Bernhard Malinkewitz zeigt vor:
(MS-Encarta-Info)
Neandertaler, eiszeitliche Urmenschengruppe, benannt nach ersten Funden (1856) in der Kleinen Feldhofer Grotte im Neandertal bei Düsseldorf. Neandertaler lebten etwa zwischen 120000 und 30 000 v. Chr. in Europa, Afrika und Asien, danach verschwanden sie aus unbekannten Gründen aus der menschlichen Ahnenreihe. Der entweder als Homo sapiens neanderthalensis (und damit als Unterart des Homo sapiens) oder aber als eigene Spezies Homo neanderthalensis eingestufte Neandertaler unterschied sich vom Homo sapiens sapiens, dem Menschen der Jetztzeit, durch eine flache Stirn, stark ausgeprägte Überaugenwülste und ein fliehendes Kinn.
Die Kultur der Neandertaler in der mittleren Altsteinzeit wird Moustérien genannt. Typische Werkzeuge waren Abschlaggeräte aus Feuerstein mit retuschierter Arbeitskante (Klingen, Spitzen, Schaber) und Faustkeile; aber auch Pfeilspitzen aus Mammutknochen und Keulen aus Rentiergeweih wurden gefunden. Diese Menschen lebten von der Jagd, schlugen ihre Lager zumeist in Höhlen oder unter Felsvorsprüngen auf und konnten wohl auch Feuer entfachen. Bei einigen Neandertalergruppen sind erstmals Belege für rituelle Handlungen zu finden, so für einen Totenkult, der Grabbeigaben und Totenopfer beinhaltete. Keinerlei Belege gibt es hingegen für eine Neandertalerkunst.
1997 wurde in der Osteifel (Rheinland-Pfalz) in einem erloschenen Vulkan ein etwa 100 000 Jahre altes Schädeldach eines Neandertalers gefunden. Der Rand des Schädeldachs wies Schnittspuren auf, im Schädeldach lagen drei Werkzeuge aus Feuerstein und Quarz. Möglicherweise wurde der Schädel von Fleisch und Haut gereinigt und als kultischer Gegenstand benutzt. In Deutschland wurden bislang erst ein halbes Dutzend Skelettreste von verschiedenen Individuen gefunden, aus Europa und dem Nahen Osten sind insgesamt 300 Neandertaler-Skelette bekannt.
Ebenfalls 1997 wurden Untersuchungsergebnisse einer vierjährigen Studie über mitochondriale DNA (siehe Zelle; Nucleinsäuren) publiziert, die aus dem Oberarmknochen des 1856 in der Feldhofer Grotte gefundenen Neandertalers gewonnen wurde; das Knochenmaterial wird heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn aufbewahrt. Diese erste DNA-Analyse an einem prähistorischen Menschen wurde von Forschern der Universität München durchgeführt und zur Absicherung der Ergebnisse an der US-amerikanischen Pennsylvania State University wiederholt. Die Analyse war möglich, weil das Material in der Grotte unter besonders günstigen Bedingungen – niedrige Temperaturen und dichter Lehm – gelagert war; zudem hatte man im vorigen Jahrhundert bald nach dem Fund auf die Knochen Lack aufgetragen.
Ein Vergleich mit der DNA heute lebender Menschen ergab Folgendes: Unter der Voraussetzung, dass Mutationen mit einer konstanten Rate stattfinden, lassen die Unterschiede zwischen der DNA des Neandertalers und der des heutigen Menschen den Schluss zu, dass beide im Zeitraum vor etwa 550 000 bis 690 000 Jahren einen gemeinsamen Vorfahren hatten. Etwa zu dieser Zeit – so nimmt man an – dürfte der Homo erectus heidelbergensis, der Vorfahr des Homo sapiens, sich in Linien aufgespaltet haben, die einerseits zum Neandertaler und andererseits zum modernen Menschen führten. Die DNA-Analyse gibt keine Hinweise darauf, dass sich diese beiden Linien genetisch vermischten, obwohl sie im Nahen Osten etwa 50 000 Jahre und in Europa rund 10 000 Jahre lang gemeinsam existiert haben. So lassen französische Funde von Werkzeugen und Schmuckgegenständen darauf schließen, dass zwischen beiden Gruppen vor 34 000 Jahren ein kultureller Austausch stattfand. Mit dieser Untersuchung wird die Annahme bestätigt, dass der Neandertaler nicht zu den Vorfahren des modernen Menschen gehört: er ist eher ein Vetter des Menschen.
Andererseits sollen Neandertaler sich möglicherweise bereits genauso lautreich verständigt haben wie Menschen. Diese These vertreten die US-Anthropologen Richard Kay und Matt Cartmill, die den Umfang des Nervus hypoglossus untersucht haben. Der Nerv kontrolliert die Zungenmuskulatur. Die Tierzunge hat die Aufgabe, Nahrung in der Mundhöhle für das Kauen zurechtzulegen. Beim Menschen kann die Zunge darüber hinaus Laute der Sprache modulieren. Dafür wird die Zunge vom menschlichen Gehirn aus gesteuert. Menschen haben einen etwa doppelt so großen Nervus hypoglossus wie Affen, und die Vergrößerung des Nervs ging wahrscheinlich in der Evolution des Menschen mit der Entwicklung der Sprache einher.
Es wurde an Vorfahren der Menschen der knochige Kanal untersucht, in dem der Nerv verläuft. Beim Australopithecus, der vor zwei Millionen Jahren lebte, wurde einen solcher, aber recht kleiner Kanal festgestellt. An Neandertaler-Schädeln fanden die Forscher jedoch einen hypoglossalen Kanal, der den gleichen Umfang aufweist, wie beim Menschen der Gegenwart. Auch bei anderen Verwandten des Menschen, die zeitgleich mit dem Neandertaler gelebt haben, ließ sich ebenfalls ein vergrößerter Nervenkanal nachweisen. Der Mensch könnte also bereits vor 300 000 Jahren über eine Lautsprache verfügt haben. Andere, ältere Theorien gehen davon aus, dass der Mensch erst vor etwa 40 000 Jahren zu sprechen begann, zu einer Zeit, aus der die ersten menschlichen Artefakte stammen.