Koitus am Bahndamm


von

Bernhard Malinkewitz / Bernd Müller









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Inhaltsverzeichnis

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Sie kam aus dem "„Schuppen"

Der Bahndamm

Koitus


Sie kam aus dem „Schuppen“



Ihr Name war Pauline, sie war die Tochter des Verwalters des Ledigenheims, eines Wohnheims für ledige Bergmänner.

Nicht gerade hübsch sah sie aus, als sie Boris ansprach, aber es war dunkel und Boris war alleine, er war noch keine 16 Jahre alt: "He Heinz, laß uns etwas wagen, twiste mit mir, da drinnen; sie wies mit der kleinen Hand in den 'Rock-Schuppen', da - mag niemand Twist mit mir tanzen, du - aber, du bist doch Weltmeister in diesem Tanz!" - "Ich twiste mit dir; sagte Boris, ja - ich gehe dort mit dir hinein. Das Lokal kenne ich gut genug, es sind zumeist nur Bekannte von mir da!"



Lachend ergriff Pauline; sie hatte sich in der Zwischenzeit vorgestellt und Boris wußte nun auch, daß sie seit einem Monat ebenfalls 16 Jahre alt war, die Hand des jungen Bergmanns - Boris Mayer, sie hielt sie fest, ganz ganz fest, zog ihn somit nachdrücklich - wenn doch auch spürbar sanft, in die Wirtschaft hinein, in jenen "Schuppen" - aus dem sie gerade eben erst herausgekommen war. Strahlend waren ihre Augen, strahlend die Züge ihres - etwas, zu herben Gesichts. "Die will offenbar angeben; dachte Boris gemütlich, die will hier wohl wem zeigen, daß ich ihr Galan bin ...?"



Er hatte diesen Gedanken noch nicht ganz zu Ende gebracht, da ging Pauline, ihn - im Schlepp, auch schon auf die gut besuchte Theke des Lokals zu: "Hallo - ihr Lieben; sagte sie aufgekratzt, den Jungen kennt ihr ja alle wie ich weiß, ihr habt vorhin noch von ihm gesprochen, ich kenne ihn von den Erzählungen der ledigen Männer die in K.1 im Ledigenheim leben, er ist dort zwar nicht unbedingt beliebt, aber er ist hart und anständig, zudem sieht er sehr gut aus, und - er soll ja was für bedürftige junge Frauen übrig haben!" Sie hatte diese Worte kaum ausgesprochen, da ging es auch schon los, ohrenbetäubendes, ausgelassenes Lachen, schallte aus zwanzig oder dreißig jugendlichen Kehlen, sie waren angekommen - man lud sie heran, niemand hatte bemerkt, daß Boris bei den "Ledigenheim-Worten" des Girls befremdlich ausgesehen hatte:

"Sage - Boris; so fragte eine junge Frau die er von diesem 'Schuppen' her kannte, mit der er schon einige Male hier getanzt hatte, -ist das so? -bist du wirklich der 'Typ' der etwas für uns arme Mädchen übrig hat?" Boris grinste verlegen, was; so dachte er, soll ich mit einer solchen Frage bloß anfangen?" Jedoch überlegte er einige Sekundenlang und dann sagte er: "Ja!"

Er hatte das sehr schlicht gesagt, sehr einfach, sehr bieder und so - als wäre er überaus intelligent.

Wärme strahlte ihm entgegen, die schon etwas besser Betuchten zückten ihre Portemonnaies, es gab jetzt Bier und Coca-Cola en masse und zuhauf.

Er hatte nun also doch gezeigt, daß er etwas übrig hatte - etwas locker machen konnte ...? "Wie dem aber auch sei; dachte er wirklich seltsam fühlend, grinsend und bestätigt, jetzt wird getanzt, und zwar auf Teufel komm' heraus, laß uns die Beine schwingen Pauline; sagte er heiter, da spielt die JuxBox: -'Lets twist again'!"

