Bernhard
BM & BM - Journalismus, Fachverlag für Technik +Kunst und Werbung
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Sommer 1953 1
Blumendünger 6
Gerade sieben Jahre alt ist Boris oder Heinz wie er jedoch lediglich von seinen Freunden nur genannt wurde gewesen, sieben Jahre Kinderleben sind also erst einmal wieder bloß zu verzeichnen, sieben jahre in einem kleinen Dörfchen. Einem Weiler. Einer elende verrußten Siedlung für Menschen die beinahe ausschließlich stur in Kohlengruben arbeiteten, die demnach den Sinn des Lebens im Geldverdienen tief im inneren der Erde sahen: "Boris - mein kleiner Liebling; so hörte er just im Moment die Mutter rufen, sie stand in der winzig kleinen Küche, dem sogenannten "Kabüfchen" - in dem sie alle, Tag für Tag Frühstückten, und in dem sie schier beständig Abendbrot hatten, willst du der Mama bitte einen Gefallen tun?" - "Was ist denn; antwortete Boris, was soll ich denn tun?" - "Der Milchmann war da, die Kuhmilch schmeckt so gut, sie schmeckt besser, als die leckere Milch unserer Schafe; sieben Schafe hatten sie beständig in einer selbstgebauten Scheune im Bergmannsgarten des Reihenhauses in dem sie lebten aufgezogen, sieben Schafe, neben anderem Nutzvieh, die beim Überleben halfen, komme doch bitte hier her und trinke ein Glas Milch mit mir!" Boris lief auf kleinen krummen Beinen, aus dem Garten, in dem spielte, in die Küche. Seine Mutter war eine stattliche Frau von etwa 58 Jahren, der Vater war fünf Jahre älter, er schaute mild durch die Wohnzimmertüre zu ihnen in die Küche hinein, sie - stand sehr resolut ausschauend, die Hände in den Hüften gestützt, die Haare mit einem Frotteehandtuch, das gewickelt wie ein Turban aussah, behütet oder beschützt, in jenem Kabüfchen: "Komme her zu mir Lausbub; sagte sie sanft, laß es dir schmecken!" Der kleine Boris nahm das gefüllte Glas und er trank es begierig aus, die Milch war ja so lecker. Der Mund des kleinen Jungen füllte sich bis zum Überlaufen, Milch trat an den Mundwinkeln hervor, die Mama nahm ein Geschirrtuch, wischte ihm mit einem Zipfel des Tuches das Mündchen ab, Boris konnte zudem noch sehen, daß sie den Papa" voller Stolz anblickte, und dann sagte sie aber auch schon die Worte, die sie eigentlich schon ganz zu Anfang ihres Verlangens an Boris hatte sagen wollen, die dem kleinen Boris allerdings ein Greuel waren: "Boris, du holst mir jetzt bitte in diesem Eimerchen; sie gab dem Jungen einen kleinen weiß emaillierten, etwa fünf Liter fassenden - Eimer in die Hand, die schönen Pferdeäpfel" - der beste Dung, zumal als Dünger verwendbar, den es überhaupt gibt, die Kot-Brocken also die bei uns auf der Straße liegen geblieben sind, du, mein lieber Junge, holst mir bitte den Pferdemist des Pferdes des Milchmannes hierher!" - "Aber Mama; sagte Boris leicht weinerlich, ich mag den Mist nicht holen, er stinkt doch sicher und macht krank?" Die erfahrene Mutter staunte ein bißchen, war wie es schien leicht verwundert, aber da Boris keine offenen Wunden oder auch nur Wündchen hatte, beruhigte sie sich sehr schnell wieder und meinte: "Ach was mein Schatz, sei doch bitte nicht so bockig, da ist nichts Garstiges dabei, ich habe als Kind sehr viel damit zu tun gehabt und bin nicht einmal unpäßlich davon gewesen, und außerdem brauche ich die wunderbaren Pferdeäpfel doch ganz dringend für meine wunderschönen Blumen. Also bitte lieber Boris, nimm das "Schäufelchen"1, nimm die kleine Schaufel die uns zum befüllen des Kohleofens dient mit, sie leistet dir ganz sicher die besten Dienste beim Einfüllen des Mistes in den Eimer, die Pferdeäpfel bleiben dann in ihrer Konsistenz erhalten und wir haben eine ganze Reihe runder "Bälle" in diesem Eimer!" Sie hatte mit der Hand in den emaillierten Eimer gewiesen, hatte die kleine Kohlenschaufel genommen, hatte den Jungen mit sanfter Gewalt an die vordere Haustüre geführt, diese geöffnet und ihm einen Kuß gegeben. Dann hatte sie ihm die auf der Straße herumliegenden Pferdeäpfel gezeigt, Boris hatte gesehen was er zu holen hatte, der Mist den er zuerst sah war noch frisch. Er lag nahe der Haustüre in einem klugen Haufen zusammen, in einem Häufchen das, zumindest scheinbar noch - dampfte. Die Wärme des Pferdekotes hatte Boris demnach sichtbare Zeichen gegeben, und zwar in dem sie Dampf vom Kot, über eben diesen erzeugte.
