Bernhard Malinkewitz

Auszug aus einem Artikel über den

Neandertalter

 

(aus GEO - vom ?)


Achtung: Bei diesem Dokument handelt es sich

um eine unfertige Teil-Einscannung, die

außerdem noch nicht nachbearbeitet wurde ...!

 


... hintersten Winkel einer gewun­denen, nur durch einen brunnentie­fen Schacht erreichbaren Höhle in Apulien ruht eine sonderbare Reli­quie der Frühmenschenkunde. Es ist ein menschlicher Schädel, ins Innerste der Höhle verbannt.


“Apsis" wird jener Raum am Ende ei­ner Strecke genannt, die nur kriechend zu bewältigen ist. Das Tropfgestein, der Sinter, ist hier plötzlich nicht mehr spin­deldürr, sondern mächtig und bildet am Einschlupf ein Portal. Dahinter ist die Zapfenlandschaft übersät von kalkigen Knospen; man glaubt, in ein Korallen­riff geraten zu sein. Zwei Sintersäulen an der Rückwand halten den Schädel im Zangengriff, verkehrt herum. Und Kalkknospen besiedeln auch das Kno­chengesicht. Sie springen von den Rän­dern der Augenhöhlen, der Nasenöff­nung. Sie fügen dem Oberkiefer eine groteske zweite Zahnreihe an.

Tropfgestein braucht Zeit zum Wach­sen; der Schädel liegt schon Jahrzehn­tausende dort. Im Herbst 1993 wurde er entdeckt - doch bisher durfte nur ein Dutzend Forscher und Besucher zu ihm hinabsteigen. “Sehen Sie", sagt Eligio Vacca und deutet halb im Liegen auf die Schädelpartie unter der rechten Augen­höhle, “hier gibt es keine Wangengrube. Das Gesicht ist etwas zugespitzt - ein Neandertalermerkmal." Der Italiener ist Anthropologe an der Universität Bari. Von der Hafenstadt an der Adria sind es 40 Kilometer landeinwärts nach Alta-mura, dem Städtchen, in dessen Nähe die Höhle liegt.

Nicht nur der eingewachsene Schädel macht den Fund so besonders. Unmit­telbar neben ihm liegt fast das gesamte Skelett eines männlichen Individuums:

die Knochen der Extremitäten, das Becken, Teile der Wirbelsäule, der vom Schädel losgelöste Unterkiefer. Alles ist fest angesintert. So schiebt Vacca einen Handspiegel unter das Ensemble, um am Unterkiefer die “retromolare Lücke" hinter dem letztem Backenzahn zeigen zu können - wo sich beim Jetztmen­schen die Weisheitszähne herauszwän­gen, hatten Neandertaler mit ihrem aus­ladenden Gebiss noch fingerbreit Platz.

Homo sapiens neanderthalensis ist für die Paläoanthropologie, die Wissen­schaft von den menschlichen Knochen aus der Urzeit, ein guter Bekannter. Ske­lettreste von mehr als 300 Individuen wurden in Europa, Westasien und im Nahen Osten entdeckt. Das ist ein reicher Knochenschatz verglichen mit den raren Zeugnissen älterer Hominiden (“Men­schenartiger") aus dem Homo- oder gar dem Australopithecus-C\as\. Für jene jahrmillionenalten Gestalten führt schon die bloße Frage, wie sie wohl aussahen, ins Reich der Spekulation. Für den “Klassischen Neandertaler" hingegen, der vor 100000 bis 30000 Jahren lebte, gibt es klare Merkmale, die einen stark­knochigen Typen von leicht gedrungener Gestalt beschreiben.

Auch haben sich von dieser Men­schenform unüberschaubar viele Werk­zeuge und andere kulturelle Zeugnisse erhalten. Längst ist der Mensch aus der Eiszeit nicht mehr allein die Sache von Knochenexperten. Eine ganze Archäo­logen-Equipe ist ihm gleichfalls auf der Spur. Und gerade sie hat in letzter Zeit eine große Zahl von Einzelerkenntnis­sen zu einem neuen Bild vom Neander­taler zusammengepuzzelt. Es ist das Bild eines Menschen, der nicht nur eine starke Physis hatte, sondern auch zu überraschenden sozialen und kulturel­len Leistungen fähig war. Mehr noch:

Der Neandertaler, so zeichnet sich ab, war ein vollgültiger Gegenentwurf zu unserer eigenen Subspezies - dem “ana­tomisch modernen Menschen" oder Homo sapiens sapiens.

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Im großen Puzzlebild von diesem zweiten Menschen am Ende der Eis­zeit in Europa liegen allerdings noch viele der Einzelteile durcheinander. Was hat er genetisch zum modernen Men­schen beigetragen? Warum musste er schließlich verschwinden? Und wo stammt er, biologisch gesehen, her? Der Altamura-Mann steht der Neandertaler-Vorzeit noch vergleichsweise nahe: Ob ich die senkrecht in der Stirn stehende, leichte Erhebung bemerkte? “Ein altes, in die Zeit der Neandertaler-Vorfahren weisendes Merkmal." Eligio Vacca fol­gert aus diesem und anderen Zeichen, dass das Skelett dem Typus des “Frühen Neandertalers" zuzurechnen und etwa 130 000 Jahre alt ist.

Diese Ansicht vertritt auch Vaccas akademischer Lehrer und Kollese Vit-

torio Pesce Delfino. Der Professor ist selbst nicht mehr gelenkig genug, um sich bis in die Apsis zu zwängen. Den­noch hat er seit der Entdeckung dafür gefochten, dass das Skelett nicht aus dem Fundkontext herausgelöst wird. So hat er ein Forschungsprogramm durch­gesetzt, das auf Fernerkundung mit 3-D-Videokameras baut. Deren Bilder wer­den über Glasfaser in ein eigens in der Nähe errichtetes Museum mit ange­schlossenem Labor überspielt. Durch Zoomen und Schwenken der Kameras werden Forscher wie Museumsbesu­cher die räumlich wirkenden Bilder demnächst auf alle möglichen Details hin anschauen und untersuchen können.