"Oh Heinz, Mann oh Mann, ich bin ja so verrückt darauf!" Dann ging es los, sie turtelte sich mit Boris auf die Tanzfläche, machte mit den Ellenbogen ein bißchen mehr Raum und dann ging die Post ab:

"Heinz - du bist ja in Fahrt, ich war noch niemals hier in diesem Schuppen, aber seit einigen Wochen spricht man in ganz Alsdorf nur noch Rasantes von ihm. Da wird auch von den Wirten gesprochen und von diversen Gästen, du - beispielsweise, du bist schier immer erwähnt.

Du bist offenbar einer der besten Twist-Tänzer in diesem Bunker.

Jetzt sehe ich es sogar selbst, ich bin stolz darauf dich getroffen zu haben!"

"Ach was Pauli; sagte Boris, du weißt nicht was du sagst, ich bin einfach nur ein ganz normaler Junge, ein junger Mann vielleicht, der sich lediglich ein wenig anstrengt den Menschen zu gefallen. Da gibt es schließlich eine ganze Menge anderer Formen und Möglichkeiten die mich fordern, da gibt es nicht bloß den Twist Tanz!" - "Nein nein, mein Guter, nein - sei bitte nicht eingeschnappt, ich meinte es doch nur gut!"

"Ja - ich weiß; lächelte Boris überheblich, du meintest es nur gut!" Erstaunt sah Pauline ihn an: "Das war wohl nicht ganz in Ordnung gewesen. Muskulös und behende, so sah sie ihn tanzen, er machte durchaus eine gute Figur, warum sollte das nicht auch schon anderen aufgefallen sein, da hatte es vor einigen Wochen zwei Mädchen gegeben, die haben sogar noch ganz was anderes von ihm gesehen. Sie wußte genau, daß - sie, wenn die Mädchen nicht gelogen hatten, zielstrebig diesen Boris vernaschen wollte. Da war ihr jedes Mittel gut, zu ihrem Ziel zu kommen. In sehr vorgerückter Stunde, das Lokal hatte schon geschlossen, waren diese beiden Mädchen noch da geblieben, Heinz und einer seiner Freunde aus der Schulzeit, unterhielten sich mit ihnen, das Gespräch war über Sex und Kindheit- oder Jugendlieben gegangen, die Floskeln und seriösen Worte hatten allerdings und offenbar, irgendwann bei Heinz einen seltsamen Schluß erwirkt. Überaus seriös wirkend, der Unterhaltung redliche Rechnung tragend, hatte er von seinem Freund verlangt - daß der in den Schankraum schauen möge, ob nicht eventuell wer im Anmarsch sei, dann hatte Heinz seine Hose geöffnet und seinen prächtigen Penis hervorgeholt. Daß es sich bei seinem markanten männlichen Geschlechtsteil, tatsächlich um einen "prächtigen Hans" handelte, das hatten, nun jedoch kichernd - die beiden Mädchen, allerdings dann etwas später, aber in ihrem persönlichen Dabeisein, einer etwas illustren Gesellschaft animierend erzählt. Na ja - Heinz soll sich nicht anstellen, sie würde niemandem erzählen, daß 'sie' davon auch wußte!"

Sie tanzten noch eine Weile, waren vergnügt und ausgelassen, dann wollte Boris nicht mehr, er bat Pauline um eine Tanzpause, begleitete sie zu einem Tisch und bedeutete ihr, daß sie doch bitte, wenn ihr an ihm etwas gelegen sei, zumindest jedoch für den heutigen Abend, an diesem Tisch auf ihn warten sollte. Pauline war eifrig bemüht, dem jungen Mann beizupflichten, was er denn vor hätte, hatte sie allerdings noch gefragt, und Boris hatte lächelnd geantwortet, daß er sich an der frischen Luft um seinen Kreislauf bemühen wolle. Die Hitze, so hatte er gesagt, und die rauchige Luft, sie würden - zumal in den hektisch wilden Bewegungen die von den Tänzen gefordert werden, seine Psyche und seine Soma in Gefahr bringen. In Gefahr schlapp zu machen.