Boris stapfte nun doch tapfer los, die Mutter sollte nicht böse mit ihm werden, er mochte sie nicht verärgern, nein nein, hatte er gedacht, aber geschämt hatte er sich dennoch: "Hallo Boris; rief Günter - herüber, Günter Eisenach, ein Junge der erst seit kurzem hier im Ort wohnte, er war von Drüben gekommen, lebte in der Nachbarstraße und war ein ordentlicher Kerl, was tust du denn mit dem Eimerchen, willst du vielleicht in den großen Sandhaufen - und, darf ich dann mit?" In Günters Straße, der Straße also in der Günter wohnte, in der das Haus stand in dem er mit seinen Eltern lebte, hatte wenige Tage zuvor ein Baulastkraftwagen einen riesigen Berg Sand abgekippt, Sand - der eigentlich dort gar nicht hingehörte, denn er sollte für die von hierher nicht zugängliche Kläranlage am Rande des Weilers Einsatz finden, die Straße in der Günter lebte führte zwar direkt geradlinig auf die Kläranlage zu, aber - sie war eine Sackgasse, eine Straße ohne Durchfahrt. An ihrem Kopfende war der Garten eines der Bewohner des Ortes gelegen und nur durch diesen Garten wäre die Kläranlage zu erreichen gewesen, der aber konnte wegen seiner geringen Ausmaße keineswegs einen LKW passieren lassen, die Jungen hatten sich sehr gewundert, sie hatten ausgiebig gelacht, und nun glaubte Günter Eisenach daran, daß der Boris einfach eben noch einmal ganz schnell in den Sand wollte, bevor dieser wieder aufgeladen wurde, bevor Martin ihn auflud, denn lud er - den Sand weg, wäre es um jegliches Sandvergnügen für Boris und ihn geschehen, wäre Burgen bauen - z. B. passé: "Nein; sagte Boris traurig, ich muß Mist holen. Da krieg"ste - ob du willst oder nicht, elende die Pimpernellen, das Pferd des Milchmanns hat wohl mehrere Haufen gelegt. Der Milchmann; Herr Evan, sollte eigentlich viel schneller durch den Ort ziehen, seine oftmals langen Hausbesuche sind ärgerlich, sein Pferd macht zu oft, zu große Haufen, Haufen - die ich holen muß. Denn meine Mama hat Blumen, und ganz offensichtlich ist sie außerdem mächtig stolz auf alles was blüht. Jedenfalls was bei ihr blüht, mir schwand da einiges, denn wenn ich nicht schleunigst nicke, wenn sie mich höflich "bittet" die evan"schen Pferdeäpfel zu holen, dann meine ich jedesmal sie könnte womöglich die "Dicke Berta" auffahren von der mein Vater mir einmal erzählt hat, jene Kanone nämlich - die auf den Eisenbahnschienen so unheimlich weit ausholen mußte, wenn sie einmal einen Schuß getan hat, aber - meine Mama soll nicht wirklich auf mich "schießen", sie soll nicht einmal wirklich gegen mich ausholen, ich hab sie dazu doch viel zu lieb. Nun - jedenfalls muß ich die Sch... holen, keineswegs habe ich demnach die Absicht in den Sand zu marschieren - tut mir leid Günter, ein anderes Mal vielleicht, sollte Martin den Haufen aus ...? -Ja, was ist?" Boris wollte noch Sand" gesagt haben, aber er kam nicht mehr dazu, denn er hörte sehr harsch seinen Namen durch die Straße hallen, seine Mutter war aufgebracht, er möge doch bitte etwas mehr Disziplin walten lassen und endlich holen, was ihm aufgetragen worden war. Sie könne schließlich nicht den ganzen Tag mit den teilweise schon ausgetopften Blumen herumstehen, und einige Gartenblumen wären auch schon schier bis zur Wurzel vom Humus freigelegt. Das wäre sogestalt nicht gut für die lebenden Wesen, sie wären empfindlich und zart, bräuchten exaktgute Pflege". Boris war lieb, er gehorchte nun doch recht schnell.