Pesce Delfino ist als Pathologe zur Anthropologie gekommen. Seine mor-phometrischen Analysen am menschli­chen Schädel haben ihn zu einem ge­fragten Gutachter in Mafia-Prozessen gemacht. “Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal die Lage der Skelettteile", schaltet er sich über eine Sprechleitung in die Höhleninspektion ein. Die Mehr­zahl der Armknochen liege dicht beim Schädel, die Knochen der unteren Ex­tremitäten weiter entfernt. Schien- und Wadenbeine noch parallel zueinander. Das bedeute: Die Gebeine wurden nicht etwa in die Höhle getragen, die Skelet-tierung sei vielmehr dortselbst passiert, Des Professors düsteres Szenario:

Der Mann sei vermutlich durch ein Loch in die Höhle gestürzt. Das Skelett zeige keine Anzeichen eines Knochen­bruchs. Der Gestürzte könne aber innere Verletzungen erlitten haben. Dennoch sei es ihm gelungen, die ganze Höhle zu erkunden. “In der Apsis setzte er sich an die Wand und starb hier einige Zeit spä­ter an Entkräftung." Nach einigen Wo­chen hätten sich die Arme vom Rumpf der Leiche gelöst, dann der Schädel, der verkehrt herum auf die Armknochen fiel, wobei der Unterkiefer ausgelenkt wurde. Zum Schluss lösten sich Beine

und Rumpf auf.

Knochenindizien erzählen eine Ge­schichte. Und solche Knochen-Ge­schichten gibt es vom Neandertaler zu-hauf. Längst nicht immer klingen sie so nach Verzweiflung wie in Altamura. Vielerorts haben die Überreste dieses robusten Typen auch Tröstliches zu er- zählen, ja sie liefern die ältesten Zeug­nisse der Urgeschichte für menschliche Fürsorge und Humanität.

Das Geheimnis des Friedhofs

In einer Grotte in Irakisch-Kurdistan nahe dem Ort Shanidar wiesen vier von neun dort gefundenen Skeletten er­wachsener Neandertaler zwar Brüche, zum Teil schwere Deformierungen und Wucherungen auf. Und auch in der Kra-pina-Höhle bei Zagreb fanden sich die Relikte eines Mannes, der den halben Unterarm verloren hatte. Hier wie dort zeigen die Verletzungen aber Spuren der Heilung - Hinweis darauf, dass die Behinderten von ihren Mitmenschen so­wohl gepflegt wie auch dauerhaft er­nährt und geschützt worden sind.

Auch ihre Toten waren den Neander­talern nicht gleichgültig. Sie sind die früheste Menschenform, von der Erdbe­stattungen belegt sind. Rund drei Dut­zend Neandertaler-Gräber wurden ent­deckt, die ältesten im Nahen Osten aus einer Zeit vor rund 100000 Jahren. Die Lage der Skelette zeigt an, dass die To­ten teils auf dem Rücken, teils in der so genannten Hockerstellung, also auf der Seite ruhend und mit angezogenen Bei­nen bestattet worden sind. Die Gruben oder natürlichen Mulden waren knapp einen Meter tief.

Ein besonderer Fall ist der “Friedhof' von La Ferassie in der französischen Dordogne. Unter und vor einem Fels­dach lagen Skelette von zwei Erwachse­nen und vier Kindern. Außerdem haben die Ausgräber neun symmetrisch ange­ordnete Erdhügel freigelegt. Einer da­von bedeckte eines der Kindergräber - das eines Neugeborenen. Der Befund gibt bis heute Anlass zu Spekulationen. Sollte hier auf die neun Monate der Schwangerschaft angespielt werden? Verbanden die Neandertaler mit einer Beerdigung bereits kultische Vorstel­lungen?

Noch mehr Aufsehen erregte das “Blumengrab von Shanidar". In unmit­telbarer Umgebung eines der im Irak geborgenen Skelette fand sich in hoher Konzentration Pollen buntblühender Pflanzen. Die Ausgräber entwickelten die Vorstellung, dass hier ein Toter auf ein Blumenlager gebettet worden sei. Eine Veröffentlichung von 1971 hieß, dem Zeitgeist entsprechend: “Shanidar:

The First Flower People".

Und was hatten diese Menschen, die so empathisch miteinander umgingen, für ein Sprachvermögen? Zwar ist Spra­che im Hinblick auf Syntax und Seman­tik vor allem eine Hirnfunktion - und die zeigt sich in keinem Fossil. Über die Lauterzeugung jedoch geben Knochen durchaus Auskunft. 1984 wurde in der israelischen Kebara-Höhle beim Skelett eines 60000 Jahre alten Neandertalers ein außerordentlich zartes Relikt ent­deckt: ein Zungenbein, ein bis heute ein­zigartiger Fund. Der Knochen stützt die Zunge bei der Lautgebung, er ist beim Kebara-Mann von dem eines heutigen Menschen nicht zu unterscheiden - für viele Forscher ein Beleg für die volle Ar­tikulationsfähigkeit der Neandertaler.

Unterstützt wird diese These durch neue Untersuchungen eines Anthropo­logenteams von der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina. An ei­ner Serie von Schädeln des Neanderta­lers und von Homo sapiens sapiens so­wie anderer Hominiden maßen die Amerikaner den Durchmesser eines Ka­nals, durch den ein Nervenstrang vom Hirn zum Zungenmuskel verläuft - der Unterzungen-Nerv.

Der knöcherne Kanal erwies sich beim Neandertaler als genauso weit wie beim modernen Menschen - und dop­pelt so weit wie bei der Gattung Au stra-lopitheciis. Entsprechend mehr Nerven fanden darin Platz und konnten den Zungenmuskel so fein steuern, wie es für eine uns vertraute Lauterzeugung notwendig ist.


Der sprachfähige, mitfühlende Ne­andertaler - so sieht ihn gegenwärtig die Mehrheit der Urzeitforscher. “Für eine Dehumanisierung des Neanderta­lers besteht kein Anlass", sagt der An­thropologe Winfried Henke aus Mainz.