Schlapp machen jedoch war ihm verpönt, das gab es nicht, darum mußte er für einige Minuten an die frische Luft.

Pauline war einverstanden, sie sagte ihm - daß sie hier auf ihn warten würde, fragte dabei wie lange er denn brauchen täte und war zufrieden als sie hörte, daß es keineswegs länger werden könne als etwa vierzig Minuten. Lächelnd sah sie ihm nach wie er durch den Hauptausgang auf die Straße ging. Kaum aber war Boris draußen, sprang sie auf und lief zur Theke. Hinter dieser Theke hatte eine uralte Wirtin das Sagen, eine Wirtin die aussah als wäre sie eine Greisin, und seltsam frappierend an ihr war außerdem, daß sie mit einem sehr jungen Mann liiert war. Dieser junge Mann stand ihr zur Seite, stand auch jetzt neben der Frau, mit der er - ein, eigentlich unmögliches, Verhältnis hatte: "Erich; sagte Pauline, kannst du, und kann Josi, könnt ihr beide eben mal schnell, zu mir an den Tisch kommen, ich hätte euch da etwas sehr Interessantes zu erzählen?!" - "Moment - Erich; so hörte Pauline Josefine sagen, so schnell geht das nun doch nicht. Was das junge Ding da am Tisch von uns beiden will, das würde ich vorher doch allzugerne nur wissen wollen, frag' sie - bitte!" - "Hast du Josi gehört; fragte Erich, hast du gehört was sie wissen will?" - "Ja; sagte Pauline, aber ich kann hier nur soviel sagen, es geht um euer Verhältnis; sie sah Josi erstaunt das Gesicht verziehen, sah wie Josi das Bier abstellte, das sie gerade in Arbeit hatte, -es geht darum, es zu stabilisieren, da ist etwas geschehen, das es in sich hat, es betrifft euch in hohem Maße!" Sie sah jetzt, daß Josi der Bedienung Hannelore winkte, hörte im Abdrehen noch wie Josefine sagte, daß Hannelore doch schnell einmal für einige Minuten hinter die Theke kommen soll, sie zu vertreten. Dann saß sie aber schon wieder an jenem Tisch der nahe an einem der Fenster dieser Wirtschaft aufgestellt war.



Boris wußte indes nichts von dem was sich da in dem 'Roll-over-Bunker' abspielen wollte, er hatte etwas vor. Seine suchenden Augen fanden, nachdem er den kurzen Spaziergang in Richtung seiner ehemaligen Schule abgeschlossen hatte, an dem Haus, das nur einen Steinwurf weit vor der Schule abgedunkelt, auf ihn zu warten schien, das Fenster, das er aufmachen wollte. Einen kleinen Stein aufhebend, warf er gekonnt gegen die Fensterscheibe des Fensters des ersten Stockes dieses Hauses. Noch rührte sich nichts, dann - nachdem er noch einmal ein Steinchen bemüht hatte, sah er - daß Licht angemacht wurde, gespannt schaute er diese knappen drei Meter empor. Das Fenster ging auf und eine Gestalt beugte sich etwas hinaus, Boris sah den Strahl einer Taschenlampe leuchten, dennoch erkannte er jetzt den jungen Mann: Bertram; rief er leise nach oben, keine Sorge, ich bin es - Boris, es geht los, du hattest recht, ich bin gewarnt, bin tatsächlich seit eineinhalb Stunden nicht mehr alleine, unser Telefonat macht sich bezahlt, kannst du noch einmal herunter kommen?" - "Heinz ich komme!" So hörte Boris seinen Freund Bertram sprechen, Bertram, dessen Vater ein Heizungs- und Installateurgeschäft besaß, Bertram, der als Jugendlicher schon ein eigenes Telefon in seinem Zimmer hatte, Bertram, den er - Boris, anrufen konnte, das, wann immer er wollte, der immer für ihn da war, der einer der Besten war. Einer der Besten die es in dieser Bergbaustadt gab. Eilig zogen die Gedanken des jungen Boris Mayer in die Funktionen die Bertram wegen seines Geldes und der daraus entstanden exponierten Stellung innerhalb der Jugendlichen und jungen Männer dieser Stadt innehatte. Da hatte er doch etwas gehört, das er dem Boris erst heute Mittag am Telefon - zu erklären gewußt hat.

