Das Wesen mit den langen Haaren



»Sind Sie Friseur oder Gärtner?
Ihr Aussehen darf Ihnen nicht egal sein,
wenn Hecken wuchern, so ist das
eine Sache für den Gärtner, dessen
Schere ist für solch elementares
Gebüschbollwerk wie eine Rosenhecke
es darstellen könnte geeignet.
Nicht so jedoch für den Kopf eines Menschen.
Da – müßte normalerweise der Friseur der
Sie nicht mit Blut bemalt hin, der also
seine ‘Schere’ zu handhaben versteht!«
Malen, war normalerweise die Berufung des
‘Herrn Streicher’ - der gerade ein Porträt,
zu malen versuchte.
Ein Porträt von einem Jungen, der unglaublich
lang gewachsenes Haar zur Schau tragen
konnte, weil er es seit Jahren nicht hatte
schneiden lassen.
Wenngleich sie wegen des regelmäßigen
Besuchs bei einem Stammfriseur beständig
geschnitten und auch ansonsten gepflegt
waren: »Ich bin«, sagte er nun gutgelaunt,
»lieber Herr Streicher, weder Friseur noch
Gärtner, das wissen Sie genau, meine
Berufsbezeichnung lautet schlicht: ‘Coiffeur’ (!).
Daß ich eine heimliche Liebe, still und
bescheiden für die deutschsprachige Schweiz
empfinde, läßt mich auch für einen
hauchfeinen, ganz ganz kleinen Unterschied
plädieren, den es zwischen einem Friseur und
einem Coiffeur bei mir gibt.
Ich bin ein kleinwenig anders.
Das Styling des Haares ist bei mir auf der
Grundlage von Zutaten die in der
»Schweizer Küche« Furore machen basierend.
Ich kann das eben sehr gut, und habe wirklich
nur zufriedene Kunden, die außerdem gern
mehr als das doppelte zahlen das ansonsten
ein normaler Friseur sowieso schon nimmt.
Also lassen Sie ruhig ihr Neidspiel, das mich
wohlmeinend anmachen soll.
Ich bin gut.
Nicht wirklich eitel!«

Der nun folgende Pinselstrich des Meisters
für den Meister hatte Charakter und Format
par excellence ...

Bernhard Malinkewitz – Der Rote

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