©Schwarzwaldfahrt

von


Bernhard Malinkewitz / Bernd Müller






BM & BM - Journalismus, Fachverlag für Technik +Kunst und Werbung

Inhaltsverzeichnis

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Mercedesangebot

Gespräch im Berg

Stuttgart 23. Mai 1966

Zugfahrt in ein Autoglück


Mercedesangebot

"Boris - hallo Boris, hörst du mich nicht; Maria hatte gerufen, sie waren zu dritt, sie, das waren Maria, Boris und die kleine, erst wenige Tage alte Tochter - Melanie, bei Marias Eltern in Mariadorf1 - zu Besuch: -ich will dir doch bloß etwas sagen, etwas - das dir bestimmt gefallen wird!"

"Doch - ich höre dich gut; sagte Boris, er war in dem großen Lehnstuhl eingenickt, die Arbeit steckte ihm noch in den Knochen, die Arbeit und das ewige Fest2 des Bergmanns, -schieß los, was willst du mir sagen!" - "Melanie hat ein Zähnchen bekommen, es sieht so süß aus, möchtest du einmal herkommen um deinen Liebling zu bewundern?" - "Ja!" Sagte Boris, stand auf, machte zwei Schritte und fiel um.

"Was ist denn nun kaputt; fluchte Boris still in sich hinein, während seine Wangen Farbe anzunehmen begannen, der Geist der Tiefe, der Geist des Berges hatte ansonsten zuviel von der ihm eigenen - über die Bergmannslunge gelenkten Farbe des Gesichts bei Boris zu bestimmen, dann sah er die Bescherung, vor ihm, zu seinen Füßen, hatte Melanie in einem Tragekorb gesessen und geschlummert, Maria hatte sie herausgeholt, hatte den Tragekorb aber stehen lassen, -verd...; dachte er leicht verärgert, ich hätte mir was brechen können!"

Dann stand Boris aber auch schon wieder auf und ging süffisant lächelnd auf Maria, Melanie und seinen Schwiegereltern zu: "Na guter Junge; sagte Paul Kräher, der Schwiegervater von Boris Mayer, bist du "unverletzt"?" - "Aber ja doch; grinste Boris, das Glück ist auf meiner Seite, ich muß doch "Mama-Nadja" nachher noch stemmen, sie zumindest einen halben Meter anheben, das war abgemacht, insofern war meine kluge Rolle über den Boden eine geschickte Handlung, denn wäre ich nun verletzt, könnte ich die Wette die wir beide gemacht haben nicht gewinnen. Ich werde sie jedoch gewinnen, da bin ich sehr sicher!" - "Du darfst mich aber nicht zu fest greifen - mein Sohn; sagte Nadja, denn ich fürchte du brichst mir die Rippen. Bei den Bärenkräften die du entwickeln kannst, ist eine schwache Frau wie ich sie bin, doch sicherlich schnell zerbrochen?" - "Aber Mama; lachte Boris, du bist doch allenfalls gerade eben einmal bloß 90 kg schwer, das aber reicht noch nicht aus, das die der Schwerkraft des Planeten entgegengesetzten Kräfte die ich aufzubringen habe um das Kräftesystem aus dem Gleichgewicht zu bringen, teilresultierend auf deinen Körperbau übergreifen, etwa noch in der Gestalt, daß ich dir die Rippen brechen könnte, nein nein, liebe "Nadja-Mama", so sehr unwissend bin ich ja nun doch nicht!" Sie sahen sich alle der Reihe nach verblüfft wie es schien an, dann lachten sie wie auf Kommando los. Boris hatte einmal mehr mit seinem ewigen Charme gewonnen.