Da gab es doch tatsächlich in Kellersberg das "Bullenkloster", das Ledigenheim, und in ihm lebten Männer, die diese Pauline kannten. Bertram aber war genau der Mann, der das gewußt hat. Bertram war der Freund, dessen Beziehungen und Bekanntschaften so sehr weit reichten, daß schier jede Information bei ihm abzuholen möglich war. Da gab es darum auch kaum Überraschung bei Boris, als er heute von Bertram erfahren konnte, daß eine gewisse Pauline - ihm, Boris, ans Leder wollte.

So ungefähr jedenfalls.

In K. war er, Boris, angeblich - schon wieder einmal - Ortsgespräch, billig genug, dort muß wohl erzählt worden sein, daß er den Frauen, Koitierglück - zu bringen, in der absolut sicheren Lage war. Boris war seltsam berührt. Daß beim Kumpel solch Ding - wenn er davon wußte, auch gesprochen wurde, das war klar, war ihm aus Erfahrung bekannt. Er hatte selbst doch auch schon sehr sehr seltsame Sachen im Berg - ganz unten, von diesen kargen, harten und dennoch überaus lebenslustigen Männern gehört, daß solche 'Sauerei' immer wieder einmal erzählt wurde, das alleine verwunderte ihn also nicht. Da war etwas anderes das ihn verwunderte. Die Tatsache nämlich, daß er es wie als sei er es - personifiziert, nun auch noch, von dieser Pauline, erfahren sollte, das war der Punkt, daß er wegen 'Aberglaube' - im 20. Jahrhundert zumal, von einem gleichaltrigen Mädchen erfahren mußte, die von ihrem eigenen Vater - auf ihn, Boris, angesetzt worden war. Das - offenbar auch, weil er ein Beglücker der Frauen wie ein 'Faun' sein sollte. Weil das feststand. Solch desavouierenden, üblen Unsinn hatte er allerdings noch niemals vorher gehört. Auch nicht in den verwegensten Bergbaukreisen. Nun hatte Bertram ihm erzählt, daß die Junggesellen des Ledigenheims vor einer Woche im Ledigenheim ein Fest ausgerichtet hatten, ein Fest, auf dem Paulines Vater und auch sie selbst - zugegen gewesen sind. Im Eifer der Gespräche ist dann etwas geschehen, das an übler Nachrede in Tateinheit mit ekelhafter Indiskretion grenzen wollte. Die Burschen hatten dem Vater erzählt, daß er, Boris, mit dessen Ehefrau, ein ehewidriges Verhältnis, und zwar von Zeit zu Zeit ausübte. Das war dem diesbezüglich ewig schon geplagten Mann zuviel. Seine Frau liebte die gemeinsame Tochter mehr als ihr Leben. Das war klar. Ohne jede ansonsten übliche Besinnung soll der Vater kurz nach diesen, für ihn so sehr grausamen Informationen, die Tochter - zu sich herangerufen haben. Dann soll er im Beisein von drei jungen Männern des Kohlenbergbaus, ganz offen gesagt haben, daß Pauline doch eine überaus reichhaltige Libido besitzen täte, und daß sie - demzufolge, höchstwahrscheinlich, ein apart ausgewachsenes Interesse an einen Jungen wie Boris haben müsse.

Pauline hatte offenbar ruhig zugehört, und als dann der Ort genannt wurde, an dem Boris so sehr gerne verkehrte, war sie wohl nicht mehr zu halten gewesen.

