Der Rückenvorfall
"Unter
Vorbehalt – Herr Dr., nur unter
Vorbehalt kann ich Ihnen sagen,
daß
ich den Unfall selbst verschuldet hatte.
Mir war niemals
vorher so etwas
Unangenehmes begegnet, wie das,
das schließlch
– zu meinem
Verhalten führte, das den Unfall
als solchen
erst ermöglichte. Die
Arbeit die wir zu verrichten hatten
ging
schleppend nur, wie nie, voran.
Die Stimmung war seltsam
mürrisch,
die Ausländer die wir bei
uns hatten waren verängstigt und
ich wurde ganz langsam wütend.
Schließlich hielt ich es
nicht mehr
aus in der mir aufgezwungen
Wartestellung. Wie ein Panther
sprang ich in die Rutsche, die wir
am Gummiband, das die gesamte
Kohleförderung des Flözes zu
bewältigen hatte, zu
befestigen
hatten. Diese Rutsche war so
etwas wie der
Ausgieß-Schnabel,
sie ermöglichte das präzise
einfahren
des Schüttguts 'Kohle' in die etwa
3 Meter tiefer
unten auf Schienen
stehenden Loren. In der Rutsche
angekommen griff
ich sofort zum
Schraubenschlüssel und setzte ihn
auch umgehend
an die erste der
Schrauben die zu fest, zu ziehen
waren an. Diese
Rutsche befand
sich noch in einem etwas
indifferenten Zustand, wenn
man
sie wie es bei kleinerem Spielzeug
häufig der Fall ist in
die Hand
nehmen hätte können, dann wäre
die
Scharnierfunktion der Langlöcher
die links und rechts vom Band
für
die jeweiligen Befestigungslaschen
die ihnen zugehörigen
Schrauben
aufzunehmen hatten mit welchen
die Rutsche dann nach dem
Festziehen der Muttern festen
Halt bekommen hätte sichtbar
genug
– um mich plastisch auch
wirklich, verstehen zu können.
Nun, im Moment meines Einstiegs
in die Rutsche waren die Schrauben
allerdings noch nicht festgezogen,
die Rutsche selbst hierdurch also
labil. Einer der Fremdarbeiter
hatte wohl gedacht, daß ich
etwas
mehr Sicherheit verdiente, zumal
ich die gnadenlos
irritierende
Stimmung aufzuhellen begann,
ergo nahm er den Hammer und
klopfte ganz vorsichtig, den
Holzpfahl – der am unteren Ende
der Rutsche, nämliche, in ihrer
momentan spezifischen Schräge,
zu halten hatte, etwas nach links,
er wollte diesen Pfahl aufrichten,
ihn also in eine gerade Stellung
bringen, so schief wie er nämlich
just im Moment da stand, war
die Gefahr, daß er wegrutschen
könnte enorm hoch gegeben.
Er klopfte den Pfahl jedoch weg.
Drei
Meter Höhenunterschied mußte
ich nun blitzartig
überwinden, die
Rutsche in der ich noch verzweifelt
versucht
hatte mich an jenem
Schraubenschlüssel festzuhalten
klappte durch die
noch vorhanden
Scharnierfunktion nach unten und
gab mich dem Rutschen
preis.
Es wurde allerdings mehr ein Flug.
Ich
segelte durch die Grubenluft und
landete mit dem Rücken auf der
Schiene unten, zwischen den Loren.
Wie
einen Boxer trugen sie mich
hinaus. Jene zwei Männer die
vom
Steiger den Auftrag bekommen
hatten sich um mich, möglicherweise
tatsächlich Schwerverletzten – zu
kümmern. Der eine
der Männer,
der das sagen übernommen hatte,
war
zufälligerweise wahrhaftig
ein richtiger "großer"
des Boxsports.
Der Mann war über die
Mittelrheinmeisterschaft
hinaus
ein begnadetes Genie. Er war was
das Verständnis für
den Umgang
mit Verletzten anbetrifft
wahrscheinlich weniger begandet.
Nahm mich auf seine linke
Schulter während sein Kumpel
mich auf
der rechten Schulter trug.
So bin ich dann per Zufall in den
Genuß
der Empfindung wie ein
Boxer – getragen worden zu sein
gekommen.
Der
Weg zum Schacht und damit
nach Übertage zum Arzt war lang.
Sie
trugen mich tapfer ohne
abzulassen, über die gesamte Strecke.
Ich
sehe vor meinem geistigen
Auge immer noch durch die offene
Türe
des Sanitätsraumes in dem
ich nun auf einer Trage am Boden
lag
den Arzt quer über die
verkehrsreiche Straße hetzen, sehe
ihn eintreten und bemerke sein
Fühlen noch und höre seine
Stimme, als sie sagte, "ab ins
Krankenhaus, Verdacht, auf
Wirbelsäulenfraktur!"
(Bernhard Malinkewitz)