Doch gibt und gab es zu allen Zeiten auch Gegenstimmen, die den Befund für überinterpretiert halten. “Mehr gra­ben, weniger interpretieren", lautet ihr Credo. Das klingt ein wenig nüchtern. Doch manchmal ist gerade die Grabung der spannendste Teil der Geschichte. Die von Ralf Schmilz und Jürgen This-sen klingt wie eine Detektivstory.

Schon als Magisterkandidaten für Ar­chäologie und Urgeschichte an der Uni­versität Köln hatten die beiden einen reichlich kühnen Plan gefasst: Sie woll­ten im Neandertal jene Stelle wiederfin­den, wo einst die namengebenden Kno­chen entdeckt worden waren - das berühmte Schädeldach (die “Kalotte") mit dem markanten Überaugenwulst so­

wie Teile der Extremitäten, des Schul­ter- und Beckengürtels.

Das Neandertal ist ein etwa drei Kilo­meter langer, heute terrassenartig ge­weiteter Abschnitt am Lauf der Dussel. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das Kalkgestein noch dicht an das Flüss­chen herangereicht - ein rund um Düs­seldorf beliebtes Kletterrevier. Zug um Zug fiel es dem Kalkbergbau zum Opfer - auch die “Kleine Feldhofer Grotte", in deren Lehmfüllung Bergbauarbeiter 1856 die merkwürdigen Knochen ent­deckt hatten.

Plötzlich machte es »klick«

Während die Gebeine es schließlich zu Weltruhm brachten, konnte sich schon um 1900 niemand mehr erinnern, wo genau die Grotte sich befunden hat­te. Zwar gab es Aufzeichnungen des ersten Begutachters der Knochen, Jo­hann Carl Fuhlrott. Doch viele Gelände­marken waren verschwunden. Und wo die Arbeiter damals den Höhlenlehm abgekippt hatten, der womöglich noch weitere Fossilien enthielt - das war dem eingeebneten Terrain erst recht nicht an­zusehen. Dennoch versuchte ein Ar­chäologen-Team in den achtziger Jah­ren, die verschollene Lehm-Kippstelle anhand von Fuhlrotts Angaben zu loka­lisieren. Die Grabungen bei einem Schrottplatz förderten aber bis auf ein Steinwerkzeug kein menschliches Zeugnis zutage.

Im Januar 1996 schlugen Schmitz und Thissen, nachdem sie wieder und wieder Fuhlrotts Bericht sowie alte Karten und Zeichnungen studiert hatten, dem Rhei­nischen Amt für Bodendenkmalpflege eine Grabung vor. Studenten sollten hel­fen, der Kostenrahmen war gering. Da nickte der Amtsleiter, und das Land be­willigte die Mittel für zwei Wochen.

Auch Schmitz und Thissen wollten auf dem Schrottplatz buddeln, nur wei­ter westlich und näher an der Dussel. Im September 1997 rollte ein Bagger vom

Tieflader, und tatsächlich, am vorletzten Grabungstag kreischte die Schaufel auf massivem Gestein: Der Fuß einer ehe­mals hier aufragenden Felswand tauchte auf. “Dann", so Schmilz, “ging es Schlag auf Schlag.": Das Team entdeck­te gelben Lehm vor dem Gesteinssockel und darin Fossilien, die davon zeugten, dass ehemaliges Höhlensediment ange­schnitten worden war!

Doch der Lehm schien nicht aus der Feldhofer Grotte zu stammen, sondern aus einer ehemals daneben liegenden Höhle. Eine Verlängerung der Grabung wurde bewilligt - und tatsächlich fan­den die Ausgräber einen zweiten Lehm­kegel. Die Arbeiter hatten ihn damals, ) 1856, offenbar direkt aus dem ^~< Höhleneingang in 20 Meter Höhe her­aus vor der Kalkwand aufgetürmt.

Auch die zweite Höhlenfüllung war durchsetzt mit Fundstücken. Bis zu Pfennigstück-Größe wurden sie ausge­lesen; der gesamte Boden wurde in 700 Säcke abgefüllt und später in einer Schlämmanlage durchsiebt. Die Aus­wertung der Beute war langwierig - und aufregend: Werkzeuge, Jagdbeute aus den verschiedensten Zeiten und 18 menschliche Fragmente!

Waren es Neandertalerknochen? Die Datierung erbrachte 44 000 Jahre - bes­tes Neandertaleralter. Da wurde die Frage unausweichlich, ob einige der Fragmente womöglich dem prominen­ten Erstfund zuzuordnen waren. Anfang 1999 fuhr das Archäologen-Duo mit ei­nem Knochenköfferchen ins Rheinische Landesmuseum Bonn, wo das Original aufbewahrt wird. Würde sich eines der Mitbringsel anpassen lassen? Schmilz und Thissen puzzelten und puzzelten. Und plötzlich machte es “klick!"

Konnte das wahr sein? Ein Fragment aus dem Oberschenkelgelenk rastete re­gelrecht in der entsprechenden Fehlstel­le des Typusexemplars ein! “Mir wurde schwindlig, fast übel", erzählt Thissen. Nach fast 150 Jahren waren die beiden dem namengebenden Skelett plötzlich wieder ganz heiß auf der Spur. Und es sollte noch besser kommen: Bei einer Nachgrabung im Jahr 2000 entdeckten die Knochen-Detektive ein fünf Zenti­meter großes Stück der Augenhöhle, das an die Kalotte passte. Der Knochen- mann aus dem Bergischen Land be­kommt allmählich ein Gesicht.

Das freut nicht zuletzt die Wissen­schaftler vom nahen “Neanderthal Mu­seum" in Mettmann, das die Fundstelle inzwischen gekauft hat. Ein internatio­naler Wettbewerb wurde ausgeschrie­ben, um sie endlich würdig zu gestalten. “Das sind wir dem Neandertaler schul­dig", sagt Museumsdirektor Gerd Weni­ger, “er ist schließlich ein deutscher Weltstar."