Der unvergeßliche Tag an dem sie sich mit Boris treffen würde, konnte nur dieser Sonntag sein. Ja, es war heute - der 21. Oktober 1962, und es war Abend.

Es regnete leicht, und es war ein bißchen - zu kalt, aber Boris fieberte, er war von einer ungeheuren Unruhe erfaßt: "Was war los? -was wollte das Schicksal von ihm? -welche Rolle spielten die schwarzen Männer des Bergs? -waren ihnen ihre überschweren, dunklen, oft schweißnassen Stiefel, denn noch nicht schwer genug? -waren sie jetzt vielleicht sogar noch darauf aus, sich völlig, zu lähmen? -wollten sie vielleicht töten? -hatten sie denn keine Angst? -Tief unten, ganz tief unten - im Berg, war er, Boris, ein wirklicher Held. Er war die unerschrockene, stahlharte, Karabinerhaken - ersetzende Begriffspersönlichkeit, er konnte mit Händen die wie ewige Schraubstöcke waren - zugreifen, und er konnte festhalten, nicht mehr loslassen, bis er erreicht hatte was es zu erreichen galt. Ihm sollte so etwas ...?"

"Hallo - Heinz; sagte Bertram, da bin ich, ja ich kann dir noch mehr von dem sagen was du wissen willst, an meinem Telefon ist es vielleicht doch etwas zu gefährlich für uns beide?!" - (...).



Sie hatten lange und ausführlich beraten, da war doch noch einiges Wichtige herausgekommen, mild lächelnd verabschiedeten sich die beiden jungen Männer, sie waren zufrieden.

Boris machte sich auf den Weg, die wenigen Meter zurückzugehen, als er nach kurzer Zeit an der Wirtschaft angelangt war, konnte er gerade eben noch durch das hell erleuchtete, durch eine kurze Gardine nur geschützte - Fenster, sehen, daß die beiden Wirtsleute von dem Tisch, an dem Pauline doch noch immer sitzen mochte, aufgestanden waren.

Er sah sie hinter ihre Theke zurückgehen.

Seltsam berührt, mit tiefgefurchter Stirne, ging er auf den Eingang zu, leise öffnete er die Türe, aber er konnte nichts hören. Der radauartige Lärm der ihm aus dem Schankraum entgegen scholl - war so stark, daß jedes Wort untergehen mußte. Also ging er wie als sei er fröhlich - auf den Tisch zu - an dem Pauline noch immer saß: "Hallo Heinz; sagte sie prompt und gutgelaunt wie es schien, gut daß du zurück bist, wollen wir uns jetzt noch ein wenig die Beine verdrehen?"

"Nein; sagte Boris, es tut mir leid "Pauli", ich muß weg, ich muß nach Hause, bei mir Zuhause liebe 'Pauli' steht nämlich der Spaten noch im Garten herum, er muß in den Schuppen gestellt werden, ansonsten besitze ich morgen vielleicht zwei?" - "Ach du liebe Zeit; sagte Pauline, dein Spaten, er ist vermutlich für das herbstliche Porree dastehend; sie sah - daß Boris begeistert nickte, freute sich ein wenig und sagte weiter, na gut - dann woll'n wir halt!" - "Wie es aussieht willst du mit; sagte Boris, aber 'Paulinchen', das kann nicht gut gehen, du wohnst doch genau entgegengesetzt von mir, zu mir nach Hause geht es doch nordwärts während du in den Süden mußt!"

"Das ist für heute egal; lächelte sie, du weißt, daß ich mich nach dir sehne. Ich will, daß deine starken Arme mich "umfühlen". Will, daß du mich an dich ziehst. Daß du mich küßt und mich liebst, so gut es eben geht!"

Boris war mehr als überrascht; so jedenfalls konstatierte es Pauline.