Maria nahm die kleine Melanie hoch, und als sie das Kind dem Boris in den Arm gibt, strahlt die Süße über beide Wangen, und als sie dann den offenbar sicheren Arm des Vaters um sich fühlt, beginnt sie einen Gesang - "rrrhhhrrrrrhh", bbrrrrh, bhrrr, ääh ääh - ääähh(!)", der von einem Engel hätte sein können, Boris war hellauf begeistert, seine suchenden Augen glitten nun geradezu elegant in den Mund der Tochter, und siehe da, blitzschnell hatten sie das Objekt des Aufklärungsversuches gefunden: "Auh ja; sagte der junge Papa, ich sehe ihn, der Zahn ist ja wirklich prächtig, der könnte von Maria sein, nicht wahr?" Lauernd sah Boris in die Runde, niemand jedoch hatte den leicht suggestiven Unterton bemerkt: "Ja ja; sagte die Mutter, doch doch!" Und der Vater, der von der Mutter Paul genannt wurde, er sagte: "Ganz sicher, das ist doch sonnenklar!" Nachdem Boris ausgiebig über das Zähnchen gestaunt und theoretisiert hatte, gab er klein-Melanie Maria zurück, die legte das Kind in das Tragekörbchen und Paul lud zum Kaffee in die Küche ein: "Boris; sagte Paul nach einer Weile, ich weiß, daß es euch schwer fällt von Baesweiler3 aus hierher zu kommen. Das Kind will aber öfter als so etwas gewöhnlich der Fall ist bei Oma und Opa zu Gast sein; die Stimme des alten Bergmanns hatte einen seltsam belegten Ton, Güte, Sorge und Liebe waren manchmal heraus zu hören, merkwürdig das; meinte Boris still in sich hinein, wirklich merkwürdig, dann aber war es Paul der weitersprach: -ich hatte mir deswegen schon während der Schwangerschaft Marias Gedanken gemacht, ihr wollt möglicherweise doch einen großen, einen schweren, einen anständigen Wagen fahren dürfen - nicht!" - "Mmmhh; machte Boris, wollen und können, lieber Papa-Paul, ist zweierlei, ich jedenfalls kann mir denken, daß ein schwerer Wagen, auch schweres Geld kosten wird!" - "Nun ja? Sagte der erfahrene Bergmann: -Das ist sicherlich so, aber ich bin ja auch noch da, ich und Nadja und unser Sparbuch!"

Boris war auf das höchste erstaunt, seine Augen bekamen etwas Schatten, sein Blick wurde unregelmäßig, seine Gedanken kreisten um einen Mercedes: "Du willst dich an meinem Wagen beteiligen?" So fragte er seltsam brüchig im Ton seinen Schwiegervater, der sah ihn erstaunt an, war jedoch fröhlich und unbekümmert als er antwortete: "Beteiligen, mein lieber Junge, ist wohl nicht das richtige Wort, nein - ich will dir Geld schenken. Dir und Maria. Dir, Maria und Melanie. Das; lächelte er, damit du dir ein Auto kaufen kannst. Das; grinste er, damit ihr alle, öfter als normal, zu uns alten Leuten zu Besuch kommen könnt. Insofern ist es dann allerdings vielleicht doch eine Beteiligung, denn dein Einsatz ist dein Kommen. Dein guter Wille, hierher - zu uns!" - "Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll!" Boris war unsicher, man merkte es ihm an: "Du hast in der kommenden Woche Frühschicht; sagte Paul, ich selbst ebenfalls, in meinem Revier4 gibt es Männer, die sich in Stuttgart gut auskennen. Du wirst morgen wie immer, die Rohrleitungen der Pressluftzuführung5 kontrollieren, wir haben gestern auf Nachtschicht dafür gesorgt, daß in unserem Revier die Luft unregelmäßig zugeführt wird, du sorgst neben unseren analogen Maßnahmen selbst auch noch einmal dafür, daß du in das Revier beordert wirst. Wir werden dir erzählen was du zu tun hast, werden dir sagen wo es lang geht, ich hoffe sehr gerne darauf, mein lieber Boris, daß du damit einverstanden bist!" Boris war perplex, seine Antwort jedoch war ein schüchternes - Ja!



Da gab es noch einige Stunden urgemütliches Beisammensein, da gab es ein Glas Wein für Maria, es gab eine Flasche Bier und einen Klaren für Boris und es gab warme Gespräche und anständige Attitüde zu bewundern. Maria hatte sogar etwas ganz besonderes noch erhalten, die Mutter hatte vor Wochen schon bemerkt, daß in der Mode-Boutique gegenüber, ein ausnehmend hübscher Seidenschal ihrer Maria ganz exorbitant gut zu gefallen schien, ihn hatte sie der Maria gekauft, ihn hatte - sie, "ihrer Tochter" geschenkt, Maria war überglücklich. Als dann aber schließlich doch die Zeit des Aufbruchs nahte, als dann also ganz langsam Abschied genommen wurde, war man doch allseitig recht traurig. Man versprach sich ein baldiges Wiedersehen. Jetzt wäre Paul an der Reihe, hatte die Mutter gemeint - mit ihr, nach Baesweiler, zu fahren. Das wäre ja doch nur ein Katzensprung, zumal mit Pauls großem Mercedes.