Lange haben die Deutschen ge­braucht, um das zu erkennen. Aber an dem Lehrer Johann Carl Fuhlrott, dem der Steinbruchbesitzer die Gebeine 1856 überließ, kann es nicht gelegen ha­ben. Fuhlrott bemerkte sofort die “läng­lich-ovale Form und ungewöhnliche Größe" der Kalotte, die “schmale, fla­che, fast fliehende Stirn" und die in der Mitte verschmolzenen, weit vorsprin­genden Augenbrauenbogen. Doch als er bei einer Gelehrten-Tagung in Bonn den Skelettfund aus dem Neandertal als Eis­zeitmenschen deutete, schlug ihm über­wiegend Ablehnung entgegen.

Noch war die Wissenschaft nicht be­reit zu akzeptieren, dass es einmal ande­re Menschenformen als die gegenwärti­ge gegeben hatte. Drei Jahre nach der Entdeckung freilich erschien Darwins epochales Buch über die “Entstehung der Arten", und nun begann die Idee sich durchzusetzen, dass die Spezies wandelbar sind - einschließlich der des Menschen. Plötzlich erhielt der Fund aus dem Neandertal eine Schlüsselstel­lung. Thomas Henry Huxley, ein ent­schiedener Fürsprecher Darwins, be­grüßte ihn als den affenähnlichsten menschlichen Schädel, den er je gese­hen habe. Auch der irische Anatom William King glaubte, dass nun eine pri­mitive, neue Menschenart gefunden sei und führte 1863 den Namen Homo ne-anderthalensis (noch ohne sapiens) ein.

Kind einmal eine Rachitis durchlitten, später schwere Schädelverletzungen überlebt und im Alter an Arthritis labo­riert hatte. Erst als man 14 Jahre später in Belgien weitere Neandertaler-Skelet­te fand, wurde auch in Deutschland die These vom “kranken Mann" endgültig zu den Akten gelegt.

Für Männer wie Thomas Huxley war es entscheidend, dass überhaupt nur die Existenz eines urzeitlichen Menschen akzeptiert würde. Weder glaubte er, dass der Neandertaler unser Vorfahr gewesen sei noch wollte er die äffischen Merk­male als Disqualifikation verstanden wissen. Doch, so hat der Urgeschichtler und Buchautor Martin Kuckenburg über­zeugend herausgearbeitet: “Das gleich­zeitig so abstoßende wie prickelnd­faszinierende Bild vom Affenmenschen war entschieden eingängiger... und da­her gewann es mehr und mehr an Bo­den, je zahlreicher die Reste von Nean­dertalern wurden."

»Ein Kind ist geboren«

... meldete das portugiesische Fernsehen Weih­nachten 1998-und meinte die kurz zuvor entdeckten Relikte eines vier­jährigen Kindes, das vor rund 25 ooo Jahren in Zentral­portugal bestattet worden war. Die Besonderheit: Das Skelett ist zwar überwiegend mo­dern, hat aber auch Neandertaler-Merkmale (kurze Unterschenkel, fliehendes Kinn) -Nachbleibsei von »Mischehen« aus frühererZeit

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Als besonders folgenschwer in dieser Hinsicht erwies sich das Urteil des fran­zösischen Anthropologen Marcellin Boule. Er war der Bearbeiter des 1908 entdeckten Neandertaler-Skeletts von La Chapelle-aux-Saints in der Dordogne. Der von ihm (wie man inzwischen weiß: fehlerhaft) restaurierte Schädel hatte eine abgeflachte Schädelbasis - ein typi­sches Merkmal heutiger Affen. Und obwohl bereits für Boule klare Indizien dafür, dass das Hirnvolu­men der Neandertaler mit durchschnittlich 1500 Ku­bikzentimetern deutlich größer war als das des mo­dernen Menschen (heuti­ger Schnitt: 1400 Kubik­zentimeter), war er über­zeugt, dass der Neanderta­ler nur rudimentäre geisti­ge Fähigkeiten und eine ebensolche Sprache ge­habt haben konnte.

Boule interpretierte auch die Körperhaltung der Ne­andertaler. Sie hatten ihm zufolge gebeugte Knie und eine abgeknickte Halswirbelsäule, was ih­nen den aufrechten Gang unmöglich gemacht habe. Daraufhin zirkulierten in Europa die wildesten Re­konstruktionszeichnungen - und sie wirken bis heute fort. Bärbel Auffermann, Urgeschichtlerin am Ne-


Der Mund war die dritte Hand

Was zwei Hände nicht halten konnten, das nahmen manche Neandertaler zusätzlich zwischen die Schneide­zähne - so die Deutung für das abgenutzte Gebiss eines älteren Individuums vom Fundort Shanidar im Nordirak

andertal Museum, weiß aus der Praxis wie auch aus eigener Forschung zur Re­zeptionsgeschichte: “Neandertaler - das ist in der öffentlichen Meinung noch im­mer ein Synonym für etwas Grob­schlächtiges, Grunzendes."

Die Leute halten sich eben an Be­währtes. Denn das Image des Nean­dertalers in der Wissenschaft hat auf verwirrende Weise noch mehrfach ge­wechselt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erkannte man Boules Fehleinschätzun­gen und auch seinen latenten Rassis­mus. Nun setzte sich die bis heute von den meisten akzeptierte Bezeichnung Homo sapiens neanderthalensis durch. Womit zum Ausdruck gebracht wird, dass sich der Neandertaler nur auf der Ebene einer Unterart von uns unter­scheidet - zunächst einmal ist er ein Homo sapiens wie wir.

Haben wir Neandertaler-Gene in uns?

Inzwischen ist ein neuer Streit um ei­ne alte, seit den Zeiten von Thomas Huxley meist zurückgewiesene Vorstel­lung ausgebrochen: die Idee, dass Nean­dertaler die Vorfahren des heutigen eu­ropäischen Menschen sind.