Der Bahndamm

Als sie aus der Garderobe kamen und angezogen waren hielt Erich sie noch einmal auf: "Ein Bier noch bitte, es ist von jenem jungen Mann dort in der Ecke!" Erichs Hand wies geradeaus, für Boris bedeutete das, daß er sich nach rechts wenden mußte, er tat es, und zu seiner freudigen Überraschung sah er Hans Steirer in der Ecke stehen, angelehnt stand er da, mit der Schulter an der Wand, und - er wollte partout, daß die beiden noch etwas verweilen mochten, Boris jedoch blieb konsequent, freundlich aber bestimmt wies er Hans ab, dann endlich gingen die beiden jungen Menschen in den Abend hinaus.



"Pauline; meinte Boris, hier ist meine Heimat, hier ist der Ort in dem ich lebe und spiele und wünsche und frech bin und artig. Das was hier im Moment unser Unterschlupf ist, das nennen wir alle die wir hier wohnen - 'die Dohle'. Habe keine Angst, ich habe schon lange keine schwarzen Vögel mehr hier oben; er zeigte mit dem Zeigefinger der rechten Hand nach oben - in das Gebälk des überdachten Zwischenbaus, eines überdachten Durchgangs zwischen zwei Wohnhäuser, gesehen, schon lange nicht mehr. Aber die jungen Leute hier werden dich, für die Augenblicke in welchen ich durch die lange Gasse zu mir nach Hause und zurück eile, unterhalten, sie werden mit dir reden, dich neugierig beschnuppern. Bitte warte also einige Minuten hier auf mich!"

"Ja Heinz; sehr schüchtern hatte Pauline geklungen, sehr schüchtern und erstaunt, dabei waren ihre Augen nicht aus dem Gebälk herauszubekommen, das da über ihnen so sehr majestätisch doch, zu thronen in der Lage war, doch; sagte sie weiter, ich warte sehr gern' hier auf dich. Heinz hatte zwei der jungen Leute vorgestellt, da waren nämlich neben zwei Mädchen, auch noch Andreas und Tobias in der Dohle anwesend, in diesem Ort der trauten Unterhaltsamkeit für Kinder und Jugendliche, an den ewigen Abenden zumal. Sie - hörte er noch, als er schon im 'Gäßchen' unterwegs war, wie aus einem Munde sagen: "Mensch - Pauline, hier spielt doch die Musik!" Pauline nahm den Blick aus den schwindelnden Höhen und begann ein munteres Gespräch mit den beiden.



Als Boris zurückkam hatte er den Spaten wohl noch vorgefunden, jedenfalls sah er kaum traurig aus, es war mittlerweile allerdings schon recht spät geworden, die beiden Mädchen die bei Andreas und Tobias gestanden waren - als Boris und Pauline in die Dohle gestoßen sind, verabschiedeten sich, kaum - daß er wieder da war. Etwas unglücklich grinste Boris nun aber doch, dann hörte er allerdings auch noch, daß Pauline sagte, daß sie selbst, nun ebenfalls - nach Hause müsse. Er war überrascht, sagte jedoch zunächst kein Wort. Tobias sah auf die Uhr, es war inzwischen etwa 24:00 h. Sie alle waren noch sehr jung, daß sie zu dieser Zeit noch auf sein mochten, das war eigentlich etwas ungewöhnlich: "Ich mag dich nicht begleiten; sagte Boris etwas harsch, es ist mir zu weit bis nach K.. Sehr traurig war Pauline urplötzlich, ratlos und zerknirscht: "Na gut; sagte sie, ich hatte dir ja gesagt, daß du nicht für mich geradestehen brauchst, daß ich lediglich die Absicht hatte mit dir zusammen zu sein. Der Hinweg hat ja doch etwas gebracht. Ich will nicht unzufrieden und undankbar sein. Mache es gut!"