Dann fuhr Paul die junge Familie nach Hause.





Gespräch im Berg



"Glück Auf; sagte Boris, hier ist Revier siebzehn nicht wahr?"

"Ja; grinste ein Hauer, was will"ste denn?"

"Ich bin Schlosser, ich soll hier die Rohrleitungen nachsehen, vielleicht weiß aber von euch wer, wo es möglicherweise bläst?" - "Nee, du bist wohl bekloppt, wo soll es denn blasen, hier ist alles in Ordnung!"

"Ach ja; Zweifelte Boris, hast du denn heute schon einmal ein Gerät das Luft braucht ausprobiert?"

"Nein; hämte der Hauer, noch nicht, aber ich kenne mich gut hier aus, und meine Nase sagt mir, hier ist alles in Ordnung - klar!" - "Nein; sagte dieses Mal der Boris, nichts ist klar, dann griff er einen herumhängenden Zughub, beachtete den Protest des Hauers nicht - und schloß die Tülle des Schlauches an einen Rohrstutzen an, als er den Zughebel des Zughubs für Kettenfahrung betätigte geschah jedoch nichts von Bedeutung, daß da noch etwas Luft war, das konnte man bemerken, aber die Volumina reichte bei weitem nicht aus, den Zughub in Bewegung zu versetzen, -es ist also die Luft weg, aber wo; sagte er laut, der Hauer blickte finster, meckerte - hau ab hier(!), Boris griemelte und sagte: -Wenn du was vor die "Fresse" willst, sag das noch einmal - das was du da gerade eben gesagt hast!" - "Du kannst mich "mal!" Sagte der Hauer, dann nahm er einen Hammer und schlug eine Holzstütze, die eine Kohlenrutsche am Eingang des Wendels6 der in diesem Blindschacht eingebaut war hielt - fest. Boris ließ ihn in Ruhe, nahm sich das nahe Telefon vor, es war das Streckentelefon, er wußte genau, daß er - würde er jetzt klingeln, den Hobelfahrer des Strebs7 an der Leine hätte, den jedoch wollte er nicht. Er sah auf die Uhr, es war beinahe soweit, noch 15 Minuten bis zehn Uhr, dann gäbe es am Eingang des Strebs, neben dem Hobelfahrer auch den 1. Bas des Reviers. Den wollte er sprechen, ihn wollte er nach dem Leck fragen und nach „Paul Kräher". Da es für diesen Anruf aber noch ein wenig Zeit war, überlegte Boris was er in der Zwischenzeit machen sollte? -ihm kam der Gedanke in den Förderkorb des Blindschachts - zu steigen, um nach unten zu fahren, um zurück auf die 610 m Sohle dieser Zeche zu gelangen, von dort war er auch hierher gekommen. Gedacht getan, Boris stieg in den Korb, der Hauer maulte zwar, als Boris in bat, die Signale zu geben, aber schließlich setzte der Korb sich in Bewegung nach unten.

Boris suchte in der Nähe der Ladeanlage, der Stelle an der die Bergbau-Loren mit Kohle befüllt werden, das Rohr, das von hierher nach oben führte, um dort die Pressluft hinzuleiten. Er fand es schnell. "Aha; dachte er, hier ist es, nun brauche ich lediglich noch den Schieber zu finden der mit dem Verteiler konform geht, der nach Revier 17 die Luft hineinleitet?" Er suchte nun noch drei oder vier Minuten herum, dann hatte er ihn gefunden, und siehe da, der Schieber stand in Sperrstellung, es konnte also gar keine Luft von der Hauptleitung in das Revier 17 gelangen, wie sehr man dort auch suchte und fluchte. Der junge Schlosser nahm eine Rohrzange und einen Hammer aus seiner Schlossertasche und dann entsperrte er die Rohrverbindungen so, daß das jetzt aufkommende Zischen der in das System von Revier 17 einfließenden Luft, ein Schmunzeln auf seinem Gesicht hervorzauberte. Boris war fürs erste zufrieden.