Homo erectus bzw. heidelbergensis (vor 600 000 bis einer Million Jahren) zurückreichen. Dass der Neandertaler aus deren Nachfahren entstand, ist un­strittig. Höchst kontrovers ist jedoch die Annahme, dass aus seiner Linie dann in Europa der moderne Mensch hervorging.

Weit mehr Wissenschaftler bekennen sich zu dem “Out of Africa"-Modell. Dieses erklärt Afrika für den einzigen Ort der Entwicklung vom archaischen zum modernen Menschen. Die Schwel­le zwischen beiden Formen ist nach die­ser Vorstellung vor mindestens 150000 Jahren überschritten worden. Spätes­tens vor 40 000 Jahren wanderten dann anatomisch moderne Menschen nach Europa ein und verdrängten die dortigen Neandertaler. Diese hätten nur einen sehr geringen oder keinen genetischen Beitrag zur Entstehung der heutigen Eu­ropäer geleistet.

Doppeltes Finderglück

i. September 2000, Tag des Triumphs: Die Archäolo­gen Jürgen Thissen (links) und Ralf Schmitz präsentie­ren au feiner Pressekonfe­renz ein von ihnen im Nean-dertal gefundenes Gesichts-Fragment - es passt genau an das namensgebende Schädeldach von 1856. Un­glaublicher noch: Ein bereits W7 entdecktes, noch kleineres Stück hatte sich exakt in den Oberschenkel­knochen eingefügt

Das wiederum hält nun Jakov Ra­dovcic, Paläontologe am Kroatischen Naturhistorischen Museum in Zagreb und bekennender Multiregionalist, für absurd. Radovcic verwahrt in sechs Stahlschränken die weltweit größte Sammlung von Neandertaler-Fossilien:

rund 700 Knochen, die sich vielleicht 70 Individuen zuordnen lassen. Sie stam­men allesamt aus der Krapina-Höhle und sind etwa 130000 Jahre alt. “Was mir in die Augen springt, das ist die große Variationsbreite der Neanderta­ler-Anatomie", sagt Radovcic. An man­chen Fossilien trete das Archaische stark zurück, sie wirkten schon fast mo­dern.

Andererseits ist Radovcic überzeugt, eindeutige Neandertaler-Merkmale an Knochen des modernen Menschen nachweisen zu können, selbst an heuti­gen Populationen: “Wenn man hier in Zagreb oder in irgendeiner anderen Stadt Mitteleuropas herumspaziert, kann man Zeitgenossen begegnen, die das Neandertal-Zeichen auf der Stirn tragen." Radovcic streitet zwar nicht ab, dass der moderne Mensch in Europa ein Zuwanderer ist. Doch sieht er in ihm ei­nen weit größeren Schuss Neandertal-Gene aufgehoben als die Vertreter der “Out of Africa"-Theorie.

Einer der prominentesten Exponen­ten dieser Theorie ist Günter Bräuer, Professor am Humanbiologischen Insti­tut der Universität Hamburg. Bräuer hat vor einiger Zeit die Probe aufs Exempel gemacht und die so genannte Miadec-Sammlung sowie einige weitere zeit­gleiche Fossilien aus der Tschechischen Republik untersucht. Tschechien, Mit­teleuropa insgesamt - das ist für die Multiregionalisten ein Kerngebiet des Übergangs vom Neandertaler zum mo­dernen Menschen. Und die auf 32000 Jahre datierten MIadec-Schädel sind mit das älteste, was sich an Homo sapiens sapi'ens-Material in Europa gefunden hat. Mit anderen Worten: Hier wird der moderne Mensch in Europa zum ersten Mal greifbar.

Das Mischüngs-Küul aus Portugal

Würden sich an den MIadec-Schä-deln, wie von den Multiregionalisten behauptet, noch besonders viele Nean­dertaler-Merkmale entdecken lassen? Bräuer nahm sie sich zusammen mit einem Diplomanden noch einmal vor. Er suchte die angeblich sichtbare, für Neandertaler typische Nackenleiste. Er fahndete nach einem bezeichnenden Grübchen darüber, studierte die Uber-augenregion - und war selbst über­rascht, wie schlagend die Antwort ausfiel: “Wir fanden absolut nichts Neandertalerhaftes. Die Schädel sind vollständig modern."

Wegen solcher und anderer Unter­suchungen steht das multiregionale Mo­dell in Europa gegenwärtig nicht auf besonders festem Boden. Wenn also der

moderne Mensch ein Import-Modell ist:

Hat er sich wirklich nie und nirgends mit den indigenen Europäern eingelas­sen? “Wir sind keine Neandertaler-Nachfahren", sagt Bräuer. “Aber dass es in manchen Populationen gemeinsame Nachkommen von Neandertalern und modernen Menschen gegeben hat - das halte ich sogar für wahrscheinlich."

Für Joäo Zilhäo, Direktor am Portu­giesischen Institut für Archäologie in Lissabon, ist die Wahrscheinlichkeit zur Gewissheit geworden. An einem Nach­mittag im November 1998 waren im zentralportugiesischen Lapedo-Tal zwei seiner Mitarbeiter unterwegs - wie im­mer auf der Suche nach urzeitlichen Zeugnissen. Die beiden bemerkten in einem Kaninchenloch loses Erdreich. Grabende Tiere befördern manchmal äl­tere Sedimente nach oben - und mit ih­nen Knochen oder Artefakte.

Also griff einer der Männer tastend in die Höhle - und zog den Skelettarm ei­nes Kindes heraus. Die sofort organisier­te Grabung zeigte: Vor 25000 Jahren war hier ein vierjähriges Kind bestattet worden - auf ein Bett aus verbrann­ten Pflanzen gelegt, mit rotem Ocker bedeckt und mit Grabbeigaben wie durchbohrten Hirschzähnen und einer Meeresmuschel ausgestattet. “Typisch modemer Mensch", dachte Zilhäo.

Was hätte es auch sonst sein sollen? Zwar haben die Neandertaler auf der Iberischen Halbinsel besonders lange ausgehalten, nach neuen Datierungen von Werkzeugen noch bis vor 27000 Jahren. Doch sprach der ganze Auf­wand des Begräbnisses eindeutig für den modernen Menschen, der die Regi­on vor etwa 30 000 Jahren erreicht hat.