"Halt; lachte Andreas, das ist doch ein schlechter Witz oder bin ich durcheinander, Heinz ...? -du willst doch nicht etwa wirklich Pauline alleine nach K. zurückgehen lassen, das, bei diesem Wind, bei diesem fiesen Nieselregen und dieser unangenehmen Kälte?"

"Doch - ich will; sagte Boris, du hast damit eigentlich gar nichts zu schaffen, meckere mich also nicht an!" "Aber - Heinz; mischte sich Tobias nun ein, das Mädchen braucht deinen männlichen Schutz, es ist mitten in der Nacht der Weg ist sehr weit, er führt durch jetzt leere Straßen oder Feldwege, was du da vor hast ist verantwortungslos!" Seine Gedanken wurden schwer, er zeigte jetzt keinerlei Regung, Geistesblitze jedoch, die von Psychologie und Verhaltenstraining sagen wollten, zuckten durch seinen Geist, er beherrschte sich und es kam kein Lächeln zustande: "Ihr seit üble Gangster; sagte er statt dessen im Brustton der Überzeugung, ich müßte längst schon in meinem Bette liegen und träumen. Ihr aber zwingt mich nun, doch noch einmal aus dem Dorf hinaus!"

Er faßte Pauline bei der Hand und zog sie in Richtung Süden.



Koitus

Etwa 12 km sind es bis zu euch, das wären 24 km für mich, wenn ich dich ganz bis zu dir nach Hause brächte. Das, obwohl ich heute schon ganz anständig müde marschiert bin!"

Sie standen in einem sehr dunklen Feldweg, standen auf den leichten Erhöhungen eines Erdreichs, das vor noch nicht lange zurückliegender Zeit Eisenbahnschienen und -schwellen beherbergt hatte.

Von seinem heimatlichen Wohnort waren sie vielleicht knappe 3 km weg, zu ihrem Wohnort hin - mußten es also noch etwa 9 km sein.

Es regnete in fiesen Strähnen, die feuchte Kälte tat beißen, sie - jedoch, Pauline, sie war wie ein Wunder, sie klammerte sich an Boris fest, küßte ihn so sehr leidenschaftlich in den Mund, daß ihm ganz anders wurde: "Was, um Himmelswillen, Pauline - machst du denn da?" - "Stelle dich jetzt bitte nicht so an, ich öffne dir doch nur die Hose!"

"Aber - Herrgott noch einmal und ...?"

Was immer Boris Mayer auch sagen hatte wollen, er kam nicht mehr dazu, ein überschäumendes Verlangen hatte in Bruchteilen von Sekunden eine enorme Libido entfacht, seine Sinne waren nur noch Begierde.

Im Stehen, etwas anderes war ja nicht möglich - hatte sie es geschafft ihren Willen, ihr Wollen, ihr Verlangen, in die Tat umzusetzen.

Sie fühlte den seligmachenden Boris Mayer in sich, sie spürte seine Kraft, seine Stärke, sein Vermögen und seine Art - und, sie war sehr zufrieden.

Als diese Situation - dieser Koitus, zu Ende war, knüpfte sie ihren Mantel zu und ging alleine durch die ewige Nacht, diesen furchtbar langen Feldweg, zurück nach Kellersberg.

Boris mochte sie nicht begleiten, sie wußte das, hatte zum Schluß hin den Mut, ihm zu sagen, daß er sie nicht weiter durch die Nacht zu bringen bräuchte. Er hatte sehr wohl den feinen Unterton in ihrer Stimme bemerkt, hatte sehr wohl erkannt, daß sie ihn forderte, den Mann, den fairen Jungen, den Typen - der eine Frau nicht im Stich läßt. Allerdings hatte er auch ihre Spucke, ihren Speichelfluß bemerkt, enorm - eigentlich, währen des Küssens ...

06.02.2000-19:18:17-

Bernhard Malinkewitz

07.02.2000-09:44:38

Bernhard Malinkewitz

1K. = Kellersberg, das ist ein Ortsteil von Alsdorf bei Aachen in NRW - Rheinland/Deutschland