Sein Blick ging zur Uhr, er wußte genau, daß er sich ein bißchen sputen mußte, denn es war nun schon etwas später als 10:00 h. Der Bas8 - würde nicht auf ihn warten, das war ein fleißiger, verantwortungsbewußter, harter und kräftiger Mann, der durchaus mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen vermochte. Bis 10:25 h etwa wäre dieser Hauer wohl im Hobelstall9 - dann aber, nachdem er den Hobelfahrer eingewiesen hatte, wäre er wahrscheinlich schon wieder auf seinen obligatorischen Kontrollgängen in seiner Hälfte des Strebes, und dieses Hälfte war die Hälfte, die zur Bandstrecke führte. Boris war ein erfahrener Mann des Berges, im "unter Tage Bergbau" kannte er sich aus - seine fachspezifischen Kenntnisse reichten daher weit über die normale Terminologie hinaus, ihm war demnach also klar, daß die Bandstrecke die Strecke war, in der das Hauptgeschehen der direkten Kohleförderung eines Reviers vonstatten ging. Das dort die Maschinen aufgestellt waren, die den allergrößten Lärm verursachten, das - aber es war ihm jetzt noch überhaupt nicht klar, würde jedoch eine gewichtige Rolle während der nun hoffentlich doch wohl anstehenden Gespräche mit den Kumpels spielen.

Als er schließlich, heute schon zum zweiten Male, "oben" - aus dem Blindschacht in den Bandstreckenanfang eintrat, war von dem rüden Stapelhauer nichts zu sehen, ihm war es egal, er gab per Seilzugsignale den Korb frei, ging zum Telefon, klingelte sich in den Hobelstall des Strebes und bekam den Bas in die Leitung:

"Hallo Franz; sagte er, hier ist Boris, Boris Mayer, ich wollte zu euch stoßen, wollte allerdings vorher fragen - ob alles läuft, ob der Hobel gut ist, die Kohleförderung steht - und ob alle Männer da sind?" - "Komme zu uns, ich bin noch im Stall, wir werden sehen ob ich die beiden Kohlenhauer zu Paul, und zu dir, in die Bandstrecke beordern kann, normalerweise geht das nicht gut, die "Schilde" müssen allzuoft eigentlich nachgerückt werden, das Flöz wird mächtig gut abgehobelt, aber - mein Bas-Kumpel von der Kopfstrecke und ich, wir beide werden wahrscheinlich für eine Viertelstunde an die Stelle der beiden Hauer treten können, wenn ihr vier euch dann etwas beeilt und eure Unterredung kein ewiges Stelldichein wird, dann, so denke ich, wird sich Pauls Wunsch wohl realisieren lassen. Paul schaufelt ja sowieso wie immer, so auch heute, in der Bandstrecke den Raum um den Kohlenbrecher10 frei, der Brecher wird wohl auch für eine kurze Zeit alleine bleiben können, also - komme zu uns!" - "Danke!"

Boris machte sich auf den schon recht langen Weg in die Tiefe, er mußte ja schließlich bis schier an das Ende dieses Querschlags11 laufen, bis dahin, wo die Welt einfach zu Ende war, wo es tatsächlich nicht mehr weiterging, noch nicht jedenfalls, bis dort also, wo der Berg dem "Tunnel" ein Ende machte, und das war eine ganz schöne Strecke, denn das Flöz wurde nicht erst seit gestern abgebaut(!).

"Glück Auf Paul(!), wie geht es dir, was macht der Brecher, ist er noch nicht zugestaubt!" Sogestalt witzelnd begrüßte Boris seinen Schwiegervater, Paul Kräher stand vielleicht - 30 Meter, vom Hobelstall entfernt, in der Bandstrecke und schaufelte so, als gälte es einen Wettbewerb zu gewinnen. Als er Boris erkannte - stellte er, breit lachend, die große Kohlenschaufel beiseite. Ein großes Tuch aus der Hosentasche holend, sich den Grubenhelm etwas zurückschiebend und die schweißnasse Stirne wischend, lächelte er mit diesen ersten Reaktionen, dann schmunzelte er den Boris wegen der weggestellten "Schippe" listig an: "Du, mein lieber "Schlossermeister" - weißt wohl gar nicht, daß diese "Schippe", Pauls Hand wies auf die übergroß dimensionierte Schaufel, in unseren Breitengraden - "Pannschöppe" heißt, und - daß sie nur darum so genannt wird, weil mann mit ihr immense Mengen "Schippgut" - schwer schippend zumal, wegarbeiten kann?" - "Doch; sagte Boris, ich weiß das sehr gut, aber meine Bemerkung bezüglich eines eventuell zugestaubten Kohlebrechers war gerade darum reiner Spaß!" Sie lächelten sich listig an und gaben sich die enthandschuhten Hände.