Warum musste er untergehen ?

Dennoch bat Zilhäo den profunden Neandertaler-Experten Erik Trinkaus aus Missouri zur Begutachtung hinzu. Und der diagnostizierte, dass die Kno­chen des Kindes neben vielen modernen Merkmalen auch einige Neandertaler-Eigenheiten aufweisen: So flieht die Frontpartie des Unterkiefers trotz eines ausgeprägten Kinns nach hinten, Schien-und Wadenbein sind auffallend kurz.

Für Zilhäo und Trinkaus steht fest, dass sich der Merkmalmix des Vier­jährigen nur durch eine gemischte Ahnenschaft erklären lässt. Da die Neandertaler bei Geburt des Kindes schon seit mindestens 2000 Jahren ver­schwunden gewesen seien, müssten de­ren Merkmale bereits vorher tief in die Iberische Population eingegangen sein. “Dieses Kind ist mehr als nur das Ergeb­nis einer einsamen Romanze", verkün­dete Trinkhaus 1999 auf einer Tagung in Ohio. Dort allerdings zeigten sich nicht alle Kollegen von dem Neandertaler-Er­be des Kleinen überzeugt.

Stattdessen riefen sie nach dem Schiedsspruch einer Disziplin, die neu­erdings immer öfter zur Klärung von Streitfragen herangezogen wird: der Paläogenetik. 1997 gelang erstmals die Extraktion des Erbmoleküls DNS aus einem Neandertalerknochen - und das war ausgerechnet der Oberarm des Ty­pusexemplars aus dem Neandertal (ge­nau genommen handelte es sich um mtDNS, siehe Kasten). Die untersuch­ten DNS-Abschnitte des Neandertalers unterschieden sich von den entspre­chenden Proben verschiedenster moder­ner Menschen. Und dieser Unterschied fiel weit größer aus als beim Vergleich der Modernen untereinander.

Die Arbeit - einer ihrer Co-Autoren war Ralf Schmitz, der Wiederentdecker der Neandertaler-Fundstelle - erschien in der Fachzeitschrift “Cell". Auf der Die Diagnose weist auf ein Leben voller Gefahren

Wildnis ist gefährlich - Verletzun­gen an Neandertaler-Knochen zeugen davon. Die Kerbe auf der Rippe könnte auf eine Stichwunde zurückgehen. Übler dran warder Mann, von dem der »Shanidar i«-Schädel geblieben ist: Durch ei­nen Stoß wurde die linke Augen­höhle außen verletzt, einseitige Blindheit war vermutlich die Folge

Titelseite stand: “Die Neandertaler wa­ren nicht unsere Vorfahren" - Redaktio­nen in aller Welt griffen diese, nun durch “harte Wissenschaft" erbrachte Zeile auf.

Zwei weitere Untersuchungen an an­deren Neandertaler-Fossilien bestätig­ten im Jahr 2000 die genetische Abwei­chung des alten vom modernen Men­schen. Was dann aber ins Rollen kam, lässt sich wohl nur durch den Nimbus erklären, welche die Molekularbiologie gegenwärtig genießt: Alle Vorstellun­gen über einen Genfluss vom Neander­taler zum modernen Menschen gerieten vorübergehend ins wissenschaftliche Abseits; und völlig isoliert standen die Multiregionalisten da, die den Muskel­menschen ja geradewegs zu einem un­serer Urahnen erklären.

Nun auf einmal schien auch ein Rät­sel lösbar, welches die Neandertaler-Forschung von Anfang an beschäftigt:

Warum musste der Neandertaler schließ­lich untergehen? Die bündige Vorstel­lung des US-Anthropologen Richard Klein: Die Modernen waren ihm gene­tisch überlegen. Ein zentrales Mutati­onsereignis “vor 50000 bis 40000 Jah­ren" habe Homo sapiens sapiens zur drastischen Erweiterung seiner kulturel­len Fähigkeiten und zur geographischen Expansion befähigt.

Die Botschaft der Werkzeuge

In populären Adaptionen dieser Idee ist daraus die Vision von einem “Blitz­krieg" geworden. “Keulenschläge ge­gen dickwandige Schädel, geschleuder­te Dolomitsteine, der neue, einfallende Homo sapiens gegen die alten Wulst­brauen" - so hatte sich bereits 1990 der US-Autor Michael Brown den pleisto-zänen Holocaust vorgestellt. Der “Spie­gel" hat daraus jüngst ein unterhaltsa­mes Aufmarsch-Szenario entwickelt:

Aus den Steppen des Ostens kommend, seien “Stoßtruppen" des Super-Sapiens die Donau hinaufgezogen, hätten an Rhein und Rhone das “Troglodyten-reich" bestürmt und schließlich die vom Neandertaler lange gehaltene “Ebro-front" genommen.

Gerd Weniger vom Neanderthal Mu­seum hält jede Kriegsmetaphorik für völ­lig unangebracht: In den eisfreien Zonen ganz Mittel- und Osteuropas hätten, je nach Klimabedingungen, in der fragli­chen Einwanderungszeit nur etwa so vie­le Menschen gelebt wie heute auf der In­sel Sylt (etwa 20000) oder in Freiburg (etwa 200000). Angesichts der riesigen unbesiedelten Räume wäre ein ag­gressives Aufeinandertreffen ganz sinn­los gewesen und nach Beobachtungen an historischen Jäger-Sammler-Gruppen auch gar nicht wahrscheinlich: “Wenn da bei einer Begegnung ungute Stimmung aufkam, wichen die sich einfach aus."

