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Denn sie wissen nicht, was sie tun
Originaltitel: Rebel Without a Cause
USA 1955
Regie: Nicholas Ray
Buch: Stewart Stern, Irving Shulman, Nicholas Ray (Story)
Kamera: Ernest Haller
Musik: Leonard Rosenman
Produktion: David Weisbart / Warner Bros.
Darsteller: James Dean (Jim Stark), Natalie Wood (Judy), Sal Mineo (John »Plato« Crawford), Jim Backus (Frank Stark), Ann Doran (Carol Stark), Corey Allen (Buzz Gunderson), Dennis Hopper (Goon), Frank Mazzola (Crunch), Marietta Canty (Hausmädchen der Crawfords) u. a.
Laufzeit: 111 Minuten
Handlung
Osternacht in einem wohlhabenden Stadtteil von Los Angeles: Drei Teenager werden (unabhängig voneinander) in ein Polizeirevier eingeliefert: Jim Stark wurde betrunken aufgegriffen; Judy, weil sie nach Mitternacht aufgetakelt allein auf der Straße unterwegs war; John (Spitzname »Plato«), weil er einen Wurf Welpen erschossen hat. Der für Jugendkriminalität zuständige Beamte versucht ihre Probleme zu verstehen: Alle drei haben ein gestörtes Verhältnis zu ihren Eltern. Judy wird von ihrer Mutter abgeholt, Jim von seinen Eltern, Plato vom schwarzen Hausmädchen seiner Familie.
Am nächsten Tag geht Jim, der neu in der Stadt ist, zum ersten Mal in die örtliche Highschool. Unterwegs trifft er das Mädchen aus der Nachbarschaft - Judy. Sie aber lässt ihn stehen und steigt zu ihren Freunden, einer von Buzz angeführten Jugendgang, ins Auto.
Nachmittags findet ein Schulausflug ins Griffith Observatorium in den Hügeln über Los Angeles statt. Im Planetarium hören die Schüler einen Vortrag über den unvermeidlichen »Tod« des Sonnensystems und der Erde. Anschließend kommt es vor dem Observatorium zu einem Messerkampf zwischen Jim und Buzz. Plato will Jim verteidigen, der jedoch ohne dessen Hilfe gewinnt.
Am Abend treffen sich die Teenager zu einem noch gefährlicheren Wettstreit: Buzz und Jim sollen jeder in einem (gestohlenen) Auto auf einen Abgrund zurasen. Wer als Erster aus dem Wagen springt, ist ein Feigling und verliert. Vor dieser »Mutprobe« freunden sich Buzz und Jim an, sagen das lebensgefährliche Ritual aber nicht ab. Als Buzz dabei aufgrund eines Missgeschicks ums Leben kommt, fliehen die Teenager. Jim bringt Judy und Plato nach Hause.
Bei Jim kommt es zu einer heftigen Konfrontation mit seiner dominanten Mutter und seinem hilflosen Vater. Jim stürmt aus dem Haus. Er trifft auf Judy, die beiden kommen sich näher. In einer verfallenen Villa nahe dem Observatorium treffen sie mit Plato zusammen. Spielerisch nehmen sie die innerhalb einer Familie bestehenden Rollen an. Während Plato einschläft, gestehen sich Jim und Judy ihre Liebe.
Doch Mitglieder von Buzz' Gang brechen in die Villa ein und jagen Plato durch das Haus. Er schießt einen von ihnen an. Die Schüsse alarmieren die Polizei. Plato flieht zum Observatorium und verschanzt sich dort. Jim beruhigt ihn und lässt sich die Kugeln aus Platos Revolver geben. Dieser will sich ergeben, doch das Polizeiaufgebot verleitet ihn zu einer Panikreaktion. Er läuft los und wird wegen des (ungeladenen) Revolvers in seiner Hand erschossen.
Ein verzweifelter Jim kauert über Platos totem Körper. Jims Vater tritt hinzu, tröstet ihn und verspricht, in Zukunft mehr Stärke zu zeigen. Jim verlässt mit seinen Eltern und Judy die Szene. In der hereinbrechenden Dämmerung bleibt als letzte Trauernde das schwarze Hausmädchen bei Plato.
