Bernhard Malinkewitz

las als Kind vom 'standhaften Zinnsoldaten' und war hellauf begeistert, heute, mit 61 Lebensjahren - ist er es immer noch:

 

 

 

Andersen,

 

  Hans Christian, dänischer Schriftsteller, * Odense 2. 4. 1805,  Kopenhagen 4. 8. 1875; errang Weltruhm durch seine Märchen, v. a. »Des Kaisers neue Kleider«, »Die Prinzessin auf der Erbse«, »Das häßliche Entlein«, »Der standhafte Zinnsoldat«, »Die kleine Seejungfrau«, die in scheinbar naivem, impressionistischem Stil Humor und Resignation verbinden; ferner Romane, Reiseberichte.

 

Märchen (Werkbeschreibung)

 

 von Hans Christian Andersen

 

 Originaltitel Eventyr, fortalte for børn, Originalausgabe 1835-48 (238 S.), Deutschsprachige Erstausgabe 1835-48, Form Märchen, Epoche Romantik

 

 Den Stoff für seine 168 Märchen, die in mehr als 80 Sprachen übersetzt sind, entnahm Andersen dänischen, deutschen und griechischen Quellen, Volkssagen und Legenden. Dabei veränderte er zum einen traditionelle Märchenmotive und kombinierte sie neu (z. B. Das Feuerzeug, Der Schweinehirt, Die roten Schuhe), schuf zum anderen aber auch neue, originale Märchen (u. a. Die Schneekönigin, Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern oder Das hässliche Entlein). Die seiner sensibel-romantischen Fantasie entstammenden Märchen verlassen nie gänzlich den Raum der Wirklichkeit. Die zuerst für Kinder geschriebenen Märchen erschließen sich mit ihrem oftmals hintergründigen, ironisch-humorvollen Sinn jedoch erst den Erwachsenen.

 

 Andersen entwickelte das romantische Kunstmärchen in der Nachfolge E. T. A. Hoffmanns weiter, wobei ihm eine entscheidende Neuerung auf sprachlicher Ebene gelang: Er wollte, dass der Leser »im Stil den Erzähler höre«. So unterscheiden sich seine Märchen stark von den traditionellen »geschriebenen« Märchen der Brüder Grimm und der Romantiker.

 

 Inhalt/Aufbau: Andersens umfassendster Versuch, seine Weltanschauung in einem Märchen zu manifestieren, ist Die Schneekönigin. Darin fertigt der Teufel einen Spiegel an, der nur das Lächerliche und Mangelhafte zeigt, das Schöne und Gute aber verkleinert oder gar nicht wiedergibt. In diesem Märchen vereint Andersen verschiedenste Motivkreise miteinander, neben die Allegorie treten die Personifizierungen abstrakten Denkens in der Gestalt der Schneekönigin, die reizvolle Parodie auf die beliebte Räuberromantik und poetische Genrebilder sowie etliche Märchenmotive wie hilfreiche Tiere, Verzauberung, gute und böse Hexen etc.

 

 Neben den Märchen mit philosophischem Hintergrund schuf Andersen auch so genannte Dingmärchen, eine Schöpfung Andersens, bei der eine Verlebendigung der Gegenstände auftritt. Hierzu zählt z. B. der Standhafte Zinnsoldat, das erste Märchen dieser Gruppe, in dem sich Motive wie der romantische Liebestod, das Polykrates- und Jonas-Motiv in der »heroischen« Gestalt eines Zinnsoldaten vereinen. Ein späteres Dingmärchen wie etwa Die Stopfnadel überzeugt vor allem durch die treffsichere Darstellung von Charakterzügen, die sich an spezifische Eigenschaften des jeweiligen Gegenstands knüpfen. Härte, Kleinheit und Glanz der Stopfnadel bezeichnen in liebenswürdig-ironischer Weise das Wesen eines Fräuleins, das trotz aller Schicksalsschläge unbeugsam bleibt (Härte), das sich selbst mehr schätzt als ihre Umgebung (Glanz). Auch biografische Elemente finden sich in den Märchen, so in Das Liebespaar, das sich auf ein Wiedersehen mit Riborg Voigt bezieht, der Andersen Zwei braune Augen, eines seiner berühmtesten Gedichte, widmete. Didaktische und philosophische Züge sind vor allem in den späteren Märchen zu finden, die nicht mehr den Zusatz »für Kinder« tragen.

 

 In seinen Historier, die 1858-66 unter dem Titel Neue Märchen und Geschichten erschienen, wird Reales und Irreales verbunden, liegt das Märchenland nicht im unkontrollierten Bereich der Fantasie, sondern trägt sich das Wunderbare rings um uns zu. Auf die Wahrnehmung kommt es an, es bedarf der Augen eines Dichters oder eines Kindes, um dieses Märchenland zu erkennen.

 

 Andersen verwandelt in seiner späteren Schaffensperiode historische Sagen in Märchen (Der Bischof auf Børglum und sein Verwandter), erzählt von alltäglichen Schicksalen (Sie taugte nicht), berichtet von neuen technischen Erfindungen (Die große Seeschlange) - und vermag trotz dieser realistischen Details durch die Akzentsetzung und Interpretation der Handlung einen märchenhaften Charakter zu erzeugen. Während seine frühen Märchen eher einfach strukturiert sind, zeigt sich in seinen späteren oft eine eher gefühlsbetonte Prosa (Der Wind erzählt von Waldemar Daae und seinen Töchtern).

 

 Wirkung: Andersens Märchen, die sich durch einen reichen Motivschatz, subtilen Humor, Selbstironie und Vielschichtigkeit auszeichnen, gehören heute zum unvergänglichen Schatz der Weltliteraturr und haben nicht an Popularität eingbüßt. Alle zwei Jahre wird der nach dem Autor benannte Kinder- und Jugendliteraturpreis einem Autor für sein Gesamtwerk verliehen.

 

(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007