Dann meinte Paul - daß sie nun wohl schnell zu Franz Höchster - dem 1. Bas des Reviers müßten, der würde dann hoffentlich in der Lage sein, die beiden Männer, Wilhelm Märze und Diethelm Dees - aus den Streb zu geben, damit sie zu Potte kommen könnten(!): "Glück Auf Franz; sagte Paul ganz artig, du weißt ja um was es geht, können Wilhelm und Diethelm herunter kommen oder dauert es noch?" - "Keine Sorge; grinste Franz Höchster, ich rufe sie her!" Kaum, daß er ausgesprochen hatte holte er aus seinem Gürtel auch schon ein Kabelgebilde hervor an dem ein seltsam geformtes, wie der Drehknopf eines größeren Potentiometers ausschauendes Gebilde hing, es war dieses Gebilde die Muschel des Telefons, durch die man gleichzeitig, abwechselnd, sprechen - und hören konnte.

Er steckte das andere Ende, an dem ein Verbindungsstecker angebracht war, mit ebendiesem, in eine der vielen kleinen Lampen der Strebbeleuchtung ein, und dann klopfte er mit dem Licht der Lampe Signale in den Streb, der aufmerksame Kohlenhauer im Streb wußte nun, da will wer telefonieren, und in diesem Falle - wußten sie auch wer da mit wem telefonieren mochte. Nachdem das Gespräch zustande gekommen und beendet war, drehte Franz Höchster sich um und sagte zu Paul und Boris gewandt: "Ja - sie kommen, sie sind in wenigen Minuten hier. Macht euch am Streckenpanzer etwas Platz, schaut - daß ihr nicht auffallt, der Steiger ist zwar auf der Kopfstrecke, aber hier unten gibt es vielleicht "Schwätzer" und "Radfahrer" - und, es wäre das letzte Mal, daß ich euch hätte helfen mögen, sollte es zu einer solchen Situation kommen!" - "Keine Sorge Franz, wir passen auf; Paul war es der das zu sagen verstand, wir sind außerdem in maximal 15 Minuten fertig!" - O. k.; lachte Franz, dann haut ab!"

"Glück Auf!" - "Glück Auf!" So traditionsgemäß und keineswegs abergläubisch begrüßten die vier Kumpel sich, dann gingen sie direkt in medias res: "Wilhelm weiß ganz genau, daß Herbert Stiffham, seit einiger Zeit in Stuttgart ist und dort ein Autogeschäft betreibt!" Diethelm war es der das gesprochen hatte, Wilhelm geradezu herausfordernd dabei anssehend: "Ja natürlich; sagte der dann auch wie aus der Pistole geschossen, das ist richtig, Herbert war Schlosser an den Lokomotiven hier auf der Zeche, ich weiß nicht ob Boris ihn nicht sogar selber kennt, aber - wie dem auch sei; sagte er stirnerunzelnd, weil er bei Boris eine Bewegung bemerkt hatte, heutezutage ist er in Stuttgart tätig, und wir beide, Diethelm und ich, wir kennen ihn wie einen Bruder!" - "Das ist ja hochinteressant; nickte Boris, ich selbst bin nicht wirklich sicher, ob ich den Mann kenne, aber ich glaube ich habe ihn schon einmal gesehen, als ich vor etwa drei Jahren als Lehrling hier unten war?" - "Das kann durchaus sein; lachte Diethelm, denn - im Sommer 1963 ist Herbert abgekehrt!" - "Mmmh(!); machte Boris, das könnte knapp hinhauen(?!), es ist aber wahrscheinlich egal - oder? -ob ich ihn kenne oder nicht. Denn - es geht doch in erster Linie darum, daß ich von euch einen potenten Mercedesverkäufer avisiert bekomme, der zudem in der Lage ist, spezifisch wie speziell, neben einigen technischen Begleiterscheinungen wie Zusatzgeräte ...? -ja Paul - was ist; Boris hatte gesehen, daß sein Schwiegervater etwas zu sagen hatte: "Das ist genau der Punkt mein Junge, Herbert Stiffham ist in der Lage ganz spezielle Dinge zu tun - ja ja, doch doch!" Paul schmunzelte vergnügt und machte Boris Zeichen - daß der doch bitteschön fortfahren möge, daß der sich doch um Himmelswillen bloß nicht gestört fühlen solle, der grinste und machte tatsächlich da weiter, wo er gerade eben unterbrochen worden war: -also - Zusatzgeräte und Sonderausstattung etc., soll Herbert bereitstellen können, und er sollte zudem im Stande sein, die finanzielle Seite der allseits gewünschten Angelegenheit hilfreich mitzugestalten!"