Paul Pettitt von der University of Ox­ford hält es sogar für möglich, dass sich die beiden Menschenformen in vielen Gegenden Europas niemals begegnet sind. Warum aber sind die Neandertaler dann ausgestorben? Weniger glaubt an ein stilles Verschwinden. In der Zeit vor 50 000 bis 30 000 Jahren habe es im eu­ropäischen Siedlungsgebiet mindestens 18 größere Klima-Umschwünge gege­ben. “Während der wärmeren Phasen wanderten stets aufs neue Neandertaler-Gruppen nach Norden ab, wurden aber heftig dezimiert, wenn das Eis zurück­kehrte."

Die demographische Lücke hatte sich über die Jahrzehnte jedesmal wieder mit Neandertalern gefüllt. Nun aber began­nen Gruppen moderner Menschen im Süden einzusickern. Schon ein gering­fügiger Unterschied der Geburts- und Sterberaten beider Menschenformen kann nach Wenigers Vorstellung ausge­reicht haben, den Einwanderern zu all­mählicher Ausbreitung zu verhelfen -die Alteingesessenen zogen sich lang­sam auf Bevölkerungsinseln zurück.

Was den neuen Europäern einen Re­produktionsvorteil verschaffte, ob etwa der grazilere Körperbau und der damit einhergehende geringere Energiebedarf - für den Hamburger Archäologen und Paläoanthropologen Jörg Orschiedt bleibt dies “bis auf weiteres eine offene Frage". Auch kulturelle Errungenschaf­ten, zum Beispiel bessere Werkzeuge und Waffen, könnten eine Rolle gespielt haben. Doch erkennen gerade Fachleute wie Orschiedt, die das Arsenal der Arte­fakte erforschen, für die Zeit vor 30 000 Jahren keinen dramatischen technischen Vorsprung des Homo sapiens sapiens.

“Biologisch gab es ganz unzweifel­haft eine gewisse Distanz, wohl nur zu­fällige sexuelle Begegnungen. Aber kulturell waren beide Menschenformen

Eine

seltsame

Behandlung

der

Toten

Waren die Neandertaler Kannibalen? Von einem Scheitel­bein aus der Kra-pina-Höhle wur­de an der Mus­kelansatzstelle Fleisch abge­löst, was Schnitt­marken (erhellte Mitte) verraten. Möglicherweise war das aber nur die rituelle Be­handlung eines Toten - wie auch die Entfernung des Schädels aus dem Grab von Kebara (hier im Abguss) in Israel

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sich nah. Nun ist nur noch die Frage, was man höher bewerten will."

Für Archäologen liegt die Antwort auf der Hand. Und weil für sie die Kultur­fähigkeit das Entscheidende ist, tritt eine wachsende Zahl von ihnen als Verteidi­ger des alten Neandertalers auf. Immer noch sei er ein Opfer von Vorurteilen. Immer noch werde er unterschätzt. Ivor Karavanic von der Archäologischen Ab­teilung der Universität Zagreb demons­triert an 19 Werkzeugen aus der Vindija-Höhle nur zu gern, warum auch er so denkt.

Die zwischen drei und zehn Zentime­ter langen Geräte wurden alle aus der Fundschicht “G l" geborgen. 15 von ih­nen sind aus Stein, zum Beispiel die breitseitigen “Schaber", die zum “Mou-sterien" gezählt werden, der klassischen Neandertaler-Kultur. Aber auch eine blattförmige Klinge ist dabei, beidseitig retouchiert, und andere Anklänge an das “Aurignacien", das typisch ist für den modernen Menschen.

Karavanic schiebt alle Steingeräte auf einen Haufen: “Seien wir großzügig. Sagen wir: Das alles ist Mousterien in ei­nem weiten Sinne." Doch jene vier aus Geweih gearbeiteten Spitzen, die mög­licherweise einmal Lanzen bewehrt ha­ben, “das ist nun wirklich moderne Tech­nik". Und dann holt Karavanic den Un­terkiefer eines Neandertalers hervor. Er wurde neben einer der Spitzen gefunden und ist wie diese vom Sediment noch röt­lich gefärbt. “Der Kiefer wurde vor kur­zem in Oxford auf 29 000 Jahre datiert."

Feine Klingen? Schmuck? Unglaublich

Der Kroate sagt das mit Nachdruck, denn es bedeutet: Die Neandertaler ha­ben in Mitteleuropa viel länger ausge­halten, als man bisher dachte. Sie haben auch hier, nicht nur auf der Iberischen Halbinsel, mehrere Tausend Jahre lang mit Homo sapiens sapiens zeitgleich ge­lebt und dabei angefangen, ihre Kultur zu modernisieren.

Diese Innovationsfreude des späten Neandertalers - sein Anschluss ans “Jungpaläolithikum", wie die Archäo­logen sagen - lässt sich laut Karavanic noch an weiteren Fundensembles in Kroatien und Slowenien nachweisen. Und auch in anderen Teilen Europas sind Übergangskulturen aufgetaucht:

das “Uluzzien" (Italien), das späte “Mi-coquien" (Deutschland) oder das “Szeletien" (Ungarn, Polen).

durchbohrte Zähne, Knochen und Mu­scheln zählen dazu - also Glieder von Halsketten oder Anhängern, Schmuck, wie er zu zierlichen sapiens sapiens-Körpem passt.

Doch 1979 wurde in St. Cesaire in Westfrankreich, mitten in einer Chä-telperronien-Schicht ein Neandertaler­schädel gefunden. Die Überraschung war groß, eine Erklärung freilich auch schnell bei der Hand: Die Klingen- und Schmuck-Neandertaler hätten sich wohl beim modernen Menschen einiges ab­geguckt. Joäo Zilhäo aus Portugal und Francesco d'Errico von der Universität Bordeaux haben diese “Lösung" im Lichte neuer Datierungsergebnisse vor kurzem in einem umfangreichen Artikel aufgespießt. “Das Chätelperronien", sagt Zilhäo, “hat es in Frankokantabrien vereinzelt bereits vor 40 000 Jahren ge-

Manch einer findet zu Ostern auch Knochen

Wie ein »V« hat sich ein Sedimentpfropfin den Krater des vor Jahr­tausenden erloschenen »Wannen vulkans« in Rheinland-Pfalz ge­senkt. Am Gründon­nerstag 1997 von einem Bagger angeschnitten, wäre die Füllung am folgenden Dienstag weiter abgeräumt wor­den. Doch der Archäo­loge Axel von Berg kam am Wochenende vor­bei-und entdeckte un­mittelbar vor der Bag­gerschaufel eine Nean­dertaler-Kalotte

geben. Da war der moderne Mensch dort noch gar nicht angekommen."