Vorlage
Seinen (Original-)Titel verdankt »Rebel Without a Cause« dem gleichnamigen Sachbuch von Dr. Robert Lindner. An dem 1944 erschienenen Buch, das die psychoanalytischen Sitzungen mit einem unter Hypnose stehenden kriminellen Psychopathen schildert, hatte das Warner Bros. Studio die Filmrechte erworben, doch waren mehrere Versuche einer Leinwandadaption gescheitert.
Als der Regisseur Nicholas Ray einen Film über Jugendkriminalität drehen wollte, schlug ihm das Studio Lindners Bestseller vor. Ray hatte daran kein Interesse, war aber später bereit, den Titel für sein inhaltlich völlig eigenständiges Projekt zu übernehmen. (Der eher unpassende, moralisierende deutsche Verleihtitel ist ein Bibelzitat aus Lukas 23, 34: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.«)
Anfang der 1950er-Jahre machte das Problem der Jugendkriminalität überall in den USA Schlagzeilen. Auch Nicholas Ray hatte sich bereits mit »Vor verschlossenen Türen« (Originaltitel: »Knock on Any Door«, USA 1949) des Themas angenommen. Nachdem er Luis Buñuels Meisterwerk »Die Vergessenen« (Originaltitel: »Los Olvidados«, Mexiko 1950) gesehen hatte, war er jedoch mit dem damaligen Ansatz unzufrieden: Wie in den meisten vergleichbaren Filmen üblich, hatte auch er das Phänomen als ein sozioökonomisches Problem dargestellt. Nun wollte Ray erkunden, warum zunehmend auch Kinder aus wohlhabenden Mittelschichtfamilien gegen Gesetze und Normen verstießen.
Gleich nachdem das Studio sein Interesse an dem Projekt bekundet hatte, schrieb Ray im September 1954 ein 17-seitiges Treatment mit dem Titel »The Blind Run«, das zentrale Elemente des späteren Films enthielt, aber noch kaum eine narrative Struktur erkennen ließ. Ray stellte nun umfangreiche Recherchen bei Psychologen, Polizei, Sozialarbeitern und Gerichten an. Nachdem aber in der Folgezeit zwei Autoren (Leon Uris und Irving Shulman) kein zufrieden stellendes Skript zustande brachten, lief das Projekt im Januar 1955 Gefahr, vom Studio eingestellt zu werden.
Die Rettung kam in Gestalt des 32-jährigen Stewart Stern, der zufällig zur Produktion stieß und erst ein einziges Filmdrehbuch verfasst hatte. Ihm blieben bis Drehbeginn nur knapp zwölf Wochen, um sein Skript von Grund auf neu zu schreiben. Als Vorbild für Jim Starks Eltern wählte er dabei bewusst seine eigenen.
Produktionsgeschichte
Die zweifellos wichtigste Entscheidung Nicholas Rays war die Verpflichtung von James Dean. Dieser war zu diesem Zeitpunkt einem größeren Publikum allenfalls als Fernseh- und Theaterschauspieler bekannt. Künstlerischer Mentor von Nicholas Ray war jedoch Elia Kazan, der Regisseur von Deans Debüt als Kinostar im Film »Jenseits von Eden« (Originaltitel: »East of Eden«, USA 1955), der erst im März 1955 Premiere haben sollte. Kazan zeigte Ray einen Rohschnitt des Werks und machte ihn mit Dean bekannt - der allerdings lange zögerte, bevor er die Rolle des Jim Stark annahm.
Natalie Wood hingegen hatte zunächst Schwierigkeiten, den Regisseur von ihrer Eignung als Judy zu überzeugen. Die Sechzehnjährige war als Kinderstar bekannt und wollte unbedingt von diesem Image loskommen. (Ray begann mit ihr noch vor Drehbeginn eine Affäre, was zu Spannungen führte, als sie später auch mit Kostar Dennis Hopper ein Verhältnis begann.)
Den Darsteller des Plato entdeckte Ray erst kurz vor Drehbeginn, als sich der fünfzehnjährige Sal Mineo um einen unbedeutenden Part als Gangmitglied bewarb. Einer der wichtigsten Berater des Films wurde Frank Mazzola, der die Rolle des »Crunch« übernahm. Er war Mitglied der realen Jugendbande »The Athenians« und sorgte dafür, dass Ausdrucksweise und Verhalten der Jugendlichen möglichst authentisch dargestellt wurden.
Die Dreharbeiten standen unter Zeitdruck, da man James Dean bereits für das Großprojekt »Giganten« (Originaltitel: »Giants«, USA 1956, Regie: George Stevens) verpflichtet hatte. Dessen Drehstart war für den 23. Mai geplant.
