Märchen von Bernhard Malinkewitz

Der Junge mit den Feldstecherhänden

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein kleiner Junge, dieser kleine Mensch war so sehr ängstlich,
daß ihm jedesmal wenn wer von den Jungen die in seiner Nachbarschaft
wohnten die Hände zu Feldstechern formte um sie vor die Augen zu halten,
das ganz große Zittern überkam.

Die Zeit wollte es, daß er sich einmal umdrehte, als er auf seinem täglichen
Heimweg von der Schule, auf dem er sich ansonsten niemals umzudrehen
pflegte, in einer Situation befand - die ihm so vorkam, als zwitscherten
Vögel in der Hecke hinter ihm. Vorsichtig, ganz ganz vorsichtig, bewegte
er sich auf die Hecke zu. Dann, urplötzlich, sah er in der Hecke ein
Vogelnest. Er sah voller Staunen, daß in dem Nest drei junge Vögelchen
ihr allerliebst anzuhörendes Liedchen zwitscherten. Ganz mild war ihm mit
einem Male um sein immerzu liebes Herzchen, ganz ganz mild, ängstlich,
trat noch ein ganz kleines Stückchen näher an den Zaun mit dem Nest heran.
Dann beugte er den Kopf ein wenig nach vorne und bekam den Blick frei,
auf das Innere des Nestchens, was er nun sah, erschreckte ihn so sehr,
daß er sich ruckartig aufrichtete und auf den Weg vor der Hecke zurück
sprang. Er atmete hastig, war sehr aufgeregt, hatte Sorgen und Not, mußte
das Empfinden das aus ihnen resultierte bekämpfen. Da sah er mit einem-mal
auf dem Schulweg in einer Entfernung von vielleicht 100 Metern einen der
Jungen die ihn sehr oft hänseln mochten, auf sich zu kommen. Furchtsam wie
er nun einmal war, versteckte er sich hinter einem Busch, der der Hecke
mit dem Vogelnest gegenüber, auf der anderen Seite des Schulweges also,
gelegen war.
Der Junge, den er furchtsam erwartete, war beinahe auf gleicher Höhe mit
dem Busch, hinter dem er versteckt und zitternd stand, als er auch schon
in den Busch hineinrief: "Komme nur hervor, du Zitterhänschen, ich habe
dich doch vorhin gesehen, habe beobachten können, daß du in der Hecke
warst und plötzlich - merkwürdig hastig wie mir schien, in den Busch
gesprungen bist, also - komme heraus, ich tue dir nichts!" - "Nein", rief
der Zitternde, "ich bleibe hier - du tust mir doch etwas!" - "So", fragte
der Gegenüber, was denn?" - "Du rollst deine Hände zusammen, hälst sie
dir vor den Augen und siehst mich dadurch in einem ganz anderen Licht!"
"Ach was, fürchte dich nicht, das ist doch nur Spaß!" - "Na schön, ich will
es für dieses Mal ja glauben, na gut - dann komme ich jetzt!" Als er aus
dem Gebüsch heraus war, sah er, daß der Junge mit den 'Feldstecherhänden'
an 'seinem' Vogelnestchen stand und mit der Hand in das Nestchen hineingriff:
"Halt!" Rief er aufgebracht, "halt ein, was tust du denn?" - "Ich hole doch nur
den toten Vogel aus dem Nest!" Sagte er und drehte sich um, den toten Vogel
in der Hand.

Bernhard Malinkewitz