»Aber genau das ist unsere Bestrebung; merkwürdig den Kopf in Richtung des Strebs bewegend versuchte Wilhelm eine seltsame Unsicherheit zu verbergen, es schien zu gelingen, denn als er den Kopf erneut zurückgedreht hatte - sah er in völlig normale Gesichter, -es ist darum unser Ziel, weil - Paul und wir, ganz dicke Freunde sind, und weil wir ein besonderes Interesse daran haben, dir einen Mercedes zuzuschanzen. Du bist nämlich unser »Liebling«. Du bist der Junge, mein Lieber, der bei diversen Männern im Berg, Charakterkarriere machte, das vergessen wir niemals!« Merkwürdig gerührt schaute Wilhelm weg, langsam holte er ein Taschentuch aus dem Bergmannsanzug, langsam schneuzte er sich, geräuschvoll zudem, seine wirklich große Nase: »Und außerdem; so hakte Diethelm nach, gibt es ein Geheimnis unter uns, eine Wahrnehmung oder so etwas Ähnliches, jedenfalls wird viel von dir erzählt, da sind Dinge dabei, die du noch gar nicht wissen kannst, und - es sind nicht nur Freunde von uns dabei, die von diesen Dingen erzählen könnten, die ganz sicher allerdings, von und mit ihnen leben und denken!« Boris staunte nicht schlecht: »Das war ja allerhand, da hatten sie also den Mut, einmal etwas offener die Dinge anzusprechen, die um ihn persönlich, um ihn herum gar manches Mal - so sehr merkwürdig, ja geradezu hartnäckig seltsam, diabolisch phänomenal in Stellung zu gelangen suchten(!)« Sagen mochte er jedoch folgendes: »Das ist riesig, das ist außerordentlich nett, ich weiß genau, daß viele von euch davon wissen, daß diese Kohle, hinter der wir alle wie begierig her sind, schwarz ist, und ich weiß außerdem, daß sie Gasbestandteile enthält, Gasbestandteile die anhand ihres mengenmäßigen Vorkommens in einer spezifizierten Größe der Kohle, darüber entscheidet, ob die jeweilige Kohle - z. B. für die Stahlverarbeitung in Hochöfen Verwendung finden kann. Ich weiß zudem, daß viele von euch - selbst auch hart sind, hart wie Stahl, und das, obwohl ihr eine Menge Gase einatmen müßt - und Staub. Erstaunt sahen die drei Männer wie auf Kommando zu Boris hin, seltsam glühten ihre Augen, das Licht der Kopflampen strahlte wie irisierend, die Helme waren verrutscht, die Stirnen perlten den Schweiß, die Haut glänzte, sie waren seltsame Geschöpfe des Herrn, ihre Wesenszüge schienen urgewaltig einsam und männlich: -Ja; sagte Boris weiter, ich weiß davon, daß viele von euch wissen, daß die Kohle der wir unbarmherzig nachjagen, aus den Urwäldern dieses Planeten entstand. Mir ist völlig klar; lächelte Boris, daß der moderne Bergmann auch davon weiß, daß die Kohle einstmals blühender Wald war, hier werden immer noch Farnkräuter und Schalentiere gefunden, die eingeschlossen in der Kohle, ausschauen, als lebten sie noch wie vor vielen Millionen Jahren. Und mir ist wirklich klar; grinste Boris bedeutsam, daß sehr viele von euch - davon wissen wie dieser Prozeß der zur Kohlewerdung führte abgelaufen ist. Das soll aber keineswegs mein Reden sein, ich will damit eigentlich nur gesagt haben, daß der Bergmann in manchen Gegenden unseres Landes, zu Unrecht als - zu primitiv, verschrien ist. Als dumm, als starrköpfig und wenig belehrsam. Aber nun kommen wir vielleicht in die hohe Politik, kommen vielleicht in die Bereiche der Montan Union und kämen ins Diskutieren würde ich fortfahren? -dazu jedoch fehlt uns einfach die Zeit. Ich weiß, daß ihr mir helfen wollt, damit ich in der Lage bin euch zu helfen!« Das war etwas - das zu Herzen ging, es war jedoch hart, und es war außerdem hochgradig intelligent, ihm war darum nicht wirklich klar, ob die Männer alles was er gesagt hat auch verstanden haben. Sie sprachen noch einige Minuten miteinander, und dann verabredeten die beiden Kohlenhauer mit Paul Kräher auszumachen, was sie in der Konsequenz ihrer anstehenden Handlungen in Richtung Herbert Stiffham bewegen wollten, und sagten zu - Boris herauszuhalten. Der würde bald schon von Paul erfahren was er zu tun hätte(!).