Rays Film geriet schnell in Rückstand gegenüber dem Drehplan: Am 25. März 1955 hatten die Aufnahmen beim Griffith Observatorium begonnen - in Schwarz-Weiß, wie es der ursprünglichen Planung entsprach. Aus nicht mehr eindeutig nachvollziehbaren Gründen wurde Anfang April vom Studio der Wechsel zum Farbfilm angeordnet. Alle bereits abgedrehten Szenen mussten wiederholt werden. Es gelang Ray jedoch, das neu hinzugekommene Element Farbe schnell in sein künstlerisches Konzept zu integrieren. Ähnlich wie das Breitwandformat nutzte er das Farbmaterial wegweisend zur Verstärkung der symbolischen und psychologischen Ebenen des Films.
Trotz des Zeitdrucks gab Ray seinen Darstellern viel Raum zum Experimentieren und ließ vor allem James Dean jede erdenkliche Freiheit. Die Eröffnungsszene des Films, die den betrunkenen Jim Stark mit einem Spielzeugaffen zeigt und alle zentralen Themen des Films andeutet, war eine brillante, über viele Takes hinweg entwickelte Improvisation Deans. Unter zusätzlichem Zeitdruck standen schließlich die Aufnahmen in der verlassenen Villa - berühmt aus Billy Wilders »Sunset Boulevard« (USA 1950). Weil das Gebäude abgerissen werden sollte, stand es dem Filmteam nur sechs Tage zur Verfügung.
Wegen der zunehmenden Überschreitung des Zeitplans musste schließlich an manchen Tagen fast 24 Stunden ununterbrochen gedreht und ein enormes Szenenpensum an den verschiedensten Orten bewältigt werden. Die letzte große Verzögerung ergab sich, weil Ray zunächst auf einem Ende bestand, bei dem Plato auf die Kuppel des Observatoriums klettern sollte. Erst als die Szene in Teilen gedreht war, musste er eingestehen, dass sie undurchführbar war. Am 24. Mai wurde das neue, endgültige Finale nachgedreht.
Die Person, die man am Ende ins Observatorium gehen sieht, ist Nicholas Ray selbst, der auf diese Art seinen Film signierte. Am 27. Mai, um 2:45 Uhr morgens, fiel endlich - elf Tage über Plan - die letzte Klappe für den schließlich 1,5 Millionen Dollar teuren Film.
Bedeutung und filmhistorische Einordnung
Rays Film ist für die Entstehung einer selbstständigen Jugendkultur nach dem Zweiten Weltkrieg eines der ersten - und noch immer wichtigsten - Ab- und Vorbilder zugleich.
Das Phänomen des »Teenagers«, der während der Adoleszenz versucht, durch Mode, Musik, Sprache und Verhalten eine eigene Identität in Opposition zu den Eltern zu kreieren, ist ein Produkt der abendländischen Nachkriegsgesellschaft. Der Begriff war erst Anfang der 40er-Jahre geprägt worden.
Hinter der publizistisch geschürten Erregung über die angeblich zunehmende Jugendkriminalität steckten Unverständnis und Angst vor der Fremdheit der heranwachsenden Generation. Auch Hollywood hatte sich des Themas schon mehrfach angenommen. Nicholas Rays Film aber war der erste, der konsequent aus dem Blickwinkel der Teenager selbst erzählt wurde. Dies unterschied ihn beispielsweise von dem kurz zuvor angelaufenen Film »Die Saat der Gewalt« (Originaltitel: »Blackboard Jungle«, USA 1955, Regie: Richard Brooks), der dafür aber mit seinem Rock-'n'-Roll-Soundtrack ein Element aufweist, das bei Ray erstaunlicherweise fehlt.
Zugleich war »Denn sie wissen nicht, was sie tun« einer der ersten Filme nicht über Teenager, sondern für sie. Sein internationaler kommerzieller Erfolg führte nicht zuletzt dazu, dass die Jugend mit ihrer sich neu formulierenden Kultur als bedeutendes Marktsegment entdeckt wurde. Spätestens mit dem Kult um James Dean beginnt auch die zielstrebige Vereinnahmung der Rebellion durch die Unterhaltungs- und Modeindustrie.
