgehend kreisten im 20. Jahrhundert zahlreiche andere Auseinandersetzungen um die Frage nach der Bedeutung der Kunst. Der britische Kritiker und Semantiker I. A. Richards etwa gab der Ästhetik eine neue Stoßrichtung, indem er zwischen einem rein symbolisch-informativen und einem emotiven Zeichensystem unterschied, wobei letzteres nach seiner Ansicht Gefühle ausdrücken bzw. erwecken wolle. Kunst ist für ihn eine emotive Sprache, die Ordnung und Klarheit in die Erfahrungen und Ansichten bringt, jedoch keine Symbolik beinhaltet.

Bei seinen rezeptionsästhetischen Studien griff Richards immer wieder auf Erfahrungen und Techniken der Psychologie zurück. In Practical Criticism (1929) etwa beschreibt er Experimente, aus denen hervorgeht, dass auch hoch gebildete Menschen in ihrem ästhetischen Empfinden durch Erziehung, traditionelle Meinungen und andere Konventionen beeinflusst werden. In anderen Schriften untersuchte er den Einfluss von Tradition und Mode, wobei er herausstellte, wie stark das ästhetische Geschmacksempfinden sich wandeln kann: So wurden z. B. im frühen 18. Jahrhundert die Stücke von William Shakespeare als barbarisch und die gotische Kunst als vulgär angesehen.

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