War der Neandertaler ein Primus?

Zilhäos und d'Emcos Vorstoß hat ei­ne heiße Debatte ausgelöst: Ist es wirk­lich wahrscheinlich, dass der Übertritt ins Jungpaläolithikum gleich doppelt geschah - beim Neandertaler und beim modernen Menschen? Gibt es nicht doch, wenigstens im klimatisch bevor­zugten Südwesteuropa, zeitliche wie räumliche Berührungspunkte von Nean­dertalern und modernen Menschen, die kulturellen Austausch ermöglicht ha­ben? Wenn aber die Ureuropäer als die eigentlichen Kultur-Pioniere gelten kön­nen: War der moderne Mensch womög­lich der Abgucker - und Homo sapiens neanderthalensis der Primus?

Insbesondere für die anglo-amerika-nische Fachwelt ist das denn doch ein bisschen starker Tobak. Aber Fakt ist, dass die Neandertaler weit früher als unsere Vorfahren mit den harschen Bedingungen der europäischen Eiszeit fertig wurden - nicht zuletzt bei der Nahrungsbeschaffung. Schon vor min­destens 500 000 Jahren zogen ihre Vor­fahren in Europa ein und passten ihre Jagdtechnik der hier vorherrschenden Eiszeit-Fauna an. Gerade in Deutsch­land gibt es Fundstätten, die das beson­ders gut belegen.

“Wir stehen hier am kältesten Punkt der vorletzten Kaltzeit", sagt Axel von Berg, Konservator bei der Archäologi­schen Denkmalpflege in Koblenz. So kann man es auch ausdrücken. Der löss, den von Berg durch die Finger rie­seln lässt, ist einst über die Eiszeitsteppe gefegt und wurde vor 160000 Jahren abgefangen, wo wir jetzt stehen - am Krater des Schweinskopfs, einem von rund 150 erloschenen Vul­kanen in der Osteifel.

Jahrhunderttausende lang hat diese Landschaft gebrodelt, haben sich La­vakegel aufgetürmt. Waren die Vulkane erstorben, füllten sich ihre Krater mit löss und den Auswürfen benachbarter Eruptionen. Von dem Inferno der Urzeit profitiert heute die Lava-Industrie, die einen Kegel nach dem anderen abbaut. Auch der Schweinskopf wurde ange­schnitten - für Leute wie von Berg idea­le Vorarbeit zu archäologischen Son-dagen.

“Ich habe das Gefühl, hier steckt noch eine Feuerstelle drin. Und natürlich Jagdbeute, Tonnen von Tierknochen. Moment mal..." Na bitte: Von Berg stupst mit den Fingern einen Nashom-wirbel frei! Funde wie diese gelingen den Urgeschichtlem in der Osteifel seit Jahrzehnten. Jene Kalotte jedoch, die von Berg 1997 nur zwei Kilometer ent­fernt mit der Archäologen-Kelle aus ei­ner Vulkanfüllung gekratzt hatte, war wahrhaftig keine Alltags-Trouvaille: Es war der zweite Neandertaler-Fund im Rheinland nach 141 Jahren. Die Hirnschale lag in (heute vollstän­dig abgebauten) Sedimenten, die eben­falls 160000 Jahre alt sind; sie stammt also von einem “Frühen Neandertaler". Durch Erddruck war sie in drei Teile ge­borsten. Am Rand der Kalotte jedoch hat der Archäologe Spuren entdeckt, die nicht auf natürliche Einwirkung zurück­gehen. “Ein Zeitgenosse hat das Schä­deldach mit einem stumpfen Steinwerk­zeug buchstäblich zurechtgehauen, vielleicht, um es als Schale zu benut­zen." An eine kultische Handlung glaubt von Berg nicht. In unmittelbarer Nähe der Kalotte hat er noch drei Werk­zeuge gefunden. “Vielleicht war das ei­ne Art Gerätedepot."

Wir stehen am Kraterrand, schauen in die vulkanbesetzte Ebene, die früher ein­mal Steppe war. Über die Wollnashörner zogen. Wildesel und Pferde, Hirsche und Antilopen. Die Neandertaler kannten die Wege der Tiere, stellten ihnen nach. Die Ränder der Krater dienten auch ihnen als Ausguck, und unten in der Mulde stand Wasser, dort war es windgeschützt, die Lava absorbierte Sonnenwärme.

Die Jäger töteten immer nur einzelne Tiere. Sie zerlegten sie noch in der Ebe­ne mit Steinschabem und Kratzern und schleppten nur solche Knochen die Vul­kanwälle hinauf, an denen dicke Fleisch­batzen hingen. Einige Wochen ging das so, aber bald schon lockte der nächste Vulkan als Jagdstation. Die Neanderta­ler ließen noch ein paar überzählige Geräte zurück. Dann zogen sie weiter. D


Unter Aufsicht von Dr. Bärbel Auffermann und Dr. Gerd Weniger die Gebeine von »Neandertal 1« aneinanderzufügen, hauchte GEO-Redakteur Martin Meister, 40, urzeitlich an - auch wenn die Knochen nur Kopien waren.

LESETIPPS: M. Kuckenburg: Lag Eden im Neandertat? Econ 1997 • R.W. Schmilz,}. Thissen: Neander­tal. Die Geschichte geht weiter, Spektrum Akademischer Verlag 2000 • G. C. Weniger: Projekt Menschwerdung, Spektrum Aka­demischer Verlag 200l. AUSSTEL­LUNG: Im Neanderthal Museum in Mettmann läuft noch bis zum i. Mai, die Sonderausstellung »AHNjSftsicnter« mit Neanderta-ler-Po&gts der Gebrüder Kennis