Die Straßen in der sie alle, die Bewohner des Ortes also, lebten, waren eine furchtbar primitive Angelegenheit, sie hatten schier alle noch keinen festen Belag, waren wie in einem Urzustand unbefestigt. So war natürlich auch die große, innerörtliche, mitten durch die Ortschaft gezogene Straße in der Heinz Boris Mayer mit seinen Eltern lebte.
Lediglich von stinknormalen Rinnsteinen wie sie für die Gossen der Zeit üblich waren war sie umrahmt. Von Steinen, an welchen sich jeweils und immerwieder ein - nun allerdings ebenfalls wieder unbefestigter Bürgersteig anschloß. Einzig die Vorgärten der etwas feineren Leute hatten befestigte, zu den Treppen der Hauseingänge führende, mit groben Steinplatten belegte Wege. Vorgartenwege waren das, die jeweils bis an den Rinnstein heranreichten. Boris kannte seinen Weg nicht anders, sein Weg war schon da, als er dort geboren worden war.
Das Bild dieses Weilers, so wußte er häufige zu denken, entsprach etwa dem Bild einer Kleinstadt des amerikanischen Westens um 1895 herum. Der kleine Mayer hatte Bilder in dünnen Romanheftchen gesehen, und außerdem einmal einen amerikanischen Jugendfilm in dem ein schwarzes Pferd", eine überaus traurige Rolle gespielt hatte. Ja ja, der Boris hatte solche Gedanken, er war allerdings tatsächlich erst sieben Jahre alt, aber seine normalen schulischen Fähigkeiten waren eigentlich zurückgesetzte.
Boris hatte also nun das "Kohlenschüppchen" in der rechten Hand und sein Wollen war jetzt eindeutiger, den kleinen Eimer trug er links, die Hand schwenkte ihn leicht hin und her, dann kniete er nieder und stellte ihn ab. Der erste Haufen Pferdemist den er in den Eimer "baggerte" war allerdings doch schon so groß, daß Boris den kleinen Eimer bis an dessen Rand aufgefüllt hatte, erfreut über diesen Umstand war der kleine Mann darum alsbald wieder zurück bei der Mama.
"Mama; hörte man ihn piepsen, der dampfende Haufen vor unserer Türe ist jetzt in meinem Eimer, wo soll er hin? -hole ihn bitte. Die Mama" erschien in der Haustüre des kleinen Hauses, das ein Reihenhaus wie es in den Bergmannssiedlungen überall üblich ist war: -Ich hoffe gerne; sagte der Junge weiter, daß du nun nicht noch mehr brauchst?" - "Aber Boris; lächelte die Mutter mild, du weißt doch daß ich viel Mist brauche. Ich habe deshalb vorhin in die Straße geschaut, und wenn man nach oben, zum oberen Ende der Straße hin - sieht, dann sieht man noch zwei weitere kleine Häufchen Pferdekot herumliegen. Erkaltet zwar schon, aber er liegt in der Straße, die Leute die dort jeweils wohnen werden sicherlich froh darüber sein, daß du den Mist abholst, als los junger Mann, geniere dich nicht, hole mir auch den restlichen Kot.
Ich habe sehr viele Blumen zu düngen!" Boris wußte daß die Mutter eine Blumennärrin war, er wußte von herrlichen Myrten, hatte gesehen daß zu Hochzeiten, anläßlich von Konfirmation und Kommunion und auch zu anderen Festlichkeiten, die Menschen des Dorfes zu seiner Mama gekommen waren, um sie um Myrtensträußchen zu bitten, Mama war die gebewilligste Frau der Welt. Aber auch Hyazinthen, Lilien und Philodendren, Azalene und Dahlien, Pfingstrosen und Astern 'u. v. a. m.' hatte er gesehen, und seine Empfindungen - z. B., für die "Königin der Nacht", wie seine Mama eine wunderschöne, nur einmal im Jahr blühende Blume genannt hatte, waren schiere Liebe. Ja, er wußte daß diese Blüte nur dann erscheinen mochte wenn alles, aber auch wirklich alles, rund um die Blumenzucht herum in Ordnung war. Mama hatte nicht ein einziges Mal einen Ausfall. Boris erinnerte sich nach Kindheit und Jugendzeit noch lange an die wunderbare Stimmung die der Mama zu eigen war wenn die "Königin der Nacht" erblüht war. Doch doch - auch er liebte diese Blume.