Nachdem sie alle zufrieden waren ging es für Boris sogestalt weiter, daß er sich verabschiedete, daß er seine Tasche nahm - und, daß er den beschwerlichen Weg zurück in Richtung Blindschacht nahm. Dort angekommen, stellte er erst einmal seine Tasche auf den Boden, auf das 'Liegende' - um terminologieträchtig genauer zu sein, dann setzte er sich mit seinem Allerwertesten auf sie drauf, nahm ein Brot aus der Seitentasche seines Bergmann/Schlosser­Anzugs und machte sein s. g. Botterram12.

Boris beendete diese Schicht wie jede andere, als er Zuhause war, stellte er jedoch fest, daß seine Sinne geschärft waren, daß sein Lebenssaft sprudeln wollte, daß ungeahnte neue Energiequellen sich auftun wollten, daß er ein Mann war.





Stuttgart 23. Mai 1966



»Ja Boris; sagte Paul, du hörst gut, es ist geregelt, du nimmst in Stuttgart das Hotel REGA, das Zimmer ist bestellt, zu dem Geschäft von Herbert Stiffham ist es etwa fünf Minuten zu Fuß. Er weiß bescheid. Du wirst keine Mühe mit ihm haben. Sei lediglich etwas vorsichtig, wenn du seiner Frau begegnest. Herbert ist sehr eifersüchtig und es macht ihm viel aus, wenn ein junger Mann seine Frau »beguckt«, so jedenfalls sieht er oftmals sogar bloß ein zufälliges Schauen. Die Frau ist hübsch. Sie ist eine rheinische Schönheit, würde auf Miß Germany Konkurrenzen gewinnen. Da sind wir alle sicher. Aber du bist ja glücklich mit Maria getraut. Das haben wir deutlich gemacht, und wir haben außerdem gesagt, daß du ein freundlicher Junge bist!«

»Aha; nickte Boris säuerlich, ich bin also wieder einmal ein 'freundlicher Junge'. Na ja - wenn es weiter nichts ist, dann werde ich den 'Minderwertigkeitskomplexen' dieses eigentlich doch wohl überaus merkwürdigen Mercedes-Verkäufers Rechnung tragen. Daran jedenfalls soll unsere Aktion nicht scheitern. Wann soll ich fahren?« - »Du fährst am 22. 06., das ist morgen, Mittwoch, und zwar fährst du mit dem Triebwagen ab Alsdorf-Bahnhof in Richtung Köln. Dort steigst du dann in den Zug nach Stuttgart ein!«

Boris wußte bescheid, es konnte losgehen.



Zugfahrt in ein Autoglück

Die Räder des Zuges ratterten, es war nichts sonderlich Aufregendes geschehen, bis Köln war alles glatt gegangen, der Hauptbahnhof hatte sein edles Gesicht gezeigt, der "Umsteigezug" wartete schon - und als Boris gerade zwei Minuten in seinem Abteil gesessen hatte war er auch schon losgefahren. Nun saß Boris also ruhig und beschaulich im Zug, fuhr in den Süden und wartete darauf, daß er Gesellschaft bekäme, das 1. Klasse-Abteil war wunderbar, aber er mochte halt nicht nur allein sein.