Da das Aufbegehren der Jugendlichen gegen ihre Eltern auch ein Aufbegehren gegen die Gesellschaft war, ist Rays Film zugleich ein wichtiges Zeitporträt. Nach außen hin war die Eisenhower-Ära geprägt durch Wohlstand, Optimismus, feste Normen und Werte. In der unerwarteten Rebellion der Jugend kamen all die unterschwelligen Spannungen zum Ausdruck, die in der Kultur der Erwachsenen überwiegend verdrängt wurden.
Am deutlichsten ist in Rays Film die Infragestellung der tradierten Geschlechterrollen und insbesondere des Männerbilds. Der Film zeigt die strikt patriarchalische Ordnung im Zerfallen - und bietet für diesen Prozess freudianische Erklärungsmuster auf. Überhaupt genoss die Psychoanalyse im Hollywood der 40er- und 50er-Jahre höchste Anerkennung. Zahlreiche Filmschaffende (darunter auch Ray, Dean und Stewart Stern) suchten regelmäßig Therapeuten auf, und es entstand eine Reihe von Filmen, die mit stark verkürzten psychoanalytischen Theorien unterfüttert waren. So werden in »Denn sie wissen nicht, was sie tun« als Grund für Jims Verhalten der schwache, fast verweiblichte Vater (der in einer Szene mit Küchenschürze auftritt) und eine kalte, dominante Mutter vorgeführt.
Andererseits aber plädiert der Film nicht einfach für eine Wiederherstellung der alten Geschlechterordnung und -rollen: In Jim Stark und noch extremer in Plato bietet er Vorbilder für einen neuen Typus von Mann, der offener seine emotionale, »weibliche« Seite auslebt.
Seine Zeitlosigkeit aber verdankt der Film dem Umstand, dass er bei solchen Erklärungen so wenig stehen bleibt wie bei sozioökonomischen. Der Film hat eine quasi existenzielle Ebene, die in den Planetariumsszenen explizit wird: Der Zustand des Teenagerseins, die Suche nach einem Platz in der Welt und einer Sinnhaftigkeit des eigenen Daseins, dient auch als Bild für eine fundamentale Einsamkeit und Verirrtheit des Menschen in einem leeren, auf den Tod zusteuernden Kosmos.
Rezeption
Am 30. September 1955 verunglückte James Dean bei einem Autounfall mit seinem Porsche Spyder tödlich. Zunächst war das Studio unsicher, wie es nun verfahren sollte. »Niemand wird kommen, um eine Leiche anzusehen«, fürchtete Studiochef Jack Warner. Schließlich hielt man aber am geplanten Kinostart fest.
Der Film feierte seine Premiere am 26. Oktober in New York. Die Kritiken waren überwiegend positiv, aber keineswegs euphorisch. Doch die Einnahmen übertrafen gleich in der ersten Woche die von »Jenseits von Eden«. Mit 4,5 Millionen Dollar Einspielergebnis stand der Film 1956 an elfter Stelle.
Bald darauf entstand ein Kult um James Dean - ganz überwiegend initiiert durch Rays Film. Keine der beiden anderen Hauptrollen Deans waren derart prägend für das Image des Stars, der nicht nur für die Jugendlichen der 50er-Jahre zum Idol wurde. Zu den Künstlern, die ihn sich ausdrücklich zum Vorbild nahmen, gehörte nicht zuletzt auch Elvis Presley.
Der Film genoss Kultstatus auch in der Homosexuellenszene, die (den angeblich bisexuellen) James Dean ohnehin verehrte. Hinzu kam, dass viele in dem von Sal Mineo gespielten Plato die erste (sympathische) Darstellung eines homosexuellen Jungen im Hollywoodkino sahen.
In Europa, wo die Jugendgewalt ebenfalls als akutes Problem empfunden wurde, nahm man den Film kontroverser auf, bemühte oft die Zensur. In England wurde er erst 1976 ungekürzt freigegeben.
»Denn sie wissen nicht, was sie tun« zog international zahlreiche Imitate wie »Die Halbstarken« (Deutschland 1956, Regie: Georg Tressler) nach sich. Er blieb aber auch später ein unverwechselbares Vorbild für viele Filme, die Wegbereiter jugendlicher Kinorevolten wurden - von Außer Atem über Easy Rider bis zu »Days of Being Wild« (Originaltitel: »A Fei jing juen«, Hongkong 1991, Regie: Wong Kar-wai).
Thomas Willmann |
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