Mutig und ergeben; er konnte schon mit diversen Gefühlen reagieren, nahm der kleine Blumenfreund darum erneut den Eimer und machte sich auf den Weg. Seine recht kurzen, dünnen und etwas O förmig ausgebildeten Beinchen stapften durch die relativ feste Erde der Straße, nur wenn es geregnet hatte, war von Festigkeit nichts zu verspüren, dann versank man sogar regelrecht in ihr. Nun aber war er bei einem Häuflein angelangt. Als er sich bücken wollte stand er mit dem Rücken in der Richtung in die er eigentlich hineingegangen war, sein Blick fiel also in die Richtung aus der er gekommen ist, und er sah, daß er etwa 250 m zurückgelegt hatte, das aber konnte er damals noch nicht einschätzen: "Boris du wirst dich noch beschmutzen; hörte er eine Anwohnerin sagen, so hörte er eine liebe, noch recht junge Frau, die einen Sohn hatte der mit ihm zur Schule ging, zu ihm sprechen: -warte einen Augenblick; sagte das freundliche Wesen, du bekommst vielleicht Ärger mit deiner Mutter, drum komme ich schnell einmal heraus, mag eben einmal nach dir schauen, will dir ein wenig behilflich sein!" - "Aber Frau Rose; sagte der Kleine, bitte bemühen sie sich nicht, ich komme auch so klar. Ich kann das doch. Es ist nicht das erste Mal, daß ich einen Eimer dergestalt zu füllen habe!" - "Nein nein, ich komme zu dir; sagte Frau Rose, ich dulde keinen Widerspruch!" Astern standen in ihrem Vorgarten, sie war eine kluge Frau. Das konnte man genau sehen", hatte Boris häufig gedacht, Astern aber - und Löwenmäulchen, Veilchen, Lavendel und Fleißige Lieschen waren im Garten von Frau Rose - zu bewundern, und alle ihre Blumen waren vorzüglich gepflegt.
"Ja - doch; dachte der Junge, da hatte Mama schon recht oft gesagt, 'die Frau Rose, das ist eine ganz phantastische Frau, wie die mit den Blumen umgehen kann, das bloß zu sehen, das alleine schon, das macht Kranke gesund"!" Er selbst mochte diese Frau auch, sie war von so herzerfrischender Art, daß die erzieherische Wesenskomponente ihrer freien Natur, kaum Aversionen in Boris hervorrufen mochte, er ließ sie gewähren: "Da bin ich; sagte sie nun auch einfach und leicht, kniete zu ihm nieder, streichelte seinen Kopf einen winzigen Moment lang, und nahm ihm die kleine Schaufel ab, ich werde dir den Rest des Kothaufens in den Eimer laden und einen winzigen Pferdeapfel davon werde ich dann noch zu mir nehmen, ich hoffe gern - daß dir das recht ist?" - "Ja Frau Rose; sagte der Junge, machen sie nur; sein Blick allerdings, der verklärte sich vor lauter Stolz, ich bringe ihnen, wenn sie wollen von weiter oben noch einige andere Brocken zum Düngen, sie brauchen das nur zu sagen?" - "Nein, mein lieber Junge; sagte Frau Rose, es ist gut, ich benötige lediglich einen einzigen Pferdeapfel, du aber - lieber kleiner Boris, du holst dir nachher, wenn du dir die Hände gewaschen hast, hier bei mir einen großen Dauerlutscher ab, ich glaube du hast ihn dir verdient!" Sie lachte breit, stand auf und ging mit dem Eimer bis zu ihrem Vorgarten, dort lud sie einen Pferdeapfel vor einen Asternstrauch, gab Boris den Eimer zurück und verschwand wieder im Haus.
Rot war er geworden, als die liebe Frau Rose ihm den Lutscher angeboten hatte, er wußte ganz genau, er - Boris Mayer, würde ihn holen, er würde sich eine solche Chance nicht entgehen lassen: Ein Dauerlutscher, mamamia(!); hatte er gedacht, und dabei hatte er sich außerdem riesig gefreut. Siebenmeilenstiefel mochte er sich darum besorgen wollen, denn es schmeckte ihm nicht nur die Milch der Mutter(!)."
1Schäufelchen" sollte Schüppchen" heißen, oder - kleine Schaufel ...