Bis nach Stuttgart war es doch recht lang und es kam auch der eine oder andere Fahrgast in sein Abteil, es gab auch kurze Gespräche, es gab Blicke und Zeichen, unbewußt und bewußt, jedoch waren eigentlich alle Mitreisenden nette Menschen, alle - bis auf einen, als Boris nämlich einmal zur Toilette mußte, hatte er seine Illustrierte nicht weggesteckt, als er zurückkam waren Fahrgast und Illustrierte weg.

»Na ja!« Hatte er gedacht und dann sah er Stuttgart auf dem Ortsschild an dem der Zug gerade „vorbeidonnerte“ erscheinen.

Boris war gut im Hotel "REGA" angekommen, es handelte sich bei diesem Hotel um ein Hotel, das ein Kongreß- und Tagungszentrum beinhaltete, etwa 12 km von Sindelfingen entfernt, seine Aufnahme war perfekt geregelt, die Zeit wurde ihm niemals lang, er hatte eine ganze Woche Urlaub bekommen, seine Wünsche erfüllten sich und die Lust auf einen Mercedes wurde gestillt.

Allerdings gab es einige - eigentlich und ansonsten seltene Abenteuer zu bestehen. Abenteuer, die einmal auch im Hotel ihr Wesen hatten, und die ein anderes Mal in der Umgebung des Autoladens von Herbert Stiffham Bedeutung hatten. Über diesen Rheinländer, dessen Vater ein Brite gewesen ist, war Boris an ein Ingenieursbüro in Königswinter gekommen. Da gab es dann bald zwei Männer in seinem Leben, die den Weg nach Stuttgart per Porsche und großem Mercedes - nur darum gemacht hatten, um ihn - Boris, kennenzulernen. Die Woche in Stuttgart war jedenfalls ausgefüllt - und die Termine für Boris rissen nicht ab, dennoch blieb der junge Bergmann auf dem Boden der Realität, dennoch machte er keine Querschläge, dennoch keine Unfälle und dennoch keine Mißgeschicke auf.

Die beiden Ingenieure hatten eine Kupplung erfunden die in das Auto von Boris eingebaut wurde, Airkondition war ein weiterer, besonderer Aspekt, und Glühkolben, Einspritzung und Dieselkraftstoffe waren überaus wichtige Themen im Umgang des Boris Mayer mit den beiden Herren dieses phantastisch klugen Ingenieursbüros. Boris wurde Testfahrer für das Büro, er wußte genau, daß Herbert Stiffham einen Weg gefunden hatte, das Ingenieursbüro an den Kosten für den PKW zu beteiligen, und es war ihm schließlich auch recht. Drei Monate währte der Vertrag, dann stand es für die Ingenieure fest, sie hatten alles was sie brauchten und Boris den Mercedes.

13.02.2000-Bernhard Malinkewitz

- ©Bernhard Malinkewitz-©BM & BM - Journalismus, -!



1"Mariadorf" ist ein Örtchen nordöstlich von Aachen ...

2Das "ewige Fest# - ist das "Trinken" des Kohlen- u./o. Steinstaubs ...

3"Baesweiler ist der Ort nördlich bei Aachen in Deutschland, in dem Boris zu dieser Zeit lebte ...

4"Revier" ist gleichbedeutend mit "Abteilung" ...

5Diese Luft dient der Arbeit mit den Pickhämmern, und es wurden auch Maschinen wie "Luftmotoren" etc. damit angetrieben ...

6"Wendel" ist eine spiralförmige Kohlenrutsche - oft über viele Meter tief, im Unterwerksbau oder zwischen zwei Sohlen eingesetzt ...

7"Streb" ist der Raum der das Flöz enthält, der Raum in dem die Kohle direkt abgebaut wird ...

8Bas ist so etwas wie Vorarbeiter ...

9Hobelstall ist - bildlich, eine Art Wendehammer am Ausgang eines jeden Strebs, dort liegen die schweren Antriebsmaschinen, dort befindet sich die komplette Steuerungsapparatur und der Mann der das alles bedient, der s. g. Hobelfahrer ...

10Kohlenbrecher ist eine überschwere Maschine, die über eine starke Kohlenzerbrecherwalze alles Stückgut das zugroß ist zerkleinert ...

11Querschlag ist ein Tunnel

12Botterram ist Butterbrotpause